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Kernfrage: kaufen oder zurückgeben? Rolf Henniges sinniert beim Warten auf die Elbfähre.

Roadtrip durch Deutschland Verliebt in ein geliehenes Bike

Was passiert eigentlich, wenn man sich als abgebrühter Motorrad-Testredakteur tatsächlich mal in ein geliehenes Bike verliebt? Und es nicht wieder abgeben will? Ein Roadmovie.

Erinnern Sie sich an Klaus Lage? Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert? Genau! Doch dann, so singt er weiter, hat’s irgendwann mal „zooom!“ gemacht. Verdammt, bei mir hat’s auch „zooom!“ gemacht! Verliebt! Und keine Erklärung, warum. An ihren technischen Daten kann’s ja wohl nicht liegen. Denn sie ist leicht übergewichtig: 232 Kilo. Sie ist träge: 0 auf 100 km/h in 5,3 Sekunden. Sie ist eher kraftlos: 58 PS bei 6800/min.

Nein, mit Daten und Werten kommen wir hier nicht weiter. Rein theoretisch müsste meine große Liebe völlig anders sein. Dynamischer. Kraftvoller. Leichter. Ich weiß genau, was ich will. Denn ich habe sie alle schon gehabt. Alle! Nach 15 Jahren im Testbetrieb von Europas größter Motorradzeitschrift bin ich rund 400 verschiedene Bikes gefahren. Die schicken. Die schnellen. Die teuren. Die dynamischen. Und nun das! Ausgerechnet eine olle Triumph Scrambler verdreht mir den Kopf. Für eine Story habe ich sie rund 8000 Kilometer bewegt und muss sie nun wieder abgeben. So wie alle Motorräder, die uns von den Herstellern oder Importeuren für Tests oder Reportagen zur Verfügung gestellt werden. Schicksal. Für sie. Und für uns.

Es ist ein herrlich sommerlicher Donnerstagmorgen. In vier Tagen soll die Scrambler wieder in ihrer Heimat sein. Abgesprochen ist, die Maschine nach England zu überführen. Es ist mehr als ein Abkommen. Es ist ein Versprechen. Ein Mann, ein Wort. Und das wird nicht gebrochen. So schwer es mir auch fällt. Glaubt man der Berechnung von Google Maps, bleiben mir noch exakt 1090 km, auf denen ich mit diesem Motorrad Spaß haben darf – die Entfernung von Stuttgart nach Hinckley, England. Inklusive Fähre von Calais nach Dover. Vorausgesetzt, man fährt direkt …

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Noch 500 zusätzliche Kilometer rausschinden

Nee, nicht mit mir! Kein Gedanke daran, Autobahn zu fahren. Zu langweilig. Zu unpassend. Zur Maschine und zur Trennung. Als die Räder Richtung Nordschwarzwald und Karlsruhe rollen, weilen meine Gedanken wieder in der Vergangenheit. Alles dreht sich um unsere aktuelle, die auf den vielen gemeinsamen Kilometern entstanden ist. Abgespult in nur 22 Tagen, von denen es an 19 geregnet hat. Vielleicht keine gute Basis für endlosen Spaß. Doch sehr wohl eine, um Vertrauen zu entwickeln. Die Triumph Scrambler hat mich nie im Stich gelassen. Mehr noch, es fühlte sich an, als sei sie ein Freund. Doch kann ein Gegenstand zum Freund werden? Und falls ja, wie? Ihr sonorer Herzschlag, der Puls des Twins, erinnert mich irgendwie an meine seligen XT 500, von denen ich fünf Stück besaß. Damals, in den 1980ern. Wie in einem Jim Jarmusch-Film segeln kleine badische Ortschaften vorbei, die in der Frische des beginnenden Tages verlassen wirken. Kaum ein Mensch oder Auto auf den Straßen. Viel Zeit, um nachzudenken. Wie kann ich diese Fahrt nur verlängern, den Abgabetermin hinauszögern? Blick auf die Karte: Natürlich verläuft der direkte Weg über Calais nach Dover. Man könnte allerdings auch von Rotterdam nach Hull übersetzen – und damit mindestens 500 zusätzliche Kilometer rausschinden. Ich bin schon in der Pfalz, da fällt die Entscheidung für Rotterdam.

