MOTORRAD unterwegs: Pfälzer Wald/Nordvogesen Streifzug durchs Mittelalter

Endlose Wälder, bizarre Felsentürme, spektakuläre Burgen, kurvige Straßen und kämpfende Ritterbanden – all das und mehr kann man auf einer Tour durch den Pfälzer Wald und die nördlichen Vogesen hautnah erleben.

Foto: Eisenschink

Wieslautertal, sieben Uhr morgens. Der Frühnebel kriecht über die Wiesen, am Bachufer äsen zwei Rehe, es knackt und raschelt im Gebüsch. Zu dieser Tageszeit bereiteten die Raubritter des Mittelalters ihre Überraschungsangriffe auf die umliegenden Felsenburgen vor und schleppten ihr Kriegsgerät auf verschlungenen Pfaden durch die Wälder. Heute sind die meisten Wege asphaltiert, und ein Schild mit Burgsymbol sorgt für rasche Orientierung: "Burgengruppe Altdahn links ab”.

Ich starte meine Dominator und fahre den Wegweisern folgend durch die Ortschaft Dahn. Die auf einer gut 200 Meter langen Felsrippe zusammengedrängten Burgruinen Altdahn, Grafendahn und Tanstein zählen mit ihren Kammern, Gängen, Leitern, Treppen und wabenartigen Buntsandsteinstrukturen zu den markantesten Felsenburgen Deutschlands. Der Einzylinder bollert an Streuobstwiesen und Waldpassagen vorbei. Selbst wenn ich wollte, ein laut-loser Überraschungsangriff auf die nahe gelegene, spektakulär aufragende Burgengruppe könnte mir kaum noch gelingen.

Ein labyrinthartiger Aufstieg führt zu einem der Wehrtürme, von dem sich bei Sonnenaufgang ein herrlicher Blick auf die rot schimmernden Felsmauern der riesigen Burganlage bietet. Und auf Nebelfelder im Tal sowie eine Bergwelt, die sich in sanften, grünen Wellen bis zum Horizont erstreckt. Der Pfälzer Wald ist Deutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet. Und fast jede Kuppe des Mittelgebirges endet in bizarren Buntsandsteinfelsen, aus denen man im Mittelalter rund 500 Felsenburgen gehämmert hat. 80 davon – oder zumindest ihre Überreste – existieren heute noch. Von Kriegen und Erosion gebeutelte Zeitzeugen, die mit einem gut beschilderten Netz kleiner Kurvenstraßen verwoben sind.

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Nachdem das morgendliche Schauspiel vorbei ist, kurve ich von Dahn über die gewundene B 427 nach Busenberg, wo bereits das nächste mittelalterliche Gemäuer auf einem Hügel thront: Burg Drachenfels, im 14. Jahrhundert ein berüchtigtes Raubritternest, heute ein weiteres Paradebeispiel einer mittelalterlichen Felsenburg. Zwei Ecken weiter, bei Erlenbach, liegt Burg Berwartstein, im 15. Jahrhundert Wohnsitz des Raubritters Hans von Trott, der mit spektakulären Überfällen, Fehden und Beutezügen von sich reden machte. Heute lebt hier Familie Wadle als Besitzer der einzigen noch bewohnten Burg der Pfalz. Sie kann von der Ruhe und Beschaulichkeit der umliegenden Ruinen nur träumen. Besucherscharen erkunden die unterirdischen Geheimgänge, Felsgewölbe, Rüst- und Folterkammern, eine Horde Schulkinder marodiert mit Holzschwertern, -morgensternen und -armbrüsten über den Hof, und im Rittersaal wird "Burggeist” –Kaffee und Kuchen serviert.

Richard Löwenherz hätte gegen das quirlige Treiben auf dem Berwartstein sicher keine Einwände gehabt. Über Vorderweidenthal und Völkersweiler geht es zur hoch über Annweiler thronenden Burg Trifels, wo man den englischen König nach seinem Kreuzzug durchs Heilige Land eine Weile gefangen gehalten hat. Durch die Fenster seiner Gemächer gab es vor rund 800 Jahren wahrscheinlich nicht allzu viel zu sehen. Heute könnte er direkt auf den Löwenherz-Tunnel schauen, den man zu Ehren des prominenten Häftlings auf der Bundesstraße 10 errichtet hat.

Nach einem Streifzug durch die ehemalige Kaiser-Festung rausche ich über die B 10 nach Westen. Ein letzter monumentaler Trifels-Blick, dann zwirbelt sich die Straße durch mehrere Tunnels. Sobald die Route ins Freie tritt, trifft der Blick auf Felsgiganten in Form von Türmen, Säulen und Tischen – wären die Berge nicht in grüne Mäntel gehüllt, könnte der Eindruck entstehen, man reise durch eine Canyonlandschaft im Südwesten der USA.

Bei Münchweiler an der Rodalb schwenke ich von der mittlerweile vierspurigen B 10 ab und brause nach Merzalben, wo die Straßen noch schmal sind und der Motorradfahrer vom Mittelalter träumen kann. Die Umrisse der Burg Gräfenstein zeichnen sich auf einem Bergrücken ab. Verlockend. Doch noch verlockender sind die Motorradrouten, die über Leimen, Clausen und Rodalben nach Pirmasens führen: schmal, griffiger Belag, enge und weite Kurven, gerahmt von Wäldern, aus denen skurrile Felsgestalten lugen. Keine hektischen Überholmanöver, kein Brummi-Stress, kein Stau. Ich atme tief durch, lasse mich durch die Kurven tragen und genieße die pure Lust am Fahren.

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Hinter Pirmasens stürzt sich die Fahrbahn hinab ins Tal der Rodalb, um gleich wieder steil hinauf nach Lemberg zu klettern. Der Blick streift die Konturen einer Burgruine, dann geht es in einem ausgelassenen Schlenker ins nächste Tal und dort gleich in traumhaften Links-Rechts-Links-Kombinationen bis Salzwoog weiter. Hinter dem Ort, dessen Name noch an die Salzbeförderung im Mittelalter erinnert, gelange ich über einen kleinen Pass ins Tal der Wieslauter und biege links ab nach Hinterweidenthal.

Beim Blick auf ein Schild "Feldlager im Stil des Jahres 1475” lange ich in die Eisen. "Nicht für die Öffentlichkeit zugänglich!”, steht dort weiter zu lesen und: "Vorsicht Waffengebrauch! Für Schäden keine Haftung! Wir bitten um ihr Verständnis.” Neugierig luge ich durch das Dickicht und erspähe Männer und Frauen in historischen Kostümen. "Ritter?" frage ich einen Passanten. "Landsknechte”, belehrt er mich, sprich: zu Fuß kämpfende Söldner, die über Feuerwaffen verfügten. Aha.

Zwei Straßen weiter treffe ich schließlich richtige Ritter mit Kettenhemden, Streitäxten und Schwertern beim Lagerleben an: die Walthari-Ritter aus Hinterweidenthal. Die Älteren sitzen vor ihren originalgetreuen Zelten am Lagerfeuer, ratschen – und trinken weniger originalgetreu Cola und rauchen Gauloise. Die Jüngeren werfen Streitäxte über die Wiese. Der Koch, Wolfgang von Wasigenstein, bereitet ein schmackhaftes Rittermahl zu. Anschließend wird er – nach dreijähriger Knappenzeit – von Hauptmann Heinrich von Heibertstein zum Ritter geschlagen.

Aus den umliegenden Wäldern schallen die Kanonenböller der 1475er-Landsknechte. Die Walthari-Ritter, die die feuerwaffenfreie Zeit zwischen 900 und 1200 verkörpern, rollen genervt mit den Augen.

Ich wähle die schmale Verbindung von der B 427 nach Salzwoog und fahre von dort nach Süden in Richtung deutsch-französische Grenze. Was für ein Kurvenrausch! Schmal wickelt sich die Straße durch den Pfälzer Wald und verblüfft mit Links-Rechts-Kombinationen auf Alpenniveau. Die Sonne flimmert durch die Baumkronen, ein Bussard segelt über mich hinweg. Kilometer um Kilometer kurve ich durch die Wälder und sehe kein anderes Fahrzeug, keine Strommasten, kein Haus. Da so viel Natur heutzutage selten ist, hat die UNESCO den Naturpark Pfälzer Wald zusammen mit den Nordvogesen zum grenzüberschreitenden Biosphärenreservat erklärt – gleichrangig etwa mit dem Yellowstone-Park in den USA.

Dass es hier statt Bären und Bisons vornehmlich Eichhörnchen und Rehe zu sehen gibt – egal. Im Fischbacher Biosphärenhaus stoße ich auf Deutschlands ersten und bislang einzigen Baumwipfelpfad, der sich in 18 Meter Höhe durch das Baumkronendach windet.


Irgendwo hier muss Deutschland bald aufhören und Frankreich beginnen, aber wo? Schlagbäume sind längst abgebaut, ehemalige Zollhäuschen zu Ferienwohnungen umfunktioniert. Ringsum nichts als Wälder, Felsen, Burgen und Dörfer, die aussehen, als ob sie einem Lehrbuch für Fachwerkkunst entsprungen sind. Nach viel zu vielen hastig abgespulten Kilometern falle ich auf der Terrasse des Landgasthofs Wegelnburg in Nothweiler ein, wo man frisch gebackenen Flammkuchen aus dem Holzofen serviert. Eine typisch elsässische Spezialität, die sich über die grüne Grenze nach Deutschland gemogelt hat. Hauchdünner Teig, belegt mit knusprigen Zwiebeln und Speck, darüber herzhafter Käse mit einem Hauch Knoblauch – "savoir vivre” im Pfälzer Wald.

Zwei Ecken weiter, im französischen Wengelsbach, nennt sich der Flammkuchen "tarte flambé”. Doch für Biker mit mangelhaftem Schulfranzösisch wird gerne mal eine Ausnahme gemacht. "Ob elsässisch, französisch oder deutsch”, strahlt die Wirtin, "mir kenne alles.” Kein Wunder, durch die Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts wechselten die zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergezerrten Elsässer innerhalb von 85 Jahren viermal Sprache und Nationalität. Auf den zerklüfteten Felsenburgen ringsum ging es seinerzeit kaum friedlicher zu. Schwertergeklapper hallte über Hohenburg, Fleckenstein, Wegelnburg und Löwenstein.

Heute ist lediglich das Trällern von Amsel, Drossel, Fink und Star zu hören, als ich das Motorrad starte und über die ausgelassenen Kehren eines kleinen Passes nach Niedersteinbach fahre. Und von dort weiter über Lembach und den Col de Pigeonnier ins pittoreske Fachwerkstädtchen Wissembourg, das der Berwartsteiner Ritter Hans von Trott durch Stauen und plötzliches Fluten der Wieslauter einst überschwemmt haben soll. Ein Café au lait im Straßencafé muss sein, dann schlage ich mich mit der Dominator zurück in die Wälder.

Als ich den Col du Pfaffenschlick Richtung Lembach hinuntersause, reißt mich der unerwartete Anblick eines Panzers schier aus dem Sattel. Das auf den ersten Blick völlig deplatziert wirkende Objekt markiert den Eingang der Bunkeranlage Four à Chaux – Teil eines gigantischen unter- und überirdischen Festungsgürtels entlang der deutsch-französischen Grenze, der dem Land im Zweiten Weltkrieg die deutschen Truppen vom Hals halten sollte: die Ligne Maginot. Hinter meterdicken Betonmauern führen kilometerlange Schienenstränge kreuz und quer durch das ausgehöhlte Innere der Erde – die Festungsbauer des Mittelalters würden staunen.


Auf dem Weg nach Lembach verschwinden die sporadisch auftauchenden Bunker unter Moos und Gestrüpp, so dass schon bald das mittelalterliche Burgenbild wieder die Landschaft dominiert. Zwischenstation Lembach. Der Duft frisch gebackener Croissants treibt mich an Fachwerk-Erkern und Geranienkübeln vorbei in die nächste Boulangerie. Mit gefülltem Rucksack kurve ich anschließend über die D 3 und D 35 nach Bitche, genieße die winzigen Sträßchen nach Wingensur Moder und La Petite-Pierre.

Nach einem Schlenker über Saverne geht es nordostwärts über Ingwiller und Niederbronn-les-Bains zu dem an der deutsch-französischen Grenze gelegenen Gimbelhof, wo ich erneut die Walthari-Ritter treffe. Sie trainieren den Schaukampf mit Schwertern, ich rolle über die Grenze zurück in die smaragdgrünen Tiefen des Pfälzer Waldes. Rumbach, Niederschlettenbach, Bad Bergzabern. Am Ende stehe ich wieder vor der Burg Trifels bei Annweiler und blicke wie einst Richard Löwenherz ins Queichtal hinab. Der Mittelalter-Streifzug wird mich noch lange bewegen.

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