Motorrad-Reise Vogelsberg Du bist Deutschland

Wohin zur ersten Tour? Vogelsberg! Was? Nie gehört? Kein Wunder. Das winzige hessische Vulkangebirge rangiert nicht gerade unter den In-Treffs deutscher Touristiker. Doch es bietet Bikern weitaus mehr, als manch populäre, aber oft motorradunfreundliche Ecke.

Foto: Eisenschink

Mit Frösteln ziehe ich den Kragen zu. Ob es wirklich so eine gute Idee war? Fünf Grad! Klar, das wird schon noch, so engagiert, wie sich die Frühlingssonne da hinten über die Bäume arbeitet. Aber bis dahin? Am Rasthof Jagsttal wird vermutlich die letzte Fingerspitze taub und in Würzburg endgültig jede Restkörperwärme im Orbit verdampft sein. Die erste Tour. Tagelang heraufbeschworen, Maschine flott gemacht, glücklich, dass endlich wieder was geht – und dann alljährlich dieselbe Friererei. Die 50 Kilometer später schlotternd in die erste Bar treibt.

Egal, die Kawa grummelt sich jedenfalls schon mal warm. Steif und ungelenk geht’s die ersten Kurven runter ins Tal. Nix ist mehr da, wo es hingehört, alles fühlt sich linkshändig und wie falsch eingespeicht an. Gleichzeitig ist’s megaschön, alles wieder zu spüren, den Wind, den Speed, die Schräglagen. Mit einem Zack auf 120, eisige Luft im Gesicht und rauf auf die Bahn. Klein machen, Gas, 140, 160, 180 km/h, Bauchmuskeln anspannen, uff, alles noch mau vom langen Winter. Der ganze Körper stemmt sich gegen die mit Bärenkräften antanzenden Luftwirbel. Doch der kleine 600er-Motor brüllt begeistert, die Landschaft fliegt vorbei, der Wind rüttelt an Helm und Schultern, beißt in die Arme – es ist, als würde man mitten ins Leben zurückkatapultiert! So lange vermisst! Jagsttal, Ahorn, Boxberg, rein in die Bremse und den Rasthof Tauberbischofsheim. Die ersten 70 Kilometer. Bitzelnde Fingerspitzen, eisige Schauder, genau wie prognostiziert.

Zwei Stunden später überquere ich, wie taub vom Tosen des Helms, bei Wächtersbach die Kinzig. Hier beginnt der Vogelsberg, und da will ich hin. Von dem hübsch kreiselnden Fluss ist kaum noch was zu erkennen. Breit quetschen sich A 66, Intercity-Gleise und Landstraße 3216 durchs schmale Tal. Die Achse Fulda– Frankfurt, seit Jahrhunderten Lebensader der kleinen Gebirgsregionen Spessart, Rhön und südlichem Vogelsberg. Fluchtweg zum Ballungsgebiet am Main. Die bettelarmen Handwerker machten im 19. Jahrhundert den Anfang, zogen zu den aufstrebenden Industrierevieren, und es bildeten sich erste Elendsquartiere rund um den Frankfurter Ostbahnhof. Heute pendeln die Banker per Daimler oder Intercity zu den Wolkenkratzern. 57 Minuten Fulda–Frankfurt.

Jenseits des bemitleidenswerten Tals mit dem Charme eines Rangierbahnhofs geht es hoch nach Wittgenborn. Die Straße klettert steil bergan durch frühlingshaft hellgrün leuchtenden Wald, erste Maiglöckchen in den Sonnenflecken strahlend, ein Holzlaster keucht mit stinkenden Bremsen entgegen. Auf der Wittgenborner Hochebene öffnet sich der Wald, enthüllt sanfte Hügelprofile mit blühenden Streuobstwiesen und kleinen Inselwäldern: die äußersten, aber bereits typischen Ausläufer des Vogelsbergs. Kein schroffes Gebirge, sondern ein sanft ansteigender Höhenzug. Kreiert vor 13 bis 24 Millionen Jahren von einem mächtigen Vulkan, der halb Südosthessen unter einer 60 Quadratkilometer umfassenden Basaltplatte begrub. Und mit 2260 Quadratkilometer Gesamt-ausdehnung einst der breiteste Glutofen Europas, wie Geologen errechneten.

In scharfen Kurven schneidet die Straße hinab, direkt nach Wolferborn, ins Tal geduckt. Dort geht’s entweder rechts nach Gedern und Schotten weiter, dem ehemaligen Kraterbereich quasi, oder links ins nahe Büdingen. Büdingen! So viel Zeit muss sein, immerhin Schauplatz schönster
Teenie-Jahre.

Schon bald lugt der Zehnmeter-Sprungturm des Freibads durch die Bäume. Siebeneinhalb Meter hatte ich damals gepackt, zehn nur die ganz Mutigen. Nach einer Phalanx prächtiger Sandsteinhäuser taucht rechter Hand die Stadtmauer auf, links das Gymnasium. Inzwischen geschlossen und die Schüler zur Gesamtschule abgewandert, die große Wanduhr irgendwann bei 10.35 Uhr stehen geblieben. Auch in den Kopfsteinpflastergassen mit ihren Sandstein- und Fachwerkhäusern, den kleinen Läden oder Kneipen in den Erdgeschossen, scheint die Zeit angehalten. Noch wenige Meter, dann beginnt der urbane Höhepunkt und hinterm Jerusalemer Tor das Innerste der Altstadt. Auf der abgewetzten Mauerstelle vor den Türmen hatten wir damals immer gesessen. Ute und ich, samstags nach der letzten, meist geschwänzten Mathestunde, und die Welt neu durchorganisiert. Während die Jungs ihre Cruising-Runden drehten, auf schreiend getunten 50ern oder in ihren ersten Schrottkarren, Sven, Michi, Juko. Büdingen hatte die Cruising-Meile schlechthin. Zwei unschlagbare Kilometer entlang regelrechter Flanier-Filet-Stücke wie Eisdiele, Kino, Marktplatz, Schule, dann durchs Tor und noch mal von vorne. Stunden konnte man hier unterwegs sein, als die Zeit noch endlos war und der Benzinpreis bei 60 Pfennig lag.

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Foto: Eisenschink

Ich zeige der Kawa die alte Runde, vorbei am Kino und der gräßlichen Versackerkneipe »Pressluft« – jetzt rechts halten –, das Museum und die steinalte »Herberge zur Heimat«, in denkmalgeschützten Altstädten ändert sich naturgemäß nicht viel. Kneipen, Läden und Bewohner wechseln, aber die großen Dinge bleiben. Sogar den Fürst gibt es noch, »zu Ysenburg und Büdingen«, in einem Wasserschloss wenige Meter außerhalb des Zentrums.

Läuft doch schon wieder wie geschmiert! In schnellen Kurven geht es durch Fürstlichen Forst Richtung Hoher Vogelsberg. Zwischendurch scheint mal aller Charme zu schwinden und die bleiche Gegend ebenso verschossen, wie wenig später in Bindsachsen der alte Lebensmittelladen und die Gaststätte »Zum Weißen Ross«. Wo Wegweiser kryptisch nach »Außerhalb 2« und »Außerhalb 12« deuten, was immer sich dort verbergen mag. Doch der schnelle Kurvenrhythmus trommelt unvermindert weiter, ich bin inzwischen richtig drin, krieche geradezu ich die kleine Maschine, die Topographie schwingt sich wieder auf und formt prächtige Serpentinen. Wenings wirkt schon deutlich aufgeschlossener, und Gedern repräsentiert schließlich geradezu das Freizeit-Dorado der Region. Dank überregional bekannten, gleichnamigen Sees. Früher beliebter Biker-Treff, heute jedoch deutlich »verkehrsberuhigt« mit stillen, schilfumsäumten Uferflächen und alten Badestegen. Im Ort selbst dagegen echte Bemühungen um Besucher. Ein Schild weist stolz auf die Verschwisterung mit Columbia in Illinois hin, ein kleines Denkmal auf den Ex-GI Elvis Presley, der als amerikanischer Besatzer hier offenbar in die Fluten hechtete – und vermutlich auch das unsägliche Heimatstück »Muss i denn...« coverte.

Die Bäckereibetreiber an der Hauptstraße haben Tische und Stühle in die Sonne gestellt und Kaffee für einen Euro, Stückchen für 70 Cent im Angebot – der Tag scheint tatsächlich alle Frühlings-Hit-Prognosen zu erfüllen. Motorräder aus Garmisch und Peine grollen vorbei. Sie wissen warum, denn hinter dem nördlichen Ortsausgang beginnt der Hohe Vogelsberg und mit der B 276 eine der schönsten Straßen im oberhessischen Orbit. 15 malerischste Allee-Kilometer bis Schotten bilden nicht nur die Vorgruppe des berühmten Rings, sondern auch den Start zu einer Runde um die drei höchsten »Kratererhebungen« des alten Vulkans: Hoherodskopf, Taufstein, Herchenhainer Höhe, die knapp an der 800-Meter-Marke kratzen – die Sella-Gruppe Oberhessens quasi. Okay, vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber im Sommer tobt hier der Bär. Die Hügelkonturen bleiben sanft, die Wälder inselartig verteilt, und zahllose neugeborene Bäche profilieren mit ihren Weidenufern wie Radspeichen den kreisrunden Vogelsberg. Nidder, Nidda, Horlof, Schwalm, Lauter, Lüder, es nimmt kein Ende. Über 20 sind’s im Ganzen.

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Mahnend listet eine Tafel die Unfälle der letzten sieben Jahre auf. Ein unerbittliches 80-km/h-Tempolimit und protektorenbewehrte Doppelleitplanken ergänzen die Psychologie des Grauens. Die Straße erhebt sich untangiert darüber, schneidet scharf und spannend über Höhenzüge und durch Täler, knappe Radien, steile Anstiege, verwegene Perspektiven. Ein paar einheimische Sportler fräsen in tiefer Schräglage entgegen, konzentriert, perfekt, maximal 100 und nirgends unter 80 Sachen.

Hinter Schotten ein kleiner Abzweig, kaum erkennbar. Aber er ist es, kein Zweifel. Hier beginnt er, der alte Schottenring. Eine der Legenden deutschen Renn-Daseins. Hoch schwingt er sich über der Stadt auf, umgeben von ebenso mächtigen wie im Ernstfall todbringenden Buchen, allenfalls die härtesten 90-Grad-Kurven mit Doppelplanken abgeschirmt. Frei und schön pfeilt die alte Bergrennstrecke mit wüsten
Asphalt-Aufbrüchen und harten Kickback-Kanten über die Hügel, das ganze Vogelsbergplateau vor ihr verneigt, bis sie nahe dem Abzweig Ulrichstein in den Wald eintaucht und mittels zwei prächtiger Serpentinen nach Rüdingshain stürzt. Die halbwüchsige Besatzung eines tiefergelegten Scirocco I beobachtet interessiert das Schräglagengeschehen, dann bin ich außer Sicht und bereits auf der Zielgeraden im Niddatal. Vorbei an der stillgelegten Hessol-Tankstelle, wo zwischen Reifenstapeln und Gartenzwergen gerade ein alter Golf wieder zusammengebrutzelt wird. Schotten ist und lebt Motorsport. 1953 startete hier sogar der Große Preis von Deutschland. Stars wie Mit Schorsch Meier oder Walter Zeller stoben durch Schikanen aus Buchen, Serpentinen und Wassergräben – der wohl tollkühnste Moment des stillen Vogelsbergs. Dann setzten 1955 nach einem kapitalen Unfall in Le Mans mit 83 Toten schärfere Bestimmungen solche Naturrennstrecken auf die rote Liste. Aus war’s mit der Schottener Weltenbühne. Erst 1989 griff eine mutige Bürgerschaft die Tradition in internationalem Umfang wieder auf und kreierte den Oldtimer Grand-Prix. Auf einem neuen, kleinen Stadtkurs geht es unter großem Publikum seitdem allsommerlich zur Sache. Motorsport gehöre einfach dazu, meint man in Schotten unumwunden. Biker welcome!

Die letzten Höhenmeter beginnen, der Oberwald mit der flachen Rundkuppe um die 773 und 763 Meter hohe, nur wenige hundert Meter auseinanderliegende Doppelspitze des Gebirgsstocks. Sanftes Profil ohne Ecken und Kanten als Folge Millionen Jahre währender Erosion. Die Vegetation wirkt dünn und angestrengt, die üppig von Hecken durchzogenen Wiesen und Felder sind verschwunden, Hochmoore an ihre Stelle getreten. Am Hoherodskopf herrscht in Lokalen und den Gasthöfen schon Betrieb, eine kleine Pommesbude bietet Motorrad-Tourentipps und Aussicht bis zum Horizont. Am Taufstein teilen sich kryptisch zusammengewürfelte Basaltbrocken einer Kultstätte der Frühzeit und ein Aussichtsturm aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts das Terrain. Gewidmet Otto von Bismarck, gestiftet von Heinrich Buderus. Dessen Eisenhüttenwerk im nahen Hirzenhain zwar reihenweise die Wälder verfeuerte, aber auch ein paar wenige Arbeitsplätze bot. Erst viel später hielt schrittchenweise der Tourismus Einzug. Mit ersten Pisten und einem Skilift in Herchenhain und am Hoherodskopf. Heute kommen Motorradfahrer, Wanderer, Langläufer und Radler. Der »Vulkanradweg«, der auf einer stillgelegten Bahntrasse zwischen Altenstadt und Lauterbach das Gebirge überquert, ist derzeit eines der touristischen Großereignisse der Region. Jede Chance nutzen.

Wie im Motodrom geht es zackig durch Sichenhain, dahinter im Steilflug nach Herchenhain, die Kawa gibt das letzte PS. Geil! Leider wird es schon wieder frisch. Während die Obstbäume am tief unten schimmernden Gederner See bereits in voller Blüte stehen, treibt hier gerade erst das erste Grün. Die Winter sind lang und hart und 1200 Millimeter Niederschlag pro Jahr immens. Letztes Jahr lag der Schnee bis zum ersten Mai. Ich grabe mich tiefer in die Jacke. In den Dörfern blättern die Anstriche, die
Wetterseiten der Häuser trotzen mit Schindeln oder Eternit. Was älter als fünf bis zehn Jahre ist, sieht alt und grau aus. Misthaufen dampfen neben den Ställen, und das vorbeischaukelnde Sparkassenauto sorgt für die nötigste Autarkie. Irgendwo am Waldrand weiden ein paar Lamas. Die freundlichen Andenbewohner scheinen voll akklimatisiert. Und mitten in Sichenhausen: »Ferienroute Alpen-Ostensee«, kaum zu fassen, wo bin ich hier eigentlich?

In der kleinen Herchenhainer Kirche hatten einst Freunde geheiratet. Günther war stolz, aus einem der höchstgelegen Dörfer Hessens zu stammen. Aber der Preis war hart und Günther mit kaum 20 weg. Zukunft gab es hier keine. Im Winter brauche man ja Schlittenhunde, um von Schotten nach Lauterbach zu kommen, lautete in den 70er Jahren eine durchaus ernstgemeinte Frotzelei, als die Kreisverwaltung dorthin wechselte.

In einer prickelnden Slalomabfahrt geht es über Ilbeshausen, Lanzenhain und Eichenrod östlich hinab ins Tal. Mit jedem schwindenden Höhenmeter wird es wieder wärmer. Dann links plötzlich völlig unvermittelte Pracht: Schloss Eichenbach. Wie von König Ludwig ersonnen, mit Zinnen, Türmen, Erkern. Neuschwanstein in Oberhessen. Unfassbar nach der Armut und Einsamkeit der höheren Etagen. Als parke ein Rolls Royce mitten in Bottrop.

Es könnte vor Einbruch der Dunkelheit gerade noch klappen, die Sonne steht knapp über dem Horizont, und bis Alsfeld ist es nur noch ein Katzensprung. Schon als ich die Kawa vor den mächtigen Arkadengängen abstelle, wird er spürbar. Dieser unnachahmliche Charme, wenn Mittelalter auf modernes Leben trifft. Wenn in Jahrhunderten erworbenes Charisma nun Platz für Ökokost und Tchibo einräumt, wenn Cappuccino hinter schweren Sandsteinsäulen schäumt und Vodafone die Handys vor Eichenbalken aus dem 15. Jahrhundert drapiert. Wenn eine banale kleine Aufwärmpause nach einem tollen Motorradtag ein derart phänomenales Historien-Schauspiel quasi gratis auf der Untertasse mitliefert. Du bist Deutschland.

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