Unterwegs im Waldecker Land Eine Reise mit dem Rollerdreirad Piaggo Ape 50

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Unterwegs am untersten Ende der Leistungsskala, am Rande des modernen Verkehrs. Eine Reise mit dem Rollerdreirad Ape 50 sorgt für intensive Sozialkontakte, die Welt wird riesengroß, und am Ende wartet der Ritt auf einer Kanonenkugel.

Foto: Biebricher

Lea ist acht Jahre alt. Ein Mädchen noch ohne Schwäche für schwere Feuerstühle. Als aber die süße, blaue Ape vor ihr steht, will sie spontan mitfahren. Das geht allen so, die wir unterwegs treffen. In Kassel, Zierenberg, Wolf-hagen, Bad Arolsen und Diemelstadt stauen sie sich, wenn die Ape stoppt. Wollen reden, outen sich als Fans von Motorrädern, Autos, Lastwagen, Treckern, Lokomotiven, Flugzeugen. Die 50-Kubik-Ape eint sie mit einem Charme, auf den andere Mobilitäts- und Transportkonzepte neidisch sein können. Weil sie so viel mit so wenig schafft. Mangel wird hier zum Mehrwert. Pures Erleben, nicht durch Luxus, sondern durch Reduktion. Wann haben bei Ihnen zuletzt die Wangen vor Begeisterung geglüht?

Keine Bange, jetzt kommt keine Verzichtspredigt, sondern eine Geschichte aus dem Leben. Wir wollen wissen, wie es sich anfühlt, in einem Gefährt unterwegs zu sein, das den Grenzlandschaften der Motorradwelt entstammt. Einem Fahrzeug ohne Leistung, Luxus, Sicherheit. Einem Mobil, das Millionen italienischen und asiatischen Lieferanten, Bauern und Handwerkern lebensnotwendiges Werkzeug war und ist.

Die dreirädrige Ape von Piaggio ist der weltweit bislang erfolgreichste Versuch, Nutzwert und Zuladung eines Motorrollers maximal zu erhöhen, gehört also zum Motorradkosmos und rechtfertigt damit ihre Existenz in MOTORRAD. Seit 1948 ist die von Enrico Piaggio und dem Flugzeugingenieur Corradino dAscanio ersonnene Ape in ihren verschiedenen Versionen Rückgrat des italienischen Wirtschaftsaufschwungs und bestimmt bis heute das Verkehrsbild. Sogar über weite Bereiche des asiatischen Erdteils hat sie sich ausgebreitet, große Kontingente werden heute in Indien produziert. Selbst in Deutschland entwickelt sich die kleine "Biene" in verschiedenen Hubraumklassen zum Kultfahrzeug.

Wo sie auftaucht, berührt sie die Herzen. Das von Roman zum Beispiel. Zum 60. Geburtstag hat sich der lebenslange Motorradfahrer eine Harley Softail gegönnt. Wir treffen ihn unter anderen Bikern in Bad Arolsen an der Eisdiele. Die Besitzer der schweren Maschinen sind neidisch auf die Wendigkeit der Ape, die sich in ihrem Ursprungsland beladen durch engste Gassen schlängeln muss. Dann kommt die 15-jährige Eleni dazu. Sie ist flinkes Handling gewöhnt, rast fingerfertig über die Tastatur ihres iPhones und chauffiert einen 50er Kymco-Roller. Für ein paar Minuten am Lenker der Ape legt sie sogar ihren Apple-Fetisch aus der Hand. Das schafft sonst keiner. Handschaltung sind die automatikverwöhnten Kids nicht mehr gewöhnt, die Gangwechsel fallen der Schülerin schwer. Auch Claudia, Anfang 40, tut sich nicht leicht. Seit Langem erwägt die Hobbygärtnerin, sich eine Ape für die erweiterte Gartenarbeit zuzulegen.