Aber erst mal geht’s in ein Café am Wegesrand. Die Sonne brennt, vor dem Laden parkt ein abgehalftertes Hercules-Mofa. Der dazugehörige Fahrer sitzt drinnen breitbeinig auf einem Stuhl, und der hat’s schwer. Denn Werner, so heißt der Hercules-Fahrer, hat nicht nur für jeden, der den Laden betritt, ein paar nette Worte übrig, er wiegt nebenbei auch (wohlwollend geschätzte) 150 Kilo. Der Stuhl ächzt bei jeder Bewegung.

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"Und deine?" - "Kommt aus Thailand."

„Klasse Maschine, mit der du da unterwegs bist!“
„Kann nicht klagen, bislang keine Probleme.“
„Von meiner kann ich das nicht sagen“, murrt Werner, „hab sie im Oktober 1985 gekauft. Musste vor fünf Jahren den Vorderreifen wechseln, und vor einer Woche ist jetzt auch noch der Gaszug gerissen! Aber ich will nicht meckern. Wenn’s so richtig kalt ist im Winter, 20 Grad minus oder so, mein Moped steht immer draußen, brauchst du nur einen Tritt. Mach das mal mit deiner“, brummt er.
„Meine hat einen E-Starter.“
„Und, springt sie beim ersten Mal an?“
„Weiß ich nicht, bin noch nie bei 20 Grad minus gefahren.“
„Deutsche Wertarbeit“, brummt Werner stolz und schaut auf sein Mofa. Der Sattel ist zigfach eingerissen, Schaumstoff quillt raus, Rost hat sich durch den Lack gefressen wie ein hungriges Tier. „Und deine?“, fragt Werner.
„Kommt aus Thailand.“
„Schöner Mist“, knurrt er, „und in England sind sie arbeitslos. Verdammte neue Zeit.“

Kaffee dampft in der Tasse. Ich setze mich zu ihm, erzähle von den 8000 Kilometern, die mich die Triumph durch ganz Europa und Nordafrika getragen hat. Berichte von tagelangen Regenfällen, ­kritischen Situationen, Abenteuern. Und davon, dass ich mich nur schweren Herzens von der Maschine trennen kann. Werners Hercules hat jetzt 64.000 km auf der Uhr. Ausnahmslos abgespult auf dem Weg zu Aldi, zum Café und zur Arbeit um die Ecke. „Junge“, sagt Werner, „wenn ihr zwei, das Motorrad und du, solche Abenteuer zusammen bestritten habt, dann kannst du sie doch nicht einfach wieder zurückgeben. Ich hab da eine Idee …“ Er zieht mich zu sich heran und flüstert mir etwas ins Ohr.

"Sie wissen schon ... Mit gewissen Leistungen eben"

Zwei Stunden später bin ich wieder auf Kurs Nord. Meine Räder rollen durch kleinste Ortschaften und stehen am Nachmittag auf der Rheinfähre Ingelheim. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. ­Eine kurze Zeit, in der mir Werners Idee plötzlich gar nicht mehr so abwegig vorkommt. Ich schaue zur Maschine. Nüchtern betrachtet ist es so: Sie kann nicht richtig Straße – zu schwer, schlechte Bereifung, keine Leistung. Sie kann nicht gut Tour – Verbrauch zu hoch, Reichweite zu gering. Sie kann nicht gut Offroad – mickrige Federwege, schlechte Stoßdämpfer. Obwohl: Das Problem ist behoben. Zu Testzwecken sind noch ein paar Öhlins-Stoßdämpfer montiert, die nicht nur besser ansprechen und dämpfen, sondern auch über 15 Millimeter mehr Hub verfügen. Aber was tun? Kopf und Geldbeutel sagen: zurück nach England. Der Bauch sagt: ab in deine Garage. Auf wen soll ich hören?

Ich höre auf Werners Ratschlag. Kämpfe mich durch den beginnenden Feierabendverkehr bis kurz hinter Wiesbaden. Da stehe ich nun im Niemandsland des Taunus mit einer Frage in einer Tankstelle: „Guten Abend. Gibt’s hier einen Gasthof?“
„Nun ja, nicht so richtig“, meint die zirka Fünfzigjährige mit burschikosem Kurzhaarschnitt. „Wie soll ich das verstehen?“
„Ich meine: nicht so richtig seriös. Sie wissen schon … Mit gewissen Leistungen eben. Die Guten sind hier alle den Bach runtergegangen.“

