Master-Rallye Master Piece

Die Dakar kennt jeder. Klar. Aber schon mal etwas von der Master-Rallye gehört? Nee? Schade, denn die ist nicht minder spannend und fast genauso lang: Im vergangenen Jahr führte sie knapp 9000 Kilometer weit von Paris über Venedig und Samarkand bis nach Moskau.

Ein paar Zahlen gefällig? Also, Master Rallye heißt, daß über 200 Autos, Motorräder und Trucks, diverse Flugzeuge und 920 Personen - Fahrer samt Begleittroß - rund 400000 Liter Treibstoff, 360 Tonnen Kerosin und 42000 Liter Mineralwasser verbrauchen, um am Ende feststellen zu können, wer unter den 153 Rennteilnehmern aus 17 Nationen eine der 131 Trophäen erhalten soll. Zwischen dem Start in Paris Ende August, einer Sonderprüfung in Italien und dem Ziel in Moskau galt es, in zwei Wochen rund 9000 Kilometer zu bewältigen, sechs Länder zu durchqueren, Hitze und Kälte, Staub, Euphorie und Frust zu ertragen. Dem Ruf der Master-Rallye folgten marathonerprobte Zweiradakrobaten wie Heinz Kinigadner, Herbert Schek, Norbert Schilcher, Jürgen Mayer, Thierry Magnaldi, Fabrizio Meoni oder Jordi Arcarons. Allesamt auf KTM.Für die 35 Motorradpiloten und die dominierende Geländewagenfraktion gleichen die ersten Etappen zwischen Paris und Venedig eher einer Spazierfahrt, die Kinigadner - trotz Sturz und Motortausch - am Ende für sich entscheidet. Er wie die anderen können es kaum erwarten, in Zentralasien richtig loszulegen. Fahrer und Begleittroß treffen Stunden später in Turkmenbashi in Turkmenistan wieder zusammen. Letztere machten sich schon Wochen zuvor zu Land und zu Wasser via Finnland und Rußland auf den Weg dorthin, für die Rallyefahrer und deren Fahrzeuge waren mehrere Boing 737 und drei Großraumfrachter vom Typ Antonov-124 reserviert.Die Bilder der Ankunft in der trostlosen Stadt und die nach den einzelnen Etappen in den nächsten Tagen werden sich stets gleichen. Unter einem riesigen Zeltdach wird gegessen, getrunken und gefeiert, egal, ob Rallye-Star oder Mechaniker. Im Camp, aus logistischen Gründen immer nahe eines Flugplatzes plaziert, bruzzeln unzählige Töpfe auf unzähligen mobilen Kochstellen, geduscht wird direkt vorm Tankwagen, geschraubt drumherum - oder geschlafen, falls man als Top-Fahrer zu einem Werksteam mit eigenen Mechanikern gehört. Für die anderen bleibt dafür kaum Zeit, erreichen sie meist erst spät in der Nacht das Lager, viele Stunden voller Vorbereitungen, Reparaturen und Roadbook-Studium häufig noch vor sich. Aber so wollen es die Gesetze einer Marathon-Rallye.Die erste kurze Sonderprüfung gibt den Fahrern Gelegenheit, sich an die enormen Temperaturen zu gewöhnen: Es werden 45 Grad im Schatten gemessen. Nur daß es auf der 50 Kilometer langen Strecke, die vorbei an einem längst ausgetrockneten See führt, keinen Schutz vor der glühend Sonne gibt. Von den ausgeschlachteten Überresten zahlreicher Militärflugzeuge, die in diesem vegetationslosen Gebiet bis in alle Ewigkeit verrotten, einmal abgesehen.Darwaza, Cardzou. Zwei Etappen, knapp 1200 Kilometer, dazwischen die Kara Koum-Wüste. Labyrinthartige Canyons und Dünenfelder - Hitze und Orientierungsprobleme selektieren das Feld. Schek muß irgendwo mit gebrochener Hand aufgeben, Kini erleichtert bei einem Sturz seine KTM um Rahmenheck und