Mille Miglia Futura und die Gestrigen

Die Mille Miglia – 1000 Meilen in knapp drei Tagen. Von Brescia bis nach Rom und wieder zurück. Gefahren mit Oldtimern, die noch längst nicht zum alten Eisen gehören – und es selbst einer flott bewegten Aprilia Futura schwer machen mitzuhalten.

Ein kurzer Blitz. Gleich darauf hallt ein mächtiger Donnerschlag von den Bergen rund um Brescia wider. Das verstärkte Echo lässt die Scheiben der Häuser entlang der Viale Venezia erzittern. Im nächsten Moment prasseln die Taubeneier großen Tropfen eines italienischen Sommerregens auf das versammelte Publikum nieder. Die Zuschauer der Mille Miglia, einem jährlich ausgetragenen Oldtimer-Rennen, suchen Schutz unter den Markisen der Geschäfte oder in einem der nächst gelegenen Cafés. Vor einer sich im Gewittersturm wild hin und her schaukelnden Kulisse aus Bäumen und Büschen kann ich in der Gischt einen dunkelgrünen Bugatti ausmachen. Die Besatzung des legendären Rennwagens ist den herabstürzenden Wassermassen schutzlos ausgesetzt. Mit einem riesigen Sonnenschirm versucht der Copilot zu verhindern, dass der offene Oldtimer nicht zur Badewanne mutiert. Gerade noch rechzeitig vor den ersten Tropfen hatte ich ein Plätzchen auf einer überdachten Terrasse ergattert, von wo aus ich die Szene bei einem Cappuccino beobachte. Etwa 100 Meter die Straße aufwärts liegen Start und Ziel der Mille Miglia. Zugelassen für dieses 1000 Meilen lange Rennen sind nur die Fahrzeugtypen, die bereits bei der historischen Rennveranstaltung zwischen 1927 und 1957 gestartet sind. Juan Manuel Fangio, Rudolf Caracciola oder Stirling Moss, um nur drei Namen zu nennen, haben seinerzeit mit ihren Duellen das Straßenrennen berühmt gemacht. Heute ist die Mille Miglia ein Gleichmäßigkeitsrennen und vor allem gesellschaftliches Ereignis, bei dem Rennfahrer und andere Prominenz die wohl faszinierendsten klassischen Automobile zuschauerfreundlich durch einige der schönsten Regionen Europas bewegen.Anreiz genug, die Mille Miglia, zumindest in weiten Teilen, zu begleiten. Wenn auch nicht mit historischen Material. Im Gegenteil. Meine Reisegefährt, der neue Sporttourer von Aprilia, hört auf den Namen Futura. Und sieht genau so aus. Ein scharfer Kontrast zu den Klassikern. Wie Ofenschlupfer mit Tabasco. Die gesamte Veranstaltung spiele sich auf öffentlichen Straßen ab, abgesperrte Streckenteile gäbe es so gut wie keine, hatte ich von einem italienischen Freund erfahren. Nur dem Troß entgegen fahren sollte ich auf keinen Fall – die Boliden stünden oft ganz schön quer in den Kurven.Es regnet immer noch wie aus Kübeln. Beim dritten Cappuccino mache ich mir langsam Gedanken über mein weiteres Vorgehen. Es ist 20.30 Uhr, der Start müsste eigentlich vor einer Viertelstunde begonnen haben. Doch von der Terrasse aus bekomme ich nichts mit, noch nicht einmal das Brüllen der Motoren ist zu vernehmen. Was tun? Mich am Straßenrand mitsamt der Futura einweichen zu lassen ist eine wenig verlockende Perspektive. Der Troß der Mille bewegt sich vom Start in Brescia nach Verona und dann quer durch die Poebene bis nach Ferrara, wo die ersten gegen Mitternacht, die letzten gegen 2.30 Uhr morgens erwartet werden. Weiter geht’s zwischen sieben und neun Uhr mitten in Ferrara. Da diese Etappe als Motorradfahrer weniger spannend ist, beschließe ich, auf dem schnellst möglichen Weg nach Ferrara zu fahren, um morgen früh pünktlich am Start zu stehen. In den engen Gassen des kleinen Orts herrscht Ausnahmezustand, die gesamte Innenstadt ist abgesperrt. Um zum Start in die enge Hauptgeschäftsstraße zu gelangen, schlängele ich mich an den Absperrungen vorbei und durch kaum fahrzeugbreite Gassen hindurch – bis ich mich im Sattel der modernen Futura plötzlich mitten im historischen Geschehen befinde. Direkt vor mir ein Mercedes-Flügeltürer von 1957, dem letzten Jahr der historischen Mille Miglia, hinter mir ein Alfa Romeo 1900 TI von 1953. Obwohl alle Fahrer ein wenig angespannt sind, nehmen sie sich noch Zeit für einen Plausch mit ihren Bewunderern. Manchen Klassikliebhaber animiert auch die Futura zu einem Seitenblick. Stets freundlich, was vermutlich nicht zuletzt daran liegt, dass es