Mexiko Von fliegenden Menschen und blühendem Beton

Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kulturdenkmäler aus mehreren Jahrtausenden machen Mexiko zu einem Eldorado für passionierte Spurensucher und Geschichtensammler. Aber auch Wüsten und Urwälder, Pisten und Dörfer liefern große Verlockungen.

Foto: Schmitz
Tlahuizcalpantecuhtli, Teotihuacán, Quetzalcóatl, Xiupapalotl, Tlaltekutli, Tenochtitlan: Bei diesen Namen verrenkt sich die Zunge einer Europäerin schon mal. Aber Nahuátl, die Sprache der Azteken und Tolteken, weckt meinen Forschertrieb, klingt nach versunkenen Städten, Blutopfern, Göttern und Unterwelt. Wann immer ich mich mit Mexikos vor-kolonialer Geschichte beschäftige, spüre ich solche Namen auf. Sogar Dörfer entlang unserer Reiseroute beflügeln die Abenteuerlust. Axel versucht‘s: Xilitla, Tlaxcoapan, Mixquiahuala oder Ixmiquilpan.

Die Namen Mexiko-Stadt und Veracruz gehen uns leichter über die Lippen. Nachdem wir einige Tage am mächtigen Puls der Hauptstadt gefühlt haben, reisen wir mit dem Bus zur Golfküste, wo im größten Hafen Mexikos unsere Zweizylinder hoffentlich wohlbehalten warten. Doch in Veracruz ist nicht im Traum an Zollformalitäten zu denken. Die fünfte Jahreszeit hat das Sagen, dunkelhäutige Frauen in knappen Kostümen wiegen sich bei den Straßenumzügen im Rhythmus von Salsa, Merengue oder Rumba, Alkohol fließt in rauen Mengen. Weshalb während der jecken Tage vorsichtshalber viele Büros schließen, auch die im Hafen. Nach Aschermittwoch beginnt dann für die Gläubigen das Fasten – und für uns endlich die Reise.

Seit unserer Ankunft spricht die Sonne eine eindeutige Sprache, beschwingt laden wir auf. Ein wenig scheinen die Motorräder unter dem Gewicht von Alu-Kisten, Tankrucksack und Packtasche zu ächzen, doch sie rollen tapfer los, Richtung Norden an der Golfküste entlang. Erst nach einigen Dutzend Kilometern wird mir bewusst, dass wir die nächsten Monate unterwegs sein werden. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit macht sich breit, Abenteuer liegt in der Luft – und plötzlich der Geruch von Regen. Der Himmel zieht sich zu, im nächsten Moment öffnet er seine Schleusen. Wir kommen gar nicht so schnell in die Regenkluft, wie wir nass bis auf die Knochen sind. Unter dem Gummizeug bleibt alles klamm, also suchen wir in Papantla, im Norden des Bundesstaates Veracruz, Zuflucht in einer kleinen Pension. Eine Kaltfront überquert Mexiko ...


Regenpausen nutzen wir für archäologische Erkundungen. In El Tajín, einer bedeutenden Tempelanlage bei Papantla, sticht die außergewöhnliche Nischenpyramide heraus. Über ihre Erbauer weiß man wenig, doch so viel, dass die Totonaken im 9. Jahrhundert ihr Lebenszentrum dort hatten. Bis heute ist El Tajín die Heimat der fliegenden Menschen. Vier Männer schweben in bunten Trachten von einem hohen Mast an langen Seilen kreisend hinab zur Erde. Dazu spielt ein Musiker die Chirinía, eine kleine Trommel mit angehängter Flöte. Früher sollte dieser Flug Sonne und Regen für die Maisernte erflehen, heute dient er der alltäglichen Touristen-Erbauung.

