Motorradfahren und Bergsteigen im Wallis (2)

Foto: Deleker
Na gut, dann suche ich mir eben einen anderen Abstecher und schwinge zum türkisgrünen Lac Moiry. Auf 2300 Metern verhindert das raue Klima jegliches Idyll, lässt nur noch hartes, graugrünes Gras zwischen den Felsen gedeihen, garniert mit ein paar Büschen und Weidenröschen. Einige hundert Meter höher wächst fast gar nichts mehr, es beginnt das kalte Reich von Eis, Schnee und Felsen. Die 4000er sind eigentlich zum Greifen nah – und trotzdem nicht zu sehen, weil sie von langweiligen 3000ern verdeckt werden. Was fehlt, ist eine Panorama-Passstraße hinüber ins nächste Tal. Für solch kühne Projekte sind die Berge jedoch zu steil und zu hoch. Bleibt nur der Rückweg ins Rhônetal, um ein paar Kilometer weiter die nächste Sackgasse in die Berge unter die Räder zu nehmen.

Nun peile ich das Mattertal an, das touristische Epizentrum des Wallis. Es endet in Zermatt direkt vor dem Matterhorn. Und das wollen offenbar alle sehen. Stoßstange an Stoßstange wälzen sich Autos und Busse bergwärts. In Täsch, sechs Kilometer vor Zermatt, versperrt eine Schranke die Weiterfahrt. Der reichste Ort der Schweiz ist autofreie Zone. Von Täsch aus ist das Horn der Begierde aber nicht zu sehen. Stattdessen Parkplätze so groß wie am Münchner Olympiastadion und Parkhäuser wie in Downtown Köln. Wer nach Zermatt will, muss den Zug nehmen. Ich schlage dagegen lieber mein Lager auf dem örtlichen Campingplatz auf und suche auf einer topographischen Karte nach einer Alternative, um so nah wie möglich ans Horn zu kommen. Und werde fündig: Eine winzige Bergstraße klettert hinauf zur Täschalp. Sie sollte so hoch führen, dass der Blick aufs Matterhorn frei ist.

5.50 Uhr, 30 Minuten vor Sonnenaufgang. Ich kratze eine Eisschicht von der Sitzbank, starte die Honda und nehme die Alp ins Visier. Der kaum handtuchbreite Weg taucht in einen alten Kiefernwald ein und klettert konstant bergan. Bald ist die 2000-Meter-Marke geknackt. Dann eine Lichtung, die Straße kurvt um einen felsigen Vorsprung, und zack – völlig unvermittelt ragt das Matterhorn vor mir auf. Riesig, wunderschön, einzigartig. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen den Gipfel in zartes Rosa, wenig später glüht die komplette Felspyramide in einem kräftigen Orange. Ein Schauspiel, das kaum zu überbieten ist.

Erst in Saas-Grund, das bereits im Nachbartal liegt, gönne ich mir ein längere Frühstückspause. Zwischen zwei Bissen erweckt ein riesiges Poster in einem Schaufenster eines Sportgeschäfts meine Aufmerksamkeit. Es zeigt einen vereisten Berggrat, und darüber ist zu lesen: „Mein erster 4000er“. Das Bild lässt mich nicht los. Nach dem dritten Kaffee bin ich reif, gehe hinüber in das Sportgeschäft, frage und frage und habe gut eine halbe Stunde später den Kurs „4000er im Wallis“ gebucht. Tollkühn oder abgedreht? Ich weiß es selber nicht. Motorrad fahren ist eine Sache. Hochgenial, keine Frage. Dennoch bleiben die Berge irgendwie unantastbar. Was mir im Moment offenbar nicht mehr ausreicht. Ich will mehr, will die Erschöpfung, die Gefahren, die Aussicht und das Glücksgefühl auf einem 4000er hautnah spüren. Jetzt oder nie.
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Foto: Deleker
Am nächsten Abend trifft sich unsere kleine Gruppe. Birgit aus Köln, Marco aus Zürich, Gideon aus Amsterdam sowie Bergführer Schorsch, der einen wahren Wust an Ausrüstung angeschleppt hat: Seile, Gurte, Karabiner, Steigeisen und Eispickel. Sieht für Laien vielmehr nach einer Mount-Everest-Expedition denn nach Schweizer Bergwelt aus. Doch egal, ob knapp 9000 oder nur 4000 Meter, bevor es losgeht, müssen angehende Bergsteiger lernen, einen Klettergurt an-zulegen, die Steigeisen unfallfrei an die Bergstiefel zu binden und merkwürdige Knoten kunstvoll ins Seil zu flechten. Schon mal was vom Sackstich, den Halbmastwurf oder den gesteckten Prusik gehört? Na bitte. Immerhin hat die Hotelbar bis spät in die Nacht geöffnet. Ein ziemlich guter Ort, um der Übung halber an dem Tau herumzufrickeln.

Tag zwei. Mit angeschnallten Steigeisen geht es auf den Triftgletscher. Es dauert, bis ich der Gehhilfe vertraue und einigermaßen vorankomme, ohne mir ständig die scharfen Zacken in die Waden zu bohren. Schon erstaunlich, was für steile Eisflanken sich so bezwingen lassen. Abends in der Berghütte heißt es wieder: Knoten üben bis zum Abwinken.

Die Nacht ist kurz. Um vier Uhr scheucht uns Schorsch aus den Betten, eine Stunde später stehen wir am Gletscher, legen die Steigeisen an, sichern uns mit dem Seil und stapfen los. Fast 1000 Meter über uns leuchtet der Gipfel des Weissmies. Schorsch geht voran, bestimmt den Rhythmus. Vorsicht ist bei den Gletscherspalten angesagt. Die können Dutzende von Metern tief sein. Jeder Sprung über eine Spalte sorgt für maximale Adrenalinproduktion.

Plötzlich sacke ich weg, stecke bis zum Rucksack im Schnee. Die Beine baumeln frei in der Luft. Eine unsichtbare, mit Schnee bedeckte Gletscherspalte. Gut, dass der Rucksack meinen Fall aufgehalten hat und die anderen das Seil straff halten. Vorsichtig ziehe ich mich hoch auf festen Schnee. Weiter. Wir stapfen durch einen bizarren Gletscherbruch. Als ob Riesen mit Lkw-großen Eisblöcken gespielt hätten. Eine fremde und atemberaubende Welt. Letzteres auch im wörtlichen Sinn. Die Luft wird immer dünner, die Spur steiler. Trotzdem wir kommen gut voran, überholen sogar eine andere Seilschaft. Das motiviert.

Als uns eiskalter Wind Schneekristalle schmerzhaft ins Gesicht bläst, liegt er schließlich vor uns – der spektakuläre Grat, der zum Gipfel führt. Haargenau wie auf dem Poster. Nach Osten stürzt sich eine fast senkrechte Eiswand in die Tiefe. An deren Kante balanciert die Spur die letzten 200 Höhenmeter bis zum Gipfel. Die Steigeisen knirschen im eisharten Firn. Schritt für Schritt schleichen wir voran. Endlich blendet uns die Sonne, und die Steigung hört einfach auf. Der Weissmies-Gipfel, 4023 Meter hoch! Stolz, Erschöpfung und Euphorie bilden einen berauschenden Mix von Gefühlen. Wir schütteln uns die Hände, packen die Thermosflaschen aus und staunen über die überwältigende Landschaft. Im Norden ragen die 4000er des Berner Oberlands auf, im Westen die Bergpromis des Wallis, Dom, Täschhorn und die riesige Monte Rosa. Wir entdecken auch unsere nächsten Ziele, das Allalinhorn und den Alphubel. Aber jetzt geht es erst mal runter ins Tal, duschen, gut essen und ausruhen. Die Beine sind schwer wie Blei. Das fühlt sich verdammt nach Muskelkater an.

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