Mallorca (2)

Foto: Eisenschink
In unmittelbarer Nähe des Orts fädelt sich die PM 213 durch einen duftenden Pinienwald in spitzen Kehren steil hinauf ins Tramuntana-Gebirge, ein rund 80 Kilometer langer und über 1400 Meter hoher Gebirgszug. Lustvoll erobert die 500er offenbar gerade die ersten Kurven ihres jungen Lebens, umkreist Rennradler und Ausflügler, während sich in den Rückspiegeln mit jedem Höhenmeter ein weiteres Stück der Insel offenbart. Kleine Dörfer auf Hügeln, die trutzigen Kirchen stolz stets on the top und alles überragend sich präsentierend. Raubvogelgleich kreisen wir immer höher, Kloster Lluc zweigt ab, eine der berühmtesten sakralen Sehenswürdigkeiten Mallorcas. Wenig später sammelt kurz vor der Kammstraße eine Tankstelle alle, die Lust an Bewegung in den Urlaub treibt: Motorrad- und ATV-Fahrer, Mountainbiker, Rennradler. Sogar ein paar unerschrockene Wanderer nehmen hier einen Drink. Letzte Stärkung vor der Sa Calobra-Schlucht, in die sich die Straße wenig später durch eine furiose 360-Grad-Kurve tollkühn wie ein ausgewachsener Alpenpass in die Tiefe stürzt. Um mittels herrlicher Kehren im schroff-zerklüfteten, von Wind und Wetter wie ausgezehrten Fels rund 1000 Höhenmeter tiefer ausweglos an einer türkisgrünen Meeresbucht zu enden. Ohne Boot oder Wanderausrüstung heißt es hier umkehren. Und oben am Gebirgskamm weitercruisen. Beispielsweise Richtung Südwesten.

Hinter zwei strahlend grünen Stauseen arbeitet sich dort die Strecke unterhalb des 1443 Meter hohen Puig Major auf zunehmend abenteuerlichere Aussichtslagen vor. Zählebige Büsche und letzte, niedrige Bäume krallen sich in den Fels und kennzeichnen die Vegetationsgrenze. Mit rund 1000 Metern liegt diese auf Mallorca halb so hoch wie auf dem Festland. Das kleine Café am Mirador ses Barques ragt schließlich wie der Ausguck Käpt’n Ahabs hoch oben über dem Meer. Im Rücken eine prächtige Schaukurve, in der gerade ein Fireblade-Fahrer mit schleifenden Pads die maximale Schräglage auslotet, vorne die atemberaubende Aussicht auf Port de Sóller, tief unten in eine fast kreisrunde Bucht geschmiegt. Eine herandrängende Wolkenbank lässt noch einen letzten Blick auf das glitzernde Meer und das wie unter einem Theaterspot aufstrahlende Sóller erhaschen, bevor schlagartig auch hier oben graue Dämmerung die Sonne ausknipst und es leicht zu regnen beginnt. Das Radio im Café warnt im Seewetterbericht vor einer sich annähernden Kaltfront.
Anzeige
Foto: Eisenschink
Unten in Port de Sóller lässt man sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Im Gedränge auf der engen Hafenpromenade werden die Stühle unter die Markisen der verwitterten hohen Häuser mit ihren ehemals grünen Fensterläden gerückt, davor veranstalten qualmend rangierende Diesel-Pick-ups mit angehängten Bootstrailern gerade ein mittleres Verkehrschaos. Dazwischen kreischende Roller, eine bimmelnde alte Straßenbahn und über allem durchdringend wabernder Fischgeruch. Spanien in Bestform.

Ich rolle weiter nach Südwesten, und schon bald ersetzen fein restaurierte Künstlerdörfer wie Deiá und Valdemossa das wilde Hafenleben. In denen es offenbar weder Fisch- noch Abgasgeruch gibt, stattdessen teures Kunstgewerbe, kontrollierte Verkehrskonzepte und Parkplätze für die Tui-Ausflugsbusse aus Palma.

Hier gilt es, sich zu entscheiden: Entweder dem Tramuntana-Gebirge weiter Richtung Süden folgen und noch einige herrliche Buchten, Ausblicke und Wachtürme genießen und schließlich am äußersten Südwestzipfel die Nobelvillen und Yachten der Upperclass begutachten – beispielsweise Claudia Schiffers Zweitwohnsitz – oder sich gleich die volle Malle-Breitseite verpassen und nach Palma fahren. Palma! Jetzt oder nie.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote