MOTORRAD-Reisebericht Unterwegs in Ostengland

Dorothy L. Sayers – die britische Krimiautorin – sorgte nicht nur mit zahlreichen Bestsellern für Aufsehen, sondern fuhr bereits um 1920 beherzt Motorrad. Susi Boxberg und Fotograf Klaus H. Daams folgten in England ihren Spuren.

Foto: Daams
Klaus ist normalerweise ein genügsamer Mensch. Er sieht auch dort noch ein interessantes Motiv, wo unsereins müde gähnen und zum Aufbruch drängen würde. Er hat das Auge, das Fotografen eigen ist. Doch nun streikt es.

Auf der verzweifelten Suche nach einem Bild. Kein knorriger Baum, kein pittoreskes altes Häuschen, nicht einmal eine fette Wolke oder auch nur ein Blick in die Ferne. Klaus gibt auf. »Man sieht ja noch nicht einmal das Nichts«, philosophiert er. Die Ebene mit schwarzen, mürrisch dahinplätschernden Kanälen scheint ganz und gar unfotogen. Selbst die Pappeln, sonst stets für ein Foto gut, wirken schlapp und fad. Wenigstens sind zwei Motorrädern mit von der Partie, die technisch wie optisch hohen Unterhaltungswert bieten. Eine zweizylindrige Triumph Thruxton mit echter 70er-Jahre-Streetfighter-Aura und eine an noch viel ältere Traditionen angelehnte Harley Softail mit Springer-Gabel.

Wir sind in den Fens, den Sümpfen. Eine Moorlandschaft im Osten Englands, die nicht nur durch ihre scheinbar unendliche Weite von sich reden macht. Das Gebiet südlich des Meerbusens The Wash präsentierte sich noch vor zweihundert Jahren schutzlos den Gewalten der See ausgeliefert und war regelmäßig Opfer von Überschwemmungen, nachdem die Bewohner es mühsam trockengelegt hatten. Erst dampfbetriebene Pumpen lösten das Überflutungsproblem und schufen die Basis für das heutige fruchtbare Weideland.

Auf den ersten Blick wirkt es trist. Und doch ist da etwas in dieser Stille, das neugierig macht. Etliche Menschen, einst abgewandert, kehrten nach einigen Jahren zurück, weil sie genau die Ein-samkeit der Fens in der Ferne vermissten. Auch Dorothy L. Sayers konnte sich ein Leben ohne das inspirierende Moor nicht vorstellen. Wer bitte? Sayers? Muss ich die kennen, werden einige überlegen. Bei Krimifans ist natürlich längst der Groschen gefallen, Dorothy L. Sayers hat in der Szene neben Henning Mankell oder Ruth Rendell einen festen Platz. Hierzulande erntete sie allerdings nie den Ruhm, mit dem die Briten sie überschütten. Schauplatz ihrer Werke sind meist die Fens, in denen sie lange Zeit selbst zu Hause war. Vor allem in »Der Glocken Schlag«, wo es um eine verstümmelte Leiche auf dem Friedhof von Fenschurch St. Paul geht. Lord Peter Wimsey, den es durch eine Autopanne bei Eis und Schnee an diesen Ort verschlägt, versucht mit kriminalistischem Scharfsinn das Geheimnis des
rätselhaften Todes zu lösen.
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Foto: Daams
Dorothy L. Sayers hatte außer mit ihren Krimis auch im wirklichen Leben für Furore gesorgt. So fiel sie nicht nur durch exzessiven Tabakkonsum auf, sondern durch – jetzt kommt’s – ein aktives Bikerinnen-Dasein! Bereits in den wilden zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zog die Engländerin kräftig am Gaskabel eines Gespannes. Geboren 1893 in Oxford, siedelten ihre Eltern mit der Vierjährigen in die Fens über, wo der Vater in dem kleinen Dorf Bluntisham-cum-Earith eine Pfarrerstelle übernahm. Erstkontakt mit den Schauplätzen, die Dorothy als Erwachsene so inspirierten und nach einigen Umzügen für ein festes Heimischwerden in Witham sorgten. Ein hübsches Städtchen in der Grafschaft Essex, in dem sich vor Jahren die Dorothy-L.-Sayers-Gesellschaft formierte.

