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Die Kehren der Ruta de la ­Muerte Richtung Coroico kitzeln auch ohne Gegenverkehr an den Nerven.

Motorradreise Altiplano Chile und Bolivien Endstation Bolivien

Die Wahrheit ist, dass die meisten Motorradreisen durch Südamerika unvergessliche, oft abenteuerliche Traumtrips sind. Die Wahrheit ist aber auch, dass nicht alle glücklich enden. Der Plan war eine geniale Runde durch Chile, Bolivien, Argentinien und zurück nach Chile. Auf dem bolivianischen Altiplano wurde dieser Plan mit einem Knall hinfällig. Wer wissen will, was davor und danach passierte, sollte diese Geschichte lesen.

Herzrasen, Kopfschmerzen, Atemnot. Kann vorkommen, wenn man die staubige Hafenstadt Arica mit ihren Surfern und bunten Kneipen zu schnell verlässt. Wenn man sich und sein Motorrad innerhalb weniger Stunden auf den chilenischen Altiplano katapultiert. Die Hochebene liegt mehr als 3300 Meter über dem Meer. Das spürt nicht nur der menschliche Körper, sondern auch der F 800 GS-Zweizylinder. Manche Fahrer bewegen heimlich Kokablätter im Mund. Flo­rian, der Guide, lässt die Gruppe am langen Zügel. So hat jeder Endurist das Gefühl, fast allein auf der endlosen Piste zu sein. Allein auf dem Mond, so kommt es Claudia vor. Sie sitzt hinter Markus, beide genießen die erste lange Piste. Endlich raus aus dem Alltag, endlich wieder was zu tun für das Offroad-Fahrwerk, endlich ordentlich Staub in den Spiegeln.

Plötzlich ein Ensemble von Hütten am linken Fahrbahnrand. Davor parken bereits hinreichend bekannte Motorräder. Auch er stellt den Zweizylinder ab. Seit Ewigkeiten unterhält Alexis dieses sonderbare Roadhouse. Ein Mann, der aussieht wie Jesus. Und der sich mit seiner weißen Mähne inmitten seiner Sammlung aus Wurzeln, Steinen und Stofftieren in Position bringt. Der Meister ­redet nicht, sondern predigt – und zwar ­ohne Unterlass. Während seine attraktive Frau entschuldigend lächelt und Getränke reicht. Was aussieht wie Tee, ist wohl eher eine Art Zaubertrank. Soll gegen Müdigkeit und Höhenkrankheit helfen. Das glaubt er gern bei dem ganzen Zeug, das in seiner Blechtasse herumschwimmt… Alexis schwa­­droniert: „Ich bin direkt aus dem Urknall entstanden. Seitdem bevölkere ich den Planeten Erde in wechselnden Gestalten.“ Großes Kino. Fast schade, dass das Wummern der aufbrechenden Zweizylinder-Horde den Esoteriker irgendwann übertönt.

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Wer hier nicht erschaudert, hat kein Herz

Doch was jetzt kommt, ist pures Motorradfahrer-Glück. Fahren wie im Weltraum, völlig entrückt von allem, was man kennt. Nur das Pulsieren des Twins, der trotz der Höhe noch leidlich am Gas hängt. Die Weite ist unbeschreiblich, er weiß nicht, welchen Planeten sie gerade befahren, nach Erde sieht das hier auf jeden Fall nicht mehr aus. In der Ferne leuchten spitzkegelige, schneegepuderte Vulkane, ein paar Lamas nehmen Reißaus. Seen spiegeln die Endlosigkeit des Himmels. Wer hier nicht erschaudert, hat kein Herz.

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Foto: Biebricher, Werel
Weitblick am Lago Chungara auf dem chilenischen Altiplano. Über die Berge im Hintergrund verläuft die Grenze zu Bolivien.
Weitblick am Lago Chungara auf dem chilenischen Altiplano. Über die Berge im Hintergrund verläuft die Grenze zu Bolivien.

