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MOTORRAD Unterwegs in Deutschland und Polen Zwei Touren im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Mit einem Motorradfahrer aus Görlitz in die Sächsische Schweiz, mit dem Kollegen aus Zgorzelec Richtung Riesengebirge - Heimatkunde links und rechts der Neiße, die die schlesische „Europastadt“ Görlitz/Zgorzelec seit 1945 in einen deutschen und einen polnischen Teil unterteilt.

Unterwegs in Deutschland

Als kleiner Junge ist Falko, Jahrgang 1961, immer an den Gartenzaun geflitzt, wenn an der B 6 zwischen Görlitz und Bautzen ein Viertakt-Motorrad vorbeidonnerte und bei ihm spontan "Haben-wollen-Träume" weckte. Gegen solchen Sound konnte das Rängtängtäng der ortsüblichen MZs und Jawas nicht anstinken. Das Rad der Geschichte hat sich weitergedreht, heute fährt Falko eine Ducati ST4S. Auf der begleitet er mich für zwei Tage durch seine bevorzugten "Jagdgebiete" Oberlausitz und Sächsische Schweiz, präpariert mit Navi und Roadbook - kein Wunder, denn als Mitglied des für Orientierungsrallyes bekannten MC Görlitz e. V. weiß Falko: "Motorräder nur auf Bundesstraßen zu bewegen, ist eigentlich schon fast Missbrauch."

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Foto: Daams
Der
Der "dicke Turm" von Görlitz.

Im Internet präsentiert sich Görlitz stolz als "Schönste Stadt Deutschlands" mit malerischer Altstadt, deren fast 4000 größtenteils aufwendig sanierte Einzeldenkmale aus 500 Jahren Baugeschichte es zu einem einzigartigen Reiseziel machen. Auch wenn das alles bei der Wahl zur Kulturhauptstadt 2010 gegen den Mitbewerber Essen letztlich nichts geholfen hat: Das Zentrum von Görlitz ist ein Schmuckkästchen.

Also erstmal raus aus der Stadt, dabei auf reichlich verlegtem Blaukopfstein und im Netz von Straßenbahnschienen nicht allzu übermütig am Gas zupfend. Vielleicht auch noch ein wehmütiger Blick auf die Überbleibsel des Görlitzer VEB-Kondensatorenwerks, dessen Verfall begann, als, so Falko, "uns damals der Weltmarkt erreichte und sich rausstellte, dass DDR-Kondensatoren nicht weltmarktfähig waren".

 

Keine Konkurrenz zu fürchten braucht die Landeskrone, der 420 Meter hohe Hausberg von Görlitz. Der erloschene Vulkan ragt weithin sichtbar aus der Ebene und beschert Fremden mit etwas Glück sogar ein freies Hotelzimmer mit Panoramablick. Aus der Zeit, als noch Schwimmerkammern geflutet und Lederhauben getragen wurden, stammt die historische Rennstrecke Hohnsteinring in der Sächsischen Schweiz. Von 1926 bis 1933 wurden hier Bergrennen ausgetragen, 1939 baute man den Kurs dann zum "Deutschlandring" aus, 1951 fand das letzte offizielle Rennen statt. Der etwa zehn Kilometer lange Rundkurs führt über öffentliche Straßen. Heute sind Teile des kurvigen Geläufs am Wochenende für Motorräder leider gesperrt. Im Ortsteil Hohburkersdorf erinnert das Gasthaus "Einkehr zur Rennstrecke" an glorreiche Zeiten - und serviert hungrigen Helden bei Bedarf "Flecken", in Streifen geschnittenen Kuhmagen.

Nicht nur zum Verdauungsspaziergang gut geeignet ist die Bastei, ein bizarres Schluchtenlabyrinth, dessen 200 Meter hohe Felsrücken phänomenale Aussichten bieten. Auch wenn Menschenleere nicht zu den primären Merkmalen der Sächsischen Schweiz zählt und es wegen der Topographie, die mit ihren markanten Felsformationen oft ans Monument Valley erinnert, naturgemäß an Ausweichrouten etwas mangelt: Gelegenheit, der bollernden Bella Donna aus Bologna die Sporen zu geben, gibt es trotzdem immer wieder. Von Cunnersdorf nach Königstein beispielsweise führt eine schmale Straße durch den Wald, die der Duc so gut tut, dass wir die Besichtigung der mächti-gen Festung Königstein ausfallen lassen und gleich durchstarten zum Kirnitzschtal bei Bad Schandau.

Dort heißt es dann: Bitte nicht gegen die Straßenbahn fahren! Diese teilt sich nämlich als Überlandbahn bis zum Lichtenhainer Wasserfall die Fahrbahn mit dem Restverkehr. Also nicht nur auf die Felsen und Farne des reizvollen Kirnitzschtals achten.

 

Stellvertretend für all die anderen Ziele der Region, die hier platzbedingt leider unter die Räder kommen, seien der Gusseiserne Turm nebst Turmgaststätte auf dem Löbauer Berg sowie das imposante Schloss Krobnitz genannt; nicht zu vergesssen das Zittauer Gebirge. Wir beschließen den ersten Tourteil in der Altstadt von Görlitz, wo das Schankhaus "Zum Nachtschmied" Nachtschwärmer (und Schmiede neuer Pläne) willkommen heißt.

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Foto: Daams
Die alte polnische WFM ist immer noch im Einsatz.
Die alte polnische WFM ist immer noch im Einsatz.

Unterwegs in Polen

Wer kann sich noch daran erinnern, als die Görlitz und Zgorzelec verbindende Brücke über den Grenzfluss Neiße ein einziges Nadelöhr war, Garant für Autostaus und nerviges Abfertigungsprozedere? Wie ein Spuk ist das verschwunden, ruck, zuck ist man in Polen. In Zgorzelec bin ich für den zweiten Teil der Tour mit Adam verabredet. Ein paar Wochen zuvor hatte diese Exkursion - damals begleitet von den freundlichen Polen Darius, Jurek und Henrik (besten Dank nochmal), nur bis zur Trinkhalle des Kurorts Świeradów Zdrój geführt und dann wegen sintflutartigem Dauerregen abgebrochen werden müssen.

 

Das erste motorisierte Zweirad von Adam, Jahrgang 1966, war ein polnisches 50er Moped. Inzwischen ist der Automechaniker und Gebrauchtwagenhändler ein Fan von Powercruisern und fährt Kawasaki Vulcan 2000. Zur Einstimmung eine Ehrenrunde um die 1902 durch Kaiser Wilhelm II. eingeweihte Ruhmeshalle - und schon haben wir die Sehenswürdigkeiten von Zgorzelec abgehakt, das bis 1945 die schmucklose Vorstadt seiner besseren Hälfte westlich der Neiße war. Mittlerweile pulsiert in Zgorzelec jüngeres Leben als in Görlitz.

Nach einem langen Abend bei Adam cruisen wir zum zweiten Frühstück nach Radomierzyce ins Mühlencafé am Schloss Joachimstein. Im Gegensatz zu den herrschaftlichen Gemächern kann die Mühle besichtigt werden. Über die historische Technik staunt man heute genauso wie vielleicht dereinst Außerirdische über die Zahnräder im Getriebe der Vulcan.

 

Holterdipolter weiter. Bei Zawidów, früher Seidenberg, schlängelt sich die kopfsteingepflasterte Straße wie eine schuppige Riesenschlange durch sattes Grün. In den Dörfern schieben junge Frauen in schwarzen Tops Kinderwagen über die Straße, ab und an durchschneidet eine Kreissäge die brütende Hitze. An der Burg Czocha entscheiden wir uns statt fürs Castleseeing nur für Eis und Limo von der Bude. Weitere Abkühlung verspricht die Talsperre Goldentraum, volle Kaloriendröhnung das Restaurant "Trevi" in Gryfów Śląski. Dort parken schon die Ultra Classic Electra Glide von Wieslaw und die Rocket III von Janusz, Freunde von Adam und unsere Begleiter für den Nachmittag. "Highway to Hell" von AC/DC in den Player - und los geht es in verhaltenem Galopp durch angenehm beschattete Alleen, die ihre hübschen Sommerkleidchen angelegt haben, via Jelenia Góra und Sosnówka nach Karpacz, touristisches Zentrum im polnischen Teil des Riesengebirges. Der Ort liegt unweit der Grenze zu Tschechien am Fuße der Schneekoppe - von der vor lauter Wald aber kaum etwas zu sehen ist. Und das will von uns heute auch keiner ändern. "Ich bin doch kein Idiot", kommentiert Janusz all die verschwitzten die Straße querenden Mountainbiker und Walker. Und Adam stanzt auf dem Rückweg durchs Isergebirge ein "X" in die laue Sommerluft, die gespreizten Arme und Beine weit nach vorne ausgestreckt auf seinem dem heimatlichen Zgorzelec entgegenrollenden Powercruiser.

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