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Mit dem Motorrad unterwegs auf den Färöer Inseln.

Mit dem Motorrad unterwegs auf den Färöer-Inseln Für wetterresistente Nordlandfans

300 jährliche Regentage, der raue Atlantik und schroffe Steilküsten - die Färöer-Inseln sind was für wetterresistente Motorradfahrer. Und für diejenigen, die es nicht stört, dass die Tour ständig wegen atemberaubender Ausblicke unterbrochen werden muss.

"Heute wird ein prima Tag", begrüßt uns Olof, der Campingchef von Tórshavn, „es ist kein Regen angesagt.“ Was Olof verschweigt: Ein regenfreier Tag auf den Färöer-Inseln muss noch lange kein trockener Tag sein, erst recht kein sonniger. Denn das Aufeinandertreffen des warmen Golfstroms mit kalten Meeresströmungen aus dem Norden sorgt oft für nebulöse Nullsicht. Genau so ein Tag scheint das heute zu werden – feuchte, graue Schwaden ziehen lautlos übers Land. Unsere Skepsis wischt Olof schnell dahin: „Fahrt doch nach Norden, da gibt’s weniger Nebel.“ Also packen Andreas und ich die triefnassen Zelte ein, drehen unsere Enduros auf Nordkurs und schleichen durch die feuchte, fiese Pampe raus aus Tórshavn.

Tatsächlich sollte Olof recht behalten. Während wir permanent visierwischend am bleigrauen Sundinifjord entlangtuckern, bohren sich schon bald zaghafte Sonnenstrahlen durch den Nebel, der immer durchsichtiger wird und hinter der übernächsten Kurve spurlos verschwunden ist. So schnell geht das hier. Kaum anderswo ist das Wetter eine so lokale Angelegenheit, es ändert sich gerne im Viertelstundentakt und von Fjord zu Fjord. Die Tiefdruckgebiete, die in unschöner Regelmäßigkeit über den weiten Atlantik ostwärts reisen, sind es nicht gewohnt, auf Hindernisse zu treffen. Der erste Stein des Anstoßes sind die Färöer, in deren zerklüfteten Bergen sich die hochschwangeren Wolken verheddern und gerne ein paar Tage länger bleiben als auf dem offenen Meer. Aber die schroffen Gipfel stanzen auch feine Löcher in die Wolken, durch die die Sonne dann die grünsten aller Wiesen wie ein gigantischer Scheinwerfer anstrahlt.

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Färöerberufen sich auf ihre alten Traditionen

Wir erwischen eines dieser Löcher. Über uns tiefblauer Himmel, während die Nachbarinsel Eysturoy im Regendunst verschwimmt. Da bleiben wir doch lieber hier auf Streymoy, fahren nordwärts, bis die Straße in Tjørnuvík einfach endet. Solche Sackgassen sind normal auf den zerklüfteten Inseln, und Tjørnuvík ist eines der typischen Dörfer. Drei Dutzend bunte Häuser kuscheln sich zwischen dem steinigen Strand und dem steilen, grünen Dreiviertelrund der 700-Meter-Berge. Ein Kaffee zum Aufwärmen wäre nicht schlecht, aber es gibt nicht mal ein Café. Also retour bis Nesvík und über die Brücke nach Eysturoy, wo sich die fetten Wolken glück­licherweise inzwischen verzogen haben.

Eysturoy ist eine der sechs Nordinseln, spektakuläre, steile Berge, die sich bis auf fast 900 Meter über dem Meer erheben und allenfalls an ihren schmalen Küstenstreifen Platz für kleine Orte haben. Wie Eiði auf der anderen Fjordseite gegenüber von Tjør­nuvík – Luftlinie kaum zwei Kilometer von­ein­ander entfernt, über die Straße aber 30. Vorgestern haben die Färinger hier 50 Grindwale an Land getrieben, mit Messern und Haken brutal getötet. Jeden Sommer wiederholt sich das blutige Gemetzel an mehr als 1000 Walen. Den Färingern sind internationale Konventionen egal, sie berufen sich auf ihre alten Traditionen. Traditionell ist aber auch ein Leben ohne Auto, Fern­seher und Smartphone, Erdhöhlenwohnungen und Kleidung aus Fell. Davon will natürlich niemand mehr etwas wissen. Die Regierung warnt sogar davor, das Walfleisch zu essen, weil es sehr stark mit chemischen Giften wie Quecksilber, DDT und PCB belastet ist. Aber selbst das ignorieren viele Färinger.

