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Um über die Runden zu kommen, bietet Ramón T­axifahrten an.

Mit dem Motorrad unterwegs auf Kuba Stadtrundfahrt im Beiwagen

Offiziell sind Motorrad-Taxis in Havanna verboten. Doch die Menschen der Stadt haben längst gelernt, Regeln geschickt zu umgehen. Wie Ramón, der mit seinem russischen IZH-Gespann Stadtrundfahrten anbietet.

Streng genommen sind wir illegal unterwegs. Trotzdem hat Ramón mir eine Runde in seinem Gespann durch Havanna angeboten. Zwei Stunden Sightseeing für umgerechnet fünf Euro – ein ziemlich gutes Geschäft für meinen Chauffeur, der mit seiner russischen IZH 350 Jupiter und einem kleinen, handgemalten Taxi-Schild am Ende von Havannas belebter Fußgängerzone Calle Obispo auf Fahrgäste wartet, obwohl solche Motorrad-Fahrdienste ­offiziell verboten sind. Zwei weitere solcher Touren, und er hätte bereits das monatliche Durchschnittseinkommen seiner Landsleute in der Tasche. Und im Falle einer Kontrolle? „No Problema.“ Mit ein paar Dollar ließen sich solche Angelegenheiten auf Kuba sofort an Ort und Stelle klären.

Im nächsten Moment biegt Ramón auf den Prado ab, Havannas berühmteste Flaniermeile. Restaurierte Kolonialbauten neben brüchigem Mauerwerk, morbider Charme neben fotogener Hoffnungslosigkeit – und dazwischen das pralle Leben, selbst jetzt im Sommer bei 38 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Einzig der Verkehr schleicht in Zeitlupe über den Boulevard. Buicks, Pon­tiacs, Fords oder Chevrolets, keiner jünger als die Revolution und viele nur durch ständiges Reparieren gegen das Handelsembargo gerade noch fahrbereit gehalten. Das automobile Leben einer Stadt, die einst Vergnügungspark für Hollywood-Stars und Mafia-Paten war – eingefroren im Jahr 1959. Jenseits aller Tragik eine großartige Szenerie. Erst recht aus der tiefen Perspektive eines Beiwagens.

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In Kuba ist der Besitz eines Fahrzeugs noch immer ein Privileg

 „Die meisten Touristen würden für so eine Rundfahrt einen dieser US-Klassiker vorziehen“, erklärt Ramón, während das prächtige Capitolio Nacional vorbeigleitet, jene Kopie des US-amerikanischen Regierungssitzes in Washington. Davor aufgereiht die Stars der kubanischen Oldtimer-Szene, nach Zigarren und Rum die dritte große Attraktion, die sein Land zu bieten habe. Flügelbewehrte Cabrios, ein roter Oldsmobile Super 88 und gleich zwei auf Hochglanz polierte Ford Fairlane. In Kuba sei der Besitz eines Fahrzeugs noch immer ein Privileg, und wer eines habe, würde es so oft wie möglich nutzen, um damit als Taxifahrer sein Leben zu bestreiten.

Wir zuckeln weiter durch das Zentrum Havannas. Ramóns Gespann schwankt bisweilen wie ein trunkener Esel über den geschundenen Asphalt, und angesichts der rauen Qualität kubanischer Straßen wäre ein einfaches Kissen im Rücken nicht schlecht. Auch die Sitzfläche im Boot besteht nur aus einem ungepolsterten Holzbrett, aber womöglich ist Ramón froh, dass sein 40 Jahre altes Motorrad heute überhaupt läuft. Rote Ampeln würde mein Pilot ohnehin am liebsten ignorieren, weil sein Vertrauen in die betagte Bremsanlage offensichtlich längst ebenso aufgebraucht ist wie das vieler Kubaner in die Regierung des Landes. Sobald die schlappen Trommeln die Fuhre schließlich doch zum Stehen gebracht haben, rauben uns die Abgase des 25 PS starken Zweitakters jegliche Sicht, und ganz bestimmt kann sich mein Fahrer auch schon längst nicht mehr daran erinnern, wer diese verschwitzte Halbschale auf meinem Kopf schon alles aufgehabt hat. Havanna pur.

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Ra­món träumt von einer Yamaha R1

Vorbei am Park der Brüderlichkeit und mit ein paar wilden Schlenkern durch die von der UNESCO vor einigen Jahren prächtig res­tau­rie­rte Altstadt. Mit seiner IZH sei er so etwas wie ein Exot in der Motorradszene der kubanischen Hauptstadt, ruft mein Pilot zu mir ins Boot hinunter. Die meisten würden MZ oder Simson fahren. „Viele Kubaner, die in der ehemaligen DDR gearbeitet haben, durften je nach Position schon mal zwei Motor­räder mit nach Hause bringen“, erklärt Ra­món. Die Ersatzteilversorgung sei jedoch für alle Marken katastrophal. „Nur ab und zu gelingt es Exil-Kubanern oder Freunden aus dem Ausland, bei einem Besuch Teile wie Luftfilter oder Zündkerzen ins Land zu schmuggeln. Ohne das Improvisationstalent unse­rer Mechaniker würde schon lange kein Fahrzeug mehr auf Kubas Stra­ßen fahren.“ Ich frage, was sein Traumbike sei. „Eine Yamaha R1.“

Es geht hinunter zum Hafen und schließlich zum Malecón, jene rund sieben Kilometer lange Uferpromenade am Golf von Mexiko, auf der sich jeden Abend die halbe Stadt trifft, um bei Musik und Rum den Sonnenuntergang und wohl auch ein wenig sich selbst zu feiern, weil man es so lange unter dieser staatlich verordneten Mangelwirtschaft ausgehalten hat. Tagsüber jedoch sind die Plätze am Meer verwaist, fällt der bröckelnde Putz an den einst so prächtigen Kolonialbauten umso mehr auf. Havannas ehemaliger Prachtboulevard ist mächtig in die Jahre gekommen.

