London Streetfighter Schluchtenflitzer

Metropole London. Schrill, dynamisch, kontrastreich. Das gilt vor allem auch für die Biker-Szene. In den Schluchten der altehrwürdigen Gebäudekomplexe liegt das Reich der Streetfighter.

Zwei winzige Scheinwerfer durchstechen mit ihrem kaltem Licht die Dunkelheit. Brennen sich wie Augen von Techno-Dämonen ihren Weg durch das nächtliche London. Von der Trasse des Highways brüllen zwei als Streetfighter umgebaute GSX-R auf die darunter liegende Straße hinunter. Die Vorderräder tanzen hoch über dem Boden, als wollten die beiden Piloten den Namen der Hochbrücke - Hammersmith Flyover - wörtlich nehmen und direkt vom westlichen Londoner Stadtteil Hammersmith Richtung Zentrum zur Chelsea Bridge abheben. Hier findet jeden Freitagabend das größte Londoner Motorradtreffen statt. Vorherrschender Maschinentyp: Streetfighter. Jene wilde, technoide Motorradgattung, die Anfang der 90er Jahre immer mehr Freunde und auch Feinde gewann. Supersportler, befreit von allem Überflüssigen wie Vollverkleidungen oder Blinkanlagen. Bestückt mit Superbikelenker, kleinen Doppelscheinwerfern, neuem Fahrwerk. Mit mehr Leistung und noch mehr Leistung. Lachgaseinspritzung steht hoch im Kurs.Ich bin mit meiner Triumph Speed Triple T509 ins Streetfighter-Mekka London gereist, versinke im Hotel »Slavia« am Pembridge Square im Bett und lausche der kleinen Londoner Freitagnacht-Musik, den nimmermüden Sirenen von Polizei- und Rettungsfahrzeugen. Am nächsten Morgen: Sonnenschein. Selbst an der Themse ist nichts vom Londoner Nebel zu sehen. Die vier weißen Schornsteine der markanten, altehrwürdigen Battersea Power Station an der Chelsea Bridge gleißen in der Sonne wie die hochgereckten Gebeine eines in der Wüste verendeten Kamels. Ich stelle die Triple am südlichen Ende der Brücke vor Steves Snack Wagon ab. Steve, der kurzgeschorene Betreiber der Pommesbude, wirkt noch müde: »Letzte Nacht war hier wieder die Hölle los. 1500 Bikes, Rennen, Stunts - das ganze Programm.« Er deutet auf seine Honda CB 900 Custom, ein US-Import mit zehn Gängen: »Davon gibt«s nur sechs oder sieben in England.« Das stumpfgrüne Bike mit becherförmigen Doppelleuchten und mattschwarzem, ultrakurzem Auspuff ist ein verdammt brutaler Streetfighter. Beim Soundcheck brüllt es als säßen zornige Löwen im Motor. »Um Custom Bikes und Streetfighter zu sehen, musst du morgen raus nach Box Hill und heute Nacht nach Soho. In der Bar Italia treffen sich immer ein paar Jungs mit hochgetunten Race-Bikes.« Race-Bikes klingt wie »Rais Boiks«. Das »Boiks« werde ich an den folgenden Tagen noch oft hören. Zwei mutierte CBX rollen heran und stoppen. David und Dave sind begeisterte Sechszylinder-Freaks. Die schwarze CBX des gebürtigen Schotten Dave hat etwas von einem abgespeckten Rat-Bike. Ein schwarzer Sechs-in-eins-Auspuff, ein Martin-Rahmen, eine 180er-Hinterraddecke und eine bis auf den Cockpit-Rest weggeschnittene Verkleidung. Die blau-weiß-schwarze Lackierung mit Glitzeraufschriften gibt dem Motorrad etwas Roh-Verspieltes. »Die Ölschläuche sind schlecht verlegt, die brennen dir zwar die Oberschenkel weg«, erklärt Dave trocken, »sind aber im Winter eine gute Heizung.« Ich mache mich auf den Weg nach Soho. Im klassischen Vergnügungsviertel Londons locken zahllose Pubs, Bars und exotische Restaurants, deren Betreiber vielfach aus den ehemaligen Kolonien stammen. Vor den angesagten Drum `n´ Bass- und TripHop-Clubs warten die Tanzwilligen, bis der Türsteher Einlass gewährt. An der Bar Italia in der Fifth Street stehen ein paar Ducati. Von Streetfightern keine Spur. Ein Rasta-Man steigt von seiner nackten, arg geschredderten GSX-R 750. Wohl ein im Umbau befindlicher Streetfighter. »Nein, nur unsanft abgestiegen, und das hat mir die Verkleidung gekostet. Richtig geile Kisten siehst Du morgen am Box Hill bei Dorking«, klärt mich der Fahrer auf. Am nächsten Tag stehe ich am Box Hill. Seinen Namen verdankt der Hügel den Buchsbäumen - englisch Box Trees -, die ihn bedecken. Einige hundert Bikes sind auf dem Parkplatz bei Rykas Café am Fuße des Hügels aufgereiht. Das Treffen hat etwas Familiäres – etliche Eltern bestaunen mit ihren Sprößlingen die vielen Eigenbauten bestaunen, und