Lothringen Notizen vom Nachbarn

Das als trist und grau geltene Lothringen bietet ungeahnten Raum für spannende Entdeckungstouren - auf der Straße und in die Geschichte.

»Wenn ihr nach Frankreich reinkommt, gleich rechts, noch vor der ersten Pappel.« Jürgens Wegbeschreibung zu seinem lothringischen Domizil in Schreckling scheint in ihrer Unkompliziertheit kaum schlagbar. Tatsächlich aber liegen die Dinge nicht ganz so einfach. Denn wer sich, umgeben von wogenden Feldern, völlig dem Kurvenrausch hingibt, übersieht leicht, wo Deutschland endet und Frankreich anfängt. Unverkennbare Grenzsignale wurden längst abgeschafft. Statt dessen lauern französisch klingende Ortschaften wie Beaumarais auf deutscher, deutsch anmutende wie Heining, auf französischer Seite. Als wollten sie jegliche länderbezogene Orientierung im Keim ersticken. Keine Frage, Europas Grenzen sind am Schwinden.In der Ortschaft Leidingen registriere ich verblüfft die Schilder links und rechts der Straße. »Route de la frontière« ist auf der einen Seite zu lesen, »Neutrale Straße« auf der anderen. Offensichtlich rollen wir auf der unsichtbaren Trennlinie zwischen Frankreich und Deutschland, die mitten durch das kleine Dorf verläuft. Eine deutsch-französische Nachbarschaft im engsten Sinn des Wortes. Staatsgrenzen, die sich lediglich in zwei Straßenschildern zu manifestieren scheinen, verschwinden zur Bedeutungslosigkeit. Es sei denn, es stellt sich die Frage nach dem richtigen Weg. Versucht man es auf Deutsch oder besser auf Französisch? Mein in schulische Höflichkeitsfloskeln gebettetes » parlez-vous francais ou allemand?« erntet ein herzliches Grinsen. »Mir kenne alles«, antwortet der ältere Herr und zeigt uns die Richtung. »Da lang. Nach Schreckling, das sin à-peu-près zwei Kilometer.« Am Ortsausgang von Leidingen lugen verwitterte Grenzsteine vergangener Epochen aus den Feldern, - dekorative Relikte einer anderen Zeit.Dann kommt die Pappelallee in Sicht. Vor dem ersten Baum rechts rein. Dort also lebt Jürgen, ein alter Bekannter, der mich in den nächsten drei Tagen durch Lothringen führen will. Sein Hund läuft mir laut bellend entgegen, und die drei Katzen Paula, Emmi und Hintz turnen ausgelassen über die Efeuranken an dem lothringischen Bauernhaus in Richtung Scheune, wo neben zwei antiken Traktoren eine in Deutschland zugelassene BMW und eine mit französischem Nummernschild bestückte Guzzi ein durchaus harmonisches Bild abgeben. Von harmonischem Miteinander konnten die Einwohner dieses Landstrichs lange Zeit nur träumen. Jahrhundertelang hat der Saargau bis nach Saarlouis zu Lothringen gehört. Dann hat man mittendurch die Grenze gezogen, als Auftakt eines unermüdlichen Hin- und Hergezerres zwischen Frankreich und Deutschland. In weniger als hundert Jahren wüteten drei Kriege, die deutsch-französische Grenze wurde viermal verschoben. Genauso oft änderte sich die Nationalität der Bewohner, als hätte ihnen die große Politik eine Art Wechselkennzeichen verordnet.Zu Beginn unserer Tour führt er mich noch einmal durch Leidingen, wo mir Jürgen den Gemeindebürgermeister vorstellt. »Das waren schwierige Zeiten damals«, erklärt Monsieur Théobald. Aber die Dorfbewohner hätten zusammengehalten, egal ob man gerade französischer Staatsbügrer war oder deutscher. Er zeigt auf die andere Straßenseite, wo unsere Motorräder parken und wo Deutschland beginnt. Kurz vor Kriegsausbruch wurde die Dorfbevölkerung auf beiden Seiten evakuiert, sonst hätte die irrwitzige Grenzziehung groteske Ausmaße angenommen. Sie hätten wohl aufeinander schießen müssen. Von Haus zu Haus, von Nachbar zu Nachbar, der Onkel auf den Neffen.Wir verabschieden uns, starten die Motorräder und sind endlich unterwegs. Vorbei an neongelb leuchtenden Rapsfeldern folgen wir der kerzengeraden D 918 nach Bouzonville. »Soll noch einer sagen, Lothringen besteht nur aus Fabrikschloten und Schlachtfeldern.« Jürgen plaziert seine rote GS vor einem riesigen Margeritenfeld. Im Hintergrund der gelungenen weiß-roten Farbkomposition erstreckt sich eine sanfte, mit blühenden Obstbäumen übersäte Hügellandschaft. Wir geben wieder Gas - und kommen kaum weiter: Bereits nach wenigen hundert Metern Fahrtwind dringt der magnetisch wirkende Duft von frischem Baguette in unsere Nasen. Auch wenn wir erst ein paar Minuten unterwegs sind, ein Besuch beim Bäcker muß sein. Schon wegen der cremegefüllten Madeleines, einer typischen Lothringer Spezialität.Eine schmale, mit Kuhfladen verzierte Fahrbahn führt uns von Bouzonville weiter nach Norden. Die Verursacher des rutschigen Staßenbelages lauern hinter dichten Büschen, um in unerwarteten Momenten, die Straße kreuzend, ihren Heimweg in die Ställe anzutreten. Madonnenfiguren und Wegkreuze tauchen am Straßenrand auf. Manche in betonter Schlichtheit, andere wild verziert mit bonbonfarbenen Ornamenten. Weitaus ungewöhnlichere Objekte erscheinen hinter der nächsten Straßenbiegung. Obelisken in Lothringen? Was auf den ersten Blick an die Heimat von Asterix und Obelix erinnert, entpuppt sich als Bildhauersymposium »Steine an der Grenze« zwischen Wellingen, Launstroff und Scheuerwald. Künstler aus aller Welt hämmerten Pyramiden, Hinkelsteine und andere archaische Steingebilde entlang der deutsch-französischen Grenze, als Ausdruck unsichtbarer Barrieren, die es trotz verwischender Staatsgrenzen nach wie vor zu überwinden gilt. Ein schmaler Feldweg führt holprig über die weite, menschenleere Ebene. Ein Traktor tuckert gemächlich über die Felder, hin und wieder verdeckt durch ein aus der Erde ragendes Steinmonument. Beim Dreiländereck Frankreich, Deutschland und Luxemburg verengt sich das Moseltal. Den strategischen Wert dieser Stelle erkannten bereits die Römer, die hier eine Festung anlegten, das heutige Sierck les Bains. In der träge dahinziehenden Mosel spiegeln sich Wolken, Bäume und die Konturen einer trutzigen Burg, die hoch über dem unter Felsen eingezwängten Ortskern thront. Ein schmales Asphaltband schlängelt sich am Flußufer entlang ins nahegelegene Schengen, dem winzigen luxemburgischen Ort mit großer Bedeutung für Europa. »Man fragt sich, wo die hier getagt haben sollen«, grübelt Jürgen, »wahrscheinlich mußte ein Festzelt aufgeschlagen werden.« Wie auch immer das Schengener Abkommen zustandegekommen ist, die Zollschranken sind Vergangenheit. Am gegenüberliegenden Ufer gedeihen die Trauben für die beliebten Mosel-Weine.Köstlichkeiten gibt es aber auch diesseits des Flußes. Aufgrund seiner kulinarischen Spezialitäten hortet Lothringen geradezu die Sterne des Guide Michelin. Außerdem steht eine murmelgroße gelbe Frucht ganz oben auf der Hitliste der Gaumengenüsse: die Mirabelle. Da keine zweite Region mit einer vergleichbaren Dichte an Mirabellenbäumen existiert, findet man das kleine Früchtchen in allen erdenklichen Varianten. In der Auberge de Klauss in Montenach schwappt es zu Brandwein verarbeitet in einer meterhohen Glaskaraffe. Im Rahmen einer fast andächtigen Zeremonie füllt der Herr des Hauses die bereitstehenden Gläser. Wir verzichten dankend. Um unsere hartnäckige Abstinenz vollends auf die Probe zu stellen, führt uns der Maitre de cuisine in seinen Weinkeller. In diffusem Dämmerlicht lagern wertvolle Weine und mit Spinnweben bedeckte Armagnacflaschen. Behutsam wird der Staub von den Etiketten entfernt - 1895 und 1898 steht da zu lesen. »Es is e Schann«, Monsieur Keff berichtet von Gästen, die den Wein »einfach so« zum Essen runterkippen. Die besonderen Weine könne er niemals auf diese Art verschwenden. »Den Wein«, flüstert er respektvoll, »den muß man zelebrieren «. Doch wir ziehen momentan den frischen Fahrtwind entlang der französisch-luxemburgischen Grenze vor. Die Qualität der Straße veranlaßt Jürgen zu einem sportlich orientierten Fahrstil. Doch Fahrspaß hin oder her, die Landschaft ist viel zu hübsch, um sie ungeachtet vorbeiziehen zu lassen.Ein mittelalterliches Stadttor führt in die malerischen Gassen von Rodemack, des »petite Carcassonne lorraine«. Schon beim Anblick der sechshundert Meter langen Stadtmauer erinnert die kleine Ortschaft an das echte Carcassonne am Fuß der Pyrenäen. Problemlos manövrieren wir die Motorräder durch den engen, restaurierten Torbogen, der ursprünglich aus dem achten Jahrhundert stammt. 