Viele Kilometer vor der bolivianischen Grenze riecht die Luft nach Dieselkraftstoff. Sie fahren an einem Lkw-Stau biblischen Ausmaßes vorbei. Ein Truck ist umgekippt, der Mais liegt tonnenweise auf der Straße. Die Grenzstation gleicht einem riesigen Schrottplatz. Etliche Trucker nutzen die Wartezeit für eine Generalüberholung ihrer asthmatischen Diesel, nehmen die Maschinen völlig auseinander. Ein Ölwechsel samt Altölentsorgung im Boden ist das Mindeste. Hunderte andere lassen ihre Rußschleudern laufen und sorgen für einen beißenden Smog aus Abgasen. Der gepeinigte Grenzboden muss nicht nur Altöl ­aushalten, sondern auch Claudias Mageninhalt. Mehrfach. Doch sie ist tapfer, denn zuerst müssen die Menschen aus Chile auschecken, dann die Motorräder. Anschließend werden erst die Zweiräder, dann die Zweibeiner nach Bolivien eingeführt. Das alles bedeutet Laufen. Von Gebäude zu Gebäude. Papiere ergattern, Formulare aus­füllen, Stempel erkämpfen, Beamte beschwatzen, Brechreiz unterdrücken.

Gut, dass Florian die Prozedur schon kennt. So kann die Gruppe bereits nach fünf Stunden weiter. Einfühlsam macht der Guide die Motorradfahrer nun mit den bolivianischen Tanksitten bekannt. Der Tankvorgang, bei dem ihn der Tankwart fragt, ob er nicht Diesel wolle, ist nicht das Problem, sondern die nachfolgende Bürokratie. Als Nicht-Bolivianer benötigt man den Pass und die Fahrzeugpapiere. Aus diesen werden dann wichtige Daten wie Geburts­datum, Wohnort, Motornummer und Kennzeichen in Formulare übertragen. Nach der Anfertigung von drei Durchschlägen, die ­alle gestempelt werden, und der Bezahlung des dreifachen Preises (Bolivianer zahlen umgerechnet 40 Cent für den Liter), darf man endlich weiterfahren. Fragen nach dem Warum werden mit einem gequälten Schulterzucken im Keim erstickt.

Lebensmüdigkeit der Fahrer von Bussen und Lkws

Die Landschaft des nun bolivianischen Altiplanos entschädigt für alle Strapazen. Auch der Aufenthalt in Putre, einem kleinen Ort, samt landestypischem Restaurantbesuch. Die Luft ist eiskalt, der Sternenhimmel so klar und nah, als bewege man sich mitten durch die Galaxien. Er hat das Gefühl, ganz nah an einer Art Heimat zu sein. Und er genießt, dass Claudia hinter ihm sitzt und all das auch sieht. Sie wissen nicht, durch welches Jahrhundert sie sich bewegen, wenn sie durch die kleinen Bauerndörfer fahren, wenn sie die Indígenas in ihrer farbenfrohen Tracht auf den kargen Feldern sehen, die dem großen Motorrad schüchtern winken und dem Boden mit unbeugsamem Willen immer wieder etwas abringen. Weder im Internet noch auf irgendeiner Karte dieser Welt ist das Kaff verzeichnet, dessen Name sich wie die Löcher in der Straße unvergesslich unter seine Schädeldecke hämmert: Popo Silla Kelhuri. Wie es sich wohl anfühlt, dort zu leben?

Zumindest die Straße beantwortet solche Fragen mit Spurrillen von mehr als 30 Zentimetern Tiefe. Er muss sich konzentrieren, der Verkehr nimmt drastisch zu. Genau wie die Lebensmüdigkeit der Fahrer von Bussen und Lkws, die sich in einem riesi­gen, rußenden Blechlindwurm in Richtung der Vororte von La Paz quälen. „Der Herr ist mein Hirte“, „Gott ist meine Heimat“ und andere Frömmigkeiten zieren die Fenster so mancher Kamikazes, doch der Herr scheint heute nicht sonderlich gut aufzupassen. Das obliegt den Enduro-Piloten. Die schnell reagieren müssen und froh sind, dass ihre Fahrwerke fiese Schlaglöcher schlucken und die Bremsen Überlebensraum schaffen. Die Fahrt geht durch El Alto, die von Millionen bevölkerte Nachbarstadt von La Paz, die auf über 4000 Metern liegt. Staub und architektonische Preziosen, die eine würdige Kulisse für jeden Endzeit-Film abgeben würden. Ein slumartiger Moloch, ein Schmelz­tiegel aus Menschen aller Ethnien und Schichten. Hier wird die Justiz oft noch in die eigenen Hände genommen, Polizis­ten sind machtlos oder geschmiert. Bei al­lem Elend sieht man auch die Prachtvillen jener, die es geschafft haben, aber aus Heimatverbundenheit nicht nach La Paz ziehen wollen. Florian navigiert durch die ungeteerten Calles, biegt gefühlt hundertmal ab, doch das Ziel hat es in sich.

Unfassbar steil geht es hinauf

Die Motorräder parken an einer Abbruchkante aus Fels. Von hier bietet sich ein Anblick, der sich in die Netzhaut brennt. Der Regierungssitz von Evo Morales, La Paz: ein riesiges Tal, in das ein Gott Millionen von Häusern hineingeworfen hat. Grell leuchten Fassaden im Licht der untergehenden Sonne. Unfassbar steil geht es hinauf, Häuser und Hütten krallen sich an die fast senkrechten Hänge. Am Horizont grüßen schneebedeckt der 6462 Meter hohe Illimani und andere Gipfel des mächtigen Anden-Hauptkammes.

Wie in jeder südamerikanischen Großstadt erfordert Fahren in La Paz eine trainierte Kupplungshand und Intuition, die an Vorsehung grenzt. Viele Straßen sind steil, eng und kurvig, die Atmosphäre einzigartig. Aus den Augenwinkeln nimmt man das dichte Treiben auf Plätzen und Märkten wahr, die bunten Trachten der Indiofrauen, die pittoresken Läden, das wild schlagende Herz der Metropole.

Ein Herz, groß genug, auch noch die paar Enduro-Piloten aufzunehmen, die sich staunend im Hexenmarkt verirren, wo man Lama-Embryos und andere Skurrilitäten billig erstehen kann und sich schaudernd fragt, was als Nächstes kommt.

Die Antwort lautet: die Ruta de la Muerte, die Straße des Todes. Eine Piste, die man erreicht, wenn man von La Paz aus den 4700 Meter hohen La Cumbre-Pass über die Cordillera Real überquert hat und sich an den Abstieg in die von Urwald bedeckten Yungas macht. Auch wenn die Pis­te technisch nicht sonderlich schwierig ist, muss man aufpassen, nicht zu dicht an den Rand zu kommen. Hunderte von Toten hat die legendäre Trasse gefordert, viele Kreuze säumen die Kante, allzu eng schmiegt sie sich an die fast senkrechten Dschungelhänge. Nach einer Nacht in Coroico möchte Florian die Gruppe über die neu gebaute Umgehungsstraße zurück nach La Paz führen. Doch die Natur macht ihm einen Strich durch die Rechnung und lässt koffergroße Felsbrocken von den Hängen rollen. Die Straße wird gesperrt, die Gruppe muss sich über die Ruta de la Muerte zurückkämpfen, auf der heute viele Busse ächzen.

Kein internationaler Rechnungsblock, kein Benzin

Kämpfen muss auch das Federbein der F 800 GS. Es verliert gegen die Steinpiste und stellt ölend den Dienst ein. Viktor, der Fahrer des Begleit-Pickups, hat noch ein 650er-Bein, das leider nicht den Federweg und die Reserven des 800er-Beins bietet. Claudia und er tasten sich die Todesstraße hoch. Wenn ein Bus entgegenkommt, muss sie absteigen. Er schrappt mit dem Lenker am Bus entlang, der Platz geht aus, das Hinterrad gerät über die Kante, und nur ein herzhafter Gasstoß rettet ihn vor dem Absturz. Eine erste Warnung?

Claudia und er hatten einen Traum: ­einmal im Leben den Salar de Uyuni sehen, vielleicht sogar mit dem Motorrad befahren. Am nächsten Tag sollte dieser Traum Wirklichkeit werden. Am Ende einer 550-Kilometer-Etappe von La Paz. Halbzeit in Oruro. Hier stehen überall riesige Blechskulpturen, das beliebte Paceña-Bier wird in der Stadt gebraut, und die Menschen feiern ausgelassen eine Art Karneval. Hinter dem Ort beginnt die pure Endlosigkeit, und ab Challapata fressen sich die Grobstoller über eine Piste. Kiloweise Staub dringt in die Lungen der Fahrer, Wind fegt über grenzenlose Weiten, Salzseen zaubern Scheinbilder an den Horizont. Immer wieder drohen Hunde in die Motorräder zu laufen. In Huari gibt es endlich eine Tankstelle. Aber kein Benzin für die Motorradgruppe. War­um? Weil der Tankwart keinen internationalen Rechnungsblock hat. Selbst der Bürgermeister kann hier nicht weiterhelfen.