Ich zahle und treffe an der Zapfsäule einen Gespannfahrer mit Hund als Beifahrer. „Sieht klasse aus, deine Scrambler“, sagt er, und es scheint, als würde der Hund zustimmend nicken. Ich bekomme Tipps für gute Strecken und entscheide mich erst mal fürs Fahren statt Schlafen. Richtige Entscheidung. Denn der Taunus ist ein Wallfahrtsort für Motorradfahrer. Enge, verlassene Straßen locken mit kurvi­gem Geläuf. Ich schwenke die Triumph Scrambler von einer Schräglage in die nächste, lausche dem unverwechselbaren Sound, der durch den 270-Grad-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle so schön nach 90-Grad-V2 klingt. Mehr als 4500/min sind nie notwendig. Das beruhigt mich. Es ist ein Pulsschlag, der mich besänftigt und den hektischen Alltag zu Urlaub werden lässt. Dazu kommt: Jedes Mal, wenn ich vor der Maschine stehe, finde ich sie schön.

Würdest du deine Traumfrau einfach so gehen lassen?

Besonders, wenn ich neben ihr aufwache. Wie auch am nächsten Morgen, als ich neben ihr aus dem Schlafsack krieche. Eine wunderbar verwunschene Weide nahe der Lahn lud zum Wildcampen ein. In Steinwurfweite lungert eine Schafherde herum, der Schäfer steht auf einen Stock gestützt in 100 Metern Entfernung und stiert in die Weite. Als er sieht, dass ich wach bin, kommt er näher und berichtet mir stolz und ungefragt über seine Norton Commando, die er alle paar Wochen aus der Garage holt, um sie Gassi zu führen. Ich erzähle ihm, dass ich die Triumph Scrambler wieder abgeben muss. „Wenn man sich verliebt hat, kämpft man doch für die Liebe!? Oder würdest du deine Traumfrau nach einer Nacht einfach so gehen lassen? Denk mal drüber nach!“

Es geht nicht ums Kämpfen, denke ich. Es geht darum, das Konto zu überziehen, um etwas zu kaufen, was ich im Grunde genommen gar nicht brauche. Brabrabrabrab – kräftig ballert die Triumph Scrambler ihren Tatendrang in die Morgenluft. Das geschieht über eine hochgezogene Auspuffanlage von Arrow, die so herrlich dumpf klingt. Ich habe frei, ein Motorrad, in das ich verliebt bin, und wunderschöne Strecken vorm Rad. Kann ein Tag besser beginnen? Das sagenhafte Gefühl der Unbeschwertheit bleibt selbst beim Durchfahren von Gießen erhalten. Wenn ich mich recht erinnere, so ist Gießen die einzige Stadt der Welt, die es mir zu durchqueren gelingt, ohne vor einer einzigen roten Ampel halten zu müssen.

Anders, als diese Triumph-Jungs es sich vorstellen ...

Ich habe die ganze Nacht gegrübelt, mich jetzt endgültig entschieden und die Zielführung im Navi unter Berücksichtigung der kürzesten Strecke eingegeben. Mein Versprechen, die Maschine nach England zu überführen, werde ich definitiv halten. Aber anders, als diese Triumph-Jungs es sich vorstellen …

Werner hat mir von einer Ortschaft namens England erzählt, die auf der Halbinsel Nordstrand in der Nähe von Husum liegt – nur schlappe 700 Kilometer von meinem derzeitigen Standort entfernt. Die ers­ten 150 davon werden in Nordhessen runtergeraspelt. Hier, zwischen Gießen, Frankenberg/Eder und Winterberg, scheint die Zeit still zu stehen. Überzogen von Getreidefeldern, gespickt mit pfeifenden Windrädern, malerischen Örtchen aus uralten Fachwerkhäusern, verbunden durch sich schlängelnde Landstraßen. Ein Paradies.

Ostwestfalen dagegen ist diesmal nicht meine Ecke. Denn unter der Prämisse „kürzeste Route“ lotst mich das Navi mitten durch Paderborn und Bad Lippspringe. Mit all ihren gefühlten 350.000 Verkehrsberuhigungen, einer Million Zone-30-Schildern und einer Mil­liarde Ampeln. Alle Rot! Wieder ist mein Nachtlager unter einer Sternenkuppel, ehe es am nächsten Tag weiter nordwärts geht. Und zwar über kleinste Verbindungswege, kaum so breit, ein Fahrzeug aufzunehmen, aufgerissen vom Frost. Ich passiere lindenbeschattete Oasen, Aussiedlerhöfe, rot verklinkert, mit grünen Fenster- und Türrahmen unter storchenbesetzten Dachfirsten. Stallungen, so weit das Auge reicht. Ortschaften, oft nur aus zwei Häusern bestehend, mit klangvollen Namen wie Kaltenhöfen, Quelldeich oder Westhof. Ausgerechnet hier geht die Benzin-Warnlampe an. Ich schleiche weiter, finde aber keine Tanke. Hier, im Outback. In einer verlassenen Gegend, wo man sich normalerweise immer hilft, man eigentlich überall klingeln kann, und die Türen öffnen sich.

"Fährt die Mühle mit Diesel?"

Viermal klingeln. Viermal macht niemand auf. Gardinen huschen kurz zur Seite, ist vielleicht der falsche Tag. Also weiterfahren. Der Motor erstirbt inmitten gigantischer Weiden. Um die Kühe hier zu zählen, braucht es ein starkes Fernglas. Es riecht nach Schweinezucht und Freiheit. In der Ferne bürstet ein Mähdrescher die Felder. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg und stehe eine halbe Stunde später vor polnischen Erntehelfern und einem mürrisch dreinblickenden Mähdrescherfahrer.

„Ich bin mit dem Motorrad liegen geblieben. Spritmangel.“
„Wir haben hier nur Diesel. Fährt die Mühle damit?“
„Natürlich nicht, ist eine Triumph Scrambler, die braucht Benzin.“

Freundlich ist er nicht gerade, der Kerl auf dem Fahrersitz. Dafür grinst ein polnischer Arbeiter, rennt zu seinem 30 Jahre alten VW Passat, greift in den Kofferraum, reicht mir seinen vollen Fünf-Liter-Kanister und meint: „Sprit kannst behalten. Komm nur her, will Motorrad sehen.“

Was folgt, ist eine wild durchzechte Nacht in einer Scheune inmitten von motorradbegeisterten Polen, die allesamt meine Triumph Scrambler bestaunen und mein Ansinnen verstehen: Freunde verkauft man nicht. Und die Maschine ist längst mein Freund. Es ist Montagmorgen, als ich auf Nordstrand vor dem Ortsschild England stehe. Punkt neun wähle ich die Nummer meiner Bank – Kreditabteilung. Anschließend die Nummer von Triumph.

Foto: Henniges
Seit mittlerweile zehn Jahren am Markt, erfreut sich das Modell immer größerer Beliebtheit, die Scrambler wird gern genutzt als Basis für einen coolen Umbau.
Seit mittlerweile zehn Jahren am Markt, erfreut sich das Modell immer größerer Beliebtheit, die Scrambler wird gern genutzt als Basis für einen coolen Umbau.

Infos Triumph Scrambler

Seit mittlerweile zehn Jahren am Markt, erfreut sich das Modell immer größerer Beliebtheit, die Triumph Scrambler wird gern genutzt als Basis für einen coolen Umbau. MOTORRAD-Autor Rolf Henniges fuhr die Maschine 10.000 km weit und probierte dabei zwei Reifen und ein Federbein-Paar aus: Der Conti TKC 80 passt optisch hervorragend zum Bike, lenkt sich leicht indifferent, aber agiert stets gutmütig und bietet für einen reinen Offroad-Reifen auch auf Asphalt erstaunlich viel Grip. Beim Dunlop TR 91 sind die Offroad-Eigenschaften natürlich stark eingeschränkt, aber er rollt sehr harmonisch ab, brilliert mit neutralem und präzisem Lenkverhalten und ist auch bei Nässe verlässlich.

Die ausprobierten Öhlins-Federbeine sind in der Grundabstimmung viel zu straff und passen eher zu sportlichen Bikes. Doch auch wenn der Komfort zu wünschen übrig lässt – besser als die Original-Stoßdämpfer sind sie allemal. Bedingungslos bewährt hat sich dagegen der einseitige Touratech-Kofferträger (www.touratech.de), der nur auf Anfrage gefertigt wird. Der verhältnismäßig hohe Verbrauch von 5,6 Litern auf 100 km schränkt die Reichweite ein: Mit dem 16-Liter-Tank sind mit der Triumph Scrambler Etappen von höchstens 285 km drin.

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