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Die Straßen Rumäniens sind besser als ihr Ruf. Während die Fernstraßen zumeist tadellos asphaltiert sind, kann der Endurofahrer auf kleineren Wegen noch sein Dorado finden.

Mit dem Motorrad unterwegs in Rumänien Den nahen Osten auf zwei Räder erkunden

Rumänien ist EU-Mitglied, für West-Europäer aber trotzdem weitgehend unbekannt. Das Land steckt voller Entdeckungen und Überraschungen: sehr freundliche Menschen, die mächtigen Berge der Karpaten, alte deutsche Dörfer voller Atmosphäre, Draculas Spuren und schlaglochreiche Wege.

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Foto: Deleker
Stehen gebliebene Zeit: Eines der schönsten Dörfer Siebenbürgens ist Deutsch-Weißkirch, das heutige Viscri.
Stehen gebliebene Zeit: Eines der schönsten Dörfer Siebenbürgens ist Deutsch-Weißkirch, das heutige Viscri.

Nichts Böses ahnend, rollen Robert und ich auf der E70 durch eins der Straßendörfer östlich von Timişoara. Plötzlich packt mich eine mächtige Windfaust, schiebt die Ténéré heftig zum Straßenrand. Ein fetter 40-Tonner brüllt mit 90 Sachen haarscharf an mir vorbei. Mitten im Ort. Gefolgt von einem schwarzen Porsche Cayenne, der, sobald ihm der Sattelschlepper genug Platz lässt, seinerseits den Lkw versägt. Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um so hirnfrei zu fahren? Wir sind schockiert, aber nicht zum letzten Mal, denn beinahe im Viertelstundentakt erleben wir ähnliche Attentatsversuche auf den Fernstraßen. Dabei ist der normale Rumäne durchaus zivilisiert unterwegs, es sind vor allem die Fahrer deutscher Luxusautos, die offenbar glauben, mit ihrem wie auch immer gewonnenen Reichtum auch das Recht auf schwachsinnige Fahrweise gepachtet zu haben. Und was lernen wir daraus? Meide die Fernstraßen, nutze die kleinen Wege.

Die erste Woche in Rumänien verläuft nicht gerade so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das perfekte Frühlingswetter, das uns durch Österreich und Ungarn begleitet hatte, traut sich noch nicht bis in die Karpaten. Dort verweigert der Winter hartnäckig seinen Rückzug. Jenseits von 1500 Metern ist die Landschaft noch tief verschneit, die hohen Berge stecken in finsteren Wolken, und die Piste, auf der wir einen Annäherungsversuch an die hohen Berge wagen, versinkt bei einem Grad über null im Schneetreiben und Schlamm. Aus der Traum vom höchsten Pass des Landes, dem 2145 Meter hohen Urdele. Mitte Mai hatten wir nicht damit gerechnet, hier schockgefrostet zu werden.

Die nette Holländerin Antje, die den schnuckeligen Campingplatz in Carta betreibt, verbreitet Optimismus: „Übermorgen soll endlich der Frühling kommen.“ Der gefrierende Nieselregen in der Nacht spricht eine andere Sprache, aber morgens kämpft sich tatsächlich die Sonne schüchtern durch die Wolken. Endlich sehen wir die Karpaten, eine gewaltige Phalanx steiler, weißer Berge, über 2500 Meter hoch.

Wir lassen die Zelte stehen, bummeln über kleine, oft ungeteerte und fast verkehrsfreie Wege durch die sanften, grünen Hügel des Karpatenvorlands. Hirten ziehen mit ihren Schafherden übers weite Land, bunt gekleidete Roma-Familien holpern mit rustikalen, uralten Pferdefuhrwerken durch die Dörfer. Hier fühlen wir uns um Jahrzehnte, vielleicht sogar ein Jahrhundert zurückversetzt.

