Leserwettbewerb: Verrückte Reisen Abgedreht

Der Wettbewerb vom Leiden und Sterben im Motorradurlaub – wer hat die abgefahrenste Story erlebt und wurde noch nicht dem Golden Golbe des tapfersten Verlierers ausgezeichnet? Jetzt ist es soweit - wir prämieren!

Mit dem Mofa ins Montanfon, auf der Gülle durch die Gobi oder gleich hinter Kleinklecksdorf per Kabelbrand gestoppt? MOTORRAD wollte wissen, wie statt dem geplanten Allgäu- oder Südfrankreichtrip Ihr abgedrehtestes Abenteuer auf zwei Rädern entstand. Wann Sie die Nerven, den Auspuff oder gleich am ersten Autobahnkreuz die Kumpels für die nächsten vier Wochen verloren haben. Wo die Kawa den Kolben klemmen ließ, die Mautkasse die Scheckkarte fraß oder Sie in Kärnten statt in Kempten landeten. Und Sie haben uns mit einer Flut kurioser Geschichten aus dem ganzen Kontinent und sogar von Übersee versorgt. Dafür an dieser Stelle erst mal vielen Dank!Zu allererst beeindruckten uns die Unerschrockenen, die sich mit Vehikeln auf Tour wagten, die allein schon Abenteuer genug waren. Youngsters oder Oldiefreaks, die sich in wochenlanger Öttelei über die Alpen und bis ans Ende Europas bohrten. Wie der Dresdner Frank Raupach, der kurz nach der Wende mit seiner 12,5 PS starken MZ ETZ 150 bis nach Gibraltar dengelte und so ganz Südwesteuropa gleich in einem Aufwasch kennenlernte. 10635 Kilometer in drei Monaten. Manchmal sei’s schon zäh gewesen, gibt er zu, »vor allem, wenn der Küstenwind von vorn bließ und nur noch der Lenker zum Festkrallen blieb. Mehr wie 50 war dann nicht mehr drin. Kam der Wind aus der Wüste, war’s dafür mit der Kühlung essig«. Für Mensch wie Maschine. Aber das sei’s wert gewesen. »Durch das Motorrad war ich überall schnell in Kontakt, jeder wollte was über das wiedervereinte Deutschland wissen.« Kaputt sei lediglich zweimal der Kupplungszug und einmal der Kickstarter gegangen. »Doch MZ-Teile gibt’s notfalls auch im Mopedladen.« 4,5 PS mehr, aber auch rund 30 (?) zusätzliche Jahre auf dem Buckel hatte die Boxer-MZ 350 BK, mit der Sebastian Trostmann über die Alpen nach Italien kletterte. Insbesondere die Anstiege forderten alles: »Vom Rheintal hinauf in Richtung Tiefencastel wird es zum ersten Mal ernst. Ausgerechnet bei zehn Prozent Steigung nimmt mir ein Heuwagen den Schwung und ich habe ewig zu tun, um wieder in den dritten Gang zu kommen. Hinter dem Tunnel geht es richtig los. Ein Lkw zwingt mich wieder in den Zweiten, aus dem ich dann nicht mehr raus komme. Mittlerweile gesellen sich zu dem normalen Kolbenbolzenklickern eigenartige Geräusche, könnten die Kurbelwellenhauptlager sein. Ich kriege Angst, möchte den Motor nicht zerlegen, nicht hier.« Doch die BK rackert tapfer weiter, drückt vor Anstrengung etwas Öl aus dem Getriebeabschlussdeckel, aber sie packt’s. Der Pilot fängt sich ebenfalls: »Langsam beginnt die Sache Spaß zu machen, Serpentinen sind auch mit 17 PS schön. Ich bin vielleicht nicht so schnell wie die anderen Biker, die mit wilden Schaltorgien dem Gipfel entgegenkreischen, aber als auf dem 2284 Meter hohen Julierpass der höchste Punkt der Reise erreicht ist, steht endgültig fest: Italien, wir kommen!«Deutlich cooler gebährdeten sich die beiden 16 und 17 Jahren alten Yamaha-Zweitakt-Rennsemmeln, mit denen Godber Kraas und Dietrich Wellmer vergangenen Sommer zum Nordkap und zurück qualmten. »Okay, die RD 350 YPVS hat nicht den allerbesten Ruf als Reisedampfer«, gibt Godber freimütig zu. »Sie hat überhaupt nicht den besten Ruf. Eigentlich ist sie sogar eher verrufen. Als unbequemes Heizgerät mit geringer Zuverlässigkeit, hohem Verbrauch und ausgeprägter Neigung zu Löchern im Kolben.« Wer allerdings bei Zweitaktern wisse, worauf es ankomme, habe nichts zu befürchten, waren sich die beiden sicher. Und lieber kompakt gefaltet als hingeflätzt im Reisesattel. »Bei mir kamen kleine Koffer dran und bei Dietrich Satteltaschen der Marke »Nur-Plastiktüten-sind-billiger« über die Bank, darauf eine Rolle, und schon waren zwei Tourer reinsten Wasser entstanden.« Probleme? »Überhaupt keine. Na ja, vielleicht ganz kleine...« Mit der Tankreichweite und so. Dietrich ging deswegen schon in Dänemark verloren. Aber sonst? Irgendwann zündelte sich eine Kerze lose, und Kraas flog auf der E 4 der linke Dämpfereinsatz davon (ließ sich aber auch plattgefahren prima wieder reindrehen) – das war’s. Im Dauerregen, den die RDs wie U-Boote durchtauchten, donnerten sie die 6000 Kilometer Kap-Fahrt in gut einer Woche runter. Völlig enthemmt endete dagegen der Ausflug des Konstanzers Frank Siepmann, der »mal wieder richtigen Winter erleben« wollte. Was lag näher, als mit einem Guzzigespann, Langlaufskiern und viel Obstler an Bord im Januar nach Finnland zu dampfen? In Lappland dauerte schließlich der Wechsel zwischen Bike und Sauna nur noch Sekunden. Ganz andere Sorgen beschäftigten Markus Conrad, der mit einem schreiend grünen BMW-Chopper durchs Baltikum nach Skandinavien wollte. »Am 17. Juni die russische Grenze erreicht. Vor der lettischen Grenzstadt Narva ein riesiges Industriegebiet, völlig tot, alles leer, keine Sau da. Richtig unheimlich. An der Grenze wieder mal rumtingeln und Zollpapiere schreiben. Von der Kuh waren aber alle begeistert. Mit einem, der ein paar Worte Englisch und Deutsch konnte, den Fahrzeugschein übersetzt. War lustig. Kaum aus der Stadt raus, Ärger wegen einem blöden Stoppschild. Der Polizist wollte 500 Rubel und mich sofort wieder heimschicken, weil meine grüne Versicherungskarte hier nicht gültig sei und ich keinen internationalen Führerschein hätte. Ich habe ihm schließlich mein ganzes Vermögen gezeigt - 30 Mark und ein Travellerscheck.« Der Russe nimmt die 30 Mark und lässt Markus weiterfahren. In Finnland Tempokontrolle. Diesmal kriegt er Rabatt als Russlandfahrer. So tingelt er bis fast ans Nordkap. 70 Kilometer vorher dreht er, genervt von Bussen und Schotterpisten ab und braust nonstop zum Fährhafen Turku durch. Als er ankommt, legt gerade die letzte Fähre ab. Nach 2500 Kilometern in 36 Stunden... Schicksalsschläge, wie sie auch drei Freunde erlebten, die extra ein steinaltes Emme-Gespann aufgemöbelt, sich zu dritt mit Thermokombis und Campingkrempel reingequetscht und es beim letzten 14-Prozent-Anstieg schier in Stücke gerissen hatten – nur um einmal, ein einziges Mal, beim großen Männerabenteuer Elefantentreffen dabei zu sein. Dumm nur, dass es bei der Ankunft bis auf Schlamm, Schnee und Reifenfurchen leider keine Party mehr gab: Sie hatten den Termin um eine Woche verpaßt. In einem anderen Fall war es ein tschechischer Zöllner, der die Pläne einer Konstanzer Familie durch beharrliche Einreiseverweigerung vereitelte. Erst schickte er sie wegen eines Fehlers im Kinderausweis des achtjährigen Sohns zwei Tage weit zum nächsten Konsulat, um ihnen dann bei der Rückkehr zu erklären, Kinder unter zwölf dürften auf einem Motorrad sowieso nicht rein. Die Familie entschied sich schließlich für Urlaub im Bayrischen Wald.Aber auch bewährte Ferienparadiese können Motorradneulingen mitunter die Haar zu Berge stellen, wie gleich mehrere Schilderungen dramatischer Italienurlaube offenbarten. Immer wieder erlebte Alpträume an Mauthäuschen, wenn die Kredtikarte tillt oder das Kleingeld verschwindet, die Schlange immer länger, das Hupkonzert immer lauter wird und das Motorrad ums Verrecken nicht mehr von der Schranke weg zu bringen ist. Oder die allgegenwärtige Krux des Verlorengehens einzelner Gruppenmitglieder. Wie Schnellwege zur Schicksalsspur werden, erlebte ein dreiköpfiges Team aus Neuss. Unterwegs nach Korsika, kam bereits am Autobahnkreuz Walldorf ein Mitfahrer abhanden und war drei Wochen nicht mehr aufzufinden. Spätere Rekonstruktionen ergaben, dass sie sich auf Korsika oft nur wenige Minuten oder Kilometer verpasst hatten. Doch die Fügung schlug weiter zu – nicht nur, dass am Strand von Ajaccio dem zweiten die Maschine vor der Nase weggemopst wird, nein, der letzte Kumpel kommt buchstäblich auch noch zu Fall und packt sich samt Bike auf Rollsplitt in die Macchia. Noch schneller entschied höhere Gewalt über zwei Freunde aus Aidlingen, die nach dem Totalausfall einer Ténéré bei Nimes die schönsten Wochen des Jahres mit Warten auf Taxis, Werkstätten und Abschlepper verbrachten. Spätestens, als sich die verbliebene Dominator auf der Heimfahrt im strömenden Regen den einzigen Platten ihres Lebens einfängt, kommt die unweigerliche Frage auf: Wer wollte eigentlich diesen Urlaub? Puh – die Abgründe des Motorradreisens. Horrorgeschichten, die jeder kennt. Aber genau darin liegt der Reiz, in dieser Nähe von Frust und Begeisterung. Wie euphorisch die Befreiung, wenn der Schneefall am Gotthard, oder das Glatteis am Penser Joch überwunden ist. Oder das Jahrhundertunwetter im australischen Outback, das Klaus Kellner auf seiner FZR 1000 schier wegschwemmte. Wenn er jemals wieder in der Zivilisation auftauchen wollte, musste er etliche Flussdurchquerungen mit dem Sportler riskieren. »Aber danach wäre ich mit diesem Motorrad vermutlich bis zum Mond gefahren. Dich schreckt nichts mehr.« Ähnlich BMW-Pilot Jörg Dressel, der nach einem Lehrgang in Alabama eigentlich nur ein Motorrad für eine Urlaubstour kaufen wollte. Und dabei an eine verrottete Uralt-Honda für 750 Dollar geriet. Bei näherem Hinsehen eine 26 Jahre alte CB 350 Four mit abgesägter Auspuffanlage und klemmender Bremse. Mörderlaut und praktisch verzögerungsfrei, aber irgendwie geil: »Bei der Probefahrt peitschte mir der Regen ins Gesicht, der Fahrwind pfiff durch die Klamotten, und der fast ungedämpfte Motor brüllte unter mir - Hell on Wheels, dachte ich - die kaufe ich!« Nachdem er die Karre umgemeldet und vorsichtig kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung gewagt hatte, merkte er, wie ihm der winzige Vierzylinder ans Boxer-Herz zu wachsen begann. Als die Kopfschmerzen vom Lärm allmählich weniger wurden, brach er auf. Röhrte vier Wochen durch Amerika, lernte Kette schmieren, Zwölf-Liter-Tankintervalle kalkulieren, siffende Dichtungen mit dickem Motoröl auszugleichen und 7000/min als durchaus passable Reisedurchschnittsdrehzahl akzeptieren. Als es plötzlich nur noch 90 Seemeilen bis Kuba waren, hatte er fast unbemerkt den südlichsten Punkt der USA erreicht. Und eine neue Gefährtin gefunden. »Ich bin stolz und glücklich zugleich, so weit gekommen zu sein«, notiert er bewegt. Er schließt den Reigen unserer Zuschriften, die eines gemeinsam mit aller Deutlichkeit zeigen: Motorradreisen ist mehr, als einfach nur Urlaub machen. Und wer hat ihn denn nun gewonnen, den 500-Euro-Preis von den Reise-Experten des MOTORRAD ACTION TEAMS? Natürlich die größten Unglücksraben - das korsische Unfall-Klau-und-Verlierer-Team aus Neuss. Denn abgedrehter kann man nicht verreisen.

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