picknicken anschließend zwischen den Buchsbäumen auf der Wiese vor Rykas.Die Jacke des sechzigjährigen Parkplatzwächters ist übersäht mit Motorradclub-Aufnähern. Mit einem Absperrschild führt er den aussichtslosen Kampf, einen Teil des Platzes für Ausflugsbusse freizuhalten. Schließlich versetzt er sein kleines Sperrschild Schritt für Schritt, um der Flut von Motorrädern Platz zu machen.Hier finde ich endlich einige Streetfighter-Klassiker. John hat seine Honda CB 750 F Freddy Spencer Replica im Originalzustand belassen. Jedenfalls die Tank-, Seitendeckel- und Sitzbankkombination inklusive silberner und blauer Originallackierung aus den achtziger Jahren. In dem Rahmen brüllt jedoch ein getunter 900er-Motor. Zwei Ölkühler, wovon einer wie ein Metallbrikett unter den obligaten Doppelscheinwerfern hängt, sind mit dicken Ölschläuchen verbunden. Eine überdimensionale Upside-down-Gabel vorn, riesige Bremsscheiben und eine spezielle Kastenschwinge hinten, die einen 180er-Reifen zwischen ihren Holmen aufnimmt, lassen das Bike ein bisschen wie einen Monstertruck wirken. Steve hat um den Basismotor einer Suzuki GSX-R 1100 ein komplett neues Motorrad gebaut. Steve ist aus der Branche, fertigt eloxierte Schrauben und Verbindungsstücke und beliefert den Edeltuner Harris. »Harris mußt Du unbedingt besuchen«, rät er. Bei meiner Frage, was er von der Triumph Speed Triple hält, spricht bereits der Blick über den Rand seiner Sonnenbrille schon Bände: »Das ist genauso wenig ein Streetfighter wie eine Virago ein Chopper.« Bobby Bains GSX-R 1100 dagegen ist ein waschechter Streetfighter. Mit quitschgelben Felgen, Scheinwerfern, so klein wie Mini-Maglites und einer großen Flasche Lachgas am Heck. Er will mir sein Power-Bike vorführen. Rund um Box Hill ist jedoch zu viel Polizei, so dass wir in die Umgebung ausweichen müssen. Als ich bereits mit weit über 100 km/h neben Bobby fahre, zeigt der auf sein Hinterrad, löst eine Lachgaseinspritzung aus und legt einen astreinen Burn-out hin. Mitten während der Fahrt zieht der dicke 190er-Schlappen einen schwarzen Strich. Ich versuche mitzubeschleunigen, aber gegen aber gegen gut 190 aufgeladene PS kommt die T 509 natürlich nicht an.Beim Trip zurück nach London frage ich mich, ob Bobby ein Psychopath ist. Er fährt durch den dicksten Stadtverkehr wie der Teufel. Auf autobahnähnlichen Einfallstraßen nutzt er selbst Lücken zwischen Leitplanken, um über die freiere Gegenfahrbahn schneller voranzukommen. Alle drei Meilen schaut er sich nach mir um, denn natürlich hat er weder Rückspiegel noch Blinker an seinem »Boik«. Schließlich stoppen wir in den Docklands am Canary Wharf, dem größten Gebäudekomplex Europas. Ich will nicht wie ein Weichei erscheinen, frage Bobby dennoch, warum er so fährt. »Vor meinem Job als Honda-Shop-Manager war ich Motorradkurier.« Das erklärt einiges, denn wer die Kuriere, meist auf alten Brot- und Buttermotorräder wie der Honda CX 500 unterwegs, beim Surfen durch das Londoner Straßengewirr beobachtet, der weiß, wer die wahren Streetfighter sind. Am nächsten Morgen schlage ich mich durch den dicksten Londoner Montagsverkehr nach Norden. Wie im Sog von Bobby klappt es zwar nicht, aber man passt sich an. Im Londoner Verkehr scheint es nur ein Motto zu geben: Nie unnötig stehenbleiben! Ansonsten verzeihen einem die Autofahrer fast alles. In Hertford bei der Edelbike-Schmiede Harris angekommen, steht eine ältere Dame in der unscheinbaren Werkhalle und hält einen Harris Magnum 5-Rahmen fest. Miss Onions fachsimpelt mit einem Mechaniker über falsch montierte Schwingenaufnahmen. Als sie meinen erstaunten Blick bemerkt lacht sie: »Mein Sohn James fährt Rennen, arbeitet und hat wenig Zeit. Ich fahr schon öfter mal für ihn her und hol was ab.« Es ist meine letzter Abend in London. Ich stehe vor einem Plakat von Kultfigur Mr. Bean. Mit dem Sound eines startenden Düsenjägers jagt ein Bike an mir vorbei, kehrt um und stoppt vor mir. Wir flachsen herum. »Was habt ihr Jungs eigentlich so für Jobs?« will ich wissen. »Ich bin Straßenbauingenieur in Hatfield und dort für die Verkehrsberuhigung zuständig«, sagt der Fahrer lächelnd. Beruhigend zu wissen.

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