Marokko-Senegal mit Benelli TnT (2)

Foto: Cheadle
Gary lernt unterwegs dagegen, dass es – wie so oft im Leben – auf den Blickwinkel ankommt. Von wegen einfache Route und „hauptsächlich Asphalt“. Der hört dummerweise kurz vor Mauretanien einfach auf. Enduristen würden nun verzückt am Quirl drehen, Gary indessen liegt prompt auf der Nase, muss sich nach gut 2000 triumphal absolvierten Kilometern nun jeden weiteren schwerst erarbeiten. Und dann auch noch dieser überaus schlecht gelaunte Grenzbeamte, der nicht nach dem Pass, sondern zuerst nach einem „Geschenk“ verlangt. Nur so ließe sich der Papierkram für die Einreise in einem überschaubaren Rahmen halten: „Der witterte meine Unerfahrenheit und ließ mich einfach zappeln.“ Zwei Stunden harrt Gary im Staub vor der türlosen Hütte aus, wird Opfer unzähliger Schlepper, die ihm für die verschlungenen Pfade im Dschungel der Bürokratie ihre Hilfe anbieten. „Avez-vous un petit cadeau pour moi?“ Die andauernde Fragerei nach einem Geschenk zermürben das ohnehin angeschlagene Nervenkostüm des TnT-Piloten vollends. Afrika fordert alle Sinne. Dass man sich schließlich dennoch freundschaftlich einigt, liegt einzig daran, dass der Beamte glühender Verehrer englischen Fußballs und im Speziellen von Manchester United ist. Verbindende Leidenschaften im hintersten Winkel der Erde.

Nouâdhibou, Mauretanien: zerbeulte Karossen, aus unzähligen Teilen zusammengefrickelte Fuhren, rostiger Schrott auf Rädern, der sich irgendwie über die schlaglochversehenen Gassen dieser Stadt schleppt oder – weil der Motor längst das Zeitliche gesegnet hat – von Maultieren oder Menschenhand gezogen wird. Gary fühlt sich im Sattel des aggressiv gestylten Bikes überaus passend motorisiert: „Falls jemand einen Fuhrpark für einen Endzeitfilm sucht – in Nouâdhibou wird er garantiert fündig. Dort geht praktisch jedes Fahrzeug irgendwie als Streetfighter durch.“

Der Engländer peilt den örtlichen Campingplatz an, eine ummauerte Oase der Ruhe, in der sich zahlreiche Afrika-Fahrer eingefunden haben. Zusammen mit zwei ähnlich reiseunerfahrenen Niederländern, die in einem betagten Geländewagen Gambia ansteuern, macht er sich auf die Suche nach einem Guide, der den kleinen Tross während der nächsten drei Tage sicher durch die Wüste bis nach Nouakchott führen soll. Für 200 Euro schließt das Trio am Abend einen Deal mit Mr. Abba, einem weiß gekleideten Beduinen. Vom Chef des Zeltplatzes erfahren sie später, dass dieser Betrag vollkommen überteuert ist. Egal. An einer schäbigen Zapfsäule füllt Gary den 16-Liter-Tank und den 20 Liter fassenden Reservekanister noch einmal randvoll. Bleifreies Superbenzin? Heute leider nicht. Dass sich die TnT mit der erstandenen Brühe überhaupt bewegt, ist kaum fassbar.
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Der Trupp bricht früh am Morgen auf, um möglichst viel Strecke zu machen, bevor die Hitze gänzlich unerträglich wird. „Während der ersten 70 Kilometer ging noch alles gut, weil ich dem Wagen auf der relativ festen Piste einigermaßen folgen konnte.“ Dann biegt der kleine Konvoi endgültig in den Sand ab. Sofort macht sich Panik beim Piloten breit, der alle Mühe hat, überhaupt vorwärts zu kommen: „Der breite Schlappen schmirgelte völlig haltlos über den weichen Grund, dessen Beschaffenheit sich dazu alle paar Meter ändert.“ Theoretisch weiß Gary, wie man sich im Gelände auf einem Motorrad zu halten hat: auf die Fußrasten stellen und die Lenkerenden möglichst unverkrampft halten. Die Praxis schaut anders aus. Bodenwellen und Elefantengras lassen die hart und knapp gefederte italienische Diva unkontrolliert wie einen bockigen Esel springen.

Gary ist froh, überhaupt oben zu bleiben. Und es gilt mächtig die Zähne zusammenzubeißen, weil der kantige Tank und der Reservekanister aus Metall schmerzhafte Spuren hinterlassen: „Ich hätte mein Gepäck natürlich in einem der Autos unterbringen können, doch ich wollte so unabhängig wie möglich bleiben.“ Diverse Male haut es den Engländer aus dem Sattel und die Benelli unsanft auf die Flanken. Die vielen Kratzer im Lack sind ihm inzwischen gleichgültig, die Dellen im Ego machen weitaus mehr zu schaffen. Aber er kämpft!

Ein verstecktes Beduinencamp am Fuße eine Berges markiert das Nachtlager. Dort leben Mr. Abbas Verwandte, die für den unerwarteten Besuch sofort eine Ziege opfern: Vor den entsetzten Augen der Gäste wird dem zappelnden Tier mit einem langen, rostigen Messer der Kopf abgetrennt. Gut eine Stunde später serviert Mr. Abba gebratene Leber und Kamelmilch. Letzteres aus einer „Gemeinschaftstasse“ im Waschbeckenformat. Zu später Stunde teilt sich das erschöpfte Trio ein enges Zelt – mit sechs weiteren Familienangehörigen. Das Geschnarche seiner Gastgeber sowie das ständige Grunzen der Kamele treibt Gary fast in den Wahnsinn. „Ich hätte mir zudem gerne die Zähne geputzt und das Ziegenfett von den Händen gewaschen. Von wegen Lagerromantik. Die hatte ich mir anders vorgestellt.“

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