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2 Wochen Motorrad-Extremtouring nach nirgendwo KTM-Therapie-Trip

Kein Plan, keine Karte, kein Navi, kein Ziel. Morgens nicht wissen, wo der Tag enden wird. Fahren um des Fahrens willen – mit einem Motorrad, das alle Sinne fordert. Zwei Wochen Extremtouring nach nirgendwo, auf der Suche nach innerer Reinigung. Schwachsinn oder Glücksrezept?

Die Zeit rast, der Druck steigt. Immer höhere Anforderungen, immer weniger Regenerationsphasen. Unmerklich hat purer Stress die Freude am Job abgelöst. Dann kommt das Aus. Von einem Tag auf den anderen schwinden plötzlich sämtliche Antriebskräfte. Burnout? Ich muss raus. Alles infrage stellen, mich neu finden. Der Chef sagt: „Hau ab, aber komm wieder“. Weiß ich noch nicht. Klar scheint lediglich, dass für eine Katharsis nichts besser geeignet ist als ein zweirädriges Fluchtfahrzeug. Am besten eines, an dem man wachsen kann. Da zuckt die Hand zum Schlüssel der KTM 1290 Super Duke R.

Auf den ersten Blick alles andere als eine clevere Wahl für die Langstrecke. Aber ein Motorrad im Wortsinn: diabolischer Zweizylinder im knappen Gitterrohrkleid, kräftige Bremsen, Räder, Tank, Lenker. Mehr ist nicht dran. Das soll auch so bleiben, daher wird das Reisegepäck auf ein ­Minimum beschränkt. Besitz in Form von Material belastet. Ein Grund, warum genau dieses Gerät Freiheit verspricht: maximale Kraft bei minimalem Gewicht und kompaktesten Abmessungen.

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KTM 1290 Super Duke R als Therapeutin

Tag eins, mitten im Ruhrgebiet. Wo die Menschen rau, direkt aber herzlich sind. Wo ich aufgewachsen bin. All diese Erinnerungen. Die Anziehung der alten Freunde, der vertrauten Umgebung ist so stark, dass ich nicht weit flüchten kann. Außerdem muss ich lernen, die durchgetakteten Tage ab­zustreifen, mich treiben zu lassen. Wo sind wir früher immer Motorrad gefahren? Im Bergischen, im Sauerland. Auf den altvertrauten Strecken wird klar: Dieses Motorrad ist ein Feuerstuhl, der dich mit einem Bein in der Hölle, mit dem anderen im Himmel stehen lässt. 

Also konzentriere dich. Sei mit allen ­Sinnen voll bei der Sache. Zwinge dich bitte immer neu zur Mäßigung, wenn der ­Motor dich verführen will mit seiner Lust auf Leistungsabgabe. Du glaubst, gegen scheinbare Burnout-Syndrome helfen Glücks­hormone, Gänsehaut und ganzheitliche ­Erregung? Dann hast du mit der KTM 1290 Super Duke R die richtige Therapeutin.

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Wohin? Zu mir selbst. Kein schlechtes Ziel.

Ich weiß nicht, wohin ich fahre. Zwar gibt es grobe geografische Vorstellungen im Kopf, doch wenn ich an eine Weggabelung oder Kreuzung komme, entscheide ich spontan. Mache jedes Abbiegen davon abhängig, ob die auf den Schildern stehenden Ortsnamen phonetisch oder semantisch ­interessant erscheinen, oder ob ich einen inneren Drall wahrnehmen kann. Rechts, links? Völlig egal. Wie weit lässt man es zu, komplett ohne sinnhaftes Tun in den Tag hinein zu leben?

Ziemlich weit. Nur kommt man dann nirgends so richtig hin, außer zu sich selbst. Kein schlechtes Ziel. Zudem bleibt Raum für leidenschaftliches Fahren. Wie lebendig sie ist, diese KTM 1290 Super Duke R, wie weich sie vibriert. Wie sie dich atemlos macht, während sie nach Gewitter klingt. Wenn du dem V2 die Sporen gibst, sitzt du auf einer Kanonenkugel. Du pfeifst mit dem Kopf aufrecht durch die Wolken, es rauscht um dich her­um wie schwere Brandung, du fliegst einen Jet auf dem Boden.

