Motorrad-Kids im südlichen Ural Freunde aus Stahl

Sie sind Materie. Tote Gegenstände aus Blech und Stahl. Erwachen zum Leben, wenn die alten Motoren wieder zünden. Eine Geschichte von Motorrädern, die in einer russischen Kleinstadt das Prinzip Hoffnung bedeuten.

Foto: Starkov
Novokaolinovy liegt in der Mitte von Nirgendwo. Ein vergessenes, heruntergekommenes Kaff im Süden des russischen Ural. Graue Wohnblocks, zerschlagene Scheiben, in den Pfützen spiegeln sich die kurzgeschorenen Schädel rauchender Jugendlicher. Hier möchte man nicht tot über dem Zaun hängen.

Novokaolinovy ist nicht immer so gewesen. In den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird der Ort um eine riesige Chemiefabrik herum aus dem Boden gestampft. Zum Leben für Arbeiter und Angestellte. Während der Sowjet-Zeit produziert die Anlage Kaolin-Pulver. Rund um die Uhr. Die nach der Chemikalie benannte Stadt boomt.

Am Ende der Sowjet-Zeit zerbricht das Leben der Menschen. Produktionsstopp. Die Nabelschnur zu Novokaolinovy wird durchtrennt. Staatliche Unterstützung? Gekappt, von heute auf morgen. Armut und Verzweiflung greifen um sich.

Kinder und Jugendliche flüchten aus der Wirklichkeit, benebeln sich mit Wodka und Drogen. Stöbern in alten Garagen und Schuppen, wühlen herum, finden Motorradteile, beginnen, spielerisch zu basteln. Aus Spiel wird Leidenschaft. 12- bis 20-Jährige sammeln Zweirad-Schrott, bauen Maschinen aus Einzelteilen zusammen, fahren die ersten Meter, gründen einen Club. Füllen ihre Zeit mit Motorrädern. Dneprs, Ischs, Urals, auch eine alte Suzuki hat sich nach Russland verirrt. Zündspulen werden neu gewickelt, Vergaser auseinandergenommen. »Hey«, ruft Igor, »wir brauchen Benzin zum Reinigen.« Die Tanks sind meistens leer. Zapzarrap, es gibt geheime Quellen. Kabelbäume werden geflickt, Batterien geladen. Gewinde und Dichtungen geschnitten. Die Jungen schrauben mehr an ihren »Choppern«, als dass sie fahren. Ein Motorrad bedeutet für sie nicht nur Geschwindigkeit und Bewegung. Es bedeutet vor allem, etwas Wichtiges zu tun und erwachsen zu wirken.
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Foto: Starkov
Farblos säumen zweigeschossige Beton-Gebäude aus der sozialistischen Ära die Straßen. Tristesse pur. Dazwischen vergammeln Schuppen, die wohl noch aus Novokaolinovys Gründerzeit stammen. Das ist der Treffpunkt für Kinder und Jugendliche aus allen Teilen der Stadt. Der Ort, Spaß zu haben. Pjotr, Wassily, Konstantin, Igor und Wladimir sitzen auf ihren Motorrädern, checken die Technik, überlegen Lösungen. Sie diskutieren Neuigkeiten, schmieden Pläne. Fahren los, Mädchen zu beeindrucken.

Beeindrucken, Mut zeigen, darum geht es. Ein echter Biker aus der Kaolin-Stadt muss Verwegenheit besitzen. Eine Runde schwimmen im nahen See. Das Wasser ist weiß. Verschmutzt und vergiftet vom Chemiewerk. Was wissen die Freunde schon von Aluminium-Silikaten? Was wissen sie schon vom Verdacht, das Kaolin die Alzheimerkrankheit verursachen kann? Wer sich nicht traut, wird von den Freunden als Verlierer betrachtet. Alles, nur das nicht.

Die Maschinen geben ihnen Halt, verankern sie im Leben. Auf den asthmatischen Feuerstühlen fahren die Jungen überall hin. Selbst die 100 Meter Strecke zum nächsten Laden sind ein Abenteuer. Freunde besuchen? Nur auf dem Motorrad.
Novokaolinovys Eltern begrüßen die Motorrad-Leidenschaft. Hoffen, die alten Bikes werden ihre Kinder von den Drogen fernhalten, die von Magnitogorsk, der nahe gelegenen katastrophal verschmutzten Großstadt, in gefährlichen Mengen herüberschwappen.

Genaugenommen sind Motorräder das einzige Entertainment in Novokaolinovy. Fahren, reparieren, wieder fahren. Treibstoff organisieren. Irgendwann ist Schluss mit der Zweirad-Romantik. Irgendwann ruft auch im südlichen Ural die Armee. Wenn die Jungen vom Wehrdienst heimkommen, sind sie anders. Das Militär hat ihnen die Begeisterungsfähigkeit gestohlen. Meistens hat auch die Leidenschaft abgenommen. Sie wollen etwas noch »Erwachseneres« als ein Motorrad. Einen Traktor oder ein Auto.

Vor Kurzem ist was passiert in der Stadt. Das Herz hat wieder zu schlagen begonnen, die Fabrik macht Lärm. Rund um die Uhr. Willkommen Chemie, die Produktion wird wieder aufgenommen. Väter und Mütter bekommen zwar Arbeit, aber die Lage der Jugendlichen interessiert die neuen Fabrikbesitzer nicht die Bohne.

Alles, was Pjotr, Wassily, Konstantin, Igor, Wladimir und ihren Kumpels bleibt, sind die »Freunde aus Stahl«. Und ihr Glaube. Der typisch russische Glaube an eine bessere Zukunft.

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