In Tula stoßen wir auf die steinernen Hinterlassenschaften der Tolteken. Diese wurden als Künstler gerühmt, wir staunen über prachtvolle Tempel und mehrere Meter hohe Figuren. Sie halten Wache am Palast, dabei hätten sie lieber auf uns aufpassen sollen: Eigentlich wartet am anderen Tag eine lange Etappe, doch kaum liegt Tula hinter uns, bricht der reinste Horror los. Ein Krachen, ein Schlag in den Rücken. Keine Sekunde später finde ich mich auf dem Randstreifen der Landstraße wieder. Mit hoher Geschwindigkeit hat eine Autofahrerin von hinten Axels Motorrad gerammt und unter seinem Allerwertesten weggeschossen. Dann ist es in meine Maschine gerutscht. Wie betäubt liege ich da, kann nicht begreifen, was passiert ist. Sogleich versammeln sich ein paar Schaulustige, unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Endlich ruft jemand die Polizei. Wir stehen unter Schock. Zum Glück komme ich mit Prellungen und blauen Flecken davon, Axel jedoch verordnet der Arzt zehn Tage Ruhepause wegen eines Schleudertraumas. Die Alp hat nur Dellen davongetragen, die Twin hingegen ist übel zugerichtet, ihr Cockpit bis zum Lenker zusammengeschoben, ein Kofferträger gebrochen und der Rahmen verzogen. Glück im Unglück: In der Konditorei, in der wir uns täglich mit einem süßen Trostpflaster versorgen, lernen wir den Bäckermeister kennen. Als begeisterter Motorradfahrer trommelt Esteban seine gleichgesinnten Freunde zusammen. Sie setzen alles daran, um für uns von der – übrigens nicht versicherten – Fahrerin eine kleine Entschädigung herauszuhandeln. Metallbauer Jorge macht Axels Motorrad wieder reisetauglich, derweil schleppt mich Juan Carlos in die nächste Apotheke. „Hier gibt’s super Plastikkleber. Dafür brauchst du nur Pulver für Zahnfüllungen und Sekundenkleber.“ Ein Wundermittel: Axel repariert damit alle gebrochenen Plastikteile, und das Zeug hält.


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Ich brauche einige Zeit und viele Kurven, um diesen Unfall aus dem Kopf zu kriegen, wieder hungrig auf eine neue Geschichte zu werden. In Xilitla, mitten in den Wäldern der Sierra Madre Oriental, stöbern wir surreale Zeichen auf. Der adelige Engländer Edward James verwirklichte in den 1970er Jahren seinen Traum und schuf unglaubliche, nie vollendete Bauwerke, die seit seinem Tod langsam von Bäumen und Pflanzen überwuchert werden. Verschlungenen Pfaden folgend, wandern wir zu Wasserfällen, klettern schwindelerregende Treppen hinauf, weichen hier einer zementenen Schlange aus, riechen dort an einer bunten Betonblüte. So echt wirken die Skulpturen, als würden sie jeden Moment zum Leben erwachen.

Asphalt und Staub, 500 Kilometer lang – das nächste Tageskapitel schreibt die Straße. Anfangs führt es uns durch Wälder, später durch Steppe. Der Wind spielt mit den Motorrädern, wir kämpfen uns vorwärts. Nach einem Abzweig pflastern für 30 Kilometer holprige Kopfsteine unseren Weg, allenfalls hohe Geschwindigkeit macht diese Rüttelei erträglich. Die Handgelenke schmerzen, ich will nur noch ankommen. Durch einen zwei Kilometer langen Tunnel erreichen wir endlich das alte Minendorf Real de Catorce. Fast nichts scheint sich seit seiner Gründung 1775 verändert zu haben: schiefe, dicke Haus-fassaden, steile, schmale Gassen mit holprigem Gestein und Pferde als gängiges Fortbewegungsmittel. Gerade so eben passen die großen Motorräder durch die Tür einer Privatunterkunft, jetzt stehen sie sicher neben dem Hausaltar im Hof. Wir klopfen den Staub von den Klamotten, schleppen mit schweren Gliedern das Gepäck ins Zimmer, der eisigen Nacht zum Trotz falle ich in traumlosen Schlaf.

Am Morgen wechseln wir auf ein PS und reiten mit dem Pferdeführer Refugio auf 3000 Meter Höhe hinauf zu mehreren stillgelegten Minen. Er erzählt uns, bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts sei jährlich Silber im Wert von mehreren Millionen US-Dollar aus der Erde geholt worden. Sinkende Preise am Weltmarkt führten jedoch im 20. Jahrhundert zur Schließung der Minen. Heute zählt der Ort nur noch 1500 Einwohner, sie versuchen, vom „sanften Tourismus“ zu leben.


Ständig bewegen wir uns in großen Höhen, schnell geht uns die Puste aus. Auch die Mopeds leiden unter Sauerstoffmangel und verbrauchen mehr Sprit – mitten in der Einöde muss ich auf Reserve schalten. Weit und breit keine Siedlung zu sehen, Kilometer um Kilometer bange ich, bis endlich in der Ferne ein Ort auftaucht und ich mit den letzten Tropfen an eine Zapfsäule rolle. Diese Geschichte wird uns eine Lehre sein.


