Mallorca Im Inselfieber – volle Dosis Malle

Sie ist noch immer die Lieblingsferieninsel der Deutschen. 2,4 Millionen jetten regelmäßig hin. Doch nur die wenigsten in Ballermann-Manier. Denn Mallorca bietet viele Möglichkeiten – auch für Motorradfahrer.

Foto: Eisenschink

Cap de Formentor taucht als Erstes auf. Wie ein dürrer Finger streckt es sich in die See. Ein kantiger Bergrücken im Nordwesten der Insel, umflutet von sanft gekräuselten Mittelmeerwellen, die sich am Horizont weich mit dem Abendhimmel vereinen. Über der weiten Bucht von Alcúdia kippen die Tragflächen leicht nach links, die Boeing dreht auf Südostkurs. Der Landeanflug auf Palma de Mallorca beginnt. Das flache Inselinnere fegt im Schachbrettmuster zahlloser Wiesen und Äcker unter uns hinweg, von wenigen kreisrunden Bergen wie Warzen durchsetzt.

Im Bullauge Richtung Westen baut sich mächtig das Tramuntana-Gebirge auf, im anderen die flachere Serra de Llevant – die Topographie der 3660 Quadratkilometer Mallorcas zeigt klare Strukturen. Die Sicht ist umwerfend und jede Windmühle und Finca bis zur Vorgartenbegonie erkennbar. Wir haben das Südende der Insel erreicht, die Boeing gleitet in eine letzte scharfe Linkskurve zur Landung auf einem der weltweit meistfrequentierten Ferienflughäfen. Sechs Millionen Touristen jährlich in den Hochzeiten vor der Euro-Umstellung, davon die Hälfte allein aus Deutschland, checkten hier ein. Mallorca – der touristische Dauerbrenner.

Der riesige Strand der Bucht von Palma breitet sich aus und mit ihm die ganze Phalanx weißer Hotelklötze – wir überfliegen quasi das Auge des Hurrikans. Knapp dahinter, malerisch vor ein paar gebrechlichen alten Windmühlen jenseits des Flugfelds, setzt die Hapag-Lloyd-Maschine auf. Es sind noch nicht die Jumbos der Hochsaison unterwegs, sondern kleine Kurzstreckenklipper. Per Internet gebucht, 45 Euro pro Strecke – dafür fährt man per Achse nicht mal über den Brenner.

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Foto: Eisenschink

Wenig später fahnde ich mittels Taxi und einem Sack voller Ausrüstung nach einem Motorradvermieter. Eine Honda CBF 500 ist noch zu kriegen, der kleine, zweizylindrige Ableger der populären 600er. Gar nicht schlecht; leicht, wendig, schnell. Stadtplan auf den Tank, und ab geht’s. Auf den Autobahnzubringer und nördlich raus aus der Stadt. Das Nötigste auf dem Soziussitz untergebracht, der Rest am Körper. Denn der abendliche Wind bläst nicht gerade lauschig, sondern frisch.

Es ist bereits stockfinster, als ich die Autobahn verlasse und im Wegelabyrinth von Inca den Abzweig der PM 213 suche. Selva, Caimari, Binibona, die Orte werden kleiner, die von niedrigen Natursteinmäuerchen begrenzten Straßen schmaler. Knorrige Oliven- und Johannisbrotbäume zeichnen sich im Scheinwerferlichtkegel dahinter ab, ein paar verwirrt blinzelnde Ziegen, dann ein altes Gehöft. Das muss es sein, Hotel Binibona. Müde stoße ich die schwere Holztür auf, erhalte von einem Spanier die Schlüssel von Zimmer Nummer 7 und schreite vorsichtig über kunstvolles Bodenmosaik. Naturbelassene Steinmauern und weiß getünchte Wände, schwere Balkendecken, hohe Fenster und Türen mit herrlichen Glasmustern – ich bin in einer prächtig hergerichteten, alten Finca.

Am nächsten Morgen erzählt mir Juan, der Besitzer, es handle sich um sein Elternhaus. Er selbst habe es renoviert, nachdem er bis vor ein paar Jahren noch wie seine Vorfahren Schweine gezüchtet und Oliven angebaut hätte. Eigentlich wollte er verkaufen, doch dann waren gottlob die Immobilienpreise so im Keller, dass er sich mit sechs anderen Einheimischen inklusive zwei zugewanderten Briten zusammengetan habe und sie ihre alten Bauernhäuser grundlegend saniert und zu Hotels umgebaut hätten. Spanischer Strukturwandel, nun sind sie alle Hoteliers statt Bauern, Fischer oder Schreiner.

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