Motorrad-Fernreise-Fanatiker Rekord-Urlaub statt Akkord-Arbeit

Kein Name taucht in den Buchungslisten des MOTORRAD action teams öfter auf als der von Volker Öhrlich. Anstatt an seinem Häusle zu bauen, bereist der Schwabe lieber ferne Länder.

Foto: Stier

Was ist da schiefgelaufen? Mutter und Vater Öhrlich haben auch keine Erklärung. In der Familie und Verwandtschaft ist keiner derart aus der Art geschlagen. Dabei schien der kleine Volker ein ganz normales Kind zu sein. Geboren in Böblingen, aufgewachsen und bis heute wohnhaft im beschaulichen Bondorf bei Herrenberg, deutete eigentlich nichts darauf hin, dass sich dieser Volker Öhrlich von der Kehrwochen-Nation so weit entfernen würde. „Ich weiß auch nicht, wo ich mir diesen Virus eingefangen habe“, sagt der Betroffene schulterzuckend.

Als Knäblein war er zufrieden mit Ferien am Chiemsee oder Ausflügen ans Wattenmeer. Das einstige Musterkind fing nach der Schule mustergültig als Werkzeugmacher-Lehrling bei Daimler an. Dort schafft er auch nach 37 Jahren noch, fertigt Presswerkzeuge für Mercedes-Karosserieteile. Aber da geht es schon los: Zur Arbeit fährt er mit dem Bus, zum Auto an sich hat er kein Verhältnis. „Ich habe halt eins“, sagt er. Nun wenn man es denn gelten lassen will: In der Garage steht ein Smart.

Es war das Fahren auf zwei Rädern, das ihn mit Anfang 20 aus dem Ruder laufen ließ. Die markanteste Erinnerung an den Wehrdienst war ein Ritt auf dem Rücksitz ­eines Motorrads. Die Schräglagen hatten es ihm angetan, und vor allem der frische Wind um die Nase: „Diese ganzen Gerüche in der Nase, wenn du an einem blühenden Rapsfeld vorbeifährst, oder Wiesen nach dem Regen, das alles kriegst du im Auto ja gar nicht mit.“

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Foto: Lengwenus

"Volker bucht auch blind"

Volker machte den Führerschein, kaufte ­eine Honda VT 500. Nicht weit von Bondorf gibt es eine Anhöhe, von der aus der Blick auf der einen Seite in den Schwarzwald fällt, auf der anderen erstreckt sich die Schwäbische Alb. Beides wurde Öhrlich schnell zu eng. 1991 meldete er sich beim Motorrad action team zu einer Reise durch den Apennin an. „Tour super, Teilnehmer super. Wir haben die Reise ein Jahr später gleich noch mal gemacht“, sagt Öhrlich. Dort lernte er auch den frisch gebackenen Reiseleiter Daniel Lengwenus kennen und ging mit ihm eine bis heute andauernde Symbiose ein. Wenn Lengwenus Teilnehmer für eine neue Tour sucht, ruft er Öhrlich an, wenn Öhrlich Urlaub braucht, sagt er zu. „Du musst ihm nicht mal sagen, wo es hingeht, Volker bucht auch blind“, sagt der Reiseleiter.

Die Annalen zeigen, dass Öhrlich schon 60-mal mit dem action team verreist ist, das ist einsamer Rekord. Er war auch schon auf nahezu ­allen Kontinenten, von Australien bis Südafrika.

Die schönsten Landschaften fand er in Südchile, das coolste Hotel in Guatemala, das leckerste Essen in Indien und Thailand. Wie überlebt man wochenlang ohne Maultaschen und Linsen mit Spätzle? Öhrlich winkt ab: „Och, der Inder kocht ja auch gern mit Linsen. Du musst nur mit der Schärfe aufpassen, dass du nicht aus den Latschen kippst.“ Zum Glück ist der Schwabe mit einem unverwüstlichen Magen gesegnet. Ein einziges Mal konnte sich Montezuma an ihm rächen, dafür musste der Fluch der ­Azteken dem Vielreisenden aber bis in die Pyrenäen hinterherfliegen.

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Die BMW war Schrott, der unfreiwillige Kunstturner noch heil

Öhrlich erinnert sich noch lebhaft an seine ersten Schotter-Kilometer südlich von Santiago. „Eine frisch geschotterte Baustelle. Das war die Hölle.“ Der Schwabe legte sich auf die Nase, aber er stand wieder auf. Der aktuelle Öhrlich ist 53 und muss über den jungen Öhrlich lachen: „Früher hast du schon Panik gekriegt, wenn ein Lastwagen Sand verloren hat.“ Heute bucht er auch schon mal eine reine Schottertour rund um den Gardasee.

Er ist durchaus das ein oder andere Mal abgestiegen. Im rechten Unterarm steckt eine Titanplatte. Auf dem Weg zum Reifenhändler in Catania schaute er mal eine Sekunde zu lange den sommerlich gekleideten Sizilianerinnen hinterher. Kurz darauf steckte seine R 1100 GS im Heck eines Ford Focus. Öhrlich schwört, er habe den gestreckten Salto übers Dach des Ford nahezu sicher gestanden. Die BMW war Schrott, der unfreiwillige Kunstturner noch heil. Aber seitdem lässt er es etwas ruhiger angehen und hat sich eine R 1200 GS zugelegt. „Das aufrechte Sitzen gefällt mir gut, da siehst du auch mehr.“ Neben Navisystem und weiteren Zurüstteilen dürfen auf dem BMW-Tourer die Aufkleber des action teams nicht fehlen. Zum Fototermin kommt er im türkisfarbenen Jubiläums-T-Shirt. Mit seiner Teilnahmequote ist er ja quasi so was wie action team-Werksfahrer.

Foto: Lengwenus

"Zur Not hätten wir ja noch weglaufen können"

Und was fehlt noch? Öhrlich umkringelt auf der vor ihm liegenden Weltkarte die Länder, in denen er schon war. „Da sind ja schon noch eine Menge weißer Flecken“, stellt er fest. Die Reise nach Bhutan, die mangels Teilnehmern nicht zustande kam, will er unbedingt noch angehen. Auch die schroffen Berge und tiefen Täler von Norwegen ziehen ihn an. Und dann hat er im Winter diesen Bildervortrag über Mauritius gesehen. „Unglaubliche Landschaften“, schwärmt er. Als Kontinent fehlt ihm noch Nordamerika. Aber da zieht es ihn nicht hin: „Die haben ganz sicher tolle Gegenden, aber ich muss nicht in ein Land, in dem jeder mit ’ner Knarre rumhantiert.“

Besonders furchtsam ist der Schwabe nicht. Nur ein einziges Mal wurde es in zwei Jahrzehnten Motorrad-Reisen ein bisschen heikel, als die Gruppe mit einem Plattfuß im Nirgendwo in Australien festsaß und ein Buschfeuer immer näher kam. Aber er will das nicht dramatisieren: „Zur Not hätten wir ja noch weglaufen können“, sagt er lässig. Überhaupt ist der Rekordreisende der Gleichmut in Person. Öhrlich macht alles mit, hält alles aus. Nur Sauwetter kann er nicht leiden, „aber da muss man eben manchmal durch“, relativiert er schon wieder. Die Geduld verliert er allenfalls mal, wenn er im Stau steht und mit den breiten Koffern am Motorrad nicht durch die Lücke schlüpfen kann. Eine endlose Gerade mit Seitenwind in Patagonien sitzt Öhrlich dagegen ebenso mit einer Backe ab wie einen Grenzübertritt von Honduras nach Gua­temala, wo die Grenzbeamten mit solcher Sorgfalt arbeiten, dass zwei Stempel im Pass durchaus drei Stunden in Anspruch nehmen können.

"Danach mache ich Rollator-Touren"

Öhrlich hat Zeit, und so denkt er gar nicht daran, seinen Lebenswandel zu überdenken. Auch wenn man ihn auf Familienfeiern zu Hause zuweilen bestaunt wie ein exotisches Tier, zieht es ihn beständig in die Fremde. Wie sagt der Schwabe, wenn es ihm in der Heimat zu langweilig wird: „Daheim sterben die Leut.“ Auch Gevatter Tod muss auf Volker Öhrlich noch lange warten, und zudem muss er ihn erst mal finden. Sein Leben im Sattel hat der Vagabund aus Bondorf mindestens bis zum 80. Geburtstag vorgeplant. Und danach stehen nicht etwa Walhalla, Nirwana oder ewige Jagdgründe auf dem Programm, sondern weiter Action auf Rädern: „Danach mache ich Rollator-Touren.“

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