Lesbos Frühstart

Genug vom grauen Himmel und mäßigen Temperaturen – Josef Seitz wollte nicht länger auf den Frühling warten. Er floh spontan auf die griechische Insel Lesbos, um die Sonne ein wenig früher im Nacken zu spüren.

Foto: Seitz
Lesbos-Tour - MOTORRAD 9/2004
Lesbos-Tour - MOTORRAD 9/2004
Halt, Sperrgebiet!“ Die Gestik des jungen Soldaten ist eindeutig. Als ich ihn anspreche, dreht er aufgeregt an der Kurbel seines Feldtelefons, schmeißt es vor Eifer auf den Boden. Sein Vorgesetzter, der kurz darauf anrückt, scheint die besseren Nerven zu haben, sieht in mir offenbar keine ernsthafte Bedrohung für den Inselfrieden, sondern nur einen weiteren neugierigen Touristen. Höflich, aber sehr bestimmt weist er mich darauf hin, dass für mich hier der Weg in diesem Teil von Lesbos zu Ende sei. Hinter der Schranke gäbe es nichts zu sehen, nur Felsen – schade, den genau jene Formationen aus Stein wollte ich mir aus der Nähe ansehen.

Notgedrungen trete ich den Rückzug an, fahre nach Mandamados. Von dort weiter nördlich und biege hinter Klio schließlich links auf eine Schotterpiste ab, die von tiefen Wasserrillen durchzogen ist. Die Gabel schlägt ein paar Mal durch, eine Herde frei laufender Pferde jagt erschrocken davon. Sieben Kilometer später stehe ich unter der Kuppe des Vigla – mit 968 Metern der höchste Gipfel im Lepetimnosgebirge. Die Aussicht ist fantastisch: Im Norden erkenne ich am Horizont die türkische Küste, im Osten schwingen sich bewaldete Hügel zum Meer hinunter, und im Süden glänzt der Golf von Kalloni in der Sonne. Schnee, Regen und Kälte in meiner bayerischen Heimat? Längst vergessen. Auf Lesbos herrschen schon im Frühjahr fast sommerliche Temperaturen. Einfach ideal, um den Saisonstart ein wenig vorzuverlegen. Erstaunlich nur, dass außer mir kein anderer Motorradfahrer auf diese Idee gekommen zu sein scheint.
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Foto: Seitz
Lesbos-Tour - MOTORRAD 9/2004
Lesbos-Tour - MOTORRAD 9/2004
Mich treibt’s noch ein Stückchen weiter in den Norden, nach Skala Sikamineas. Ein kleines Nest, das sich längst dem Tourismus verschrieben hat. Trotzdem darf Skala Sikamineas noch guten Gewissens als Fischerdörfchen bezeichnet werden. Im Hafen schaukeln die Boote wie farbige Nussschalen auf den Wellen, am Kai sitzen die Fischer im Schatten und bereiten die Fangschnüre vor, die jeweils zwei Kilometer lang und alle paar Meter mit Haken versehen sind. Gleich nebenan ein Restaurant. Frisch gefangene Tintenfische baumeln zum Trocknen auf der Leine, und einer davon wandert gegrillt in meinen Magen.

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