Im Bundesstaat Chihuahua gelangen wir in fruchtbarere Gegenden. Men-noniten aus Kanada haben sich dort eine neue Existenz aufgebaut, siedeln seit 1922 bei Cuauhtémoc. Bis heute sprechen sie friesisches Platt. Nicht ganz leicht zu verstehen, doch Abraham, der uns seinen Hof und einige Dörfer zeigt, gibt sich Mühe, Hochdeutsch zu reden. In der Mennonitenschule versuche ich mühsam, in Sütterlin an die Tafel geschriebene Sätze zu entziffern. Kinder lernen sie dort so selbstverständlich wie einst unsere Großeltern. Die Mennoniten betreiben Landwirtschaft mit einfachem Gerät, unter anderem produzieren sie hervorragenden Cheddarkäse und Rinderwurst. Beides wird landesweit verkauft und konkurriert mit einer wilden Mischung kulinarischer Leckerbissen: Die süßen Früchte der Feigenkakteen oder Mole, eine aus bis zu 40 verschiedenen Zutaten bestehende Sauce, probieren wir an den Marktständen ebenso wie Tamale, eine in Bananenblättern gedämpfte Maismasse mit herzhafter Füllung. Für flüssige Nahrung sorgen Tequila oder Mezcal. Dieser über Jahre in Eichenfässern gereifte braune Agavenschnaps löst mir schon nach einem kleinen Glas die Zunge. Kein Wunder, bei 40 Umdrehungen.

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Mit blumiger Sprache betört uns die Wüste. Dattelpalmen, Boojumbäume, Kandelaberkakteen und Hunderte weitere Stachelträger prägen die Baja California, eine lang gezogene Halbinsel, die wir auf unserer Route mitnehmen. Jenseits der asphaltierten Nationalstraße, die den Landrücken längs durchschneidet, lockt eine staubige Piste hinauf in die Sierra de San Francisco. Endlich bekommen die Enduroreifen eine Herausforderung: Über große Steinbrocken, loses Geröll, steile Anhöhen und sandige, an die Berge gedrückte Pfade graben sich die Stollen bergan, 40 Kilometer lang. Schweißgebadet erreichen wir unser Ziel, eine Höhle mit Tausende Jahre alten Felsmalereien.

Bald darauf irren wir durch die Unterwelt. 13 unterirdische Schächte, in denen einst Gold und Silber abgebaut wurden, leiten den Verkehr durch Guanajuato, die Stadt der Tunnel. Zum Glück bietet ein Mofa-Fahrer seine Hilfe an und geleitet uns zu einem Hotel mit Garage. Oberirdisch und zu Fuß gewinnen wir Übersicht, lassen uns durch die Stadt der Studenten und Künstler mit ihren kunterbunten, an den Hügeln schmiegenden Häusern treiben und vom kolonialen Charme sowie der lebendigen Kultur- und Kneipenszene verführen. Doch es warten noch einige Tausend Kilometer auf uns, nach drei Tagen nehmen wir den Tunnel nach Süden.

Auf vielen Straßen Mexikos herrscht ein rüder Ton. Motorräder werden in der Regel nicht beachtet, und das bekommen wir bei lebensgefährlichen Überholmanövern oder Fahrbahndrängeleien einige Male zu spüren. Fast jeden Tag sehen wir umgestürzte Autos oder Laster im Straßengraben. So recht kriegen die staatlichen Ordnungshüter das nicht in den Griff. Ihr Augenmerk liegt wohl eher auf anderen Dingen. Ein über die Grenzen Mexikos hinaus bekanntes Beispiel bietet der Bundesstaat Chiapas. Anfang 1994 trat das Wirtschaftsabkommen NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko in Kraft. In Chiapas initiierten indigene Gruppen, die dort immerhin ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, zeitgleich einen Aufstand gegen dieses Abkommen. Die Zapatisten – sie fühlen sich ihren indigenen Wurzeln stark verhaftet – kämpfen seitdem für das Recht auf eine basisdemokratische Entwicklung ihrer Region. Obwohl nach vielen gewaltsamen Auseinandersetzungen autonome Verwaltungszentren gegründet wurden, setzt die Regierung militärische Kontrollen und gewaltsame Diskriminierungen gegen diese Volksgruppen fort – Geschehnisse, die nur bemerkt, wer genauer hinhören und hinschauen kann.

Die Regenzeit schickt ihre Vorboten ins Tiefland von Chiapas. Es gießt in Strömen, als wir den Zeltplatz im Nationalpark Palenque erreichen. Macht nichts, hier wartet als letztes Highlight unserer Reise eine der bekanntesten Maya-Stätten Mexikos. Verwunschen liegen ihre Ruinen im Urwald. Am frühen Morgen steigt Nebel zwischen den dichten Baumkronen auf, später reißt die Wolkendecke, und Sonnenstrahlen streifen die Ruine des Palastes. Palenque erlebte seine Blütezeit im 7. Jahrhundert. Knapp drei Jahrhunderte später wurde die Stätte verlassen. Eine für alle Zeiten mystische Geschichte, eine überwältigende Stimmung, ein guter Platz, um Abschied von Mexiko zu nehmen. Und gleichzeitig einer von vielen Gründen wiederzukommen.

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