Doch das Piaggio-Dreirad transportiert nicht nur materielle Lasten, sondern auch Wünsche. Lea lechzt nach einem Eis, und deswegen müssen wir schnellstens, vom Dorf Külte kommend, den Arolser Berg bezwingen. Gefühlte 20 Prozent Steigung. Oben sind wir im ersten Gang und haben noch 10 km/h auf dem Tacho. Immer noch schneller als ein Esel. Lea zählt die Autos im Rückspiegel. Keiner regt sich auf, alle lächeln beim Überholen. Die Ape verzaubert. Macht aus introvertierten Limousinenlenkern Kommunikationswunder, aus rücksichtslosen Rasern zahme Lämmer. Entgegenkommende Motorradfahrer grüßen. Wenn das kein Beweis ist, dass die Ape zu ihrer Welt gehört.

Auf dem Rückweg singt der kleine Zweitakter bei Höchstdrehzahl ein kerngesund klingendes Lied. Bergrunter bewegt sich die Tachonadel in Regionen jenseits aller Vorstellungskraft. Wir haben das Gefühl zu fliegen.Lea schreit mir die Geschwindigkeit zu, aufgeregt wie eine Fußballreporterin kurz bevor das Tor fällt. 45, 50, 55, 57 km/h.

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Foto: Biebricher

Ein großartiges Gefühl von Freiheit. Jetzt ist ein sauberer Strich gefragt, Lenkbefehle sollten äußerst sparsam erteilt werden. Bei diesem mörderischen Tempo sind Fingerspitzengefühl und hellseherische Fähigkeiten gefragt. Stark bremsen kann die Ape nicht mit ihren kleinen Trommeln.

Zurück in Külte erlaubt uns Bauer Wagner, das Futter für seine Kühe aus dem Silo zum Stall zu transportieren. Beladen bergan mag die Biene kaum noch beschleunigen, jede Wanderdüne ist schneller. Jetzt der zweite Gang. Kupplung ziehen und linkes Handgelenk mit dem Wählgriff nach unten drehen, wobei die Neutralstellung überwunden werden muss. Kupplung kommen lassen, Gas dazu dosieren, Sehnenscheidenentzündung ignorieren. Millionen von Vespa-Fahrern kennen die Prozedur. Die anachronistische Mechanik zu erspüren und geschmeidig zu bedienen macht diebische Freude.

Kaum im vierten Gang auf dem Wirtschaftsweg, tauchen schon die Stallungen auf. Also wieder voller Einsatz an Bremshebel und -pedal. Rückwärts müssen wir an den Trog heranmanövrieren. Kupplung und einen schwarzen Metallstab nach hinten ziehen, der roh aus dem Kabinenboden ragt. Jetzt rastet "la marcia indietro" ein, und die Ape hat vier Rückwärtsgänge. Nach vier Tagen mit der Blauen genießen wir den Ruck der Beschleunigung nach dem Gangwechsel, das gemessen am Miniradstand und den kleinen Rädchen gar nicht so unkomfortable Fahrwerk, den kaum für möglich gehaltenen Speed in Kurven und vor allem die extreme Bereitschaft zu Richtungs-änderungen. Mein Ape-erfahrener Kollege Schröder behauptet, ein Kart sei träge dagegen. Er meint auch, den wahren Grund für die durchweg lautstarken Unterhaltungen italienischer Familien zu kennen: weil es in der Kabine der Ape so scheppert und dröhnt. Er muss es wissen, ist schließlich mit einer Sizilianerin verheiratet.

Alles ist relativ. Auch Lautstärke und Geschwindigkeit. Von Herbsen nach Külte liefern wir eine Ladung Wein aus. Wir sind noch nicht taub, vermissen nichts im völlig kargen Cockpit. Der Tacho ist großartiges Entertainment, unser Bienchen wird immer schneller, wir fühlen uns als vollwertige Verkehrsteilnehmer. Erst recht, als wir die 50 Kilometer von Külte zurück nach Kassel angehen. Natürlich machen kleine Wege mehr Freude, aber hier müssen es auch breitere Straßen sein. Wir machen uns ganz klein, bleiben ganz rechts. Sogar die Polizei drückt ein Auge zu. Durch das dünne Blech spürt man den Windstoß der 40-Tonner, in Kurven springt manchmal die Tür auf. Dann regnet es, der Scheibenwischer will nicht so recht, also streckt Lea ihren Arm aus dem Ausstellfenster und betätigt ihn manuell. Man ahnt, warum die Ape zum Mythos geworden ist. Wir stellen uns vor, wie die propere italienische Mama und der Capofamiglia sich diese kleine Kabine geteilt haben und spüren plötzlich den unermesslichen Raum hinterm Lenker.

Wir werden dich vermissen, Ape. Und müssen erkennen: Es tut gut, sich von Zeit zu Zeit mal zu erden, Maßstäbe und Bezugsrahmen geradezurücken. Als ich nach der Ape auf eine "nur" 50 PS starke Honda steige, traue ich meinen Sinnen nicht. Es ist der Ritt auf einer Kanonenkugel!

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Foto: Werel

Infos

Die Umgebung von Kassel, insbesondere das im Westen gelegene Waldecker Land, ist ein Geheimtipp für Motorradfahrer. Die weite, hügelige Landschaft, allerfeinste Kurvenstrecken und pittoreske Fachwerkdörfer samt urigen Menschen sorgen für puren Reisegenuss. Keine Frage, dass diese lauschige Gegend auch dem italienischen Rollerdreirad passte.

Foto: Biebricher

Technische Daten / Spezial Umbauten

Technische Daten Piaggio Ape 50

Motor:
Einzylinder-Zweitakt, luftgekühlt, Hubraum: 50 cm3, Leistung: 1,9 kW/2,58 PS. Zündung: elektronisch, Batterie: 12 V/32 Ah, Radaufhängung: ein hydraulisches Federbein pro Rad, Bremsen hinten: Trommelbremsen, hydraulisch über Fußpedal und Feststellbremse betätigt, Bremsen vorne: Trommelbremse, mechanisch über Handhebel betätigt, Reifen: 100/90-10 56 J, Getriebe: vier Vorwärtsgänge, Differenzial lässt sich per Hebel auf Rücklauf schalten, daher auch vier Rückwärtsgänge, Höchstgeschwindigkeit: 37 km/h, Tankinhalt: 10 Liter, Benzinverbrauch: 3-4 Liter auf 100 Kilometer, Ölverbrauch: ca. 0,5 Liter auf 1000 Kilometer, Leergewicht: 300 Kilogramm, Nutzlast: ca. 180 Kilogramm, Wendekreis: 4,80 Meter, Maximale Steigfähigkeit: 16 Prozent - mit viel Anlauf.

Spezial Umbauten beim APE-Händler in Kassel

Unsere Ape bekamen wir von der Firma Schira aus Kassel zur Verfügung gestellt, einem der größten Piaggio-Ape-Händler in Deutschland. Das unkonventionelle Roller- und 125er-Motorradgeschäft an der Holländischen Straße 236 vertritt neben Piaggio auch Yamaha und hat sich als zweites Standbein auf Ape-Umbauten spezialisiert. Ape als mobile Espressobar, Ape als mobiler Bier- oder Weinausschank, Ape als Imbissbude, Eisdiele - es gibt wenig, was man nicht auf Ape-Basis realisieren könnte.

Die Umbauten entstehen handwerklich präzise in der angeschlossenen Werkstatt, auch ein Lackierbetrieb befindet sich auf dem Gelände. Uwe Schütze, Geschäftsführer von Schira, nahm sich für Information, Einweisung und Serviceleistungen viel Zeit, wir sagen Danke! Alle Infos: www.schira.de. Übrigens: In Italien blüht eine rege Ape-50-Tuning-Szene, deren zumeist junge Mitglieder vom italienischen Hersteller Polini mit Teilen versorgt werden. Gibt es für Roller mit Gutachten bei Schira.

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