Lothringen Jetzt ist Feierabend

Galt das Kohle- und Stahlrevier Lothringens lange als graue Maus neben dem hübschen Nachbar Elsass, so ist Industriekultur inzwischen durchaus salonfähig. Prächtige Städte wie Metz oder Nancy sind es sowieso. Und weites Bauernland plus Naturparks rundum bieten ideale Fluchtwege ins Grüne.

Foto: Daams

Der Kugelschreiber umkringelt sorgfältig die Hochöfen von Lorfonte und das Hüttenwerk von Richemont im Reiseführer. Nichts gegen die hübschen Fachwerkdörfer oder Vogesenhügel der Nachbarkapitel, doch bei einer Exkursion unter dem Motto »Abenteuer Arbeit und Natur im Kohlerevier des Bergwerks Carreau Wendel« rangiert die Postkartenidylle erst an zweiter Stelle. Also noch ein Kringel an das Kapitel über die Eisen- und Stahlindustrie Lothringens, bevor das Buch endlich in den Koffer der Buell Ulysses wandert.
Die wenig später mit Tacho 190 auf der A 1 die Nackenmuskeln stählt und durch die Eifel in Richtung Saarland eilt. In Völklingen taucht die Abendsonne dekorativ die verschlungenen Buell-Krümmer in rote Glut, während rundum mit alten Hüttenwerken der Erstkontakt zur Industrie stattfindet. Wir sind bereits mittendrin im Thema Arbeit und Natur. Fast unbemerkt fliegt die französische Grenze vorbei, ein paar Kühe flüchten vor dem brüllenden Sound des Zweizylinders, Kanuten schaukeln auf den Wellen der Nied – tiefer Friede allenthalben. Dass es in dieser Region – Verdun liegt kaum 100 Kilometer entfernt – nicht immer so war und der nördliche Teil Lothringens samt dem Elsass zeitweise zu Deutschland gehörte, ist traurige Geschichte. Hackenberg, größtes Fort des Verteidigungswalls der Maginotlinie, die Burgen von Malbrouck und Sierckles-Bains geben Zeugnis davon. Zusammen mit Rodemack, einem der vielen charmanten Dörfer Frankreichs, flankieren sie die Route. Als moderne Beigabe und garantiert unübersehbar ragen aus der lieblich-hügeligen Mosellandschaft die vier mächtigen Kühltürme des AKWs Cattenom.
Keine einfache Region für die Quartiersuche. Hotels sind Mangelware in diesem Niemandsland nahe der luxemburgischen Grenze – und die wenigen auffindbaren »complet«. Aumetz präsentiert sich ausgestorben wie eine Geisterstadt nach dem Goldrausch. Also weiter nach Thionville, wo die Dreh­momentwoge der Ulysses bis in die City trägt, zum Volksfest auf der Place de la Liberté, das an die Cranger Kirmes im heimischen Ruhrpott erinnert. Arbeit und Freizeit, Maloche und abhängen – eine »Ehe«, die für die Kumpel in Lothringen bis 2004 hielt, als im Kohlebergbau endgültig Schicht war. Die letzte von ehemals sechzig Eisenerzgruben schloss bereits 1993. Bis dahin hat man in gut hundert Jahren etwa drei Milliarden Tonnen sogenannter Minette abgebaut, olithisches Eisenerz mit geringem Eisengehalt, das auf 120 Kilometer Länge von Haye bis nach Luxemburg in den Gesteinsschichten der Moselhöhen lagert. Verwendet wurde das Eisen übrigens auch am Eiffelturm, für den die Stahlwerke von Pompey einst 7300 Tonnen Material lieferten. Der Krise, bedingt unter anderem durch die Konkurrenz eisenhaltigerer Importerze, begegnete man durch Ausweitung des Produktionssortiments sowie Investitionen in neue Technologien, sodass lothringischer Stahl heute auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig ist.

Am nächsten Morgen geht’s ins Freilichtmuseum der Eisenerzgruben von Neufchef, etwa zehn Kilometer südwestlich von Thionville bei Hayange. Hayange könnte auch Duisburg-Hochfeld sein. »Du bist keine Schönheit...« Okay, die Liebeserklärung gilt Bochum und ist von Grönemeyer. Aber sie passt hier ebenfalls. Düsterbraun ragen aus der funktionalen Skulptur eines Stahlwerks – das übrigens die Schienen für den TGV produziert – drei Türme wie Raketenrampen empor. Gleich daneben blüht ein wahres Zechenhäuser-Schrebergarten-Idyll, und im Schatten der die Stadt überspannenden A 30 verheißen die ungeschminkten, beige-grauen Fassaden der »Discotheque Decibel« und des Club »Prive Syracus« trotz aller Tristesse ein Leben voller Farbe. Mit solcher untrennbar und lebenslang kunstvoll verbinden kann wiederum das »Underground Tattoo Studio« in der Rue de Verdun.
Langsam wird’s richtig schön und typique française. Die Hitparade dröhnt aus den offenen Bars und Autofenstern, lautstark begleitet von DJs mit locker 14000 Silben pro Minute. Und über allem der Blues der orange leuchtenden Buell, unterstützt vom vorsorglich-vorlauten Summen des Ventilators für den hinteren Zylinder.
Ein paar Kilometer Sonntagnachmittagsverkehr an der Mosel, fünfter Gang, 2500 Touren, das passt fürs Erste. Voll bremsung plötzlich in Ars-sur-Moselle, wo auf dem Bürgersteig ein silbriges Unikum für einen Exkurs in »Die Kunst, zusammen mit Motorrädern alt zu werden« sorgt. Die 250er-Peugeot Moto Comfort von 1955 ist der ganze Stolz des 60-jährigen Robert Buniet. Der sich gerade mit seinem Freund und Nachbarn René Maguin unterhält. Maguin ist 75 Jahre alt und hat fast die Hälfte davon als Autoverkäufer bei Simca und Peugeot gearbeitet. In seiner Garage bunkert er Schätzchen wie eine 125er-Moby Sport und eine handgeschaltete 125er-Motobecane aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Auf den Regalen diverse Dosen Bleizusatz plus eine Kollektion zeitgenössischer Halbschalen für den Kopf. Auf ein erfülltes Leben, au revoir und bonne route.

Kaum noch Verkehr, dafür mehr Felder, mehr Korn, mehr Himmel und im Tal der Rupt de Mad allmählich auch mehr Drehzahl. Am Lac de Madine breitet sich ein weites Waldgebiet aus. Mittendrin der 1100 Hektar große See und jede Menge historischer Schauplätze: auf der Kuppe des 375 Meter hohen Butte de Montsec eine als antiker Tempel getarnte US-Gedenkstätte des Ersten Weltkriegs, in der Nähe die Ruinen von Grand, einer ehemals großen römischen Stadt, in deren Thermalan­lagen der Gott der Genesung, Apollon Grannus, verehrt wurde. Und in Domrémy-la-Pucelle schließlich das Geburtshaus von Jeanne d’Arc, französische Nationalheilige und vermutlich prominenteste Lothringerin.
»Vous cherchez quelque chose?« reißt mich charmant eine Autofahrerin aus dem Kartenstudium an der T-Kreuzung von D 12 und D 908. Was ich suche? Eine möglichst ideale Mopedrunde für die Abendstunden. Doch die findet sich in diesem hügeligen Geläuf mit dem leicht übertrieben Zusatz »Lothringer Schweiz« auch ohne fremde Hilfe. »Eriks Land« würde auch gut passen. Als sei die Ulysses vom Meister Erik Buell himself hier abgestimmt, donnert sie entfesselt über die schmalen Departementsträßchen D 101, 106 und 107, schlägt Haken wie ein Hase und treibt das Glücksbarometer in enorme Höhen. Nur »zum Hören« mal zwei, drei Gänge runterschalten und dann wieder hochdrehen, bis sich am Wegesrand die Getreidehalme biegen.
Gut, dass es für den postpubertären Ausbruch keine Zeugen gibt. An der ehemaligen Prämonstratenserabtei vorbei zur Pont-à-Mousson ist alles wieder ins umweltverträgliche Mittelmaß einjustiert. Schließlich ist der Klosterkomplex Sitz des Europäischen Zentrums für sakrale Kunst... Alternativ bietet sich bei Blénod im Ortsteil Jezainville eine schwer industrielle Gedenkminute an: ein Fabrikareal mit Röhren wie die Tentakel eines Riesencalamar.
Der nächste Tag ist Sonntag und beginnt mit »Gottesdienst« auf Eurosport: Rossi beim MotoGP von Mugello. Währenddessen schiebt Petrus in Lothringen nur die Regenwolken an den Start. Ein Tag wie geschaffen für einen Abstecher in die Kunst- und Jugendstilmetropole Nancy. Am prächtigen Place Stanislas bieten gottlob die großen Schirme der Straßencafés Schutz. Die Wahl fällt auf das Grand Café Foy, das tropfende Handgepäck leicht saugend auf den Nebenstuhl. Rundum vergoldete Gitter, feudale Fassaden. Der Prunk resultiert vom polnischen König Stanislaus Leszczynski, der – zu Hause entthront –, durch die wunderbaren Wirren der Heiratspolitik des 18. Jahrhunderts zum Herzog von Lothringen wurde und dort 30 Jahre lang als Baumeister die Stadt gestaltete.