sich um eine Italienerin handelt. Bis alle 360 Teilnehmer am Start stehen, braucht seine Zeit. Die meisten schieben ihre Schätzchen bis kurz vor die Startlinie, um ihnen das Stop and Go zu ersparen. Manche der alten und zum Teil luftgekühlten Motoren würden überhitzen und so manche Kupplung verglühen, noch bevor es überhaupt losgeht. Nachdem der vorletzte Starter, ein Ferrari 250 GT von 1957, zunächst dumpf röchelnd, dann heiser brüllend zuerst aus Sicht- und dann auch aus Hörweite verschwunden ist, mache auch ich mich auf den Weg nach San Marino, von wo aus es in die Ausläufer des emilianischen Apennin geht. Dort möchte ich das Feld hautnah begleiten, mich von hinten bis zur Spitze vorarbeiten, also sozusagen von Auspuff zu Auspuff dieser zum Teil klanggewaltigen Boliden hangeln. Hinter San Marino beginnt sanft geschwungenes grünes Hügelland, durch das sich äußerst verlockende Straßen und Sträßchen winden. Ein wunderbares Terrain, und ich lasse die Aprilia verzückt hin und her schwingen. Bis vor mir das Heck von Startnummer 357 auftaucht. Ein Ferrari 225 S, Baujahr 1952. Einfach herrlich, wie das Triebwerk aus vier Rohren sprotzt und spröttelt, wenn die Strecke in scharfen Kurven bergab führt und der Fahrer vom Gas geht. Ich schließe immer näher auf, bis der Ferrari-Pilot plötzlich bremst, nach rechts zieht und mich vorbeilassen will. Ich winke ab und deute demonstrativ auf mein Ohr. Die argentinische Besatzung versteht, lacht freundlich und gibt mir zuliebe nach der nächsten Kurve ordentlich Gas. Ein wahres Meisterwerk, das der Rennwagen ertönen lässt.Oldie für Oldie lassen die Futura und ich hinter uns. Doch das geht bei weitem nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. Von wegen Gleichmäßigkeitsfahrt. Gleichmäßig am Limit bewegen die Fahrer ihre Autos in einem Tempo, das man so manchem Gefährt nicht mehr zugetraut hätte. Es geht eben nichts über einen gesunden sportlichen Ehrgeiz. Meinen Plan, bis Arezzo nach und nach das gesamte Feld zu überholen, muss ich aufgeben. Nur gut, dass bei einem Checkpoint in Arezzo alle ein wenig vom Gas gehen. Ich parke die Futura und lasse die alt ehrwürdige Karawane ein weiteres Mal an mir vorbeiziehen. Das muss einfach sein, schon allein wegen des Klangs.Um wieder Zeit gutzumachen, wenn ich tatsächlich bis zur Spitze vorfahren will, wähle ich die Autobahn bis nach Assisi. Die Durchfahrt der Mille Miglia über die kleine Piazza mit dem wunderschönen Brunnen sollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, hatte mein italienischer Bekannter geraten. Eine passendere Kulisse für die historische Rennautos kann man sich tatsächlich nicht vorstellen. Ab Assisi lasse ich die Alten allein weiterziehen. Nach Rom. Bekanntlich führen alle Wege dorthin. Meiner ausnahmsweise nicht. Tribut an die hohen frühsommerlichen Temperaturen in der Toskana. Da fahre ich lieber die Querspange zum Lago di Bolsena, übernachte dort und fange morgen früh ganz entspannt und ausgeschlafen den Oldtimer-Tross am Seeufer wieder ein. Gedacht, getan.Am dritten Mille Miglia-Tag geht’s von Rom zurück nach Brescia. Knapp 700 Kilometer, die fahrerisch anspruchsvollsten davon liegen zwischen Florenz und Bologna. Die beiden Apennin-Pässe Futa und Raticosa auf diesem Anschnitt dienen selbst der Ducati-Entwicklungsabteilung als Teststrecke. Dicht an dicht stehen die Menschen am Straßenrand und jubeln den Helden der Mille Miglia zu. Und auch ich genieße – jetzt wieder mitten im Feld – den Jubel. Hinter einem Bugatti T 44 aus dem Jahre 1928 bleibe ich kurz hängen. Was der Fahrer am Volant zu leisten hat, um die behäbige Masse mit genügend Speed um die engen Kehren zu zirkeln, ist schier unglaublich. Er fährt Kampflinie. Nicht weniger spektakulär unterwegs ein Ferrari, den ich bei Monghidori einhole. Überholen wäre allerdings ein zu gewagtes Unternehmen – der Pilot versteht sein Handwerk und hat richtig Freude am Fahren. Bis sich die Ebene bei Bologna vor uns ausbreitet. Dort muss ich mich leider von der Mille Miglia verabschieden. Vor mir liegen noch die »mille kilometri« nach Stuttgart. Morgen ruft wieder der Schreibtisch.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote