Lüneburger Heide Die Farbe Lila

Was den Franzosen der Lavendel, ist den Deutschen die Heide: beides irgendwie lila, fast zumindest, und irgendwie Kult. Der Nordlicht-Tipp in Sachen kurvenfreiem Relaxen.

Foto: Eisenschink
Lüneburger-Heide-Tour, MOTORRAD 19/2003
Lüneburger-Heide-Tour, MOTORRAD 19/2003
Hinter einer lang gezogenen Kurve begegnen wir uns zum ersten Mal. Dabei wollte ich der Bimota gerade richtig die Sporen geben, doch dann muss ich voll in die Hebel langen, um nicht in sie hineinzufahren: Heidschnucken, hunderte, und alle glotzen auf mich. Auch der Schäfer blickt unter der Hutkrempe vorwurfsvoll zu mir rüber, ruft irgendwas, woraufhin seine beiden Hunde die Schafherde über die Straße treiben. Schwarz, braun oder schmutzig-weiß sind sie, zottelig dazu, und sie trotten so gemächlich weiter, als wüssten sie, dass ihnen hier keiner was kann. Denn die Schnucken haben das Monopol in der Heide. Seit Jahrhunderten. Weil niemand außer ihnen so genügsam ist, um mit diesen dürren Sträuchern auszukommen. Der Schäfer dreht sich abrupt weg, so dass ihm der Mantel um die Schultern fliegt, und schreitet in der kargen Landschaft davon wie ein Magier aus dem „Herrn der Ringe“.

Weiter geht‘s auf Entdeckungstour in Deutschlands ältestem Naturschutzgebiet, das allerdings nur von wenigen Straßen durchzogen wird. In die eigentliche Heide kommt man am besten zu Fuß, per Rad oder Kutsche. Nur dann erschließt sich einem diese eigentümliche, Tundra-artige Weite mit ihren Wacholderbüschen, knorrigen Kiefern, die auf den Sandböden gedeihen und all den lilafarbenen Gewächsen. Aber dann nimmt sie einen gefangen, zumindest bis die nächste Kutsche heranrollt, voll beladen mit Touristen auf Kaffeefahrt, die fröhlich winkend grüßen. Ist der Spuk vorbei, kehrt wieder meditative Ruhe ein.
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Foto: Eisenschink
Lüneburger-Heide-Tour, MOTORRAD 19/2003
Lüneburger-Heide-Tour, MOTORRAD 19/2003
Theodor Storm hat die Lüneburger Heide seinerzeit als „Abseits“ beschrieben, also eigentlich nichts für einen Stürmer wie die Bimota. Doch die SB 6 R mit ihrem 155 PS starken 1100er-Suzuki-Motor passt vielleicht deswegen so gut hierher, weil sie die Zeit auf der langen Geraden bis zur nächsten Biegung extrem unterhaltsam gestaltet - beziehungsweise verkürzt. Kurven sind Mangelware, und die wenigen müssten im Grunde in jedem Motorradatlas grün markiert sein. Dennoch treffe ich deutlich mehr Motorradler als erwartet. Viele mit Kennzeichen aus Hamburg - mal kurz raus aus der Stadt und ab ins Grüne. Und dann auf einen Kaffee zu Ex-Bimota-Köhnemann, dem bekannten freien Importeur im kleinen Örtchen Schneverdingen. Motorräder schaun und Benzin reden.

Gerhard und ich satteln die Rösser und peilen zunächst die Stadt an, die dem ganzen Gebiet ihren Namen gab: Lüneburg. Bei Heber an der B3 geht‘s über Bispingen quer durchs Naturschutzgebiet und jenseits der A7 per Volkwardingen über eine der schönsten Strecken gen Osten. Hier zeigt sich Niedersachsen von seiner attraktivsten Seite: kleine Ortschaften mit den typischen, breiten Fachwerkhäusern aus roten Backsteinen. Viele der alten Bauernhäuser sind wunderschön restauriert. Und riesengroß. Immerhin teilten sich früher Mensch und Vieh einträchtig die Fläche unter den breiten Reeddächern - vorne Stall, hinten Wohntrakt. In Raven treffen wir bei einer kurzen Pause einen kleinen Jungen, der seinem Opa beim Sensen hilft. Selbstbewusst erklärt er, dass er auch Motorradfahren könne. Dazu grinst er uns aus seinem breiten Sommersprossengesicht an. Ob er es uns mal auf der Bimota demonstrieren solle? Vielleicht ein anderes Mal. Aber für eine Sitzprobe reicht unsere Zeit.

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