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Es gibt viele Gründe, warum man nachts nicht fahren sollte.

Motorradreise durch Guatemala und Belize Mayas, Machos & Mythen

Guatemala ist der Höhepunkt einer Mittelamerika-Durchquerung mit dem Motorrad. Die schönsten Vulkane weit und breit, eine alte Stadt mit maximalem Wohlfühlfaktor, der legendäre Hochlandsee Lago de Atitlán, Indio-Märkte mit drangvoller Enge und die ­prickelnde Magie der alten Maya-Stätte Tikal. Und Belize? Ist völlig anders.

Zu früh gefreut, die Ruhe währte nur kurz. Schade, denn nach den übervollen Straßen im dicht besiedelten El Salvador und dem überraschend entspannten kleinen Grenzübergang von Las Chimanas hatten wir uns gerade an die friedliche Nationalstraße 8 gewöhnt. Bis selbige in El Molino von der Panamericana aufgesaugt wird. Lärm, Hektik und der anarchische Verkehr schwemmen die Ruhe davon. Motorradfahren in Mittelamerika fordert nicht nur alle Sinne, es ist definitiv nichts für Zauderer. Wer zögert, verliert. Trotzdem verliere ich lieber 20-mal am Tag, als einmal umgenietet zu werden. Längst haben wir uns einen anderen Fahrstil angewöhnt: Immer so tun, als hätten wir Vorfahrt, aber ebenso immer vollbremsbereit sein und damit rechnen, dass Einheimische nach dem gleichen Motto unterwegs sind und zudem ihren Heimspielvorteil nutzen. Und trotzdem macht das Fahren Spaß, wenn man die Regeln kreativ interpretiert und mitdenkt. Außerdem: Neapel oder Paris sind viel schlimmer.

Ende der Stadt, entspannen und mit Tempo 80 der „Panam“ hinauf ins Hochland folgen. Zeit für die Sinne, auch wieder andere Reize empfangen zu können. Wie die Silhouetten von himmelhohen Vulkanen, die durch die Dunstglocke rund um die Hauptstadt Guatemala City schimmern und unsere Blicke magisch anziehen. Stunden später haben wir die hässlichen Vorstädte des Drei-Millionen-Molochs endlich hinter uns und rollen auf einer breiten, von Bäumen gesäumten Avenida hinunter nach Antigua.

Augenblicklich ändert sich die guatemaltekische Welt. Was für eine Stadt, vielleicht die schönste Amerikas! Grob gepflasterte Gassen zwischen roten, gelben, weißen und blauen kolonialen Häusern, dazwischen einige große Kirchen, die das heftige Erdbeben von 1773 zu Ruinen geschüttelt hat, die riesige Plaza mit Straßenhändlern, Musikern und gemütlichen Cafés in paradiesischen Innenhöfen, den Patios. Sicher, Antigua ist voller Touristen, aber die alte Hauptstadt ist trotzdem authentisch geblieben, sie ist sauber, rustikal, bunt und voller Atmosphäre, gesegnet mit einer sensationellen Lage. Der weite Talkessel wird bewacht von den bildschönen Vulkanen Agua, Acatenango und dem rauchenden Fuego, allesamt fast 4000 Meter hoch.

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Bald zeigt das Navi 3000 Höhenmeter an

Wir bleiben fast eine Woche, verschieben den Aufbruch landestypisch mehrfach auf „mañana“ – morgen, bis wir dem Lockruf des nächsten Highlights nicht mehr widerstehen können, dem Lago de Atitlán, den schon Alexander von Humboldt zum schönsten See der Welt gekürt hatte. Was hatten wir nicht alles für Superlative über diesen magischen See im Hochland Guatemalas gehört. Frühmorgens starten Werner und ich unsere Einzylinder, verlassen Antigua und bollern hinauf ins Hochland. In weiten schnellen Kurven gewinnt die CA 1 an Höhe, die Luft wird klarer und frischer. Kiefernwälder, abgeerntete braune Maisfelder, Weiden und kleine Dörfer, vorwiegend bewohnt von den Nachfahren der Maya, garnieren die fruchtbaren Hügel. Aber was heißt schon Hügel, bald zeigt das Navi 3000 Meter an, eine Höhe, wo in den Alpen längst Fels und Eis dominieren. Hier, kaum 1500 Kilometer nördlich des Äquators, gibt es dank des milden und feuchten Klimas massenhaft fruchtbare Felder, Äcker und knorrige Bäume.

Endlich die Abzweigung hinunter zum See. Und dann der erste Blick auf den Lago de Atitlán, der 1000 Meter unter uns im Gegenlicht glitzert, bewacht von schlafenden Vulkanen. Caramba! Was für ein Panorama. In engen, steilen Kurven seilt sich die zerlöcherte sandige Straße ab nach San Pedro, einem kleinen quirligen Ort voller Backpacker, Aussteiger und Nachwuchs-Hippies, dessen einfache Steinhäuser sich zwischen See und gleichnamigem Vulkan am steilen Hang stapeln. Wir umrunden den Lago, können uns kaum sattsehen an dieser bilderbuchschönen Landschaft und bauen in Panajachel direkt am See unsere Zelte unter Palmen auf, die Vulkane vor der Nase, doch der Rummel des Orts ist weit genug entfernt.

Pana, wie der Ort kurz und bündig genannt wird, ist das alternative Epizentrum des Landes. Am Neujahrswochenende dröhnt hier das laute und abgefahrene Techno- und Esoterik-Festival Cosmic Convergence. Weit über 10.000 Besucher, kaum einer, der nicht nach Erleuchtung sucht und sich dabei von allerlei bewusstseinserweiternden Substanzen helfen lässt, eine andere mentale Umlaufbahn jenseits des Irdischen zu erreichen. Noch Tage nach dem Festival sehen wir gezeichnete Gestalten auf dem Festgelände, an denen die kosmische Erleuchtung offenbar vorbeigegangen ist. Nächste Chance? Nächstes Jahr. Immerhin profitieren regionale Indio-Projekte von diesem Non-Profit-Event, im letzten Jahr kamen über 60.000 Dollar zusammen.

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Alternative Drogen in der German Bakery

Wir bleiben noch ein paar Tage, die Magie und die einmalige Atmosphäre des Lago de Atitlán nageln uns einfach fest. Alternative Drogen gibt es in der „German Bakery“ mit Buttercremetorte, Glühwein und Sauerkraut. Nach einem Stück Schwarzwälder Kirsch ist meine Lust auf solche Drogen allerdings nachhaltig gestillt. Mutters gleichnamige Torte war damals um Lichtjahre besser. So, genug relaxt, bis Mexiko haben wir noch ein paar Meter vor uns. Die Enduros freuen sich, dass es endlich weitergeht. Wir auch. Hinauf ins Hochland und zurück in die Realität Guatema- las mit guten Straßen und schwelenden wilden Müllkippen, bevölkert von halb wilden Hunden und ganz wilden Geiern. Erschreckend, dass die Menschen ihren Müll einfach aus dem Auto werfen oder ihn am Straßenrand deponieren. Wir versuchen, die nervigen Hauptstraßen zu vermeiden, umrunden den Vulkan Santa Maria mit dem rauchenden Krater Santiaguito, tauchen ab in die feuchte Hitze des Flachlands am Pazifik und klettern über die grandiose CA 12 von 300 Meter hoch bis auf 2500. Kurven ohne Ende, kaum Verkehr, ein paar kleine Dörfer, der Nebelwald verschluckt uns, von metergroßen Nalca-Blättern platschen dicke Tropfen, Baumfarne erinnern an die Zauberwelt vom Herrn der Ringe.

