11 Bilder

Unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern Wo die Seele baumelt

Größter See der Mecklenburgischen Seenplatte ist die Müritz, das sogenannte Kleine Meer. Eldorado für Angler, Fischer und Wassersportler - aber auch für Motorradfahrer, die hier durch ein oft naturbelassenes, dünn besiedeltes Revier stromern können.

Och nee. Nicht noch ein Speed-Ticket. Es wäre schon das zweite heute. Das erste gab’s auf einer verführerisch einsamen Waldstraße in Berlin-Heiligensee, als ich dort unterwegs war zu Stephan, meinem Mitfahrer für die bevorstehende Tour. Gegen den Radarstrahl aus dem Unterholz nutzte auch die tarnfarbene Camouflage-Lackierung der Honda Crossrunner herzlich wenig. Und jetzt, nach einem halben Tag an der Müritz, winkt mich schon wieder ein Uniformierter heraus, diesmal am Ortseingang von Waren. Waren wir wirklich zu schnell?

Eine Frage, die zum Glück nicht weiter interessiert, denn hier muss die Exekutive größere Aufgaben meistern: Die in Waren ansässige Mecklenburger Metallguss GmbH ist der weltweit bedeutendste Hersteller von Schiffsschrauben und schickt ihre oft über 100 Tonnen schweren Propeller regelmäßig per Tieflader zu den Werften. Und dann werden sicherheitshalber alle anderen Fahrzeuge kurzzeitig aus dem Verkehr gezogen und auf einen Parkplatz gewunken.

Anzeige
Foto: Daams
Müritz-Region als Paradies zum Motorradwandern: inspirierender Blick auf den Schlabornsee bei Zechlinerhütte.
Müritz-Region als Paradies zum Motorradwandern: inspirierender Blick auf den Schlabornsee bei Zechlinerhütte.

Badebuxe oder doch FKK?

Nicht nur für ein paar Minuten dem fließenden Verkehr entzogen werden aus der Müritz und den umliegenden Seen immer wieder reichlich Aal und Barsch, Hecht und Zander. Diente das schuppige Getier vor der Wende 1989 dazu, der einheimischen Bevölkerung Nahrung zwischen die Kiemen zu liefern, so fungiert es heute als touristischer Magnet. Längst haben Marketingstrategen den Müritzfisch zur hochwertigen regionalen Marke entwickelt, bieten Bootsausflüge den Gästen die Chance auf selbst gefangene Traumfische. Auch wenn man nicht ganz so tief in die Materie eintauchen möchte, ermöglichen Areale wie der „Fischerhof Eldenburg“, eine schmucke Kombi aus Schiffsanleger, Holzhütte und Gaststätte zwischen Waren und Klink, Einblicke in den hiesigen Kosmos. Es sonnt sich das Schilf, knarzt der Steg, badet Familie Ente, wartet Fisch eiskalt auf Käufer, kleben Lindenblätter auf schattig geparkten Maschinen. Dazu das V8-Geblubber einer schwanengleichen Jacht und die Fehlzündungen eines Außenborders, der sich den schweißtreibenden Bemühungen des Freizeitkäptens am Zugseil widersetzt.

Vom einen Fischerhof gleich zum nächsten, und zwar zu dem in Damerow am Jabler See. Da die Mecklenburger Seenplatte neben ihrem prominentesten Gewässer noch 999 andere „Pfützen“ in petto hat, viele davon feucht miteinander vernetzt, kann die Runde um die Müritz bis morgen warten. Von Waren also erst mal ab zum Kölpinsee. Statt orkanartiger Windschleppen entgegenkommender Vierzigtonner das kontemplative Kontrastprogramm von Mutter Natur abseits der B 192. Flower-Power der Feldblumen, Pärchen im Ufergras, Lagerfeuerspuren. Plötzlich grelles Zucken am Himmel: Petrus blitzt zu schnell ziehende Wolken.

Anzeige

So marode manchmal die Straßen, so märchenhaft die Landschaft

Dem Gewitter folgt Sonne. Lichtreflexe auf Wasser wie Asphalt und dem Mäusekino der Crossrunner, wo die digitalen Tachoziffern nur so tanzen vor Lust. Da lassen sich unsere Vorderräder nicht lumpen, patschen wie übermütige Kinder durch die wassergefüllten Schlaglöcher zwischen Laschendorf und Untergöhren. So marode manchmal die Straßen, so märchenhaft das ehemalige Schloss Blücher nach seiner Metamorphose zum „Radisson Blu Resort Schlosshotel Fleesensee“. Mit ausreichend Flocken in der Tasche sicher ganz nett. Ohne Dezimierung der Barschaft erreichen wir wie eingangs beschrieben schließlich Waren und beziehen dort inmitten der sanierten, dem Abrissbagger gerade noch von der Schaufel gesprungenen Altstadt Quartier im „Gasthof Kegel“.

Wenngleich mit rund 21 000 Einwohnern größte Stadt an der Müritz, schiebt Waren eine ruhige Kugel. Punkten kann der Ort durch seinen heimeligen Hafen, wo es tags wie auch nachts immer was zu sehen gibt. Und sei es bloß das plakative Ensemble aus am Kai vertäuten Ausflugsdampfern und der erleuchteten Marienkirche.

Foto: Daams
Die 21000-Seelen-Stadt Waren punktet mit einem Ensemble aus verträuten Ausflugsdampfern und der erleuchteten Marienkirche.
Die 21000-Seelen-Stadt Waren punktet mit einem Ensemble aus verträuten Ausflugsdampfern und der erleuchteten Marienkirche.

Leinen los zur Runde um die Müritz

„Dann gucken wir uns noch den Wind an“, stimmt beim Frühstücksfernsehen der Wetterfrosch auf den neuen Tag ein. Der beginnt für Stephan und mich mit einem Abstecher zur Mecklenburger Metallguss GmbH und einem Blick auf die dort gelagerten Schiffsschrauben - quasi die Spitzen einer Flotte von Eisenbergen, wenn erst mal die Riesenpötte angeflanscht sind. Für die würde der Platz am Himmel über Waren, so tiefblau er auch ist, garantiert nicht reichen. Und jetzt Leinen los zur Runde um die Müritz!

Als habe es sich von der Loire an die Mecklenburgische Seenplatte verirrt, steht zwischen Kölpinsee und Müritz das verschnörkelte „Schlosshotel Klink“. Deutlich rustikaler die qualmenden Holzbuden am Hafen von Sietow Dorf, wo, wenn man länger vor Anker geht, Rauchvergiftung droht; dabei soll Räucherfisch doch gesund sein. Nichts zu meckern gibt’s bei Gotthun: Ein Plattenweg, dessen zwei Betonstreifen genau die richtige Spurweite für ein Gold Wing-Gespann haben, führt hinab zum schön am Seeufer gelegenen Campingplatz Nitschow. Wer keine Badebuxe dabeihat, steuere vielleicht den benachbarten FKK-Campingplatz Hirschberg an.

So mancher gäbe für ein Amphibienbike wohl sein letztes Motorrad

Wir cruisen nach Röbel und anschließend in die Landschaft zwischen Greven und Ludorf: wogende Kornfelder, Spalier stehende Kastanien, dazwischen ein unbefestigter Hohlweg, auf dem die Crossrunner es mal so richtig stauben lässt. Eigentlich logisch, dass die Strecke auf der Karte weiß eingezeichnet ist. Als 3-D-Relief angelegt sein, müsste sogar jene später folgende extrem holprige Kopfsteinpassage, zu der der Chronist mit durchgeschüttelter Hand notiert: Vipperow - Rappelo! Und so mancher gäbe im Land der tausend Seen für ein Amphibienbike wohl sein letztes Motorrad hin, um nicht immer um die blauen Flecken navigieren zu müssen. Wie sich solch irdische Probleme anders lösen lassen, darüber informiert das besuchenswerte Luftfahrttechnische Museum Rechlin.

Am Südzipfel der Müritz eine Halse und nach Erkundung des Westufers zurück jetzt auf der östlichen Seite. Diese wird dominiert vom Nationalpark Müritz, der für Kfz stellenweise tabu ist. Wer sich dennoch auf die zehn Kilometer lange Direttissima von Boek nach Speck verirrt, wird zumindest keine Knolle wegen Angasens erhalten: Viel zu faszinierend sind Flora und Fauna, als dass man sie nicht in Slow Motion vorbeiziehen lässt. So ähnlich haben wohl auch die Planer gedacht, die zwischen Federow und Kargow drei Kilometer schönster Kurven neu angelegt haben. Damit uns das Vergnügen möglichst lange erhalten bleibt: maximal 70 km/h.

Foto: Daams
Alles dreht sich um den Fisch: Selbst Angeln, frisch genießen oder lernen,dass Zander auch nachts anbeißt.
Alles dreht sich um den Fisch: Selbst Angeln, frisch genießen oder lernen,dass Zander auch nachts anbeißt.

Auf dem Asphalt-Kurven-Mix bis Jürgenstorf jubelt der V4

Zurück in Waren, geht dort am Stadthafen gerade Angie baden. Die Gute stammt ursprünglich aus den USA, wurde nach ihrem ersten Leben jenseits des Großen Teiches fit gemacht für ein neues Herrchen aus Hamburg und hängt jetzt in den Gurten eines Krans, der sie zu Wasser lässt. 5,7-Liter-Maschine, 260 PS - macht bei „Hebel auf den Tisch“ 60 Kilometer und 78 Liter Treibstoff pro Stunde. Alternativ gäbe es für die Jacht auch einen 7,4-Liter-Motor mit 315 PS.

