Kykladen Felsen im Meer

Andros und Santorin - der nördliche und südliche Vorposten der Kykladen - ragen wie kleine, wundersame Gebirge aus dem Blauen der griechischen Ägäis.

Mit dreimaligem Nebelhornhupen umrundet der Dampfer den senkrecht ins gischtende Meer abstürzenden Felsvorsprung, passiert erst das Leuchttürmchen, das vom Kap-Felsen aufragt, dann die etwas darunter liegende weiße Kuppel einer kleinen Kapelle. Fast übergangslos wird aus dem von Herbstwinden aufgewühlten Meer eine makellos tintenblaue Wasserfläche, jetzt nur noch von leichter Dünung gekräuselt. Vor uns liegt eine schmale, tief in die Insel geschnittene Bucht. Am Ende dieses perfekten Naturhafens wacht der kleine Ort Gavrio aus seinem Dornröschenschlaf auf - wie immer, wenn ein Schiff hier, auf Andros, der nördlichsten Kykladeninsel im ägäischen Meer, anlegt. Im ersten Zeitungsladen an der kleinen Hafenpromenade kaufen wir die Standardkarte für Inselspringer von »Toubi«. Beim Maßstab 1:65.000 gehen nicht nur uns, sondern wohl allen Endurofahrern die Augen über angesichts der Vielzahl sich durch die gebirgige Insel schlängelnder Schotterstraßen. Sofort verlassen wir Gavrio in Richtung Süden.Vorbei an einladenden Sandstränden erreichen wir schon nach wenigen Kilometern Batsi in seiner halbkreisförmigen Bucht. Das ehemalige Fischerdorf hat sich als einzige der vier größeren Ortschaften auf Andros vollständig dem Fremdenverkehr verschrieben, wird überwiegend von Urlaubern aus Großbritannien besucht. Aber jetzt, wenige Tage nach Ende der Hochsaison, ist nicht mehr viel los.In Andros Chora, dem spektakulär auf einer hohen und schmalen Felszunge in das Meer hinausgebauten Hauptort der Insel, tobt hingegen das Leben. Auf der marmorgepflasterten Hauptstraße promenieren Menschenmassen zwischen hohen, oft palastartigen Häusern. In und vor den Kafenions, den zahlreichen Läden und Ständen pflegen man die Konversation, grüßt die Vorbeikommenden, man wird gegrüßt - und kaum jenmand nimmt Notiz von den wenigen Touristen, die jetzt noch durch Chora schlendern. So klein und kompakt der Ort auch ist, so erhaben demonstriert er den Wohlstand seiner Bewohner. Mehrstöckige Villen, die wir eher in einem Vorort Athens vermutet hätten, ersetzen die typisch kykladischen, blauweißen Würfelhausstädtchen und tatsächlich, viele dieser Prachtbauten sind Feriendomizile von bekannten Schiffsreedern und verleihen Andros Chora in Verbindung mit seiner exponierten Klipppenlage ein einmaliges Flair. Wir entscheiden uns spontan zum Bleiben und finden auch sofort ein uriges, preiswertes Zimmer in der Sandbucht, die nördlich von Andros Chora liegt.Gleich darauf verschwinden wir in einer kleinen Taverne, die einer langen Mamortreppe liegt, die hinunter zum Sandstrand führt. Es gibt Kalamares in Minzsoße. Von unserem Logenplatz aus starren wir ins Blaue. Lange, immer länger. Die blaue Weite der Ägäis hat uns eingefangen. Beruhigt, glitzert unter der Sonne, verheißt. Ein guter Anfang für einen Inselurlaub. Wir spazieren über die Hauptstraße des Ortes, die abrupt hinter dem Stadttor auf einer Plattform über dem Meer endet. Hier steht der »unbekannte Seemann«, eine fast fünf Meter hohe Bronzestatue, die mit wachendem Blick über die See schaut. Auf Händen und Füßen klettern wir über einen steilen Bogen aus flachen Steinen, dem Rest einer Brücke aus dem 13. Jahrhundert, die über einen schmalen Kanal auf ein vorgelagertes Inselchen führt. Hier stand einst eine venezianische Festung, doch die noch in der Ausgrabung befindlichen Gemäuer sind nicht sehr spektakulär. Wir kraxeln weiter bis auf die Überreste eines Gewölbes. Unter uns die tosende Brandung, vor uns in der See ein Leuchtturm, der auf einem pilzförmig verwitterten Felsblock steht; die einstige Zugangstreppe längst ein Opfer der Wellen. Wir sitzen auf den Ruinen, spüren den salzigen Geschmack des Meeres auf den Lippen, lauschen lange dem lauten Klatschen der Wellen die gegen die Felsen schlagen.Unser erster Tagesausflug durchs Landesinnere von Andros wird zu einer strammen Endurowanderung. Viele Wege im nördlichen Teil der Insel sind ungeteert und stellenweise sogar relativ anspruchsvoll. Auf einer guten Schotterpiste von Andros Chora über Apikia und Arnas rauschen wir nach Batsi. Etwa zweieinhalb Kilometer nördlich des Ortes zweigt ein unbeschilderter Fahrweg ab, hinauf zum Kloster Zoodochou Pighis. Zitronenhaine, Ölbäume, Feigen und Zypressen säumen rechts und links die rauhe Piste. Off-Road-Feeling. Über dicke Steine und losen Schotter geht´s runter zur Bucht von Ormos Vitaliou. Der Strecke zwischen dem Kloster und der Ortschaft Gides ist auf der Karte nur schlecht wiedergegeben. Und anstatt dieses einen Schotterpfades entdecken wir zwei weitere Wege, die vom Zoodochou-Gemäuer zu jener Strecke führen, auf der es von Batsi nach Ormos Vitaliou geht. Scheiße, hinter dem Kloster links bergab, muß ich unserer »Heavy Metal«-Enduro erstaunliche Geländequalitäten zugestehen. Trotz voller Beladung geht´s auf dem Bike überraschend leicht über Stock und Stein, der bärenstarke Motor zieht uns selbst auf losem Untergrund über steilste Passagen - und klingelt dabei kräftig vor sich hin: »Regular unleaded«, bleifreier Normalsprit, Super Benzin ist auf den Inseln der Ägäis schlichtweg Mangelware.Nach beschwingter Fahrt entlang der Steilwand eines üppig bewachsenen Flußtals staunen wir plötzlich über einen wunderbaren Anblick. Tief unter uns liegt eine verwunschene Bucht, wie ein Seeräuberversteck eingebettet in die Steilküste, an deren Rand wir stehen. Hier entdecken wir eine weitere Piste, die auf keiner Karte eingezeichnet ist. Trotzdem, wir versuchen es, irgenwann werden wir den Weg zurück nach Batsi schon finden. Wir pflügen uns durch tiefen Sand und über groben Schotter bis in die nächste Bucht. Schluß und aus: Diesem Strand können wir nicht widerstehen, versenken erst die BMW im feinen Kies, dann uns im kristallklaren und warmen Wasser. Wir sind allein. Das leise Geräusch der Brandung, die über feine Kieselsteine streichelt, lullt uns ein. Wiegt uns. Ein Traumstrand. Ganz anders als der nur von Trampelpfaden durchzogene Norden zeigt sich der Süden von Andros. Idyllische kleine Dörfer und fruchtbare, terrassenförmig angelegte Felder und Gärten, in denen kegelförmige Zypres-senbäumchen wachsen und venezianische Taubenhäuser stehen. Die kultivierten Täler gleichen fast einer Parklandschaft. Wie aus einem griechischen Bilderbuch, und allein die Anfahrt von Andros Chora nach Aipatia gerät zum Panorama-Trip: Es fängt an mit einem herrlichen Blick auf die Inselhauptstadt, dann folgt der Weg dem Verlauf eines tief eingeschnittenen Canyons und führt so aussichtsreich zum Hafenstädtchen Ormos Korthiou hinunter, daß wir zum wandelnden Verkehrshindernis werden - angesichts einer Auto-, Moped- und Eseldichte von etwa einem Exemplar pro zehn Minuten kein ernsthaftes Problem.Reger Verkehr herrscht dagegen auf einer Insel, wie sie gegensätzlicher gar nicht sein könnte: Santorin, die wohl berühmteste und meistbesuchte Insel Griechenlands. Kein Wunder, denn Santorin entspricht wahrhaft jedem Kykladenklischee. Kein Wunder auch, daß eines der beliebtesten Fotomotive aus der gesamten Ägäis ebenfalls hierher stammt: der Blick über die Kuppelkirchen und die Würfelhäuser Thiras mit der tiefblauem Meer im Hintergrund, verewigt auf zigtausend Postkarten und in ebensovielen Reiseprospekten. Doch wer einmal am späten Nachmitag mit dem Schiff in den zehn Kilometer weiten Vulkankrater hineingefahren ist, glaubt den Prospekten und verschickt die Karten: So schön ist Santorin.Die heute sichelförmige Insel ist nur ein Teil eines Kraters. Eine gewaltige Vulkanexplosion Eiland, das damals Strongyle hieß, eben die »Runde«, und hinterließ einen riesigen meerwassergefüllten Krater, die Caldera. Doch der Vulkan ist immer noch aktiv. Im Laufe der letzten Jahrhunderte veränderten Lavaströme, Erd- und Seebeben ständig die Form und Größe der Kaimenen - der Verbrannten, wie die kleinen Inseln in der Caldera heißen. Langsam tuckert die Autofähre durch den weiten »Kratersee«, bis zur steilen Felsenküste von Santorin. Oben auf dem Kraterrand hängen die Ortschaften Oia und Thira wie Schwalbennester und leuchten im Schein der frühen Abendsonne. Perlen gleich. Wie jeden Abend stehen auch heute unzählige »Sunset-Watcher« auf jedem Mauervorsprung, jeder Treppenstufe und knipsen, filmen oder genießen die wechselnden Lichtspiele, die ständig neue, märchenhafte Stimmungen auf die tiefblaue See zaubern. Alle sind sich einig: Eindrucksvoller kann die Sonne nicht hinterm Horizont verschwinden.Wir schlendern durch das bezaubernde Thira. Parallel zum Kraterrand verlaufen kleine Gassen und steile Treppchen, ziehen sich an ineinander verschachtelten, weiß getünchten Häusern entlang Immer wieder fällt der Blick auf das schäumende Wasser im Kratersee, fast 300 Meter unter uns. Nur auf der Hauptsstraße, der Agiou Mina, fühlen wir uns vom Strom der vielen Gäste bedrängt, ansonsten liegt eine wunderbare Ruhe über diesem Ort. Mit dem Motorrad bummeln wir am nächsten Tag über die Sträßchen und Pisten, die an der nördlichen Ostküste entlangführen. Dann hinunter in den Süden der Insel zum Kap Akrotiri. Der Weg dorthin führt zunächst durch kahles, vertrocknetes Land, alles scheint unter einem grauen Schleier zu liegen. Nur vereinzelt leuchten weiße Bauernhäuser inmitten grüner Gärten, ab und zu belebt ein Feigenbaum dieses Einerlei. Doch südlich des Elias, dem höchsten Berg auf Santorin, wechselt das Bild: Tausende von Rebstöcken reihen sich dicht an dicht, von starken Winden geformt, ducken sich flach auf den Boden. In der nährstoffreichen Vulkanasche wächst der dunkelrote, feurige Wein Santorins, das wichtigste Exportgut der Insel. Eine halbe Stunde bummeln wir auf der Enduro durch eine tief zerfurchte Bimssteinlandschaft, dann stehen wir am Kap von Akrotiri, dem südwestlichen Ende Santorins. Hier steht oberhalb des Leuchtturms an der senkrecht ins Meer stürzenden Steilküste ein weißer Pfahl: Vor unseren Augen fügen sich an dieser Stelle die Inseln Santorin, das gegenüberliegende Thirasia und die beiden Kaimenen-Felsen in der Mitte des Kratersees zu einem Ganzen zusammen, machen mit ein wenig Phantasie den einstigen Umfang des explodierten Kraters erkennbar. Die nahegelegene Ausgrabungsstätte des von den Lavamassen vor 3500 Jahren verschütteten Akrotiri enttäuscht dagegen. Der Ausgräber dieser Stätte, der Archäologe Spiridon Marinatos, glaubte, hier auf Santorin das sagenhafte Atlantis gefunden zu haben, doch die Vermutung ist spannnender als alles, was wir sehen können. Lustlos zeigt uns ein Führer ein bisher freigelegtes Wohnquartier und zwei Straßenzüge. Wir befinden, daß die Altertümer andächtig nach Baustelle aussehen. Sehenswerter ist da die Ruinenstätte des antiken Thera - schon wegen ihrer phantastischen Lage zwischen Himmel und Meer. Auf einer felsgepflasterten Serpentinenstraße erreichen wir hinter Kamari den antiken Ort am gleichnamigen Aussichtspunkt . Ein absolutes Highlight, fahrerisch, aber auch für unsere Augen: Die Ruinen liegen auf einem Kalkfelsen, dem Messa Vouno, der 370 Meter über der Brandung hinausragt. Wir schauen hinunter in das Tosen. Langsam, ganz langsam wandern unsere Blicke zum Horizont, über das immer ruhiger werdende Meer. Balsam für die Seelen. Lange hocken wir neben der BMW auf einem Stein, trinken Wein aus einer Feldflasche und überlegen, wie es wohl wäre, einfach hier zu bleiben.

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