Mongolei (2)

Foto: Andreas Hutter
So leicht macht es uns der nächste Fluss nicht: An ihm gibt es nur eine Furt, und wir brodeln tapfer und mit Schwung in das Halbmeter tiefe Wasser. Was eine moderne Enduro als Afterworkparty genießen würde, wird für die Ural zum unpassierbaren Hindernis: Sie verendet genau in der Mitte des Flusses. Nicht einmal zu zweit haben wir eine Chance, sie über den steinigen Grund ans Ufer zu schieben. Doch wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Reiter auf. Ohne viele Worte zu verlieren, befestigt der Nomade ein Seil am Rahmen der Maschine und gibt dem Pferd heftig die Sporen. Wir ziehen und schieben ebenfalls, was das Zeug hält, und bringen die Ural so tatsächlich an Land. Sie springt allerdings ums Verrecken nicht mehr an. Der Motor hat sich vermutlich vor dem Absterben eimerweise Wasser reingezogen. Mein Begleiter erklärt mir, dass er im nächsten Dorf jemand kenne, der das gleiche Fahrzeug habe. Gemeinsam schleppen wir die Ural in die glücklicherweise nahe gelegene Ansiedlung. Und tatsächlich ist der dortige Ural-Eigner bereit, die nötigen Ersatzteile von seinem Motorrad abzuschrauben und mir zu verkaufen.

Nach vier Tagen reise ich noch immer mit Begleitung. Ich hatte meinen Mitfahrer oft gefragt, wo er denn eigentlich hinwolle. Und erhielt stets die gleiche Antwort: „Ja, genau in diese Richtung!“ Als wir uns an einer größeren Kreuzung schließlich trennen, gesteht er, dass wir sein eigentliches Ziel bereits am ersten Tag nach rund zehn Fahrminuten erreicht hätten. Diese seltene Gelegenheit, endlich einmal herumzukommen, wollte er sich aber nicht entgehen lassen. Wir verabschieden uns wie alte Freunde.

Wieder und wieder bleibe ich mit diversen Defekten liegen. Einmal ramme ich mit dem rechten Zylinder einen Felsblock, der den Ventildeckel durchschlägt und dabei auch noch das Auslassventil beschädigt. Ein anderes Mal müssen – wegen ständigem Rein- und Rausschrauben – die Zündkerzengewinde erneuert werden, und fast täglich brechen Speichen. Und immer geht es irgendwie weiter. Inzwischen kann ich den Motor allein aus- und einbauen. Das Improvisationstalent der Mongolen sowie ihre unerschütterliche Fröhlichkeit und Zuversicht sind dabei eine verlässliche Größe.

Nach zweiwöchiger Fahrt gelange ich endlich nach Uliastaj und mache mich sofort auf die Suche nach Monkor, der nichts von meiner Ankunft weiß. Ich finde ihn vor seinem Haus, in dem er und seine Familie die harten Wintermonate verbringen. Im ersten Moment bin ich erschrocken. Er scheint in den letzten Jahren um ein Vielfaches gealtert zu sein. Bald erfahre ich die Ursache. Wie Hunderte anderer Familien der Region wurde auch seine Familie 1999 Opfer eines Schneesturms, bei dem in dieser Provinz über eine Millionen Tiere starben – und somit den Nomaden die Lebensgrundlage genommen war. Auch Monkors Familie verlor fast all ihre Pferde, Kühe und Schafe. Damit die Familie überleben und die beiden Töchter zur Schule schicken kann, arbeitet Monkors Frau Batna nun als Näherin in der Stadt. Seine beiden Schwestern hatten dagegen mehr Glück. Ihre Lagerplätze lagen rund 150 Kilometer weiter westlich, ihre Herden blieben fast unversehrt. So konnten sie Monkors Familie helfen. Ohne ihren starken Zusammenhalt hätte viele Nomadenfamilien ihre traditionelle Lebensweise aufgeben müssen.
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Foto: Andreas Hutter
Gemeinsam fahren wir raus zu seinem Lagerplatz nahe der Stadt, auf dem eine Hand voll helle Rundzelte aus Filz, so genannte Gers, errichtet sind. Die ganze Familie eilt sofort zur Begrüßung herbei, Airag macht die Runde, gegorene Stutenmilch, die schrecklich schmeckt, aber nahrhaft und vitaminreich ist und die Wiedersehensfreude unterstreicht. Sogar ein Hammel wird mir zu Ehren geschlachtet. Monkor erzählt, wie sich seine Lage verändert habe und er sich allmählich Sorgen um die Zukunft mache. „Seit Jahren beobachten wir, dass in den Sommermonaten immer weniger Regen fällt. Dadurch wächst das Gras nicht mehr schnell genug, und die Tiere finden nicht genügend Futter.“ Ohne Fettpolster überstehen sie den beinharten Winter nicht, der viele Monate lang mit massig Schnee, heftigen Stürmen und Temperaturen von bis zu minus 30 Grad in der mongolischen Steppe für arktische Lebensbedingungen sorgt.

Früh am nächsten Morgen reiten wir zu den Herden. Ich erfahre, wie hart selbst die erste Hälfte des Frühlings in diesem Jahr gewesen sei. „Nachts herrschten Temperaturen von bis zu minus 15 Grad. Viele Bäche und Flüsse waren zudem komplett ausgetrocknet, so dass wir
riesige Schneebrocken auf Ochsenkarren aus den Bergen holen mussten, damit wir überhaupt Wasser hatten.“ Die Geschäfte liefen schlechter, die Preise für Milchprodukte sowie für Schaf-, Kamel- und Yakwolle seien stark gesunken. Monkors Familie züchtet neben Pferden und Schafen auch Kaschmirziegen. „Nur mit deren Wolle ist noch etwas Geld zu verdienen.“ Um zu überleben, seien die Nomaden auf immer größere Viehbestände angewiesen. „Überweidung“, erklärt Monkor, „ist inzwischen auch in der riesigen Mongolei ein ernstes Problem.“

Ein weiteres Standbein ist mittlerweile sogar der Gemüseanbau. Monkor erzählt, er habe sich in der Nähe der Stadt einen bewässerten Acker zugelegt, um Kartoffeln, Karotten und Kohl anzubauen. Keine leichte Entscheidung für einen Nomaden, dessen Familie seit Generationen ausschließlich Viehzucht betreibt und keinen sesshaften Lebensstil kennt – Feldarbeit wird in der Mongolei als große Erniedrigung empfunden. Dennoch zieht die
Familie nun fast täglich zum Feld, weil sie dringend auf die zusätzlichen Einkünfte angewiesen ist. In den nächsten Tagen wird die Ural als Erkundungs- und Transportfahrzeug eingesetzt. Es macht Monkor sichtlich Spaß, neben mir im Fahrtwind zu sitzen und sich stolz den Nachbarn zu präsentieren. Gemeinsam suchen wir einen neuen Lagerplatz und bringen Holz, Wolle und Fleisch zu seiner Verwandtschaft, die verstreut in der näheren Umgebung lebt. Und die mich, so scheint es zumindest, längst als Familienmitglied akzeptiert haben.

Die Strecke von Ulan Bator zu Monkors Lagerplatz habe ich während vier weiteren Reisen noch viele Male unter die Räder der Ural genommen. Mein Rekord liegt bei vier Tagen, die ich von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht im Sattel verbracht habe. Der rasante Schnitt von etwa 20 Kilometern pro Stunde ließ sich nur realisieren, weil eisige Temperaturen den Boden tiefgefroren und somit gut befahrbar gemacht hatten. Unterm Strich kamen 14000 Kilometer zusammen. Die letzten 3500 davon lief die Ural zu meiner großen Verwunderung nahezu pannenfrei, so dass ich das blaue Ungetüm schließlich mit gutem Gewissen meinen mongolischen Freunden übergeben habe.

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