Mit Harleys in Syrien, Jordanien und Libanon Arabischer Frühling: Mit Harleys in der Wüste

Kurz bevor der Arabische Frühling begann, fuhren deutsche Harley-Fahrer in die Länder von Tausendundeiner Nacht, um mit Einheimischen gemeinsam zu touren. Sie erlebten grandiose Gastfreundschaft und hoffen nun auf eine baldige Befreiung Syriens.

Foto: Fuge

Begonnen hatte alles auf einer Bikerparty. Ein paar Harley-Fans unterhielten sich darüber, dass in Amman, der Hauptstadt von Jordanien, gerade ein Harley-Händler eröffnet habe. „Da müsste man doch mal hin“, warf einer in die Runde. Mit Harleys in die Wüste?

Sam Stirl (42) aus Dresden griff die Idee begeistert auf, machte ein Projekt daraus und startete im November 2010 mit einem MAN-Sattelzug voller US-Eisen in den Nahen Osten. Von Venedig aus setzte der Truck mit der italienischen Fährgesellschaft Visemar Line ins syrische Tartus über. Dort halfen die Syrian Riders, ein landesweiter Motorrad-Club, den Deutschen bei einem Papierkrieg, der an Wahnsinn grenzte. Noch nie war jemand mit einem Lastwagen voller schwerer Motorräder nach Syrien eingereist. Zudem war Motorradfahren in Syrien verboten, die einfallsreichen, mutigen Syrian Riders daher offiziell gar nicht existent.

„Ohne diese Jungs hätten wir das nicht geschafft“, ist sich Sam Stirl sicher. Die Fahrt von Tartus nach Damaskus erfolgte in einem Konvoi von 400 Trucks, weil die Syrer so Schmuggel und Zollvergehen unterbinden wollten. Nach dem Abladen der Bikes in -Damaskus die Überraschung: Eine Polizeieskorte leitete den Pulk der dicken Harleys durch den chaotischen Verkehr. Eine Motorradstaffel, die sonst Staatsgäste geleitet und einen von vielen Widersprüchen darstellt, die im ganzen Land herrschen. Mit arabischem Einfallsreichtum ist anscheinend trotz der menschenverachtend harten Hand von Präsident Assad vieles möglich. Die Syrian Riders fahren alle dicke, illegale Harleys und kämpften um ihre offizielle Anerkennung, so wie jetzt das ganze Land um bessere Lebensbedingungen und für ein Ende des machtbesessenen, konservativen Regimes kämpft. Mit über 30 Motorrädern setzten die deutschen und syrischen Biker in Damaskus ein Fanal für die (Motorradfahrer-)Freiheit.

Damaskus zeigte sich als eine pulsierende, faszinierende, vor Kreativität strotzende Metropole mit Menschen, die statt tagtäglicher Staatsrepressalien einfach nur individuelle Entfaltungsmöglichkeiten wünschen. Anschließend ging es Richtung Aqaba, wo die erste jordanische Harley-Rallye stattfinden sollte.

Die Formalitäten an der syrisch-jordanischen Grenze waren kompliziert, aber alle blieben freundlich. Dann donnerte der Tross nach Amman, der jordanischen Hauptstadt. In der Harley-Davidson-Niederlassung wartete das einheimische HOG-Chapter unter Leitung von Prinz Abbas Bin Ali, einem Großcousin des Königs Abdullah II. Stolz er-zählte er, dass es erst seit einem Jahr offiziell erlaubt ist, in Jordanien Motorrad zu fahren. Davor waren Motorräder 28 Jahre lang illegal. Allein dem Königshaus stand das Privileg zu, was Abdullah reichlich nutzte. Als das Verbot aufgehoben und das Harley-Chapter gegründet wurde, ernannte König Abdullah seinen ebenfalls zweiradversessenen Cousin Prinz Abbas zum Direktor.

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Foto: Jens Fuge

Mit Polizei-Eskorte fuhren die Harleys am toten Meer entlang. Hier war man bis zu 410 Meter unter dem Meeresspiegel unterwegs und befand sich an der tiefsten Stelle der Erde. Bis zum Roten Meer verlief die Route nahe der israelischen Grenze durch eine Sandwüste, am Horizont Gebirgsketten. In Aqaba warteten die Teilnehmer der „First Jordan Harley-Davidson-Rally“. Biker aus Bahrain, Ägypten, Libanon, Qatar, Saudi-Arabien und Jordanien feierten und fuhren einträchtig zusammen.

Diverse Touren führten in die uralte Felsenstadt Petra und ins Wadi Rum, wo Lawrence von Arabien Geschichte schrieb. Dromedar-Kolonnen versetzten die Biker endgültig in die Welten von Tausendund-einer Nacht. Anschließend bollerten die Harleys in einem Gewaltritt an die libanesische Grenze. Wieder schwierige Grenzformalitäten, diesmal halfen die Lebanon Riders. Hassan, der Chef, führte die deutschen Freun-de nach Beirut, wo ein gnadenloser Kampf auf den Straßen herrscht und niemand Zweiter im Verkehr sein will. Nach wei-teren Touren mit dem libanesischen Harley-Chapter über gewagte Pisten endete das Orient-Abenteuer für die Deutschen in Damaskus. Sie wollen wieder hin, müssen nun aber warten, bis Syrien sich befreit hat. Bleibt zu hoffen, dass das klappt. Nicht nur im Interesse der Motorradfahrer.

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Infos

Foto: Werel

Syrien, Jordanien und Libanon sind Länder in der Steinzeit des Motorradfahrens, doch es locken exotische Reize. Gegenwärtig kein Ziel, aber zum Träumen und Hoffen geeignet.

Allgemeines:
Syrien sucht zurzeit eine neue Identität. Wenn sich die politische Lage hoffentlich mit einer neuen Staatsform stabilisert hat, ist das Land, das als „Wiege der Menscheit“ über grandiose Sehenswürdigkeiten verfügt, ein attraktives Reiseziel. Die Hauptstadt, das märchenhafte Damaskus, ist eine der ältesten Städte der Welt. In Syrien leben rund 20 Millionen Menschen auf 185180 km². Im Libanon mit seiner Hauptstadt Beirut dagegen teilen sich rund vier Millionen Menschen eine Fläche von 10452 km². Reisen nach Jordanien oder Libanon sind von der politischen Entwicklung in Syrien abhängig, Sicherheitshinweise gibt’s unter www.auswaertiges-amt.de. Weitere Infos: www.syriatou-rism.org, www.visitjordan.com. Tourismus kann beim Wiederaufbau helfen. Geführte Touren bietet an: Sam Stirl, East Ride Tours Dresden, www.east-ride.com. Miet-Maschinen über die Harley-Händler in Amman (Al Salam Street) und Beirut (Michel Chiha Street). In Jordanien und Syrien gibt es eine gewisse touristische Infrastruktur, der Libanon hinkt etwas hinterher.

Anreise:
Israel sollte man meiden, wenn man in arabische Länder einreisen möchte. Günstige Flüge nach Damaskus gibt es ab Prag (Czech Airlines), Frankfurt am Main oder Hamburg (Lufthansa). Nach Beirut gelangt man von Berlin und Düsseldorf. Fähre: Venedig -Tartus/Syrien: www.visemarline.com

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