1944 sahen sich die amerikanischen Truppen gezwungen, diesen wunderschönen Ortseingang teilweise wegzusprengen: Mit ihren Panzern gab es kein Durchkommen an dieser Stelle.Langsam tuckern wir durch den Ort, entdecken ein charmantes Staßencafé. Helm ab, Jacke aus, die Sonne auf der Haut genießen. Obwohl nur einen Steinwurf von Deutschland entfernt, fühlen wir uns wie in den tiefsten Süden Frankreichs versetzt. Und bedauern, daß wir nicht im Juni hierher gekommen sind. Denn dann werden in Rodemack jedes Jahr die Uhren zurückgedreht, feiern Edelmänner, Gaukler und Künstler ein farbenprächtiges mittelalterliches Fest im Schatten des Schloßes.Im schwindenden Licht der Abendsonne tauchen völlig unvermittelt vier qualmende Kühltürme zwischen den Rapsfeldern auf: das Kernkraftwerk Cattenom - auch nur einen Steinwurf von Deutschland entfernt. Mal am Netz, mal im Aus, hat es in seiner Umstrittenheit einen wesentlichen Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft geleistet. Seit Jahren schwingen Atomkraftgegner beider Staaten mit vereinten Kräften die Transparente. Mit seinem grellen Lichtermeer gleicht die nahegelegene Ortschaft Cattenom einem »petit Las Vegas lorraine«. Fehlt nur die quirlige Geschäftigkeit der amerikanischen Spielerstadt. Gleißend hell erleuchtet, aus welchem Grund auch immer, verströmen die menschenleeren Straßen eine gespenstische Atmosphäre. Ein strahlender Sonnenaufgang weckt uns am nächsten Morgen. Ein kurzes Frühstück, dann lotst uns Jürgen zielsicher durch ein unübersichtliches Netz winziger Sträßchen Richtung Thionville. Wolkenloser Himmel, dichtbewaldete Hügel, Kurven ohne Ende - ein perfektes Arrangement. Plötzlich aber lugt ein Panzer aus dem Straßengraben hervor. Das auf den ersten Blick vollkommen deplaziert wirkende Objekt markiert den Eingang zu einem der wichtigsten Befestigungswerke der Maginotlinie - einer 1929 bis 1932 errichteten Verteidigungslinie der französischen Nordostgrenze - Fort Hackenberg bei Veckring. Tief drinnen im Bauch des mit dichten Wald überzogenen Hackenbergs empfängt uns eine weitläufige Anlage. Unheimlich, kalt und klamm verlieren sich die vernetzten Hohlgänge in der Tiefe des Berges. »Über tausend Männer waren hier unten stationiert«, Monsieur Varoqui öffnet eine schwere knarrende Eisentür, hinter der ein Sammelsurium alter Uniformen und Stahlhelme zum Vorschein kommt, »und ein Jahr lang hat man auf den Angriff der deutschen Truppen gewartet, die dann das Land in wenigen Wochen überrannten.« Durch dichtes Gestrüpp holpern wir nach einer Weile auf den Gipfel des von außen recht idyllisch wirkenden Hackenbergs, wären da nicht die von Moos und Gebüsch überwucherten Kampf- und Beobachtungsblöcke, die wie Geschwüre aus seiner Oberfläche sprießen.Zwischen Thionville und Metz erleben wir Lothringen aus der Autobahnperspektive. Links und rechts der Fahrbahn erscheinen gespenstisch wirkende Fördertürme, Hüttenwerke und Kokereien. Kohle und Stahl machten die Region einst zum Zankapfel internationaler Interessen und verpaßten ihr in jüngerer Zeit das ramponierte Image einer tristen, grauen Einöde. Mit seinen vergoldeten Toren, Prunkbauten und Götterstatuen ist unsere nächste Etappe von grauer Tristesse dagegen um Lichtjahre entfernt. In Nancy protzt Lothringen mit ungewohnt verschwenderischer Pracht. Durch ein Labyrinth von Einbahnstraßen arbeiten wir uns umständlich zum Place Stanislas vor. Benannt nach seinem Erbauer, dem Polenkönig Stanislas Lesczinsky, gilt er als einer der schönsten Plätze Europas. Was macht ein Polenkönig in Lothringen? Nun, nicht allzu viel. Als Herzog von Lothringen kompensierte der beleibte König seinen Mangel an politischer Macht in seinem Faible für die gute Küche und in einer regelrechten Bauwut. Staunend begutachten wir die Resultate seiner dreißigjährigen Herrschaft, umgeben vom lärmenden Treiben eines internationalen Publikums. Längst hat sich Nancy zu einem Besuchermagneten entwickelt, nicht zuletzt durch seinen Ruf als eines der bedeutendsten Zentren des Jugendstils. Der quirlige Betrieb der Jugendstilmetropole weckt bei Motorradfdahrern jedoch bald das Bedürfnis nach ländlicher Idylle. Der Weg zurück nach Schreckling ist noch einmal ein Traum aus vielen Kurven. Durch unsere geöffneten Visiere strömt wieder der intensive Geruch von Wiesenblumen und Feldern. Dann brausen wir über das zwischen Mosel und Saar gelegene Plateau Lorraine, überrascht von einem im Zentrum Europas selten spürbaren Gefühl von Einsamkeit und Weite. Kaum Verkehr und praktisch keine Touristen. Lothringen, jahrhundertelang überrannt von säbelschwingenden Haudegen, gönnt sich und uns eine Auszeit - hinter einem Schutzwall aus trüben Klischees.

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