Motor aus

Zündschlüssel links herum – Motor aus, die erste. Der Stopp kommt vom Gefühl her viel zu früh. Doch ohne
Tanken geht’s nun mal nicht. Theoretisch ginge es: Bei einem Durchschnittsverbrauch von knapp über drei Litern auf hundert Kilometer würde ein hundert Liter großer Tank die Motoren bis zum Nordkap mit ausreichend Sprit versorgen. In der Praxis fasst der Tank der Honda jedoch nur zehn, der von MZ und von Suzuki immerhin zwölf Liter. Nun gut, dann eben nicht unnötig trödeln. Der erzwungene Halt wird zum Pit-Stop.
Motor aus, die zweite und dritte: Der Pit-Stop wird um eine kurze Nahrungsaufnahme erweitert. Pinkeln ebenfalls erlaubt, aber zack, zack, schließlich legt die Fähre bald ab. In deren Bauch stehen später die Motorräder still, im Gegensatz zum Schiffsdiesel, der ganz in der Nähe der Kabine dröhnt. Angenehme Nachtruhe fühlt sich anders an. Nächster Morgen: An der norwegischen Tankstelle ist kostenloser Kaffee zum Nachschütten im Angebot. Einstimmig wird eine Verlängerung der Pause befürwortet, genauso wie ein Zwischenstopp in einer Parkbucht. Einfach mal, um nach dem Rechten zu schauen und so.
Motor aus, die siebte, achte, neunte: Der Stopp besteht nun aus Tanken, Hotdog, Rauchen, Kaffee, Pinkeln, Rauchen, Riegel, Cola. Der Pit-Stop wird in »Notwendige und durchaus vertretbare Regenerierungsmaßnahme« umbenannt und dauert mittlerweile bis zu einer dreiviertel Stunde. Es ist schon spät abends, aber
immer noch kein bisschen dunkel. Trotzdem Zeit fürs Nachtlager. Die Motorräder parken am Flussufer kurz vor Trofors, die Fahrer packen Schlafsäcke und Zelte aus und freuen sich nach einem langen Tag mit fünfstelligem Viertaktgenagel auf Ruhe, einfach nur Ruhe. Die Mücken freuen sich auch. Dass bei ihnen in der Gegend endlich mal was los ist. Gesellen sich in dichten Schwaden zu den Campern und summen fröhlich um deren Köpfe – so lange, bis
sie von zorniger Hand totgeklatscht werden. Morgens nach dem Aufstehen der nächste Besuch der Biester. Flucht mit Vollgas.
Motor aus, die zwölfte, dreizehnte, vierzehnte: Der Katalog
der erlaubten Regenerierungsmaßnahmen erweitert sich um die Punkte »Echt grad’ kein Bock mehr« und »Anhalten ohne Begründung«. Jede Pause und jede Verzögerung der Weiterfahrt gewinnt an Attraktivität. Ist es möglich, dass jemand zehn Minuten zum Anziehen der Handschuhe braucht? Es ist möglich, und die anderen nehmen’s dankbar zum Anlass, noch eine Kippe anzustecken, bevor es wieder losgeht. Warum haben die Ingenieure diesen
Mopeds eigentlich derart opulente Tanks verpasst? Zwei oder drei
Liter Fassungsvermögen würden doch voll und ganz genügen. Dann wäre bei dem Verbrauch von rund drei Litern spätestens nach einer Stunde ein Stopp fällig. Leider nur graue Theorie. Die Mitternachtssonne steht prall am Himmel, das Zelt indes windschief und halb aufgebaut. Bloß noch hinhauen auf die Matten, umfallen wie ein Baum und schnarchen wie ein Sägewerk. Vier Stunden Schlaf müssen reichen. Danach noch zwei Tankstopps bis zum Nordkap und dann: Sauna, Baden im Fjord, Lesen, Nichtstun. Gemütlich von Hütte zu Hütte und von einem Cam-
pingplatz zum nächsten fahren. Ansonsten bleibt der Motor aus. Garantiert.
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