Anderntags stürzen wir uns ins Getümmel auf dem größten Indio-Markt des Landes in San Francisco el Alto. Eine Herausforderung für alle Sinne, die anfangs komplett überfordert sind. Wer an Klaustrophobie leidet, sollte besser flüchten. Für uns ist es eines der stärksten Erlebnisse dieser Reise. Auf dem Markt gibt es einfach alles, vom gebrauchten Fernseher bis zur gebrauchten Kuh, vom Rasierpinsel bis zur Ananas, von der Wollsocke bis zur Kloschüssel, vom lebendigen Huhn bis zum Kochtopfset, manchmal auch gleich kochendes Huhn im Alutopf. Lateinamerika pur. Drei Stunden Intensivkurs, dann laufen bei uns alle Speicher über.

Karibik-Feeling? Nicht hier und heute

In der Großstadt Huehuetenango ändern wir unseren Kurs auf Ost. Damit wird es endlich ruhig, die zentralamerikanische Transit-Fernstraße zieht weiter nach Mexiko, wir nach Belize. Die folgenden 250 Kilometer bis hinunter in Flachland des Petén sind der Knaller. Eine faszinierende Bergstraße, mal geteert, dann wieder eine grobe Geröllpiste mit 25 Prozent Steigung. Kleine Orte unterwegs, oft spielt sich das Leben direkt auf der Straße ab, hier und da ein comedor, die Frittenbude auf guatemaltekisch. Es geht stetig abwärts, wird immer grüner und wärmer, das Hochland liegt hinter uns. Die letzte steile Abfahrt, und wir sind im Tiefland des Petén angekommen, das erst in Belize und in Mexiko an der Karibik endet. In diesem riesigen Dschungelgebiet lebten zwischen 200 und 900 n. Chr. die Maya, ein selbst nach heutigen Maßstäben sehr gebildetes Volk. Die Maya konnten die Länge eines Jahres fast minutengenau berechnen, sie wussten, dass eine Mondphase 29,52 Tage dauert, und beschrieben komplexe astronomische Vorgänge. Die berühmteste Stadt ihrer Hochkultur ist Tikal, deren Ruinen sich mitten im Dschungel verstecken.

Es ist noch dunkel früh um halb sechs, als wir per Stirnlampe den Weg zu den Tempeln suchen. Plötzlich ein markerschütterndes Brüllen. Hat der Tyrannosaurus Rex hier überlebt? Es sind Brüllaffen, gegen die ein Löwe wie ein schnurrendes Kätzchen klingt. Längst dämmert es, als wir die letzten Stufen hinauf zum 68 Meter hohen Tempel IV keuchen. Oben angekommen, überwältig uns die Magie des Augenblicks. Geisterhafte Nebelschwaden wabern über den endlosen Hügelketten des Regenwalds, der sich bis zum Horizont nach Belize ausbreitet. Nur die Spitzen von drei Maya-Tempeln ragen aus dem grünen Meer der Bäume. Genau dahinter taucht der rote Ball der Sonne auf. Maximale Gänsehaut.

Tags darauf Belize, ein völlig anderes Land. Postkoloniale englische Lebensart, gepflegter Rasen statt wilder Müllberge, Land Rover statt Land Cruiser, Tee statt Kaffee, Englisch statt Spanisch, Gallonen statt Liter, Schwarze statt Latinos. Eine bunte Welt, Multikulti. Die Palmenstrände bei Dangriga vernebelt fieser Nieselregen, der unsere Klischee-Bilder der Karibik ertränkt. Karibik-Feeling? Nicht hier und heute. Trotzdem hat der Regen auch was Gutes, jedenfalls für den, der Schlamm mag. Denn als wir auf den Coastal Highway abbiegen, werden wir mit einer roten Lateritpiste belohnt, die sich durch den sattgrünen Dschungel zieht und mit Pfützen jeglicher Größe und Tiefe verziert ist. Unsere Enduros baggern sich tapfer durch den Modder, sind schon bald mit einer fetten Schlammschicht überzogen. Kein anderes Fahrzeug begegnet uns, die fahren alle den weiten Umweg über die gute Teerstraße. Sie wissen, warum. Wir spielen lieber im Dreck. Und an die morgige Grenze nach Mexiko denken wir noch lange nicht. Ob wir die Mopeds vorher noch mal waschen sollten? Vielleicht. Mañana.

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