Mongolei Im ersten Gang durch die Steppe

Ein Abenteurer und Fotograf aus der Schweiz bricht auf einem alten Ural-Gespann zu einem Trip durch die Mongolei auf – um einen Freund zu besuchen, der als Nomade mitten in den Weiten der Steppe lebt.

Foto: Andreas Hutter

Die ersten Meter in Ulan Bator. Das alte Ural-Gespann bockt wie ein störrischer Esel, lässt sich kaum auf Kurs halten. Die Gänge springen heraus, dann nimmt der Motor mitten auf einer Kreuzung urplötzlich kein Gas mehr an, zuckelt im Schneckentempo über die Schlaglöcher der Hauptstraße. Ein echter Horrortrip durch den dichten Verkehr der mongolischen Hauptstadt. Ohne ein paar Übungsstunden sollte ich mich mit dieser Fuhre wohl besser nicht in die Steppe hinauswagen. Mein Ziel liegt immerhin 1000 Kilometer westlich von Ulan Bator in der Nähe von Uliastaj mitten im Hangay-Gebirge. Dort lebt mein Freund Monkor mit seiner Familie. Traditionelle Nomaden, die ich von früheren Reisen durch die Mongolei kenne und seitdem regelmäßig besuche. Inzwischen habe ich zusammengerechnet zwei Jahre in diesem Land verbracht und sogar Mongolisch gelernt.


Das erste Mal war ich vor zwölf Jahren hier. Damals prägten Kühe das Straßenbild von Ulan Bator, Autos gab es nur wenige und für Ausländer empfehlenswerte Restaurants gerade mal zwei. Touristisch gesehen war die Mongolei nahezu unberührt. Ich erstand vier Pferde und ritt zusammen mit meiner Freundin sieben Monate lang durch das Land, um die Lebensweise der Nomaden, die mich extrem faszinierten, kennen zu lernen. Heute gehören Verkehrsstaus zum Alltag in der Hauptstadt, Kneipen, Diskotheken und Restaurants prägen das Zentrum, Touristen rüsten sich für Geländewagentouren in die Wüste Gobi oder das Altai-Gebirge. Statt 400000 wohnen nun 800000 Menschen in Ulan Bator, und bereits am Stadtrand werden die neuen Probleme des Landes offenkundig. In heruntergekommenen Wohnblocks oder notdürftig zusammengezimmerten Hütten leben Hunderttausende von Nomaden, die ihr traditionelles Leben aufgegeben haben, weil sie sich in der Stadt ein besseres erhofften. Meist ein fataler Irrtum, der in Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Prostitution endete.

Außerhalb von Ulan Bator scheint dagegen alles noch unverändert. Es gibt so gut wie keine asphaltierten Straßen, kaum öffentliche Verkehrsmittel oder gar eine touristische Infrastruktur. Die Mongolei stellt nach wie vor eine echte Herausforderung für alle dar, die auf eigene Faust das riesige Land erkunden wollen. Die einfachste Methode: einen Geländewagen samt Fahrer mieten. Für mich indiskutabel, weil zum einen viel zu teuer und zum anderen zu abgegrenzt von der Bevölkerung. Wer so reist, wird als reicher Europäer eingeordnet. Ein Pferd scheidet aus Zeit-gründen ebenfalls aus. Die unzähligen Ural-Gespanne in der Hauptstadt brachten mich dann auf die Idee: Warum nicht damit bis in das Hangay-Gebirge fahren? Ich sah mich auf dem Markt der Stadt um und war schon bald stolzer Besitzer eines blauen Ungetüms mit Seitenwagen. Kostenpunkt: 700 US-Dollar. Nur – ich hatte keine Ahnung von Motorrädern, geschweige denn vom Fahren damit! Der Händler erklärte mir die wesentlichen Dinge wie starten (sehr wichtig!), Gas geben, schalten und bremsen. Das reichte fürs Erste. Fehlte nur noch der Führerschein. Dank guter Beziehungen eines befreundeten Mongolen zur Polizei hielt ich zwei Tage später eine mongolische Fahrerlaubnis in der Hand – und er 100 US-Dollar. Teuer, aber effizient.

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Foto: Andreas Hutter

Bekannte schenken mir zum Abschied einen zehn Kilo schweren Ziegenfellmantel, da es im Frühjahr auch tagsüber kaum wärmer als null Grad wird, und los geht’s. Die Ural ist zusätzlich mit provisorischen Verkleidungen und Windabweisern ausgerüstet, um vor den unwirtlichen Temperaturen besser zu schützen. Gas- und Kupplungszüge, ein paar Speichen, Schrauben und Zündkerzen sind als einzige Ersatzteile, die ich auftreiben konnte, mit an Bord. Und obwohl man mir stolz versicherte, das Tankstellennetz sei inzwischen auf 200-Kilometer-Abstände verdichtet worden, packte ich sicherheitshalber noch einen Zehn-Liter-Kanister ins Boot. Für alles Weitere bin ich auf das Improvisationstalent der Landbevölkerung angewiesen.

Direkt hinter der Stadtgrenze beginnt die Steppe. Weit und unendlich. Mit 40 km/h tuckern wir über eine feste Piste in Richtung Westen, bergab schwingt sich das Gespann sogar zu satten 70 auf. Doch bereits nach 120 Kilometern wird klar, dass eine Ural nicht gebaut wurde, um lange Strecken zurückzulegen, sondern um täglich repariert zu werden. Der Motor verliert plötzlich an Kraft, schafft es lediglich im ersten Gang, die schwere Fuhre in Bewegung zu halten. Im nächsten Dorf eilt man mir sofort zu Hilfe – und zerlegt die Ural mitten auf der staubigen Straße in ihre Einzelteile. Nach einer Weile ist offensichtlich, was ich von Anfang an befürchtet hatte: Niemand der Anwesenden hat irgendeinen Schimmer von Motorrädern! Also muss ein „Master“ her, einer, der etwas von dieser Maschine versteht. Zum Glück findet sich schnell ein wirklicher Fachmann, der auch prompt einen undichten Ventilsitz als Übeltäter ausmacht. Neu einschleifen, no problem. Logisch, dass ich die Nacht in diesem Nest verbringe. Ein Gast aus der fernen Schweiz, der zudem noch Mongolisch spricht und von der Welt erzählen kann, den lässt man nicht so einfach davonziehen. Es wird eine lange Nacht mit viel Wodka. Die Gastfreundschaft der Mongolen ist ebenso grenzenlos wie hartnäckig.

Am nächsten Tag steht am Pistenrand ein Nomade, der eine Mitfahrgelegenheit sucht – Ehrensache in den Weiten der Mongolei, selbst wenn sein Gepäck auf dem Motorrad kaum noch Platz findet und die Pannenanfälligkeit durch das höhere Gewicht nicht geringer wird. Mein neuer Begleiter erweist sich jedoch schon nach wenigen Kilometern als überaus hilfreich – als ein Fluss mit einer völlig desolaten Brücke aus Baumstämmen vor uns auftaucht, die Abstände zwischen den Stämmen derart groß, dass unsere Reifen ständig darin stecken bleiben. Zu zweit bugsieren wir die schwere Fuhre Zentimeter für Zentimeter ans andere Ufer.

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