Die Piste wird fieser. Wellblech. Dann und wann fordern Sandsektionen und Furten Fahrer und Maschinen. Die Sonne steht schon tief, und er weiß, dass sie noch 180 Kilometer Piste bis Uyuni vor sich haben. Am besten lässt sich das Wellblech mit etwa 100 km/h ertragen. Dann haben die Federelemente keine Zeit, tief in die Täler einzutauchen, die GS fliegt leicht schlingernd über die Piste. In schwierigen Sektionen stehen beide in den Rasten. Claudia fragt ihn von hinten, ob sie in den Begleit-Truck wechseln soll, der weit hinter ihnen seine Staubfahne zieht. Er fragt zurück, ob sie das wolle. Nein.

Der Aufprall fühlt sich an wie gegen ein Auto

Das Lama gehört zu den Großen seiner Gattung. Es wiegt etwa 200 Kilo und reicht mit dem Kopf locker über den Lenker einer Enduro. Niemand weiß, woher es kommt, warum es alleine ist. Was mit seinem Fluchtinstinkt nicht stimmt, als es aus dem Nichts seitlich in vollem Galopp auftaucht und einen tödlichen 90-Grad-Haken direkt in die Spur der heranrasenden Enduro schlägt. Ein irrer Knall. Der Aufprall fühlt sich an wie ­gegen ein Auto. Die GS überschlägt sich mehrfach. Bis er endlich auf die Piste kracht und mit scheppernden Gliedern Geschwindigkeit abbaut, kommt es ihm vor wie eine Ewigkeit.

Der Staub legt sich. Er kriecht zu Claudia. Sie regt sich nicht, das Visier ist von ­innen rot. Florian ist da. Die nächsten Stunden sind eine einzige Folter, denn der Trans­port über diese Piste ist auch in einem Geländewagen kein Spaß. Erst recht, wenn man verletzt ist und jedes verdammte Loch höllische Schmerzen bedeutet. Im Krankenhaus von Uyuni ergibt eine Punktierung, dass Claudia vier Liter Blut im Bauchraum hat. Wo zum Teufel ist eine besser ausgestattete Klinik? Potosi ist erreichbar. Ein Transport wird organisiert, Bezahlung im Voraus in bar. Florian fährt mit. Drei Stunden später wird Claudia notoperiert, die Ärzte benötigen dringend Blut, doch Claudias Blutgruppe ist nicht vorrätig. Florian und er könnten sich gegenseitig spenden, doch für Claudia passt beider Blut nicht.

Auf Jagd nach Blut und Medikamenten

Claudias Leber ist siebenfach gerissen, Galle und Lunge sind schwer verletzt, doch das ist erst der Anfang. Wahrscheinlich wurde sie vom Motorrad getroffen. In den folgenden Tagen gehen Florian und er auf die Jagd nach Blut und Medikamenten. Beides müssen in Potosi die Angehörigen besorgen. Die Ärzte sprechen von Lebensgefahr, können die Blutung nicht stoppen. Das ganze Ausmaß der Verletzungen wird noch nicht erkannt, die Patientin droht zu verbluten.

Er verbringt die Nächte ver­zweifelt und im Tränenschleier. Tagsüber ­arbeiten Florian und er Listen mit Medikamenten ab, die ihnen vom Krankenhaus übergeben werden. Sie pilgern durch Apotheken, müssen Behandlungen und Blutspenden dauernd bezahlen, Kartenzahlung gibt es nicht. Er verliert seinen Reisepass, ein Albtraum. Wenn er die im Koma liegende Claudia auf der ­Intensivstation besucht, bricht es ihm das Herz. Ana Sanchez, eine Freundin von Flo­rian aus Potosi, hilft mit ihrem eigenen Blut und Kontakten zu Radio und Fernsehen bei der Suche nach Blutspendern. Der ADAC kann nicht helfen, die Kommunikation mit den lokalen Ärzten ist zu schlecht, die In­frastruktur vor Ort defi­zitär. Außerdem gilt Claudia als nicht transportfähig. Vor jeder Behandlung muss er unterschreiben, dass seine Sozia sterben könnte. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden.

Die Piper knallt von einem Luftloch ins nächste

Florian zerreißt sich zwischen seinen Pflichten als Tourguide und seinem Wunsch zu helfen. Er wächst über sich selbst hinaus. Nach drei Tagen soll die finale Operation ­erfolgen, ohne ausreichend Blut. Nein, die Ärzte sind nicht hartherzig, aber fatalistisch. Sie können es sich nicht leisten, dass ein Menschenleben so viel gilt wie in Europa.

Claudia muss da raus. Mit viel Hickhack organisiert er ein Flugzeug, die deutsche Botschaft hilft mit Kontakten zu Ärzten in La Paz. Florian und Ana stehen ihm bei, bis die Ambulanz an die zweimotorige Piper Seneca heranholpert. Die Maschine kommt kaum von der einsamen Piste, in 4200 Metern lässt die Leistung der Turbomotoren nach. Das rechte Triebwerk war schon schlecht angesprungen, es läuft nicht richtig, die Maschine giert um die Hochachse. Zwei Mediziner beugen sich über Claudia, die Sauerstoffversorgung der Intensiveinheit fällt aus. Sie müssen jetzt von Hand pumpen. Die Piper knallt von einem Luftloch ins nächste und quält sich 1000 Meter über dem Boden durch die Andentäler.

"Wann werden wir wieder Motorrad fahren?"

Der rechte Motor zieht eine Rußfahne hinter sich her, es ist eiskalt. Die Hecktür steht ­einen Spalt auf, weil die medizinische Ausrüstung Platz braucht. Im Cockpit blinkt eine Anzeige grellrot: „Low Fuel“. Noch 20 Minuten bis La Paz. Er entleert seinen Magen in die Provianttüte von Ana.

Mit zu viel Speed und einer Spritreserve für zwei Meilen klatscht die Piper auf die Pis­te des internationalen Flughafens von La Paz. Die Verkleidung des rechten Motors ist ölverschmiert. Auf der Runway steht ein Engel in wehendem weißem Kittel: Doktor Fernando Arispe. 66 Jahre alt, Mediziner aus Leidenschaft. Für die deutsche Botschaft der beste Arzt Boliviens, für ihn der beste der Welt. Wie Fernando Claudia rettet, ist eine andere Geschichte. Als sie aus dem Koma erwacht, flüstert sie in das Ohr ihres ­aufgelösten Chauffeurs: „Wann werden wir wieder Motorrad fahren?“

Internationale Hilfe

Ohne die Unterstützung wohlwollender Menschen wäre Claudias Rettung nicht möglich gewesen. Wir danken von Herzen: Fernando Arispe Coco (Chefarzt Hospital Arco Iris, La Paz), Belegschaft Arco Iris, Andrea Assmann (Botschaft), Florian Schmidbauer (Tourguide Edelweiss), Ana Sanchez Villapadierna (Potosi), Jörg Lohse (MOTORRAD, Hauptkoordinator), Andreas Falkenburg (ADAC), Michael Pfeiffer (Chefredakteur), Daniel Lengwenus (Chefguide action team). Unser Dank gilt der Kollegenschaft von MOTORRAD, der Motor Presse und allen, die an uns dachten.

Foto: Biebricher, Werel
Reisedauer: tatsächlich vier Tage, geplant 14 Tage.
Gefahrene Strecke:tatsächlich 1200 Kilometer, geplant 3500 Kilometer.
Reisedauer: tatsächlich vier Tage, geplant 14 Tage. Gefahrene Strecke:tatsächlich 1200 Kilometer, geplant 3500 Kilometer.

Infos und Tourenplaner

Spektakulärer als auf dieser Tour kann man kaum mit dem Motorrad unterwegs sein. Ohne Individualreisen ihren Reiz abzusprechen, wollen wir in diesem Fall ganz klar für eine organisierte Tour plädieren.

Allgemeines

Der Großteil der Tour verläuft durch Bolivien. Das Land blickt auf eine wechselvolle, blutige Geschichte zurück, der Weg zur Demokratie war schwer. Bolivien verlor große Landesteile an Paraguay und Chile, auch seinen Zugang zum Meer. In der Hoffnung, bald einen Korridor zum Pazifik zurückzuerlangen, un­terhält Bolivien eine Marine, die regelmäßig am Titicacasee trainiert.

Prä­sident Evo Morales ist der erste indigene Staatsführer. Gleich nach seiner Vereidigung 2006 verstaatlichte er die Erdgasindustrie. Sein Regierungssitz ist La Paz, die Landeshauptstadt ist Sucre. Bolivien zählt aufgrund der lang anhaltenden Ausbeutung durch die sogenannte Erste Welt und die politischen Verwicklungen zu den ärms­ten Ländern Lateinamerikas. Das Land teilt sich grob in das Amazonas-Tiefland und den im Durchschnitt 3600 Meter hoch gelegenen Altiplano. Die auf halber Höhe liegenden Yungas (eine Art tropischer Bergwald) in der Nähe von La Paz versorgen die Hochregion mit Obst, Gemüse und weiteren Lebensmitteln. Potosi besticht durch den berühmten Silberberg und zählt zum UNESCO-Welt­kulturerbe, der Salar de Uyuni ist der welt­größte Salzsee und der Titicaca­see der höchste schiffbare See der Erde. Boliviens Landschaften sind spektakulär, die Menschen hilfsbereit.

Besonderheiten

Motorradfahren in Höhen zwischen 3000 und 4700 Metern geht zulasten der Kon­dition und wird unterschiedlich gut ­vertragen. Gegen Kopfschmerzen, Atemnot und Übelkeit helfen eine ausreichende Akklimatisierung, der Genuss von Koka- und Matetee sowie das Kauen von Kokablättern während der Fahrt. In Bolivien herrscht Rechtsverkehr, lediglich auf der Ruta de la Muerte gilt Linksverkehr. Das Tankstellennetz ist ausreichend, die Bürokratie gewöhnungsbedürftig.

In den Städten und auf stark befahrenen Hauptverbindungen helfen gute Nerven und erhöhte Aufmerksamkeit, auf klei­neren Straßen sollte man mit Tieren rechnen, die in das Motorrad laufen. Lamas, Alpakas, Vikunjas und Guanakos fliehen normalerweise vor Fahrzeugen. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Dank ihrer Wolle, ihres Fleisches und Leders sichern diese Tiere seit 7000 Jahren die raue Exis­tenz der Andenbewohner. Die bolivianische Währung ist der Boliviano (ei­n Euro entspricht etwa 9,4 Bolivianos), als Untereinheit fungieren Centavos.

Foto: Biebricher, Werel
Gerade beim Blick auf die Vulkane fragt man sich bin ich noch auf dem Planeten Erde?
Gerade beim Blick auf die Vulkane fragt man sich bin ich noch auf dem Planeten Erde?

Gesundheit

In den größeren Städten gibt es eine ausreichende Gesundheitsversorgung. Generell sind die Ärzte schlimmere Verletzungen gewöhnt als ihre Kollegen in Deutschland, dementsprechend hoch entwickelt sind ihre Fähigkeiten. Bei schweren inneren Verletzungen allerdings fehlt es an Diagnosetechnik. In den Großstädten gibt es gute Krankenhäu­ser, das Arco Iris-Hospital in La Paz ist personell und technisch besser ausgestattet als so manches deutsche Haus. Eine Auslandskrankenversicherung wird dringend empfohlen, der ADAC z. B. bietet über die Plus-Mitgliedschaft hinaus geeignete Pakete.

Was die Rettung aus entlegenen Gebieten von Drittweltländern angeht, darf man sich keine Illusionen machen. Internationale Rettungsdienste sind nur ­begrenzt handlungsfähig, vor allem wenn die Zeit drängt. Individualreisende sollten ein üppig bestücktes Erste-Hilfe-Set mitführen, Gruppen können sich auf eine gute Ausrüstung des Begleitfahrzeuges verlassen. Alle medizinischen Leistungen müssen (in kleineren Orten) bar bezahlt werden. Kreditkarten sind nur begrenzt einsetzbar. Ohne Restrisiko gibt es keine grandiosen Erlebnisse, doch das ist zu Hause kaum anders.

Organisierte Reisen

Die beschriebene Altiplano-Tour stammt aus dem umfangreichen Programm von Edelweiss Bike Travel und läuft 2014 vom 24.8. bis 9.9. Kosten: ab 5140 Euro, Prädikat: fantastisch und im Krisenfall souverän. Infos: www.edelweissbike.com. Das MOTORRAD action team bietet im Februar 2015 eine grandiose Tour über die höchsten Andenpässe: www.actionteam.de

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