Auspuff, ist am ersten Abend aber schon wieder der Schnellste. Dafür muß sich der Österreicher auf dem nächsten Streckenabschnitt mit Platz vier zufrieden geben. Jürgen Mayer arbeitet sich in dem harten Terrain am Ende des Tages gar bis auf den zweiten Rang vor.Knapp 700 Kilometer weit führt die nächste Etappe von Cardzou über die Grenze nach Usbekistan bis Samarkant. Wieder durch Wüste und Canyons, schließlich durch eine herbe Berglandschaft und immer entlang den Spuren der alten Seidenstraße, auf der schon Marco Polo oder Alexander der Große reisten - nur eben nicht so schnell. Schilcher kämpft sich ohne vollständiges Roadbook durch, folgt schließlich den Spuren der anderen Teilnehmer, was immerhin für Platz sechs reicht. Einen Konkurrenten braucht er allerdings nicht mehr zu fürchten: Kinigadner gibt in Samarkand wegen starker Rückenschmerzen auf und verkündet sogar zwischenzeitlich seinen Rücktritt vom aktiven Rallye-Sport.Bis Baikonur, die ehemals geheime russische Weltraumstadt, geht´s insgesamt 1540 Kilometer weit durch die kasachische Steppe. Zunächst machen breite Flußdurchfahrten und viel Schlamm den Fahren das Leben schwer, dann tiefe Staubpisten, fein und nachgiebig wie Puderzucker. Zwei Tage lang mühen sich die Piloten auf den beiden Etappen bis zum Rand der absoluten Erschöpfung. Gegen Meoni, Magnaldi und Arcarons, die in dieser Reihenfolge knapp hintereinander das Ziel erreichen, scheint kein Kraut gewachsen.Die nächsten 580 Kilometer führen das Feld durch eine gespenstige Szenerie bis nach Chelkar. Mitten im wüstenhaften Nichts stehen unzählige Boote und Schiffe - verwitterte Skelette, die an eine gewaltige ökologische Katastrophe erinnern: Der Wasserspiegel des Aralsee, des größten Binnensees der Welt, ist durch Umleitung der Zuflüsse so weit gesunken, daß die einstigen Fischereiflotten längst auf dem Trockenen liegen und sich inzwischen eine Wüste ausbreitet, wohin bis vor kurzem noch das Wasser reichte. Kalter Wind fegt über das flache Land, die Temperaturen sinken von über 40 auf zehn Grad. Auf der sehr schnellen Etappe können die Piloten ihre Enduros endlich einmal richtig laufen lassen. Meoni verliert über 20 Minuten, weil sich herumliegender Draht in seinen Rädern verwickelt hat. So etwas sorgt für Wut im Bauch: Mit einem gewaltigen Endspurt treibt er sich und seine KTM auf Rang drei ins Ziel, wo Arcarons und Magnaldi bereits unter den Duschen stehen.Die Temperaturen sinken weiter bis knapp über den Gefrierpunkt. Moskau rückt in greifbare Nähe, doch bis dahin versperren die Hügel- und Waldlandschaften des Ural-Gebirges den Weg, der teilweise nur noch aus Schlamm besteht. Auf der knapp 750 Kilometer langen Strecke nach Bulgma räumt diesmal Jürgen Mayer so richtig ab: Platz eins. Zwei Tage später steht der KTM-Pilot wieder ganz oben auf dem Treppchen: Der Etappensieg auf der Strecke nach Moskau, dem Endpunkt der Master-Rallye, reicht, um sich in der Gesamtwertung auf Rang sieben vorzuarbeiten. Thierry Magnaldi kassiert auf dem Roten Platz nach 8895 Kilometern seinen ersten großen Rallye-Gesamtsieg vor Meoni und Arcarons. Und für Schilcher reicht es am Ende für Platz fünf. An Mineralwasser denkt an diesem Abend niemand mehr.

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