Errol Flynn, Marlene Dietrich, Ernest Hemingway

Ramón nutzt die gerade Strecke, um den alten Zweizylinder auf geschätzte 60 Sachen zu beschleunigen, aber so genau lässt sich das Tempo nicht sagen, weil die kleine Tachonadel wie wild hin und her zuckt. Auf einmal riecht es nicht mehr nach Abgasen, sondern nur noch nach der salzigen See, deren tiefes Blau sich weit draußen mit dem Himmel vereint. Im nächsten Moment wischt das „Hotel Nacional“ vorbei. „Die berühmteste Herberge der Stadt“, brüllt mein Fahrer gegen das ­Zusammenspiel von Fahrtwind und Motorsound zu mir herunter. Dort seien Errol Flynn, Marlene Dietrich und natürlich Ernest Hemingway regelmäßig zu Gast gewesen. „Und für die wilden Feste der US-Mafia haben in der Zeit vor der Revolution gleich mehrere Etagen bereitgestanden.“ Sein Großvater habe damals dort als Portier gearbeitet und all die großen Stars persönlich gesehen.

Ein paar Meter weiter stoppt Ramón das Gespann in einer kleinen Parkbucht, von wo aus der Blick weit übers Meer reicht. Er habe hier oft gestanden und in Richtung Norden geschaut. „Solo noventa Miles hasta Florida.“ Nur 90 Meilen bis Florida. Dorthin wollte er schon immer einmal reisen. „Zum Klassenfeind?“ Ramón lacht über meine Bemerkung. „Nein, so würden das viele Kubaner schon lange nicht mehr sehen.“

Infos zu Kuba

Kuba

Hauptstadt: Havanna
Fläche: 110.860 km²
Währung: Peso
Einwohnerzahl: 11.270.000

Anreise/Reisezeit:

Mit Condor gelangt man ab Frankfurt dreimal pro Woche nonstop nach Havanna und zurück. Der Flug dauert etwa zehn Stunden und kostet rund 1100 Euro pro Person. Alternativ kann man mit Condor für rund 900 Euro auch nach Varadero fliegen und sich von dort per Taxi nach Havanna bringen lassen. Infos: www.condor.com.

Ferner bieten einige Airlines etwas günstigere Umstei­geverbindungen nach Havanna an (Air France über Paris, Iberia über Madrid und KLM über Amsterdam).Touristen benötigen neben einem Reisepass eine sogenannte Touris­tenkarte (Tarjeta touristica/Visa de Tourismo). Diese Karte bekommt man entweder von seinem Reiseveranstalter oder für 22 Euro auch vor dem Abflug am Schalter seiner Fluggesellschaft (vorher klären). Bei der Ankunft in Havanna oder Varadero behält die Einreisebehörde einen Teil dieser Karte, während der andere bei der Ausreise zurückgegeben werden muss. Wer seinen Teil der Touristenkarte verliert, muss mit bürokratischen Schwierigkeiten rechnen.

Reisezeit/Klima:

Als klassische Reisezeit für Ku­ba gilt der Zeitraum von Dezember bis April, wenn auf der Insel einigermaßen kühles und trockenes Klima herrscht. Von Mai bis Oktober kann es bis zu 40 Grad heiß werden, ab Ende August bis Ende November muss man mit heftigen Tropenstürmen rechnen.

Übernachten:

Havanna ver­fügt über zahlreiche Hotels in ­allen Komfort- und Preisklassen, die sich alle in staatlicher Hand befinden. Der Tipp in der Altstadt: das ­Ko­lonialhotel „Conde de Villanueva“, Preis: ab 65 Euro mit Frühstück. Infos: http://hotelcondedevillanueva.com. Günstiger sind die sogenannten Casas Particulares. Diese privat geführten Häuser erkennt man an einem weiß-blauen Aufkleber an der Haustür. Entsprechende Adressen finden sich in jedem Reiseführer. Oder man wendet sich gleich an einen auf Kuba spezialisierten Reiseveranstalter wie Cuba Real Tours. ­Infos: www.cubarealtours.eu

Motorrad:

Individuelle Reisen auf einem Mietmotorrad sind nach wie vor nicht gestattet, allerdings bieten gleich mehrere Reiseveranstalter geführte Motorradtouren auf Kuba an, etwa Edelweiss Bike Travel (www.edelweissbike.com), GS-Sportreisen (www.gs-sportreisen.de) sowie Profil Cuba Reisen (www.profil-cuba-reisen.de).

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