Mallorca (3)

Foto: Eisenschink
Schwungvoll geht es aus dem Gebirge und mit freier Instinktnavigation rein ins Gassenlabyrinth der herrlichen Altstadt. Entlang der breiten Allee der Ramblas bis zur mächtigen Plaza Majors und dort an der Kathedrale und dem Park de la Mar vorbei zum Strand. Und dann liegt sie vor mir, diese kilometerlange, geradezu makellose Sandbucht von Palma. Zusammen mit einer unverschämt oft scheinenden Sonne in den 60er Jahren Mitbegründerin eines Mega-Booms. Als die ersten Billighotels sich hier ansiedelten und den bleichen, angestrengten Nordeuropäern endlich Bilderbuch-Urlaubsglück präsentierten. Und Josef Neckermann die ersten Jets charterte, um Otto Normalverbraucher all diese Genüsse zu ermöglichen. Der Beginn des Massentourismus.

250 Hotels stehen inzwischen allein auf den sechs Kilometern zwischen Can Pastilla und s’Arenal, dazwischen Restaurants und Souvenirkauf dicht an dicht. Die legendäre Disco Ballermann 6, daneben Café „Almrausch“, „Tanzlokal Oberbayern“ und die „Biercity“. Mit Speisekarten, die sich gar nicht mehr um spanische Übersetzungen bemühen, sondern Wiener Schnitzel für sechs Euro und gegrillte Leber für 4,20 anschreiben. Die Preise verblüffend niedrig, nachdem 2002 mit der Euro-Einführung so dreist aufgeschlagen und den Urlaubern zusätzlich noch eine Ökosteuer aufgebrummt worden war – woraufhin sich 2003 prompt ein Drittel der deutschen Touristen andere Urlaubsziele suchte. Die Balearen bereuten bitterlich, senkten die Preise wieder und schafften es mit knapper Not, den Rückgang abzufangen.

Auf der palmengesäumten Promenade, die östlich von Palma das Vergnügungskonglomerat von Can Pastilla, Las Maravillas und s’Arenal zu einer riesigen Flanier-, Shopping- und Gastronomiemeile verbindet, brodelt die allnachmittägliche Urlauberbetriebsamkeit: Müde Rennradler rollen die letzten Meter ihrer Tagesetappe, Halbwüchsige kreischen aus vierrädrigen Fahrradkutschen, Motorräder dröhnen vorbei, ein paar Mountainbiker pfeifen den Blondinen hinterher, Senioren flanieren an Handtaschen und Badematten entlang. Alles berieselt von den Chart-Hits aus Läden und Lokalen, die schlüpfrige Andenken, Pommes und Paulanerbräu noch bekömmlicher machen sollen. Der Strand gegenüber prangt in fast unberührter weißer Leere, die Bastsonnenschirme wehen einsam vor einem türkisgrünen, noch eisige 15 Grad kalten Meer. Doch im Hochsommer, wenn die glühende Sonne jede Bewegung zur Qual werden und das Meer 25 Grad warm aufwallen lässt, wird hier kein ungeölter Mattenplatz mehr frei sein.
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Foto: Eisenschink
Richtung Süden reißt die Besiedelung nicht ab, immer neue Appartement- und Hotelkomplexe säumen die steil abfallende Küste. Seelenlose Touristikareale, die allmählich die Küstenzone still unter sich begraben. Der Südostzipfel der Insel nähert sich und mit ihm der Abzweig zur hübschen Bucht Cala Pi sowie der prähistorischen Megalith-Fundstätte Capicorp Vell, eine dem britischen Stone Henge verwandte Kultstätte.

Ich bleibe im ruhigen Hinterland, froh, der Touristenbrandung vorübergehend entronnen zu sein. Schmale, von hellen Natursteinmauern gesäumte Straßen und Wege ziehen an Orangen- und Johannisbrotplantagen vorbei, vereinzelte Windmühlen und Gehöfte zeichnen sich weithin sichtbar in der nur sanft profilierten Ebene Es Pla ab. Mittendrin markant die kreisrunden Berge Puig de Randa und Sant Salvador, 542 und 509 Meter hoch. Von deren Klöstern auf den Spitzen scheint ganz Mallorca überschaubar zu sein. Das Tramuntana-Gebirge strahlt wie mit Puderzucker bestäubt, eine dünne Schneeschicht hat sich über Nacht auf den Kamm gelegt.

Auf der anderen Seite ragt etwa in Augenhöhe die niedrigere Serra de Llevant empor, die den malerischen Fjordküstensaum im Osten abschirmt. Wunderschöne Felsbuchten, winzige Strände, jedoch meist in mehr oder minder enger Umklammerung kunstvollsten Villen- und Appartementbaus. Cala Santanyi und Cala Figuera formen den Anfang, das Ende zeichnet sich erst oben bei Capdepera ab. Ich rolle einige Stichwege hinunter, biege in der Nähe von Manacor aber wieder hinter die Steinmauern des windgepeinigten Landesinneren ab.

Geradeaus, dann an irgendeiner Bar und der Kirche vorbei und nach sieben-maligem Abbiegen müsste man es schon sehen – in Arta sind Orientierungssinn und Übersetzungsfantasie bei Einwohnerauskünften gefragt. Denn in dieser fast trotzig und komplett ohne touristische Versuchungen um einen Hügel gedrängten Stadt gilt es, den winzigen Weg zur Ermita de Betlem zu finden. Nach mehreren Anläufen gelingt es: An der strengen Plaza Major und der Bar Central mit dem laut brüllenden Fernseher vorbei, durch winzige, kaum mehr autobreite Gassen an düsteren Häusern mit ewig geschlossenen Klappläden entlang und steil hoch zur Kirche. Dort entflieht er, der kleine Weg nach Betlem. Auf der Karte nur noch fadendünn verzeichnet, kraxelt er in Serpentinen um ein paar alte Olivenbäume und baufällige Fincas in die Berge der Serra d’Arta. Hunde bellen entfernt, gelber Ginster und palmenartige Gewächse wuchern zwischen Felsklötzen, ihr Duft in der Frühlingswärme markant mit dem Odem von Salbei und Thymian vereint.

Eine letzte Kehre gibt urplötzlich den Blick aufs Meer wieder frei, glasklar zu Füßen des zerklüfteten Gebirgsstocks liegend. Ein paar Kurven noch, dann endet die Straße an der verschlossenen Eremitage – schade eigentlich, nur noch ein Wanderweg seilt sich weiter zu den Dörfern unten am Meer ab. Im Westen funkelt die riesige Bucht von Alcúdia, dahinter das Cap de Formentor, dieser schmale Finger, der sich dürr und karg über das Wasser nach Nordosten reckt und das letzte Ziel meiner Reise markiert. Und wieder blitzen die Flieger silbern im Landeanflug, die See darunter gekräuselt im letzten Licht, ein paar Segelboote, die Fähre vom Festland. Es scheint, als sei die Insel nicht unterzukriegen. Auch von sechs Millionen Gästen nicht. Bravo, Malle!

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