Die Ortsschilder sind auf Deutsch und Rumänisch, zeugen vom ehemaligen Siedlungsgebiet der sogenannten Sachsen hier in Siebenbürgen. Bereits im 12. Jahrhundert kamen die ersten Siedler nach Transsilvanien, folgten den Versprechungen des ungarischen Königs Geysa, bauten Dörfer und mächtige Wehrkirchen und sicherten das Land so gegen die gefürchteten Überfälle von Mongolen und Tartaren. Als Dank dafür genossen die Siedler die Privilegien des „Goldenen Freibriefs“, Vorteile, von denen sie daheim nicht zu träumen gewagt hatten. Von den ehemals 300 Kirchenburgen hat die Hälfte die Jahrhunderte überstanden, manche in trostlosem Verfallsstadium, andere sehenswert restauriert.

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Foto: Deleker
Touristenmagnet in den Ostkarpaten: Die spektakuläre Bicaz-Schlucht wurde vom Fluss Bicajelul 300 Meter tief in die Felsen gefräst.
Touristenmagnet in den Ostkarpaten: Die spektakuläre Bicaz-Schlucht wurde vom Fluss Bicajelul 300 Meter tief in die Felsen gefräst.

Die schönste finden wir in Deutsch-Weißkirch, das heute Viscri heißt. Sarah, die 75-jährige „Behüterin“ der uralten Wehrkirche, führt uns durch ihren Schatz. Meterdicke Mauern, stockfinstere Treppen, ein hölzerner Wehrgang in luftiger Höhe, überragt vom weißen Turm mit seinem pyramidenförmigen, roten Ziegeldach. Aber nicht nur die Kirchenburg fasziniert uns, auch das Dorf ist so malerisch, bunt und lebendig wie kein anderer Ort in dieser Gegend.

Alte pastellfarbene Steinhäuser säumen die breite, grob gepflasterte Dorfstraße, Kinder treiben Kühe von der Weide zurück in den Stall, ein blauer, russischer Lkw sammelt volle Milchkannen an den großen Holztüren der Gehöfte ein. Landleben wie aus dem Bilderbuch. Nur die deutschen Bewohner sind fast vollständig verschwunden, verließen Deutsch-Weißkirch nach dem Sturz des Ceauşescu-Regimes. Heute leben hauptsächlich Rumänen und Roma in Viscri.

Im Gegensatz zur Wettervorhersage war es ein guter Tag, immerhin 15-mal wärmer als gestern. Aber eine böse Überraschung wartet noch. Kurz vor Carta auf einer staubigen Buckelpiste will Roberts BMW nach einem Fotostopp nicht mehr anspringen, die Kontrollleuchten glimmen nur noch müde in der Abenddämmerung. Offenbar ist die Batterie hinüber. Wir binden die dicke 1200er mit Spanngurten hinter die XT und ziehen sie zum Campingplatz. Der Ténéré wird mächtig warm ums Herz, als Zugfahrzeug wurde sie nicht entwickelt. Antje leiht uns ein Überbrückungskabel, aber die BMW verschmäht den Strom aus der Yamaha-Batterie. Nichts geht mehr. Natürlich passieren solche Missgeschicke samstags. Also verbringt Robert einen langweiligen Sonntag mit der Lektüre des GS-Reparaturbuchs, erfährt Deprimierendes über die möglichen Fehler der CAN-Bus-Elektronik, schwadroniert schon vom ADAC-Rückholdienst.

Ruhig, Brauner, so weit sind wir noch lange nicht. Montag früh bekommt die BMW eine Organspende, wir pflanzen ihr die Yamaha-Batterie ein. Diesmal wehrt sich die GS nicht gegen den japanischen Strom und springt sofort an. Robert düst nach Sibiu, findet dort einen Bosch-Dienst, der sogar eine passende Batterie auf Lager hat, und ist schon mittags gut gelaunt zurück. Endlich wieder mobil. Packen und auf zum legendären Dracula-Schloss nach Bran.

