Laos Zum Ursprung der Menschheit

Wer nach Laos reist, kommt in eines der ärmsten Länder der Erde. Wo trotz Nachbarschaft hoch engagierter Tigerstaaten die Uhren so langsam ticken, als seien sie eben erst erfunden worden.

Foto: Johann
Schon der Blick aus dem Flugzeug macht klar, dass alles anders werden wird. Dass dort unten ein Land liegt, anders als die anderen. Anders als sein Nachbar Thailand, dessen 6,6-Millionen-Metropole Bangkok mit Hochhäusern, Sandwich-Autobahnen und testosterongeladenen Europäern gerade erst hinter dem Korat-Plateau verschwunden ist. Anders als Vietnam an der östlichen Grenze, das im mühsam geenterten Boot des Tourismus nun aus Leibeskräften vom Kriegsimage wegpaddelt, um endlich irgendwo Besseres zu landen. Laos hat nichts von all dem. Von der Hauptstadt Vientiane, die zaghaft im Dunst erscheint, kennen die wenigsten überhaupt den Namen. Breit und braun schimmert der Mekong zwischen Schwemmland und grünen Reisfeldern, fadendünne Straßen verlassen sternförmig die Stadt, um mehrheitlich ins homogene Rotbraun von Feldwegen überzugehen. Es ist, als lande man in einem Busch-Camp und nicht in einer Hauptstadt mit 530000 Einwohnern.

Während die Sonne zwischen Propellern und Bananenpalmen untergeht, wandern wir über das Rollfeld zur pagodenförmigen Flughalle. Da Nang, Hanoi, Luang Prabang, Ho Chi Minh City – die Destinationen auf der Abflugtafel wirken so unnahbar wie der Beamte hinterm Einreiseschalter. Gegen 30 Euro lässt er alle erforderlichen Stempel in die Pässe knallen. Visum inklusive. In Kip, der Landeswährung, sind die Gebühren nicht mal ausgezeichnet. Willkommen in einem der ärmsten Staaten der Welt. Draußen vier Menschen, drei Taxis und ein kleiner Tempel – von unten erscheint Vientiane genauso überschaubar wie von oben.

Nichtsdestotrotz bemüht sich die Hauptstadt mittels Hammer-und-SichelFahnen, Buddah Park, Parade-Avenue, Triumphbogen und einem Regierungspalast mit dem Charme eines aus den Fugen geratenen Finanzamts um die erforderlichen Attribute der Macht. Doch die wenigen Rikschas und Autos gehen auf der Lane Xang Avenue fast verloren, alles wirkt merkwürdig leer, still. Immerhin ist Sonntagabend und hier quasi das laotische Brandenburger Tor. In den Nebenstraßen parken Ural-Gespanne. Eins mit Che Guevara-Bild am Bug, daneben eine tarnfarbene Chang Jiang mit Granatwerfer im Boot und Gewehrhalter an der Gabel. Das sozialistische Laos sucht im erzwungenen Schulterschluss mit China, Thailand und Vietnam seit seiner Befreiung aus der französischen Kolonialherrschaft 1954 mühsam seinen Weg.
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Foto: Schulz
Vertrautes Terrain in der Samsenthai Road: eine Motorradvermietung mit dschungeltauglichen Honda XR 250. Gut gewartet, rund 25 PS stark, mit Doppelscheinwerfern bestückt, als gelte es, den Ho-Chi-Minh-Pfad auszuleuchten. Aber bitte nur im Notfall benutzen, warnt der Herr Vermieter, sonst kollabiere das Bordnetz. Alles klar. Auf einer der wenigen Asphaltstraßen rollen wir nordwärts aus der Stadt, die sich in Krämerläden, kleinen Handwerksbetrieben, gelegentlichen Tempeln und Buddha-Statuen entlang der N 13 verdünnisiert. Am staubigen Straßenrand wird alles verkauft, was Laos zu bieten hat: Geflügel in Käfigen, zappelnde Schweine in Säcken, Stoffe auf mächtigen Ballen. Bambusstangen, Besen, Kettenräder, Seife, gewebte Hemden und natürlich Kaffee. 5000 Kip kostet ein Mittagessen im Schatten, rund 13000 Kip sind ein Euro.

Der Verkehr auf der Hauptader des Landes läuft für asiatische Verhältnisse extrem entspannt. Es zählen nicht etwa die stärksten Nerven oder Hupen, sondern durchschaubare Vorfahrtsregeln, denen sogar Lkw-Fahrer folgen. Immer mehr Reisfelder prägen das Bild. Bauern bei der Ernte, bis zu den Hüften im Wasser, Wasserbüffel – bis zu den Nüstern im Schlamm. Noch keine 100 Kilometer Laos, und Internet-Banking, Douglas-Parfümerien, Formel 1 oder RTL 2 erscheinen unfassbar dekadent und Lichtjahre entfernt.

Die markante Brücke über den Nam Lik taucht auf, Pausenstation der Busse, zu deren Fenster Frauen aus dem Dorf Wegzehrung hinaufreichen, unten am Fluss stochern ihre Kinder nach Fisch. Wir essen Nudelsuppe mit Huhn und jenem merkwürdigen Aroma, das uns von nun an begleiten soll. Einschlägige Assoziationen an Abwasserkanäle weckend, geht es auch nach zwei Wochen noch nicht leicht über die Lippen. Nur – Nudelsuppe gibt es überall, während die erfreuliche Seite der laotischen Küche in entlegenen Regionen fehlt.

Vang Vieng jedoch bietet alles: Guesthouses, Restaurants, Caving, Trekking. Seit Jahren fest in Backpacker’s Hand, wirkt das kleine Städtchen mit seinem umfassenden Outdoor-Angebot wie Disneyland in Uganda. Mountainbikende Aussteiger, Kajak fahrende Vollsportler, entrückte konvertierte Buddhisten. Und warum gerade Vang Vieng? Wegen der kugelförmigen Bergrücken, die kunstvollendet aus der sumpfigen Ebene emporsteigen: Kegelkarst. Der geologische Klassiker Südostasiens. Mystisch, vor allem im Morgenlicht.

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