MOTORRAD unterwegs: Myanmar Das Land vor dem Sturm

Wer Myanmar hört, denkt an die Fernsehbilder eines von verheerenden Wirbel-stürmen und unerbittlichen Militärmachthabern geschundenen Landes. Markus Schmidt erkundete es vor dem Zyklon auf einer wackeligen Honda NX 250 und erlebte ein faszinierendes Stück Südostasien.

Foto: Schmidt

Wasserbüffel ziehen klapprige Karren. Ich folge ich ihnen, bis hinter der Kurve die Straße wieder einsehbar und frei zum Überholen wird. Wunderschön zieht sie sich durch üppiges Grün, Reisfelder und Ackerland, auf dem Bauern mit archaischen Holzpflügen arbeiten. In Serpentinen geht es bergwärts. Meine Honda war schon in der Ebene nicht besonders schnell; nun müht sie sich nach Kräften, doch irgendwann schafft sie es nicht mehr aus dem Staubschatten der Lkw heraus. Auch wenn ich immer mehr die Farbe des Straßenstaubs annehme, bin ich glücklich, hier zu sein. In Myanmar, einem ebenso unbegreiflichen wie faszinierenden Land. Nur: Wie kam ich überhaupt hierher? Und auf diese alte NX 250?

Myanmar, das frühere Birma, interessierte mich. Und da ich gerne Motorrad fahre, wollte ich es auch dort versuchen. Mit Helm und Handschuhen im Gepäck war ich schon mal der am besten ausgestattete Motorradfahrer des Landes, allerdings noch ohne Motorrad. Passenderweise entschied ich mich dafür, in der Metropole Rangun (burmesisch: Yangon) zu starten – der einzigen Stadt, in der Motorradfahren außer für Militärs und Polizisten gesetzlich verboten ist. Was sie zwar ruhig und beschaulich macht, aber die Suche nach einer Maschine nicht gerade vereinfacht. Mit Glück finde ich einen kleinen Händler, der mir aus zwei alten Honda NX 250 ein fahrtaugliches Mietmotorrad bastelt und es sogar per Pickup aus der Stadt bringt.

Mit gemischten Gefühlen rolle ich los. Benzin gäbe es nur auf dem Schwarzmarkt aus Kanistern, und Tankstellen solle ich auf jeden Fall meiden, schärft mir der Motorradhändler noch ein. Dann tauche ich ein in eine komplett andere Welt. Registriere zwar, dass ich keinen der vorbeifliegenden Wegweiser lesen kann, fühle mich aber prächtig. Doch bald stottert das Motorrad, rollt aus. Ende – 27 Kilometer abseits von Rangun, in einem Land ohne Handys und mit defektem Bike. Ich prüfe, ob Benzin im Tank ist, dann sind meine Kenntnisse erst mal erschöpft.

„Problem?“ fragt ein vorbeikommender Burmese. Er hat 30 Meter weiter eine Rollerwerkstatt, und wenig später kümmert sich die komplette Belegschaft um das Motorrad. Er meint, es sei die Lichtmaschine. Sie ist es nicht. Irgendwann entdeckt er die Blackbox: überhitzt, gelötet und mit Heißkleber geflickt. Gottlob steckt ein zweites Exemplar in meiner Ersatzteiltasche, und damit läuft die Honda wieder. Von jetzt an startet sie zwar kalt nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte. Die Honda hat nämlich keinen Choke.

Die Straße wird zunehmend schlechter. Eine Familie mit Kanistern sitzt am Rand. Tanken! Ich zeige auf eine Kanne und hebe den Daumen: Eine Gallone! Nach dem Tanken hebt der Tankwart Daumen und Zeigefinger: Aha, 1200 Kyat. So geht das! Als die Dunkelheit einbricht, funktioniert das Licht nicht mehr. Der Fehler ist neu, aber immerhin läuft die Kiste. Vorsichtig rolle ich noch bis Toungoo, einst königliche Hauptstadt, und falle todmüde ins erstbeste Zimmer des Myanmar Beauty Guest House.

Am nächsten Morgen entdecke ich, dass die Batterie komplett tot ist. Ich finde tatsächlich eine neue und staube mit Tourguide und durchdrehenden Rädern über rote Bulldust-Pisten zum 70 Kilometer entfernten Ye Sein Bago Yoma-Nationalpark. Roter Staub im Inneren des Auspuffs lässt die Frage aufkeimen, ob die Karre wohl einen Luftfilter hat.

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Foto: Schmidt

In einer sehr einfachen Hütte gibt es Essen. Sehr einfach bedeutet eine Wand mit Dach, aber weder Strom noch Wasser. „Chicken?“ Ich verneine die Frage meines Guides in Gedanken an Salmonellen: „I’m not hungry“. Doch der Guide errät meine Befürchtung. Er zeigt auf ein herumlaufendes Hühnchen und sagt: „Look, chicken, now life, then dead. No problem.“

Der Boden scheint zu zittern, rötlicher Staub liegt in der Luft – hier sind Arbeits-elefanten im Waldeinsatz. Mit ihrem ganzen Gewicht stemmen sich die Tiere ins Geschirr und ziehen tonnenschwere Bäume von dannen. Man darf hier kein zu romantisches Tierverständnis haben, denn diese Kerle arbeiten hart. Ihre ganze Stärke, Gewandtheit und Ausdauer machen sich die Menschen zunutze.

Für die nächsten 280 Kilometer bis Yamethin plane ich zwei Tage Fahrt ein. Das örtliche Guesthouse ist sehr einfach, niemand spricht englisch. Schließlich deute ich auf die Töpfe, schlage mit den Armen und rufe „gagagagack“, und sofort ist eine angeregte Unterhaltung mit Händen und Füßen im Gange.

Beim Weiterfahren lerne ich mehr von Myanmar kennen, als mir lieb ist. Da ich die Schilder nicht lesen kann, rate ich oft, wo es lang geht. Manchmal frage ich, doch die Kommunikation ist schwierig. Nach 70 Kilometern Umweg gelange ich schließlich auf die Straße nach Kalaw, folge einem grünen Tal mit Reisfeldern und kleinen Hütten am Ufer eines Flusses. Ein völlig überladener Pickup kommt vorbei, eine Menschentraube auf dem Dach und der Pritsche, andere klammern sich seitlich fest. Und alle winken, als sie mich sehen.

Ich schraube mich die Serpentinen nach Kalaw hinauf, das auf 1320 Meter Höhe am Westrand der Shan-Berge liegt und einst ein englischer Luftkurort war. Ein paar Tage verbringe ich in dem bild-hübschen Ort, genieße die klare Luft und mache Wanderungen durch die weiten Kiefernwälder. Von Kalaw ist es nicht weit nach Nyaugshwe am Inle-See. Dort liegen kleine Ortschaften mitten im Wasser, und schon vierjährige Kinder paddeln fröhlich in Kanus herum. Selbst die Märkte finden schwimmend im Wasser statt.

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Foto: Schmidt

Mein nächstes Ziel heißt Hsipaw, eine Traveller-Oase im nördlichen Shan-Land. Die direkte Route dorthin wird vom Militär kontrolliert, es gibt jedoch eine Alternative nordöstlich über Pyin U Lwin. Die idyllische Strecke ist top ausgebaut und schraubt sich in weiten Kurven durch die Berge. Ich gebe Vollgas, und es geht mit 40 km/h voran.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreiche ich Pyin U Lwin. Etliche Bauten zeugen von der britischen Kolonialvergangenheit: Das Candacraig-Hotel, 1905 von der „Bombay Burmah Trading Company“ erbaut, und der kaum jüngere Purcell Tower, den einst Königin Victoria in klanglicher Erinnerung an Big Ben stiftete. Das Beste ist jedoch das „Café Golden Triangle“. Dort gibt es selbst gerösteten Hochlandkaffee aus dem Goldenen Dreieck, eine Espressomaschine und sogar Strom.

Weiter geht es anderntags durch die Berge. Nach zwei Stunden erreiche ich einen tiefen Taleinschnitt, der auf unzähligen Kehren überwunden werden muss. Anschließend lasse ich die Honda in einem kleinen Rasthof verschnaufen und beobachte die findigen Burmesen mit ihren klapprigen Lastwagen. Meist fehlen Scheiben, Kotflügel, Motorhaube, Stoßstangen, Licht. Vor dem Fahrer ragt der unverkleidete Motor auf, hinter ihm breitet sich eine Pritsche aus – und los geht’s. Nur die besseren Fahrzeuge schaffen den Weg hier hoch, und vor dem nächsten Gefälle werden große Wassertanks auf dem Führerhaus auf-gefüllt. Mit Schläuchen wird der Inhalt dann bei der Talfahrt permanent kühlend über Motor und Bremsen geleitet.

Hsipaw ist einer der letzten Außen-posten auf dem Weg nach China und eine pittoreske, harmonische Stadt. Viele er-freuliche Details bleiben in Erinnerung: Ob es das Guesthouse ist, das nach seinem Besitzer einfach „Mr. Charles“ genannt wird, oder das gute Essen bei „Mr. Food“. Vielleicht sind es auch die Bücher im Geschäft von „Mr. Book“. Nach einigen Ruhetagen sichere ich mir die Rechte an der Notstrom-Batterie des Hotels und bereite den Aufbruch vor. Mit einem selbst gebastelten Überbrückungskabel rücke ich der inzwischen starter- und chokelosen Honda zu Leibe, und bereits kurz nach Sonnenaufgang bin ich in den letzten Nebelschwaden unterwegs. Das Land erwacht gerade, der Tag ist noch jung. Zufrieden und eins mit dem Motorrad mache ich Strecke. Doch der kühle Nebel lässt mich bald frösteln, und nach einer Stunde muss ich mich in einem Restaurant aufwärmen. Als erstes bekomme ich eine wärmende Schale Glut unter den Tisch gestellt, der dampfende Grüntee erledigt dann den Rest.

Mandalay ist anders als Rangun. Schmutziger, lauter und größer, die Luft trüb vor lauter Holzfeuern. Von hier nehmen alle Touristen das Boot nach Bagan (früher Pagan). Nur ich versuche es auf der Straße und verfahre mich schon zehn Kilometer hinter Mandalay. Von da an frage ich mich durch, halte mich streng an die Landkarte. Die Hauptstraße nach Bagan, die A 18, biegt bald ab. Zur Sicherheit gefragte Rikschafahrer bestätigen: ja, ja, hier gehe es nach Bagan.

50 Kilometer später mündet die Straße in eine dürre Halbwüste. Nun ist die Landkarte samt A18 vollends Makulatur und eine weiche Sandpiste dort, wo eigentlich Asphalt liegen sollte. Die Piste gabelt sich vier Mal, der Sand wird tiefer, und ich ziehe inzwischen schon den Sonnenstand bei der Orientierung zu Rate. Noch 70 Kilometer bis zum nächsten Dorf. Was, wenn keine Tankstelle kommt? Zu riskant. Ich wende, fahre in meiner Spur zurück. Nach 20 Kilometern biege ich wieder von der Hauptstraße ab. Hier gehe es wirklich nach Bagan, wird mir immer wieder bestätigt. Sand und Schotter wechseln sich ab, die Piste ist schlecht und gottverlassen, doch der Blick über den Ayeyarwady entschädigt für alle Mühsal.

Dafür hat das Motorrad einen neuen Fehler und geht unter 4000 Umdrehungen aus. Also halte ich nicht mehr an, sondern rase über Schotter, Sand und Flusskiesel Bagan entgegen. Erschöpft erreiche ich bei Einbruch der Dunkelheit ein Hotel. Als ich wenig später hilflos mein Bike betrachte, gesellen sich zwei Burmesen hinzu. „Motor no work“, erkläre ich, und wir schauen den Motor zu dritt an. Da entdeckt einer der beiden eine kleine Schraube, die zwischen Anlasser und Zylinder liegt. Die Gemischschraube! Einfach rausvibriert. Das Problem ist gelöst. Und ich habe nun Zeit für die 900 Tempel, 524 Stupas und 415 Klosteranlagen rund um Bagan, eine der größten architektonische Meisterleistungen Südostasiens.

Über Pyay nehme ich Kurs zurück nach Rangun. Die Strecke bis Pyay sei bei Regen unbefahrbar, heißt es; aber weil ich kein Regenzeug habe, darf es ohnehin nicht regnen. Dem Flachland folgt ein Hochland mit tief eingeschnittenen Tälern, in denen mehrere ausgetrocknete Flussbetten durchquert werden müssen. Da es keine Brücken gibt, heißt es bei Regen warten. Ich raste in einem kleinen Dorf und scheine der erste Tourist zu sein, der hier anhält. Freundlich werde ich beäugt, und bald stellen Kinder die ersten Fragen. Sie lernen in der Schule Englisch und trauen sich auf den Fremden zuzugehen.

Dann fahre ich wieder, was das Zeug hält. Doch die schlechten Straßen kosten Zeit. Irgendwann ist es stockdunkel, und ich komme kaum mehr über Schritttempo hinaus, um all den Radfahrern, Lkw und Ochsenkarren auszuweichen. Es werden die längsten 30 Kilometer der Reise. Doch dann – es ist kaum zu fassen – entdecke ich 20 Meter neben meinem Hotel einen waschechten Biergarten! Mit Tischen, Bäumen und echtem Bier, wie eine Fata Morgana.

Die letzte Etappe liegt vor mir – der Weg nach Rangun. Die Straßen sind erstklassig, und in mir reift der Plan, Rangun mit dem Motorrad zu entern. Ich weiß, dass Motorradfahren dort verboten ist – aber was, wenn ich so tue, als ob ich von nichts gewusst hätte? Mein Plan ist: Nicht anhalten und fahren, bis ich eine Straße erkenne oder sie auf meinem Stadtplan finde. Also klemme ich mich hinter Lastwagen, die hier flott unterwegs sind, erspähe Polizeiposten, gehe hinter den Brummis in Deckung und schaffe es ziemlich lange, nicht an Ampeln anzuhalten, weil hier auch immer Posten stehen. Das schlimmste Verkehrsdelikt ist allerdings, eine rote Ampel zu überfahren. Und so passiert es irgendwann, dass ich anhalten muss. Ein Polizist glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Langsam kommt er zwischen den Autos auf mich zu. Ich studiere den Stadtplan, konzentriere mich auf imaginäre Punkte, tue, als wäre er gar nicht da. Es wird grün, ich gebe Gas und bin weg. Es hat geklappt! Der letzte Coup nach 2150 Kilometern und 30 Tagen in diesem unglaublichen Land.

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