Ob der angebliche Vampir, der erst durch den Roman von Bram Stoker weltberühmt wurde, tatsächlich hier gelebt hat, ist umstritten, aber eigentlich auch belanglos, denn der Mythos lebt, lockt Tonnen von Touristen in die tolle Burg, die selbst ohne die Schauergeschichten fantastisch ist.

Eine faszinierende Architektur, verspielte Türmchen und Arkaden, Zimmer und Gänge, mal schaurig finster, dann wieder filigran und hell oder äußerst massiv. Inzwischen regnet es wieder, wir flüchten nach Norden, kommen durch deprimierende Orte, sind entsetzt über den allgegenwärtigen Müll entlang der Straßen und in den Flüssen, trinken fiesen Kaffee in einem schrecklichen Gasthaus. Der Gastwirt schleppt einen großen Bastkorb mit leeren, braunen Plastikflaschen über den Hof und kippt ihn einfach in den Fluss. Unsere fassungslosen Gesichter quittiert er mit lässigem Schulterzucken. Alltag in Rumänien.

Foto: Deleker
Der berühmteste Pass der Karpaten, der Transfăgărăş, steckt Mitte Mai noch in der Wintersperre.
Der berühmteste Pass der Karpaten, der Transfăgărăş, steckt Mitte Mai noch in der Wintersperre.

Jetzt reicht’s. Wir beschließen, dass es nun einfach besser werden muss. Es scheint zu helfen, der Regen lässt nach, die Temperatur nähert sich dem zweistelligen Bereich, und abends haut uns Sighişoara, das ehemalige Schäßburg, aus den Socken. Was für eine wunderbare Stadt! Verblichene, bunte und fein restaurierte, jahrhundertealte Häuser säumen grob gepflasterte Gassen, großzügige Plätze mit gemütlichen Cafés - ein tolles mittelalterliches Ensemble voller Atmosphäre. Wir sind begeistert und bleiben gleich zwei Tage. Tatsächlich ist Sighişoara der Wendepunkt unserer Reise, ab jetzt wird nicht nur das Wetter besser, auch die positiven Eindrücke häufen sich.

Über kleine Straßen, oft im Stadium der Renaturierung, verziert mit einem beachtlichen Schlagloch-Arsenal und somit ein passendes Terrain für die langen Federwege unserer Enduros, holpern wir nordostwärts, staunen über die neugierigen, immer freundlichen Menschen, eine apokalyptische Industrieruine inmitten nach Schwefel stinkender Abraumhalden, endlose Wälder und spannende Pässe. Die Ortsschilder sind nun nicht mehr rumänisch-deutsch, sondern rumänisch-ungarisch. Im ehemals ungarischen Siedlungsgebiet ändern auch die Dörfer ihr Gesicht: Mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holzhäuser leuchten in der warmen Sonne. Was für ein Kontrast zu den hässlichen Städten wie Ostra, Stulpicani und Fraisin, die zudem mit ewig langen Ortsdurchfahrten nerven.

Wir folgen dem Fluss Bistrita durch ein bildschönes Tal, besuchen das berühmte Moldaukloster in Sucevita und entdecken dann endlich Bergstraßen, auf denen echter Fahrspaß aufkommt. Wie die 17A, die mit bestem Asphalt über 1000-Meter-Pässe durch die Berge der Region Maramures kurvt. Am Horizont strecken die verschneiten Zweitausender der nördlichen Karpaten ihre Gipfel in den tiefblauen Frühlingshimmel. Maramures ist anders, dicht bewaldet, wilder und einsamer. Die Menschen leben seit Jahrhunderten von der Forstwirtschaft. In Vişeu finden wir ein einfaches Gasthaus direkt an der Waldbahn, für Dampflokfans ein absolutes Muss. Jeden Morgen dampft die putzige Schmalspurlok mit drei Touristen- und vielen offenen Güterwaggons ins straßenfreie Wassertal, kommt abends voll beladen mit Baumstämmen zurück nach Vişeu. Zu gerne wären wir auch auf diese Zeitreise gegangen, aber der Zug war ausverkauft.