An den falschen Stellen zu viel Gas geben, kann hier tödlich sein. Doch genau das habe ich mit meinem Leben schon öfter gemacht. Verkehrte Entscheidungen getroffen und dann nicht umgedreht. Aus Stolz, Ehrgeiz oder Angst? Kurz vor der Vollkatastrophe hat mich immer ein Instinkt gerettet. Auch jetzt lässt mich irgendwas den Hahn rechtzeitig schließen, bestimmte Routen wählen. Ich ahne, wohin es geht, drifte nach Osten. Sofort meldet sich meine innere Flugsicherung und macht Vorschläge: Fahre nach Polen, da wolltest du schon immer mal hin. Besuche deinen Vater in dem kleinen Dorf bei Kassel. Ich weiß nicht wirklich, wie ich dorthin komme, doch der Alte freut sich. 

Im Mekka der Segelflieger

Tag zwei: Wo soll ich hin? Nach Rockensüß oder Schwarzenhasel? Sich treiben zu lassen, ist schwerer als gedacht. Noch ist meine Reise viel zu verkopft. Klar ist, dass sich grundlegend was ändern muss im Selbstmanagement: Ich muss Arbeit delegieren, öfter Nein sagen, Ansprüche reduzieren, mehr Zeit für mich selbst beanspruchen. So wie jetzt. Und weil Zeit so kostbar ist, bin ich froh, dass ich die KTM 1290 Super Duke R habe. Dank ihrer Potenz kann sie mich überall hinbeamen. Und das tut sie, weil mein Con­troller im Kopf daran erinnert, dass ich doch früher so angetan war von der Rhön.

Eine Stunde später parkt die KTM mit heißen Reifen auf der Wasserkuppe, dem Mekka der Segelflieger. Dann sitze ich mit Lukas in einem Duo-Diskus, einem zweisitzigen Hochleistungssegler. Lukas ist Student der Theologie und verbringt so viel Zeit wie möglich in der Luft. Ich beneide ihn um seine Freiheit. Wir genießen das Steigen, denn hier oben werden die Sorgen kleiner. Eine einmotorige Robin DR 400 zieht uns in die erste Thermik. Sie hat 180 PS, genau wie mein Moped. Allerdings nicht aus 1290 Kubik, sondern aus über fünf Litern Hubraum. Lukas klinkt das Schleppseil aus und legt den Diskus in eine Steilkurve. Es rauscht, es pfeift, die eine Tragfläche zeigt senkrecht auf die Erde, die andere in den Himmel. 

Genau so ist Super-Duke-Fahren.

Die zarte Seite der KTM

Die Rhön fühlt sich gut an. Ihre Weite heilt mein Inneres. Es gibt Geraden, die in den Orbit zu führen scheinen. Kanonenkugel-Abschussrampen. Es gibt Kurven für das Knie am Boden und eine Fernsicht zum Niederknien. In Poppenhausen existieren nicht nur führende Werften für Segelflugzeuge, sondern auch ein Wanderpfad für Liebende. Langsam regt sich eine Sehnsucht nach dem Süden, und mein Kurs pendelt in unvernünftigen Kapriolen Richtung Frankenwald. Es ist eine Befreiung, nichts tun zu müssen, außer zu tanken, nach Luftdruck und Kette zu schauen. Keine Hektik, keine Mails, ich entdecke jetzt sogar die beschaulichen Eigenschaften der KTM 1290 Super Duke R. Kaum zu glauben, aber der brachiale Motor hat auch eine zarte Seite. Die sich äußert durch kultivierten Lauf bei niedrigen Drehzahlen. Jetzt kann ich mir aussuchen, ob ich es wild und gefährlich will oder entspannt und sanft. Wieder ein Stück Entscheidungsfreiheit.

