Laos (2)

Foto: Schulz
Auf frischem Asphalt schwingen wir hinauf in die Berge. Frauen dreschen Gräser am Straßenrand, tragen sie wie wandelnde Büsche zu ihren Hütten. Gelegentlich qualmt ein hoffnungslos überladener Lkw vor uns her, mal ein pötterndes Moped, doch insgesamt strebt jegliche motorisierte Verkehrstätigkeit gegen null. Die Menschen gehen zu Fuß, fahren allenfalls Rad, auf Schultern und Rücken mächtige Ladungen Holz oder Reisig, fünf Meter lange Bambusstangen an schwankenden Drahteseln verzurrt. Tankstellen sind rar, die wenigen im Vorbeifahren kaum erkennbar. Wir fragen an einer Bretterbude mit zwei strahlenden Sprösslingen auf Zuckersäcken zwischen Keksen und Waschmittel im Angebot. „Fuel, yes, here“, verkündet die Frau hinterm Tresen, stolz einen winzigen Zapfhahn über die Auslegware reichend. Lachend schwingt sie den Hebel am Shell-Fass, freundliche Bemerkungen über die Bikes, fröhliches Winken beim Abschied. Motorräder: die wundervolle Kontakthilfe rund um den Globus.

Dennoch spüren wir die Vorsicht. Während jüngere Laoten neugierig auf uns zugehen, reagieren die Älteren reserviert. Was wir als Kinder im Fernsehen sahen, bestimmte von 1964 bis ’73 das Leben dieser Menschen. Westliche Kampfflugzeuge über Indochina. Trotz mehrfach durch die Genfer Konferenz bekräftigter Neutralität wurde Laos erbarmungslos in den Strudel des Vietnamkriegs gerissen. In fast 600000 Luftangriffen warfen amerikanische Bomber mehr als zwei Millionen Tonnen Spreng- und Napalmbomben über dem bettelarmen Binnenstaat ab und töteten dabei 200000 Menschen. Nicht zuletzt, weil der legendäre Ho-Chi-Minh-Pfad zur Versorgung des Vietkong durch laotisches Territorium führte.

In der Provinz Xieng Khouang stoßen wir auf eine Höhle, einst Schutzraum vor Luftangriffen – bis eine gezielt abgefeuerte Phosphorrakete alle 400 Insassen auslöschte. Eine kleiner Schrein erinnert an das Entsetzliche. Von Bombentrichtern übersät auch die „Ebene der Tonkrüge“, ein Jahrtausende alter mythischer Ort mit riesigen, kilometerweit verteilten, rätselhaften Vasen. Nicht weit von dort klettern wir zu einem ehemaligen Feldlazarett hinab, geschützt durch eine goldene, aus Dung geformte Buddha-Statue im Zugangslabyrinth unter meterdicken Felsdecken. Verrostende Bettgestelle, undefinierbare Werkzeuge, zerbrochene Arzneiampullen – die Reste des Grauens.
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Foto: Johann
Atem holen in Phonsavan. Die quirlige, bereits stark vietnamesisch angehauchte Provinzhauptstadt, deren Restaurants mit „fried dog“ aufwarten. Und wo „gegrillter Hund“ draufsteht, könnte in Asien durchaus solcher drin sein. Wir lehnen dankend ab und schlagen uns auf einer schmalen Verbindungsstraße noch höher in die Berge. Der Asphalt in Auflösung begriffen. Schlaglöcher, trocknendes Getreide, Kinder, Hühner, Enten und quiekend davonstiebende Hängebauchschweinfamilien drosseln das Tempo drastisch. Gelegentlich schwankt ein bis aufs Dach besetzter Bus vorbei. Strohgedeckte Pfahlhäuser mit dünnen Flechtwänden flankieren den Weg, dazwischen mit einfachsten Gerätschaften handwerkende Menschen. Webend, spinnend, schraubend, dengelnd. In Bächen winzige Wasserräder, die noch winzigere Holzmörser in steinzeitlicher Geschwindigkeit zum Malmen anheben. Es ist, als seien wir zu den Ursprüngen der Menschheit zurückgekehrt. Technisches Maximum stellen zweckentfremdete Agrias dar, die mit überlangen Lenkern ausgerüstet als Zugmaschinen für Pflüge und Tieflader dienen, wenn die Wasserbüffel gerade ausgebucht sind.

Kokospalmen, mächtige Baumfarne und leuchtend rote Weihnachtsterne umfangen die Dörfer, hinter ihnen, in sanfter Staffelung, die Silhouetten der umliegenden Bergketten. Sand und Geröll haben den Asphalt längst abgelöst, und die Hondas tragen uns wacker über aussichtsreiche Höhenwege. Staub funkelt in schräg stehenden Sonnenstrahlen, raum- und zeitvergessen geben wir uns der schlichten Schönheit hin – bis ein schleichender Plattfuß das Idyll unterwandert. Im trauten Kreise der Dorfbewohner von Vieng Thong geflickt, wirft die an sich harmlose Panne dennoch Probleme auf. Es wird zu spät, um vor Einbruch der Dunkelheit das anvisierte Etappenziel zu erreichen. Und Nachtfahrten auf diesen stockdunklen, schlaglöchrigen Straßen sind kein Spaß. Allerdings gäbe es auch in Vieng Thong ein Gästehaus, informiert man uns freundlich, gleich da vorn neben dem Laden. Ein Dollar pro Nacht! Sie richten uns das beste Zimmer, eine hellblau gestrichene Betonzelle mit Vorhängeschloss, leerer Fensterhöhle plus Klappladen. Strom kommt von 18 bis 23 Uhr, Licht aus einer flackernden Neonröhre und Waschwasser aus dem Zuber im Anbau. Gegenüber in einem ebenso gemütlichen Lokal gibt’s Kanal-Nudelsuppe, gebratenes Huhn, Lao-Beer und Karaoke im Fernsehen. Mehr Glück kann man in einem laotischen Bergdorf nicht haben.

Schon vor dem Morgengrauen krächzen die Hähne, wenig später der erste Schneidbrenner aus der Open-air-Werkstatt nebenan. Es ist eisig kalt. In Decken gehüllt sitzen die Einheimischen an rauchenden Feuerstellen vor ihren Häusern, braten Reis und kochen Kaffee, den sie voller Gastfreundschaft mit den fröstelnden, seltsam gekleideten Europäern teilen. Vor allem unsere Endurostiefel sorgen für höchstes Amüsement. Vom Holzfeuergeruch begleitet, rollen wir klamm aus dem noch nebelverhangenen Dorf, tauchen ab in den lichten Urwald, der hinter Vieng Thong beginnt. Zehn Stunden später: Oudomxay. Der Umschlagplatz zwischen Laos, Burma, China und Vietnam wimmelt von Fernfahrern, die Speisekarten sind Furcht erregend, die rundlichen Gesichtszüge der Anwohner großenteils vom Reich der Mitte geprägt.

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