Dort lernen wir Seona Ford kennen, die der Schriftstellerin im hohen Alter sogar noch persönlich begegnete. Nur von deren Motorrad-Affinität wusste sie bislang nichts. Umso erstaunter entdeckt sie beim prüfenden Blick in die Akten tatsächlich eine Passage über Sayers Passion. Offenbar fuhr diese seit 1925 eine Ner-A-Car mit Beiwagen. Endgültig belegbar ist es nicht, da kein Foto von Dorothy mit der Maschine existiert. Und angeblich verkaufte sie das Gespann 18 Monate später wieder, da ihrem Ehemann darin immer schlecht wurde. Dass sie von einem Zweiradmechaniker einen Sohn gebar, ist allerdings aktenkundig... Eher unspektakulär die ersten Berufsjahre, in denen die angehende Schriftstellerin ihr Geld als Texterin in einer Werbeagentur verdiente. Wer weiß eigentlich, dass der Slogan »Guinness is good for you« aus Dorothy L. Sayers’ Feder stammt? Na?

Seona Ford erinnert sich noch an Sayers’ Faible für Hüte und Krawatten und dass sie geraucht habe wie ein Schlot. »So viel, das kann sich kein Mensch vorstellen!« Letzteres weiß die Archivarin aus zuverlässiger Quelle: Ihr Vater ging als Hausarzt im Hause Sayers ein und aus. Vor allem nach dem Tod des Gatten hätte die Schriftstellerin häufig nach dem alten Ford gerufen, ein körperliches Gebrechen vortäuschend. Doch sobald er eintraf, war sie wieder kerngesund und dankbar für den so erzwungenen Gesprächspartner. Zum Gedenken steht vor der Bibliothek in Witham eine bronzene Statue der großen Kriminalschriftstellerin; daneben ihre geliebte Katze Thunder.

It’s Lunchtime und Witham ein feiner Platz für eine Pause. Fetttriefende Chips without Fish, klassisch in Zeitungspapier drapiert und mit einem kräftigen Klatsch Mayonnaise garniert. Kulinarisches Schreckenszenario Britanniens. Immer wieder bleiben alte Withamer stehen, betrachten mit geneigtem Kopf die auffälligen Motorräder. Nach intensiver Studie erkennbarer Daten wie Marke, Typ und Hubraum schauen sie hoch – und siehe da: Beinah alle berichten stolz, in ihrer Jugend selbst Motorrad gefahren zu sein. Triumph, ganz klar. Heute hingegen hätten sie Bedenken... diese Kraft der modernen Motoren! Was mir Komplimente wie selten zu vor einbringt: »You are a brave woman!« Oder »You must be a very strong lady!” Hierher sollte ich öfter kommen. »Take it easy«, tönt es aus Gregs 85-jähriger Kehle zum Abschied. Ich hab’s schon immer gewusst, die Engländer sind irgendwie anders.

Nordwärts rollen wir weiter, den Spuren der Sayers folgend. Über kleine
Straßen durch Ortschaften, in denen die Blumen der Vorgärten nur so strahlen. Geschwungene Hügellandschaften bilden das immergrüne Panorama, wunderschöne, knorrige alte Eichen am Straßenrand die Konturen. Während eines kurzen Stopps erscheint eine junge Frau aus einem herrschaftlichen Anwesen. »Can I help you?« fragt sie freundlich. »You look as if you are lost.« Erstaunt verneinen wir, nein, wir fänden uns schon zurecht. Die Menschen hier sind wirklich anders. Ungewöhnlich hilfsbereit, neugierig, mitteilungsbedürftig und enorm freundlich. Woran liegt’s? An unseren schillernden Maschinen mit ausländischem Kennzeichen? Oder daran, dass wir selbst neugierig sind? Die Frage beschäftigt mich lange, denn überall werden wir angesprochen und herzlichst aufgenommen. Was für eine schöne Begleiterscheinung.

Wir steuern March an. Die Anreise führt über schnurgerade Wege. Der Harley kommt dies sehr entgegen, sanft und satt will sie was von der Landschaft sehen. Die Triumph hingegen wird bald frech und zappelig, wenn es zu langsam und kurvenarm zugeht. Ich beruhige sie, versichere, dass ihre Zeit auf jeden Fall noch käme.

Schwarzbraun und rotgefleckte Kühe dösen am Wegrand, eine Schwanenmutter übt mit ihrer jungen Brut das Schwimmen. Weiden, Eichen, Pappeln, Frieden. Die sanfte Stimmung in den Fens hat mich nun ergriffen. Sachte schiebt der Wind die Wolken vor sich her, die Sonne scheint eher kraftlos matt, breitet ein geheimnisvolles Licht über das Land. Zufrieden fahren wir inmitten einer unaufgeregten Landschaft, die sich für die Farbe Grün in unterschiedlichsten Nuancen entschieden hat. Klaus sieht wieder.
March dagegen ist eine bunte Stadt mit quirligem Getriebe. Im »Glocken Schlag« stellt es unter dem Pseudonym Fenchurch St. Pauden den Hauptschauplatz. Hier verspeiste Romanheld Lord Peter Wimsey am Kaminfeuer seine Butterküchlein, und in der Kirche St. Wendreda’s Church geschah der Mord.
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Foto: Daams
In einer Eckkneipe fragen wir nach dem Schlüssel für das Gotteshaus.
Die Wirtin führt fein säuberlich Buch, jeder Besucher wird registriert. Groß, eisern, schnörkelig – das nenn’ ich einen Schlüssel, denke ich, als ich ihn ins Schloss der großen Holztür stecke und ohne Mühe und fast quitschfrei drehen kann. Ehrfürchtig treten wir ein, überwältigt von der berühmten Holzdecke, die sage und schreibe 120 Engel und einen Teufel hoch über dem Kirchenschiff versammelt. Spontan lege ich mich in die Horizontale, und Klaus greift zum Weitwinkel. Michael, der Kirchenglöckner, lacht und zeigt den Beelzebub: Ganz versteckt aus einer dunklen Ecke schaut er keck herab. Michael erklärt die Theorie: »Wenn der Teufel schon da ist, kann er nicht mehr kommen.« Leuchtet ein. Ein komischer Kauz, der Glöckner. Erzählt einen Witz nach dem anderen und lacht unanständig laut beim Präsentieren der Pointe. Umso überraschender seine Begründung, was er an den Fens so mag: »The deep silence«, bekennt der Fidelius, »and I would always come back.« Der Stille wegen. So so.
Inzwischen selbst ein wenig melancholisch, entschwinden wir aus dieser seltsamen Gegend, die uns anfangs so öd vorkam. Einen Hauch davon nehmen wir mit, als wir weiter zum Meer cruisen, Richtung Norfolk und Suffolk – die verlockende Küstenstraße dazwischen.

In King’s Lynn biegen wir auf die North Norfolk Coast, treffen auf ein
England wie aus Oliver Twist: hübsche, rosenumrankte Backsteinhäuser mit qualmenden Schornsteinen, kleinen Gärten und Kopfsteinpflasterwegen. Auf den stillen, zum Teil hohlwegartigen Sträßchen ist nun endlich die Triumph am Zug. Viele kleine Kurven, die im Ausgang auf Beschleunigung drängen, unendlich leicht fliegt sie die Küste entlang, huscht schnell, wendig und temperamentvoll durch die violett-grüne Heidelandschaft. Nach zwei Stunden zeigt sich allerdings, wer in Sachen Bequemlichkeit die Nase vorn hat. Während der Harley-Fahrer weiter bis nach Schottland durchschütteln könnte, sehnt man sich auf
der sportlichgeduckten Thruxton schon um vier nach dem Fünf-Uhr-Tee.

Je weiter wir gen Osten gelangen, desto stärker ändert sich das Aussehen der Häuser. Rote Ziegelwände werden zu Flintstonemauern, auf deren Putz ovale Steine haften. Das Gästehaus »The Grove Farm« in Roughton bei Cromer zeigt sich komplett von diesen Feuersteinen verziert. Die Wirtin, eine gebürtige Australierin, ist auf die Fens allerdings gar nicht gut zu sprechen. Ein einziger inzüchtiger Haufen sei das, so ihre These über die Bevölkerung, während wir abends an ihrem knisternden, wärmenden Kaminfeuer sitzen. Draußen ist inzwischen ein Gewitter aufgezogen, und der Regen prasselt aufs Dach. Später versuche ich das Einschlafen so lange wie möglich hinauszuzögern. Der Donner grollt dem abziehenden Gewitter hinterher, und ein Käuzchen ruft in der stockfinstren Nacht. So entstehen Mord-Kulissen, kommt mir prompt in den Sinn.

Im strahlenden Sonnenschein fahren wir am nächsten Morgen ein Stück zurück nach Wells-next-the-sea. Auf einer herrlichen Motorradstrecke parallel zur Küstenstraße, in markantem Wechsel zwischen Eichen-Allee und Hohlweg. Und immer wieder den Blick aufs schäumende Meer oder ins grüne Land mit grasenden Schafen und Kühen freigebend. England pur. Von einer Anhöhe fällt der erste Blick auf Wells, die Ortschaft, die sich so wunderschön und geradezu magisch für Touristen an die Küste schmiegt. Auch dort begegnen uns die einstigen Triumph- und Douglas-Rocker in der zweiten Lebenshälfte. Die Sehnsucht nach Fahrtwind scheint ihnen ewig zu bleiben.

Sue und Graham bilden die Ausnahme. In Southwold lebend, träumten sie vom Meer. Ob Ostern oder Weihnachten, ob Gänsehaut oder blaue Lippen, alles ist schnurz, wenn sie sich nur in die dunkle Nordsee stürzen können. Eines der zahllosen bunten Häuschen am riesigen Strand bildet quasi ihr Trainingscamp. Sie bieten uns einen wärmenden Nescafé an und versorgen uns mit Klatsch und Tratsch der Szene. Ebenso herzlich wie Misses Bougard vom nahegelegenen Ellesborough Guesthouse. Wer es unterlässt, bei ihr das Neuste von Camilla und Charles in Erfahrung zu bringen, ist selbst schuld. Hier kreuzt nun übrigens das Revier von P. D. James, einer Krimi-Kollegin von Dorothy L. Sayers, die zwischen Southwold und dem etwas südlicher gelegenen Dunwich übel zugerichtete Leichen an Land spülen ließ. Wir machen noch einen Abstecher nach Thorpeness, zum »House in the clouds«. Ein kleines Häuschen auf einem Wasserturm. Für viel Geld kann man es mieten. Ein andermal vielleicht, denn am Abend geht’s in Harwich bereits wiederauf die Fähre Richtung Heimat. Dreieinhalb Stunden Seegang, Fast Food, Neon- licht – soll das das Ende der schönen Krimistimmung sein? Nein, das darf nicht passieren. Ein tiefer Griff in den Packsack offenbart Stage II der Krimi-Runde. Minette Walters, »Die Bildhauerin«. Schauplatz: nach Southampton in Südengland. Eine der neuen großen Meisterinnen britischen Grusels und
vielleicht preisgekrönt. Bewährte Insel-Traditionen reißen nicht so schnell ab.

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