Uns reichen die 102 PS der 800er. Damit entdecken wir weitere Köstlichkeiten der Region: Zum Beispiel nordöstlich von Waren das Holterdiepolter nach Hungerstorf, bei Zettemin einen verschwiegenen Badesee, von Rottmannshagen nach Rützenfelde eine anspruchsvolle Verbindung durch den Wald, ein astreiner Asphalt-Kurven-Mix bis Jürgenstorf, auf dem der V4 mal bis 12 000 Umdrehungen jubeln darf. Oder von Oberschloen Richtung Ankershagen: Kurven wie im Alpenvorland. Das Beste am Schluss: ein Fahrsicherheitstraining am Linowsee, wo auch vorausschauendes Fahren gelehrt wird. Was zukünftige Speed-Tickets sicher zu vermeiden hilft.

Foto: Archiv

Infos

Provokante These: Die Müritz bietet mit den 999 weiteren Gewässern der Mecklenburgischen Seenplatte deutlich mehr ursprüngliche Natur und Fahrspaß auf kleinsten Straßen als zum Beispiel die zugebauten Ufer des Bodensees im Süden der Republik.

Anreise: Abhängig vom „Heimathafen“ erreicht man die Müritz am schnellsten via Berlin über die A 24 und A 19 oder via Hamburg über die A 24, B 191 und B 192. Um nicht erst vor Ort „ins kalte Wasser zu springen“, darf zur Einstimmung bereits weit vor der Müritz die Autobahn verlassen werden, hat Mutter Mecklenburg doch noch viele andere schöne Seen im Sortiment.

Unterkunft: Wie so oft empfiehlt sich für gepäckfreie Tagesetappen auch an der Müritz ein festes Quartier. Wer dabei (klein)städtisches Flair bevorzugt, findet dieses am ehesten in Waren oder Röbel; ruhiger und möglicherweise romantischer ist’s natürlich an irgendeinem Seeufer, wo Fuchs und Fisch sich Gute Nacht sagen. Hier eine Auswahl: „Gasthof Kegel,“ Große Wasserstraße 4, 17192 Waren, Telefon 0 39 91/ 6 20 70, www.hotel-stadt-waren.de; „Radisson Blu Resort Schloss Fleesensee“, Schlossstraße 1, 17213 Göhren-Lebbin, Telefon 03 99 32/8 01 00, www.radissonblu.de/resort-fleesen see; „Schlosshotel Klink“, Schlossstraße 6, 17192 Klink, Telefon 0 39 91/ 74 70, www.schlosshotel-klink.de; „Seglerheim“, Müritzpromenade 11, 17207 Röbel, Telefon 3 99 31/ 5 91 81, www.seglerheim.de; „Pension Radhaus Jürgenstorf“, Hofweg 10, 17153 Jürgenstorf, Telefon 03 99 55/3 9112, www.radhaus-juergenstorf.de; „Hotel Haus am See“, Zechliner Str. 5, 16831 Rheinsberg, Telefon 03 39 21/ 76 90, www.hotel-see-rheinsberg.de; Campingplatz Nitschow, Telefon 03 99 31/5 26 15, www.mueritzcamp-nitschow.de

Motorrad fahren: Doch, es gibt rund um die Müritz sogar breite Bundesstraßen und neu asphaltierte Nebenstrecken. Die Ersten meidet, die Zweiten goutiert man. Und all die hundert anderen kopfsteinigen, schlaglöcherigen, betonplattigen, feldwegigen, feinsandigen und sonst noch was Verbindungen von Dorf zu Kaff, von Ufer zu Bucht? Sie werden schnell zur Sucht. Fahrsicherheitstraining? Berufsgenossenschaftliche Schulungsstätte Linowsee (www.linowsee.de).

Literatur und Karten: Als Reiseführer erste Wahl ist der Band „Mecklenburgische Seenplatte“ aus dem Michael Müller Verlag für 16,90 Euro. Alle Nebenstrecken zeigt die detaillierte Marco-Polo-Freizeitkarte „Mecklenburgische Seen“ (1:100 000, 7,99 Euro).
Adressen: www.mueritz.de; www.mueritz-nationalpark.de; www.mueritzfischer.de; www.meck lenburgische-seenplatte.de
Action team: Legales, geniales Endurowandern nach Roadbook, geeignet für Einsteiger und Zweizylinder, ohne Gruppenzwang mit fähigen Guides. Termine Mai, Juni, drei Tage, 325 Euro.
Detaillierte Infos: Telefon 07 11/1 82 19 77 oder www.actionteam.de

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel