Ladakh Das obere Ende der Welt

Wie sieht das Ende der befahrbaren Welt aus? Wir vermuten es im Zanskar-Tal im indischen Himalaja. Zugänglich nur über den 4401 Meter hohen Penzi-Pass. Und auch das lediglich drei bis fünf Monate im Jahr.

Foto: Bredel
Unübersehbar fordert die sattgelbe Tafel am Straßenrand auf, sich bemerkbar zu machen. Blow horn! Doch ganz ergriffen von Größe und Erhabenheit der Sechstausender ringsum, zögern wir mit dem Gehorsam. Peter erteilt Nachhilfe: »Macht das: Auch in Ladakh ist die Hupe überlebensnotwendig, hier fährt man wie überall zwischen Bombay und Kalkutta nach Gehör.« Er muss es wissen, organisiert seit 15 Jahren Motorradtouren in der nördlichsten indischen Provinz, die sich – eingeklemmt zwischen Pakistan und Tibet – in den Himalaja schiebt. Zusammengetrommelt hat er uns, weil wir erstens seine Leidenschaft für diese Berge teilen, zweitens bei vorangegangenen Touren nicht vom Motorrad gefallen sind und um uns drittens ein berauschendes Hochtal zu zeigen. Durchströmt vom wilden Zanskar, bewohnt von ein paar Tausend Menschen. Das Dach der Welt? Das Ende aller Wege?

Vorerst mal erfreuen uns weitere gelbe Schilder, die Tipps entlang der Piste geraten zunehmend poetischer: This is highway, not runway. No race, no hell. Enjoy beauty of valley. After whisky driving risky. Speed thrills, but kills. If married, divorce speed. Why hurry? Better late than never. Wir werden sie alle beherzigen, die gut gemeinten Ratschläge. Denn jeder weiß: So gemütlich wie im Indus-Tal wird unser Trip nicht bleiben. Oft schnurgerade durchschneidet eine befestigte Straße die bergigen, weiten Steinwüsten westlich der Provinzhauptstadt Leh.

Dort haben wir uns getroffen, die braven 500er-Enfields bestiegen, um in fünf Tagen das Hochtal des Zanskar zu erreichen. Eben haben wir seine Mündung in den Indus passiert, aber die Uferstraße würde uns lediglich 30 Kilometer weit bringen, dann enden auf dieser Seite die Wege. Zu tief hat sich der Fluss in die schroffen Bergwände eingegraben. Mehr zu sehen kriegen wir nur, wenn wir uns der Sache über den Penzi La von oben nähern. Von ganz weit oben: La heißt Pass, und dieser Pass steigt auf 4401 Meter. Sieben, oft neun Monate des Jahres versinkt er im Schnee, nur im Sommer verschafft er den Bewohnern des Zanskar einen Zugang zum Rest der Welt.

Wir müssen ihn um mehrere Ecken ansteuern. Und über viele Höhenmeter. Zuerst kommt der Fotu La, 4094 Meter hoch. Danach werden wir das Tal des Sangeluma Chu durchfahren, an dessen Ende den Namika La, 3720 Meter, erklimmen und anschließend dem Lauf des Wakh folgen. Wie die Handelsreisenden vor Hunderten von Jahren, hinab bis zu dessen Mündung in den Suru. Hoch hinaus werden wir kommen – und in sehr fremde Welten. Manchmal entdecken wir mitten im Nichts eine Pferdekarawane oder die Staubwolke eines Jeeps, der irgendwo
durch den Schotter schnürt. Noch seltener eine Oase, ein Dorf. Grüne Kleckse am Ufer, umgeben von einem ausgeklügelten Bewässerungssystem. Gersten- und Erbsenfelder gehorchen den topographischen Gegebenheiten, mal sind sie rund, mal oval oder wie ein Halbmond gebogen. Aprikosenbäume leuchten auf. Die winzigen Früchte, kaum größer als ihr Stein, schmecken unglaublich intensiv. Einstöckige Häuser mit Flachdach, ihre Lehmziegel weiß getüncht, prägen die tibetische Architektur.
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Foto: Bredel
Wir quälen unsere trägen Einzylinder die Serpentinen des steilen Fotu La hoch. Blow horn, Entgegenkommende wollen gewarnt sein. Wer nicht hupt, fährt nicht, heißt die überlebenswichtige Straßenverkehrsregel Nummer drei. Die zweite besagt, dass der Stärkere immer Recht hat. Und die erste? Schau auf die Straße! Selbst in noch so gutem Asphalt kann sich urplötzlich ein abenteuerlicher Krater auftun. Hinter jeder Kurve kann ein sprudelnder Gebirgsbach den Weg kreuzen. Oft verbirgt das schäumende Wasser den steinigen Grund, dann heißt es, mit Vorsicht rein ins nasse Vergnügen. Besonders, wenn man zu zweit auf dem Bike sitzt: If married, divorce speed. Unverheiratet auch im zweiten Gang langsam, aber entschieden los, den Lenker schön locker fassen, so findet die Enfield holpernd und stampfend fast von selbst ihre Spur.

Better late than never: Wir schaffen den Pass, und oben erwartet uns ein gigantisches Panorama aus Bergketten und Tälern, die Augen können es nicht fassen, der ganze Körper möchte juchzen. So fühlt sich Weite an. Und kontrastiert mit der kleinteiligen Fülle danach: aufgefaltete Gebirgsketten in allen Ausprägungen – harmonisch gewölbt, scharfkantig aufgebrochen, mit Geröll beladen. Dazwischen Mondlandschaften aus hohen Erdpyramiden und vulkanartigen Trichtern. Die Farbe des Gesteins variiert zwischen hellen Beige- und Graustufen bis hin zu Sienabraun, Rostrot und tiefem Dunkelgrün.

Immer wieder mitten in der Einöde ein buddhistisches Kloster. Schon aus großer Ferne zu sehen, mit der Landschaft verschmolzen: ein verdichtetes Häufchen weißer, flacher Gebäude, an einen Hang geschmiegt oder einer Bergkuppe aufgestülpt. Die Mönche, vom Jungen bis zum Greis rot gewandet, empfangen uns stets sehr freundlich, reichen zur Begrüßung einen salzig-säuerlichen Buttertee. Manchmal schließen sie ihre Bibliothek auf, lassen sich sonst jedoch nicht weiter stören.

Wir erkunden die mit bunten Blumenkübeln geschmückten Innenhöfe, die Klosterräume mit ihren goldenen Buddha-Figuren und kräftig farbigen Fresken. Und spitzen in die Küchen mit den verrußten Wänden und den riesigen Messingkesseln, drehen beherzt an den Gebetsmühlen und steigen auf die Flachdächer der Klosteranlagen, um den Blick zu genießen. Zweimal dürfen wir sogar einer Puja beisitzen, einer Art Andacht, bei der die Mönche in einem vielstimmigen, tiefen, monotonen Singsang, der immer wieder seinen Rhythmus ändert, gemeinsam Texte rezitieren. Ein spirituelles Klangerlebnis, das stärker durch den Körper vibriert als jedes Vaterunser im heimischen Weihnachtsgottesdienst.

Im unteren Suru-Tal, wenige Kilometer hinter Kargil, wird es überraschend grün. Wasserläufe plätschern links und rechts der Straße. Hier sind die Dörfer überwiegend moslemisch, blinken die Türme von Moscheen in der Sonne, doch je höher wir kommen, desto mehr überwiegen wieder tibetische Bauweise und buddhistische Symbole: bunte Gebetsfahnen und Chörten, kleine, steinerne Schreine. Dazu in jedem Ort mindestens eine Gebetsmühle. Deren Walzen werden von Mantras geziert, das Drehen soll die Einheit von körperlicher Arbeit und spiritueller Andacht symbolisieren. Dabei kann schon ein Dreh am Gasgriff tiefes Ergreifen hervorrufen: Im Blick die schneebedeckten Spitzen der Sechs- und Siebentausender, tuckern wir vorbei an Gletschern, die wie graue Riesenechsen mit rissiger, schrundiger Haut auf den Hängen liegen. Alles hier ist groß, viel größer als
in den Alpen, es ist großartig.

Mehrmals müssen wir geröllige Bergbäche queren, die über unsere holprige, staubige Piste hinweg in den Suru rauschen, und die Enfields trotzen allem auf typisch indische Art: mit Gutmütigkeit. Den einen oder anderen Ausfall gibt es natürlich dennoch. Plattfuß reparieren dauert fünf Minuten, kompletter Rad- wechsel sieben, Kupplungszug tauschen elf. Aber die Mechaniker Pappu und Ramesh sind geübt und die Motorräder einfach. Weiter geht’s, vorbei an flachen, ruhigen Bergseen, in denen sich die umliegenden Gipfel spiegeln. Wir sehen Murmeltiere mit dickem Fell und Wiedehopfe, halbwilde Pferde und natürlich Yaks. In dieser Höhe wächst nicht viel. Gräser, Moose und als Farbkleckse zwei Pflanzenarten, die an lilafarbene Heide und blaue Glockenblumen erinnern. Direkt am Penzi La blendet uns der Darung Drung-Gletscher, seine eisige Zunge in ihrem autobahnbreiten Geröllbett weist uns den Weg. Eine Kurve noch, vielleicht zwei. Wir halten die Luft an. Da! In unglaublicher Weite öffnet sich das Zanskar-Tal. Mächtig und rau. Schlicht. Gewaltig. Natur, die ohne Menschen auskommt. Das Wasser des Stod, eben dem Gletscher entsprungen, schlängelt sich grau nach unten – einer von zwei Quellflüssen des Zanskar. Die Schotterpiste können wir von hier oben als feine, helle Linie ausmachen. Im oberen Tal weht vom Gletscher her ein eisiger Wind. Kein Wunder, dass hier kaum jemand lebt.
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Foto: Bredel
Die Ebenen des Zanskar-Tales liegen auf einer durchschnittlichen Höhe
von 3800 Metern, es gibt kaum Vegetation. Weiter talabwärts dann erste Ansiedlungen. Über weiß getünchte Häuserwände ziehen sich Linien aus ochsenblutroten Punkten, die böse Geister abwehren sollen. Kuhfladen, Gestrüpp und Holz trocknen auf den flachen Dächern als Brennmaterial für den Winter. Die Menschen sitzen gemeinsam auf den Feldern, schneiden Gerste mit der Sichel, binden Garben – und winken uns freundlich zu. Zirka 90 Kilometer hinter dem Pass erreichen wir die weitläufige Hochebene, wo der Zanskar durch Zusammenfluss von Stod und Lingti entsteht. 340 Kilometer legt er bis zur Mündung in den Indus zurück. Schneebedeckte Spitzen umliegender Sechstausender rahmen die fruchtbare Ebene ein, im Licht der Nachmittagssonne gleißt das Weiß auf den Bergen, und das Felder-Mosaik erstrahlt in sattem Gelb und Grün. Einfach nur wunderschön. Enjoy beauty of valley!

Hier liegt auch Padam, mit etwa 700 Einwohnern die »Hauptstadt« Zanskars. Und hier endet offiziell die motorisierte Welt. Wir versuchen es weiter. Der Weg führt direkt am Zanskar entlang, der breit und braun zu Tale walzt. Links und rechts gewaltige ockerfarbene Felsfaltungen. Selten kleine, dörfliche Oasen in dieser Steinwüste. Plötzlich, wie eine Fata Morgana, ein frisch geteertes Stück Straße. Unglaublich. Wie sich das anfühlt nach Hunderten Kilometern Holperstrecke. Als wir um die Kurve biegen, verstehen wir: Feuer und dampfende Teertonnen am Wegrand. Beaufsichtigt von Uniformierten, baut ein Trupp Arbeiter die Straße aus. Eine furchtbare Schufterei am Ende der Welt. Dann wieder ein Stück Schotter neben dem Fluss, 40 Kilometer hinter Padam ist endgültig Schluss. Noch 300 Kilometer hat der Zanskar vor sich, zerteilt eine Region, deren einsame Siedlungen ausschließlich zu Fuß und mit Pferdekarawanen zu erreichen sind. Ein letzter Blick flussabwärts. Wir kehren um.

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