Wenn mir ein Baum gefällt, eine Wallfahrtskirche oder eine Aussicht, halte ich einfach an. Genieße Ruhe und Zeit. Die Tage verschwimmen. Ich finde mich wieder in Postbauer-Heng, wo ich einen Freund besuche, den ich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen habe. In Regensburg melde ich mich bei Sabine, die ich seit 30 Jahren kenne, ­immer noch eine tolle Frau. Auch wenn ich niemanden besuche, finde ich passable ­Unterkünfte. Einmal steht der Wirt schon auf der Straße, als er das Motorengeräusch hört. Nicht aufdringlich laut klingt es, sondern eindringlich. Schöne Bässe, klare Höhen. Die KTM 1290 Super Duke R darf im Rittersaal schlafen. 

Weder Selbstmitleid noch Einsamkeit. Eher Ratlosigkeit.

Ich werde zu einem Teil der Straße und zu einem Teil des Motorrads. Manchmal ­vergesse ich zu essen und zu trinken, weil die Duke mich mit ihrem Sex-Appeal derart betört. Sie will einfach nicht aufhören, mit mir zu fahren. Sitzbank und Ergonomie ­passen perfekt, ich bin dabei. Wir kommen durch einen Ort namens Machtlos. Symptomatisch für mein Inneres? Gewisse Dinge kann man steuern, andere nicht. Zu viel Macht hat auf jeden Fall noch immer krank gemacht. Ich empfinde weder Selbstmitleid noch Einsamkeit. Eher Ratlosigkeit. Lasse mich daher nur allzu gerne ablenken und einspinnen vom Leben auf der Straße. Hier lernst du permanent Menschen kennen. Mit oder ohne Motorrad. Die KTM 1290 Super Duke R lässt sich keiner Gattung zuordnen, alle zollen Anerkennung, egal ob Harley-Fahrer, Enduristen, Sportpiloten oder Fußgänger. Auch das ist ein Stück Freiheit. Losgelöst sein von Einordnungs- oder Identifikationsritualen.  

Doch einfach ist das Freisein nicht. Als ich am Donau-Ufer übernachten möchte, greifen Millionen von Mücken an. Als ich mit dem Gedanken schwanger gehe, in den Alpen einen Gleitschirmkurs zu machen, erzählen andere Biker von miesem Wetter dort. So mache ich mich abhängig von meteorologischen Phänomenen und flüchte weiter nach Südosten. Vagabundiere über Österreich und Slowenien nach Kroatien. Grob die Himmelsrichtung im Kopf auf Bilderbuchlandstraßen. Die Menschen wirken verschlossener, doch das Motorrad versprüht erotischen Charme, dem sowohl Fahrer wie Passanten erliegen. Die internationale Hirnforschung ist sich uneins, wie oft ein Mann am Tag im Durchschnitt an Sex denkt. 20-mal? 200-mal? 400-mal auf diesem Boliden.

Kann Entschleunigung in sinnfreier Beschleunigung liegen?

Drei Tage Urlaub an Kroatiens Sonnen­küste. Viel schwimmen, auch das hat reinigende Wirkung. Immer wieder fallen Stress­teile wie eiserne Klammern von mir ab, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Dann entere ich die Fähre von Split nach Ancona, Italien. Endlich italienischer Kaffee. Wir sind im Motorrad-Land, hier achten die Menschen auf Zweiräder. Als Motorradfahrer kannst du dir eine Menge erlauben, was mich wieder in Gefahr bringt, weil ich verrückt nach der Super Duke bin. Du siehst eine ­Lücke, zielst und feuerst das Geschoss ab. Kann Entschleunigung auch in sinnfreier Beschleunigung liegen? Langsam sehe ich frische Substanz im Leben, weil die Apennin-Sträßchen so verschlungen sind, die Frauen so schön aussehen und verboten kurze Röckchen tragen. Weil der Wein so süffig ist.

In einem Landgasthof in der Toskana lerne ich Gordon kennen. Ein wahrer Motorradreisender, der auf seine Harley Softail schwört. Wenn einer entspannt ist, dann er. Hat sich aus dem Hamsterrad befreit, das von innen aussieht wie eine Karriereleiter. Kann vom Ersparten leben, ist glücklicher und gesünder als zu jenen Zeiten, als er Inhaber einer IT-Firma war. Natürlich kommt der Junge aus dem Ruhrgebiet. Abends werden wir zu einem Mojito-Umtrunk eingeladen. Es sind Gäste aus Bologna gekommen. Und was für Gäste: Das Ducati-MotoGP-Werksteam! Der Mechaniker von Andrea Dovizioso kann nicht nur schrauben, sondern auch Drinks mixen.

Meine Akkus laden sich wieder auf. Ich genieße Menschen, Landschaften, ja ich fahre sogar nach Canossa. Unternehme den Büßergang für mich und meine Mätresse aus Österreich. Wenn sie im Schiebebetrieb röchelt, könnte ich sie küssen. Irgendwann kann ich mich selbst genießen. Dann wieder lasse ich mich ärgern und muss mit gen Himmel strebender, wild zuckender Front aufpassen, dass ich einem schwarzen Porsche Turbo nicht in seinen breiten Hintern beiße. Im Widerspruch zu derart kindischem Tun lehrt mich die KTM 1290 Super Duke R auch Gelassenheit. Dank ihrer charakterlichen Vielfalt bin ich entspannter und zufriedener als beim Start. Doch wie groß war die Freiheit auf diesen insgesamt 4400 kontrastreichen Selbstfindungskilometern wirklich? War sie da, nur weil man keine Orientierungshilfen genutzt, nichts geplant hat? Oder existiert sie nur, wenn man sich von sich selbst befreien kann?

Ein Leben jenseits destruktiver Ansprüche

Gibt es die totale Unabhängigkeit? Nein, du wirst gegängelt von Emotionen, vom Wetter, vom geografischen Wissen in deinem Kopf. Du erliegst der Versuchung, dir von deiner Frau ein Quartier am Meer buchen zu lassen. Du telefonierst mit Freunden. Gut, dass sie nicht wissen, wie wild du mit deiner Bewusstseinserweiterungsmaschine gespielt, wie weit du dein Verantwortungsgefühl von der Leine gelassen, das Risiko gesucht hast, um die innere Leere zu füllen. Eine 125er zur Entdeckung der Langsamkeit hätte das in dieser Form nicht leis­ten können. Vielleicht hätte sie zu mehr Demut oder Dankbarkeit geführt? Ich gebe zu, dass ich auf der Suche nach Empfindungen den drohenden Burnout mit brennendem Vortrieb kompensiert habe. Und dass ich mir von der KTM 1290 Super Duke R eine Aufforderung ins Hirn habe werfen lassen: „Lass die Sau raus, wenn du schon flüchtest!“ Totaler Quatsch, oder? Braucht man wirklich 180 PS, um der Sehnsucht nach dem reinen Fahren zu ­frönen? Funktioniert sie nicht auch mit weniger Druck, diese seelenbefreiende Fort­bewegung, die wie Musik meiner inneren Taktung entspricht? 

Aufgrund dieser Musik wollte ich nie mehr mit dem Fahren aufhören. Leider musste ich das, weil totale Freiheit auf diesem Planeten nicht existiert. Meine Auszeit, mein Urlaub vom ergebnisorientierten Denken, vom Pflichtgefühl, hat mich aber neu erkennen lassen: Es gibt ein Leben jenseits destruktiver Ansprüche, jenseits von Alltagshektik und Sendungsbewusstsein. Ist es nicht völlig schnuppe, ob wir links abbiegen oder rechts, ob wir umdrehen müssen? Kann nicht jeder Weg zum großartigen Erlebnis werden, wenn wir uns öffnen? Sind Erlebnisse nicht die einzige Währung, die uns niemand mehr nehmen kann? Und ist nicht jeder erinnerbare Augenblick eine ­Insel über den Tiefen der Zeit? In diesem Sinne: Danke, Duke, danke, Chef!

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