Morgen wollen wir weiter in die Ukraine, Zeit, ein Fazit unserer Rumänien-Eindrücke zu ziehen. Es war spannend, oft deprimierend, dann wieder außergewöhnlich schön. Das Klopapier war immer rosa und rau, die Menschen immer offen und freundlich. Wir haben uns niemals unsicher gefühlt. Nur an eins wollten wir uns nie gewöhnen: an die hirnlosen Raser in ihren deutschen Luxusschlitten.

Foto: Werel

Infos

Die Kontraste entlang des Karpatenbogens: Umweltverschmutzung und wunderschöne alte Städte, Gastfreundschaft und Dracula-Geschichten, Leben wie vor 100 Jahren. Rumänien ist spannend!

Anreise:
Der Weg ist weit, von Köln bis Sibiu misst die kürzeste Strecke 1600 Kilometer. Die schnellste Route aus dem süddeutschen Raum führt durch Österreich und Ungarn, ansonsten kann man auch durch Tschechien, die Slowakei und die Ukraine anreisen. Für die lange Anfahrt aus Nord- und Westdeutschland bietet sich die Nachtfahrt mit dem Autozug bis Villach an. Pro Person und Motorrad kostet die einfache Fahrt von Düsseldorf bis Villach je nach Saison ab 186 Euro. Infos: Telefon 0 18 05/24 12 24 oder www.dbautozug.de

Unterwegs:
Das Tankstellennetz ist erstaunlich dicht. Bleifreies Benzin ist überall erhältlich. Die Straßen sind besser als ihr Ruf, was sich vor allem auf komfortabel gefederten Reisemotorrädern erleben lässt. Die Fernstraßen sind oft in sehr gutem Zustand. Nebenstraßen erfordern allerdings nicht selten einen Slalomkurs zwischen den Schlaglöchern. Schotter-Junkies kommen auf den zahlreichen Pisten auf ihre Kosten. Nicht vergessen: die grüne Versicherungskarte.

Reisezeit:
Der Frühling in den Karpaten kommt bisweilen erst Mitte Mai. Die hohen Pässe stecken oft bis in den Juni unter einer dicken Schneedecke. Die Sommer können bis zu 40 Grad heiß werden. Als optimale Reisezeit bietet sich daher Mitte Mai bis Ende Juni sowie Mitte August bis Mitte Oktober an.

Unterkunft:
Freie Reisende finden meist auch spontan ein Quartier für die Nacht, zumeist in Pensionen und Gasthäusern in der Preisliga zwischen zehn und 30 Euro. In touristisch erschlossenen Gebieten gibt es inzwischen genug Unterkünfte. Campingplätze sind rar, aber es gibt sie. Freies Zelten ist kein Problem. Das Preisniveau liegt deutlich unter dem Mitteleuropas. Bezahlt wird mit dem rumänischen Lei, der an zahlreichen Bankautomaten gezogen werden kann. Für einen Euro gibt es 4,36 RON (offizielle Bezeichnung des Lei).

Literatur:
Empfehlenswert, wenn auch nicht fehlerlos, ist das dicke Rumänien-Handbuch aus dem Verlag Reise Know-How für 24,90 Euro. Interessante Einblicke in die rumänische Seele erlaubt das Buch „Kulturschock Rumänien“ für 14,90 Euro aus dem gleichen Verlag. Gute Karten sind Mangelware. Wir hatten die Karten Siebenbürgen von Freitag & Bernd im Maßstab 1:400000 und das Rumänien-Blatt in 1:600000 von Reise Know-How dabei. Beide verfügen über eine ungewöhnliche Fehlerquote, zeigen Straßen und Campingplätze, wo keine sind und leugnen andererseits real existierende Straßen. Daraus muss man das Beste machen.

Infos:
Die beste Informationsquelle ist wie gewöhnlich das Internet, beispielsweise mit folgenden Seiten: www.rumaenien-tourismus.de, www.sibiweb.de, www.siebenbuerger.de, www.karpartenwilli.com, www.maramures.de

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