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Schmal, kurvig, verkehrsfrei, griffig

Eiði zählt sicher nicht zu den städtebauli­chen Juwelen der Inseln, doch hier beginnt die Straße 662, und die ist zweifellos ein Knaller. Schmal, kurvig, verkehrsfrei, griffig und gesegnet mit grandiosen Aussichten. Wie die auf Risin und Kellingin, zwei 75 Meter hohe Felsfinger, die vor der Steilküste senkrecht aus dem Meer ragen. Natürlich sind die beiden keine ordinären Felsen, es sind versteinerte Trolle. Die beiden Lümmel kamen einst mit einem klaren Auftrag aus dem hohen Norden, sollten klammheimlich im Schutz der Dunkelheit die Färöer an den Haken nehmen und nach Island schleppen. Dumm nur, dass sie bei diesem unlauteren Vorhaben gebummelt haben, von der aufgehenden Sonne überrascht wurden und – so ist das eben bei Trollen – umgehend zu Stein erstarrten. Und so stehen sie seit dem verpatzten Coup felsenfest im Meer und starren sehnsüchtig nach Island.

Da läuft’s bei uns entschieden besser, wir freuen uns im Gegensatz zu den beiden Ex-Trollen sogar darüber, dass ein Sonnenspot die beiden ins Abendlicht taucht. Nur ein paar Kurven und Kehren weiter nagelt uns auf der Passhöhe, immerhin 430 Meter hoch, die Aussicht nach Osten über den Funningsfjørður fest. Die Straße schlängelt sich runter zum Winzort Funningur direkt am Fjord, der sich seinerseits ostwärts zwischen hohen Bergen bis zur Nachbarinsel Kalsoy zieht, um dort in der Weite des Atlantiks zu versickern. Es sind Blicke wie dieser, die hinter jeder Ecke lauern und keinen rechten Fahrfluss aufkommen lassen. Na und? Dafür berauscht die wilde nordische Fjordszenerie mit ihren baumlosen Bergen.

Färinger sind wie die Briten - offen und freundlich

Wir mäandern runter zum Meer und peilen Elduvík auf der anderen Seite des Fjords an. Wieder so ein typischer Färöer-Ort am Ende einer Sackgasse: rote, schwarze und grüne Holzhäuser, oft mit Grassoden gedeckt, 24 Einwohner, alte Holzboote im Vorgarten, ein Mini-Hafen – und natürlich wie­der eine tolle Aussicht, diesmal über den Fjord nach Funningur und hinauf zum Slættarartindur, dem mit 882 Metern höchs­ten Berg des Archipels. Und es gibt sogar eine kleine Campingwiese direkt am Fjord.

Abends führen die Götter großes Wettertheater auf. Das typische färöische Programm lebt von schnellen Dramaturgiewechseln. Von Norden ziehen schwere Nebelbänke in den Fjord, enthüllen nur hin und wieder einen der schroffen Gipfel der Nachbarinsel Kalsoy. Von Südosten rollen rasend schnelle Wolken über die Berge, lösen sich dann aber einfach auf. Ein kräftiger Schauer prasselt auf den Fjord, während Funningur, kaum zwei Kilometer entfernt, sich unter einem Sonnenstrahl räkelt und hinter uns ein doppelter Regenbogen in seltener Brillanz leuchtet. Götterzauber.

Die Morgensonne treibt uns früh um halb sechs aus den Zelten. Friedlich glitzert das Licht auf dem Fjord, kreischende Möwen balgen sich auf den seetangübersäten Uferfelsen um Fischreste. Zwei Grindwale ziehen prustend ihre Spuren ins glasklare Wasser, und im Hintergrund tuckert ein rotes ­Fischerboot hinaus aufs Meer. Ein alter Mann mit seiner Enkeltochter kommt vorbei und will wissen, ob meine XT eine BMW ist. Er schenkt uns ein paar Schokokekse zum Frühstück, spricht aber leider nur Färöisch, von dem wir absolut nichts verstehen. Die Färinger haben so gar nichts von der skandinavischen Zurückhaltung, sind eher wie die Briten offen und freundlich.

Einspurig, stockfinster, eiskalt, triefend nass

Wir machen uns auf, die spektakulären Berginseln im Norden zu erkunden. Kalsoy, Kunoy, Borðoy und Viðoy. Ein neuer Sieben-Kilometer-Tunnel bohrt sich tief unter dem Fjord nach Borðoy. Klaksvík, mit 5000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, ist nicht der Rede wert, die beiden alten Tunnel durch die Berge zur Ostseite der Insel dagegen sehr wohl. Einspurig, stockfinster, eiskalt, sechs Kilometer lang, roh in den Fels gehauen, triefend nass und deshalb mit glitschigem Moos tapeziert, fordern sie volle Konzentration. Am Tunneleingang noch blendende Sonne, am Ausgang Nebel. Schon wieder! Den kleinen Hafen von Norðdepil sehen wir kaum, die Brücke nach Viðoy erst recht nicht, aber fünf Minuten später ist der undurchsichtige Spuk vorbei.

Auf trockener Straße rollen wir bis Viða­reiði, dem nördlichsten Ort des Archipels. Weit verstreut ducken sich einfache Häuser in eine grasige Senke zwischen schroffen Bergen. Die weiße Holzkirche wurde schon zweimal von furiosen Winterstürmen ins Meer gerissen – und wieder aufgebaut. Im Osten wälzen sich dunkle Wolken durch den Sund zwischen Viðoy und Svínoy. Doch nach Westen ist der Blick frei entlang der grandiosen Steilküste bis zur höchsten Klippe Europas, dem 820 Meter hohen Nordkap von Kunoy. Erwähnte ich schon, was für ein Spektakel diese Inseln sind? Und glauben Sie noch immer, dass es in Europa keine exotischen Ziele mehr gibt? Probieren Sie mal die Färöer.

Infos

Die Färöer sind sicher nicht das Traumziel für einen ganzen Sommerurlaub, aber als verlängerter Stopover für Island-Reisende sind sie durchaus eine Woche wert. Denn die Exotik eines nordatlantischen Archipels lässt sich hier bestens erleben.

ALLGEMEINES: Die Färöer-Inseln sind seit 1948 keine Kolonie Dänemarks mehr, sondern ein selbstständiger Staat, der allerdings eng mit Dänemark ver­bunden ist. Die Färöer sind nicht Mitglied der EU. Auf den 18 Inseln leben etwa 48 000 Menschen, ein Drittel davon in der Hauptstadt Tórshavn (= Thors Hafen). Färöer bedeutet Schafsinseln. Fischerei ist mit großem Abstand der wichtigste Einkommenszweig des Landes. 97 Prozent des Exportvolumens sind Fischprodukte.

ANREISE: Dienstags und samstags dampft die Fähre „Norröna“ der Smyril Line vom dänischen Hirtshals nach Tórs­havn und weiter nach Island. Tickets für ein Motorrad und eine Person zu den Färöer-Inseln gibt es in der Hochsaison ab 360 Euro. Infos unter www.smyrilline.de oder telefonisch unter 04 31/20 08 86.

REISEZEIT: Im Sommer können sich die Inseln manchmal tagelang aus dem Würgegriff der atlantischen Tiefdruckgebiete befreien. Aber nur manchmal. Die Tagestemperaturen pendeln um 15 Grad. Im Juni und Juli wird es kaum dunkel, im Winter aber umso länger. Dann fegen auch heftigste Stürme übers Land. Das Sommerwetter ändert sich oft im Zehnminutentakt. Dabei kann es in einem Fjord regnen, im nächsten scheint aber strahlend die Sonne.

AUSRÜSTUNG: Wer draußen übernachten will, wird sich über ein windstabiles und absolut dichtes Zelt freuen. Für Regenbekleidung gibt es kaum bessere Testgebiete als die Färöer. Warme Kleidung ist unverzichtbar.

ÜBERNACHTEN: Es gibt nur wenig Tourismus. Die überschaubare Auswahl an Hotels, Privat­unterkünften, Bed & Breakfasts, Jugendherbergen und einfachen Campingplätzen reicht auch in der Hochsaison aus. Freies Zelten wird toleriert. Absolut tabu sind aber Privatgrundstücke und alle landwirtschaftlich genutzten Wiesen.

SPRACHE: Das Färöische ist dem Isländischen und somit der alten Wikingersprache ähnlich. Die meisten Leute sprechen inzwischen auch Englisch.

GELD: Die färöische Krone (ei­­gene Geldscheine) entspricht der dänischen Krone, die auch als Zahlungsmittel verwendet wird (100 DKK entsprechen 13,40 Euro). Die gängigen Kreditkarten werden weitgehend akzeptiert.

LITERATUTR: Nur ein Reise­führer befasst sich ausschließlich mit den Färöer-Inseln. Er kostet 17,90 Euro und ist zu bekommen bei: www.edition-elch.de

Im Island-Handbuch aus dem Verlag Reise-Know-how ist den Färöer-Inseln ein Kapitel gewidmet.
Landkarten: Topografischer Atlas Føroyar, Maßstab 1 : 100.000. Erhältlich in gut sortierten Buchhandlungen, direkt vor Ort oder über www.geobuchhandlung.de. Eine weitere Karte im gleichen Maßstab kommt von Freytag & Berndt.

INTERNET: Die folgenden Seiten bergen relevante Infos:
▸ www.faroeislands.com
▸ www.visitfaroeislands.com (hier gibt es auch einen guten aktuellen Reiseführer zum Herunterladen)
▸ www.visittorshavn.fo

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