MOTORRAD unterwegs Nichts wie Fjord: Norwegen

Wenn alte italienische Motorräder auf Norwegens extreme Landschaften und Klimaverhältnisse treffen, liegen Glück und Horror eng beieinander. Die Geschichte eines Kräftemessens zwischen ebenso charakterstarker Technik wie Natur.

Foto: Rotard

Zündung, Startknopf – tick. Dann nichts mehr. Keine Kontrolllampe, kein Anlasser, Ende. Neben mir steht Achim, das Überleitkabel in der Hand. Stumm schauen wir uns an, während der Niesel- allmählich in Landregen übergeht. Wir tropfen mit unseren Guzzis im wohl größten norwegischen Matschloch vor uns hin, neben der Hütte, die wir für die erste Nacht gemietet hatten. Alles war schon gepackt – und jetzt das: Achims Gespann namens "Frau Lehmann", eine internationale Promenadenmischung aus italienischer Guzzi Le Mans III, russischem Dnepr-Bootsrahmen und ungarischem Duna-Boot, röchelte erst müde und dann gar nicht mehr. Und mein "Watz", eine 77er-Guzzi T3, sollte eigentlich Startstrom spenden, schießt aber gerade eine Sicherung nach der anderen durch. Klar kann man ein Gespann auch anschieben, doch garantiert nicht einen Weg hinauf, der vom Regen einer Schlammpiste gleicht.

Dabei waren wir so hochmotiviert nach Oslo gedampft, fast drei Wochen und rund 1500 Kilometer Norwegen vor uns, durch den wilden Süden und das Fjordland im Westen. Das Wetter zwar trübe, gleichwohl mit Hoffnung. Die stirbt nun bereits zwanzig Kilometer nördlich von Oslo.

Ich halte die letzte Sicherung in der Hand und äuge die steile Auffahrt hoch, als mir eine Idee kommt: Wahrscheinlich tötet ein Kurzschluss am Starterknopf die Sicherungen. Also: Schalter zerlegen, Kabel neu verschrauben, Sicherung rein, kurzes Stoßgebet, Zündung, Startknopf – barommbommbommbommbomm – Watz schüttelt sich in Gang. Achim holt schnell Starthilfe am Auto der Nachbarin, wirft hektisch das Gepäck ins Boot, während ich Frau Lehmann am Gas halte. Aus allen Rohren grölend stampfen die Guzzis Minuten später triumphierend die Auffahrt hoch, kiloweise Rasen von den Hinterrädern schleudernd. Die Gedanken der anderen Hüttenbewohner sind fast hörbar: "Mit den Böcken werden die nicht weit kommen."

Anzeige
Foto: Rotard

Mit glücklich brummelnden Guzzen machen wir uns auf die Jagd nach dem kleinen blauen Fenster am Himmel. Anmutig winden sich die Sträßchen durch eine sanfte, schwarzwaldähnliche Landschaft. Norwegen habe ich mir anders vorgestellt, wilder. Es ist wie mit einem Buch, das einem ständig von Freunden aufgedrängt wird. Riskiert man dann einen Blick, sitzen bereits Vorstellungen im Kopf fest, denen es nie mehr gerecht werden kann. Ja, Norwegen ist schön, aber überwältigend?

Nachdem Frau Lehmann eine frische Batterie im Bootsbauch hat, kommt auch die Sonne auf Trab. Und das Buch Norwegen öffnet das erste faszinierende Kapitel: mittelalterliche Stabkirchen. Bei Hegge sehen wir die erste: außen Holz, innen Holz und kaum ein Metallnagel im Gebälk. Ihre geistigen Väter verleugnen sie nicht: Im Innern wirkt es, als schaue man tief in den Kiel eines Wikingerschiffs.

Als wir aus der dunklen, nach uraltem Holz und Teer duftenden Kirche wieder ins Freie treten, enthüllen die aufsteigenden Wolken in der Ferne verheißungsvoll das nächste Ziel: die Gipfel Jotunheimens. Die Fahrt in immer höhere Lagen kühlt uns allerdings durch bis auf die Knochen. Regentropfen klatschen ans Visier, und grauer Restschnee säumt die Straße. Watz macht zunehmend asthmatischere Geräusche und ich mir Sorgen um die Vergaser, die schon lange überholt gehören. Der linke lässt sich kaum mehr einstellen. Egal, wie man die Schraube dreht, das Gemisch bleibt gleich.