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Foto: Daams

Auf Südostkurs geht es raus aus Nancy, vorbei an St. Nicolas-de-Port mit seiner spätgotischen Basilika und dem französischen Brauereimuseum – beides thematisch heute nicht in der ersten Startreihe – nach Dombasle-sur-Meurthe. Angler und Jogger bevölkern dort die Fluss-Idylle, dahinter »Solvay Carbonate France«, die wichtigste Sodafabrik Frankreichs. Ihre Kalk-öfen gehören zu den größten der Welt. 1,4 Millionen Tonnen Steinsalz werden jährlich auf dem nahen Plateau von Haraucourt gefördert und in Dombasle verarbeitet.
Freies Fahren schließlich östlich der Mosel zwischen Nancy und Metz auf einem dicht gewobenen Geflecht unscheinbarer Nebenstraßen. Bei Velaine-sous-Amance zwitschern Vögel, Kühe weiden auf den Wiesen bei Sivry, und am Firmament cruisen endlich Wolken in Schönwetterformation. An der D 44 bei Serrières ragen wie zweieiige Zwillinge ein stählerner Strommast und ein eisernes Wegekreuz in den inzwischen strahlend blauen Himmel. Im freien Raum unter dem Gekreuzigten vollendet in gleichermaßen tödlicher wie ästhetischer Prä­zision eine Spinne ihr Netz. Arbeit und Natur. Das faden­produzierende Insekt als Wappentier einer Region? Selbst in Frankreich vielleicht etwas zu revolutionär. Bereits seit 1430 ziert das Croix de Lorraine, das zweibalkige Lothringer Kreuz, die Landeswappen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zum Symbol der französischen Résistance und Exil-Regierung unter Charles de Gaulle.
Bei Eply duftet es nach Land, und die ganze Szenerie erinnert an die Düffelt am unteren Niederrhein. Wo findige Filmemacher vor Jahren mal den Leuten erzählten, sie hätten gehört, das Paradies läge ganz in ihrer Nähe; ob man wisse, wo genau? Kaum ein Niederrheiner, der darauf keine detaillierte Beschreibung gehabt hätte. Dürfte im ländlichen Lothringen ähnlich sein. Und die weißen Rinder von Raucourt in Wahrheit verwunschene Prinzessinnen...

Leider hilft die Romantik kein bisschen bei der Hotelsuche. Also weiter nach Metz, der Hauptstadt Lothringens. Was für eine Überraschung! Eine Fülle alter Kirchen, Bürgerhäuser und Brücken, ein Mix aus mittelalterlichem Flair und moderner Wuseligkeit. Und über allem unvergleichlich die gotische Kathedrale St.-Etienne mit ihren leuchtenden Fenstern von Marc Chagall. Wenn schließlich noch alle 13000 Lampen und Strahler die Lichtermetropole Metz in ihren heimeligen Schein tauchen, dann hält die Romantik auch in der Großstadt Metz Einzug. Für die profanen Dinge des Lebens sorgt das zentral gelegene Hotel Kyriad und vis-à-vis das Kebab-Restaurant Berfin – mit dem besten Döner der Stadt, wie der Meister am Drehspieß stolz verkündet, und dankenswerterweise Öffnungszeiten bis in die frühen Morgenstunden.
»Dies ist der Fräskopf einer Schrämaschine, mit der unter Tage die Kohle abgebaut wurde. Die ganze Maschine misst 13 Meter und wiegt 83 Tonnen«, erklärt Fremdenführer Roland Heckel auf dem Gelände der Grube Carreau Wendel, deutschsprachig, wie viele Lothringer der Grenzregion. Begonnen hat der Kohleabbau in dieser Zeche bereits 1856, benannt übrigens nach der französischen Fabrikantendynastie de Wendel, welche die Grube in ihr Imperium aufnahm und zum Großunternehmen ausbaute. Nach einer wechselvollen Geschichte, in der das lothringische Kohlebecken als steter Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich mehrfach auf unterschiedlichen Seiten der Grenze lag, wurde Wendel 1945 verstaatlicht. Eine gründliche Modernisierung ließ die Förderkapazität auf das Dreifache der Vorkriegsjahre anschwellen. Bis zur Blütezeit in den 1960er Jahren und dem Abbau von bis zu 10000 Tonnen Kohle täglich. Zum Vergleich: Im saarländischen Verbundbergwerk Ensdorf, eine der verbliebenen acht deutschen Zechen, werden heute 24000 Tonnen Steinkohle pro Tag gefördert.

Als 1986 die zugänglichen Kohlevorräte erschöpft waren, schloss die Grube Carreau Wendel nach 130 Jahren die Werkstore. Und öffnete sie 2001 wieder. Nun als staatliches Industriemuseum, dessen weitgehend erhaltene Abbauanlagen einen realistischen Einblick der Arbeit unter wie über Tage vermitteln. Einzigartig in Frankreich und echt beeindruckend.
Kohlenwäsche, Fördertürme, Maschinenhallen, Zechenloks – alles noch da, als hätte ein Riese überstürzt seinen Spielplatz verlassen. Oder als wären gerade große Ferien, denn es ist menschenleer. Von den zuletzt 2800 Arbeitern sind nur wenige geblieben: 50 betonieren die alten Schächte zu, acht arbeiten im Museum. Kurz vor Schluss poltert ein musealer Trecker vorbei, krabbelt wie ein roter Käfer aus einer der toten Hallen ans Licht. Beim Abschied schließt plötzlich eine 125er-Shadow neben die Ulysses auf und leistet ihr ein paar Meter Gesellschaft. Im Sattel und kaum wiederzuerkennen Jean Claude Weyland, der 60-jährige Fahrer des roten Treckers, der gerade in den Feierabend cruist. Glück auf in Carreau Wendel!

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