Trotzdem trägt Watz Achim und mich tapfer am nächsten Tag zum Gjendesee. Die Leute schauen komisch, als wir dort alles Motorradige in die großen Alu-Koffer stopfen und plötzlich wie Wanderer aussehen. Per Boot setzen wir über den See und stapfen bei bestem Niesel und eiskalt pfeifendem Wind über den Bessegen-Grat zurück. Hoch oben auf diesem schmalen Grat zwischen zwei Gebirgsseen öffnet sich die Wolkendecke für einen erhabenen Moment und gibt den Blick auf ein breites Flussdelta unter uns frei, dessen Arme sich als Wasserfälle in den türkis aufleuchtenden Gjende-see ergießen. Norwegen hat ein weiteres Kapitel aufgeschlagen – das der großartigen, wilden Panoramen. Die Berge Jotunheimens, die höchsten Skandinaviens, atmen Größe und Frieden. Abends köpfen wir eine unserer raren Rotweinflaschen.

Ein Rest bleibt übrig, den wir 300 Kilometer weiter nördlich genießen, jenseits des sattgrünen und von Wasserfällen durchzogenen Romsdalen. Die Fahrt zog sich, denn wer mit mehr als 80 km/h auf der Uhr erwischt wird, muss die Urlaubskasse knacken! Wenigstens versteht sich Frau Lehmann prächtig mit der neuen Batterie, nur Watz hat immer noch leichten Husten und einen instabilen Leerlauf. Anderntags planen wir einen Blick in ein weiteres Kapitel im Buch Norwegen, von dem Achim schon seit Jahren schwärmt: der Trollstigen, eine Passstraße der Extraklasse.

Anzeige
Foto: Rotard

Warme Morgensonne löst die letzten feinen Wolken auf, enthüllt rund 1700 Meter hohe Gipfel, die noch Spuren von Schnee über grünen Hängen tragen. Begeistert gehen wir die engen Serpentinen des Trollstigen an, genießen den Widerhall der Guzzen am grauen Fels und die Wärme im Gesicht. Beschwingt zirkle ich höher und höher. Höre hinter mir Frau Lehmann, die durch das sonnengebadete Tal heranbrüllt, als gelte es den Fels zu sprengen. Stolz lüpft sie in der letzten Kurve das Bootsrad. Endlich die richtige Temperatur für den offenen Helm. Gerüche finden direkt in die Nase, und die Gischt des Wasserfalls neben der Strecke sprüht auf meine Wangen – endlich Sommer.

Gierig schlage ich die nächste Seite im Buch Norwegen auf: Fjorde. Sie werden meine große Liebe und überzeugen mich schließlich von dem gesamten Buch. Blaue Zungen zwischen mal steilen, mal weiten Felsflanken, immer den salzigen Meeresgeruch mit sich tragend und an ihren Seiten Sträßchen zum Träumen. Hinter jeder Ecke neue Perspektiven, neue Berge, neue Nuancen von Blau.

Auf dem Weg zum Geirangerfjord zeigt sich Watz mal wieder launisch: Die Ladekontrolle leuchtet auf und signalisiert Notstrom-Betrieb. Im Hafen von Eidsdal schraube ich den Lima-Deckel ab und leihe von einem BMW-Fahrer eine Schraube zum Rotorabdrücken. Die haben wir vergessen, aber Ersatzrotor und -stator sind dabei. Wobei Watz sich fürs Erste mit nachgestellten Kohle-Spannfedern begnügt, um wieder Saft zu produzieren.

Anschließend geht‘s in prächtigen Serpentinen zum tiefblauen Geirangerfjord hinab und dann per Fähre an den senkrechten Felswänden und Wasserfällen des vielleicht schönsten Fjords Norwegens entlang. Im Hafen von Hellesylt ist von blauem Himmel nichts mehr zu sehen. Wir suchen ein kleines Sträßchen weiter im Süden durch das hoch gelegene Vindedalen. Feiner Schotter macht zusammen mit einsetzendem Regen die Fahrt zur Tortur. Trotz Juli ist es schneidend kalt, Schnee flankiert die Straße. Spaß ist anders. Schnell noch die Stabkirche in Lom angeschaut, dann kommt Teil zwei der alpinen Partie: Die Reichsstraße 55 leitet uns über einen 1434 Meter hohen Pass. Das klingt nicht beeindruckend, aufgrund Norwegens polarer Ausrichtung entspricht das jedoch einem Alpenpass von rund 2500 Meter Höhe. Sowohl was die Vegetation als auch was das Wetter betrifft. Wieder peitscht Schneeregen in die offenen Helme, wieder nur ein paar Meter Sicht. Vorsichtig lavieren wir durch die Serpentinen auf die Hoch-ebene, das Fjell.

Es ist ein Stück Glück, wenn der Schneeregen im Gesicht bei der Abfahrt langsam einem lauwarmen Schauer weicht. Erleichtert schlängeln wir uns im Tal Richtung Lustrafjord. An der ersten Stelle, die es erlaubt, frostbeulenfrei Kaffee zu kochen, packen wir die Töpfe aus und wärmen uns an den dampfenden Bechern. Danach sagt Watz nichts mehr. Er fängt sich zwar beim Anrollen, doch wenn ich die Ladekontrollleuchte mit der Hand abschalte, ahne ich ein verräterisches Glimmen. Lima und Batterie sprechen wieder nicht miteinander.

Bis kurz vor Gaupne schleppt sich Watz noch, dann ist die Batterie leer. Achim räumt Frau Lehmanns Akku frei, leitet über. Am Zeltplatz ist die Ursache bald gefunden: Der feine Fjellschlamm hat sich durch die Lima-Lüftung gearbeitet und alles zugesetzt. Jetzt kommt die Stunde der mitgebrachten Ersatzeile, denn nun sind auch die Kohlen dermaßen heruntergerieben, dass wir den Ersatzstator verbauen.

Während Watz’ Batterie am Ladegerät des Zeltplatzwartes wieder Kräfte saugt, machen Frau Lehmann, Achim und ich eine Landpartie zu dritt. Wir besuchen die gewaltige Eiszunge des Nigardsbreen, einem Seitenarm des Jostedalsbreen, des größten Gletschers des europäischen Festlands. Danach rauschen wir um den Lustrafjord, um in Urnes, genau gegenüber vom Campingplatz, die älteste Stabkirche Norwegens zu besichtigen.

Das Kapitel Fjord schließt sich nicht so schnell. Ohne große Schraubereien – also nur ein, zwei Mal Vergaser einstellen und bei Watz eine verlorene Motor- und Sturzbügelhalterung ersetzen – reisen wir weiter, begleiten den Sognefjord, der sich sensationelle 204 Kilometer ins Land eingegraben hat, überqueren seine südlichen Nachbarn per Fähre, genießen einen unbeschwerten Tag in der heimeligen, allerdings regenschwangeren Hafenstadt Bergen und münden schließlich am Lysefjord. Dort startet Achim die größte Lehmann-Beschraubung der Tour: Der Hinterreifen ist fällig. Aber Achim hat vorgesorgt und zur Belustigung vieler Einheimischer und Touristen einen Ersatzreifen über der Bootsschnauze mit sich geführt. Während ich die letzte Flasche Rotwein entkorke, baut Achim das Rad aus. Und siehe da, ein Dauercamper rückt sogar mit einem Mini-Kompressor für die anschließende Luftfüllung an.

Frau Lehmann testet ihr neues Profil gleich am nächsten Tag bei der Fahrt zum Prekestolen. Am Parkplatz ist für sie indes Schluss, denn auf den gewaltigen Felsklotz, der nicht umsonst "Predigtstuhl" heißt, kann man nur wandern. Wie eine Kanzel ragt er weit über den Lysefjord hinaus, und leicht schwindelig starren wir die 600 Meter senkrecht abfallende Wand zum Wasser hinab. Mit diesem Blick klappen wir wehmütig das Kapitel Fjorde zu.

Quer durchs Land rollen wir zurück zum Fährhafen Oslo, streifen dabei noch einige Fjelle. Manche strotzen vor Grün, andere gleichen einer Mondlandschaft, dritte schimmern bunt von den zahllosen Flechten, die auf den Steinen wachsen. Wild und bizarr schreiben sie das vorerst letzte Kapitel des so fesselnd gewordenen Buchs. Von dem ich inständig hoffe, dass irgendjemand für mich eine Fortsetzung parat hält.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote