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Motorradreise in den Alpen - Dolomiten-Alternative Alpentour gegen das Unbefahrene

Was haben diese Worte gemeinsam: Duran, Cibiana, Eira? Sie alle bezeichnen Alpenpässe. Kennen Sie? Dann sind Sie vermutlich schon überall in den Alpen gewesen. Nie gehört? Dann geht es Ihnen wie Dirk Schäfer. Begleiten Sie ihn auf einer Alpentour gegen das Unbefahrene.

Waaas? Da warst du noch nicht?“ Ich weiß nicht, was mich mehr trifft: die fast hys­terisch vorgetragene Frage oder der Gesichtsausdruck künstlichen Entsetzens meines Tischnachbarn. Vor fünf Minuten waren wir noch Fremde. Die Platznot auf einer dolomitischen Sonnenterrasse brachte uns zusammen. Jetzt erklärt er mir die Welt. Vor allem die Ecken, in denen er schon war. Er ist quasi überall gewesen. Aber vor allem überall in den Alpen. Zudem ist er überzeugt, ich müsse auch dorthin. Und zwar sofort. Ich wünschte, einer der Zeugen Jehovas würde sich auf den verbliebenen freien Platz setzen.

„Mensch, du als Biker! Den Gavia, den musst du mal erlebt haben!“ Ich gebe mich schmallippig: „Hab keine Zeit mehr. Muss morgen Abend zu Hause sein.“ „Passo Duran, Passo Rolle, DA musst du mal herfahren!“ Ich stochere in meinem Strudel di Mele. Er ist nicht zu bremsen. „Mendelpass! Und vor allem der Gavia!“ Statt eines Zeugen Jehovas habe ich’s mit einem Zeugen Gavias zu tun. Ich warte die Kellnerin nicht ab, klemme einen Zehner zwischen Kaffeetasse und Holztisch. „Ich muss los!“, sage ich und bin ihn los, den Überall-Geweser.

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Bergauf reihen sich schnelle und winklige Kurvenkombinationen aneinander

Ich muss nur noch einmal volltanken und dann geht’s ab nach Hause. Doch als ich an der Zapfsäule den Tankrucksack wieder aufschnalle, fällt mein Blick auf die Karte. Was hatte der Überall-Geweser gesagt? Duran? Rolle? Ich fingere über die Karte. Och, das ist ja nur ein kleiner Umweg. Die nehme ich noch mit, bevor ich auf die Autobahn einschwenke. Ein paar Extrameter für die Beseitigung weißer Flecken auf meiner persönlichen Landkarte.

15 Prozent Steigung, gesperrt für Busse und alles, was länger als zehn Meter ist: Der Passo di Cibiana empfängt mich als Anwärmer für den Passo Duran. Eine Armada von Naked Bikes jagt in Gegenrichtung an mir vorbei. Ansonsten habe ich den Anwärmer für mich allein. Ist der Cibiana fast vollständig bewaldet und geizt mit Panoramen, macht der Duran fast alles wett. Bergauf reihen sich schnelle und winklige Kurvenkombinationen aneinander. Der Schaltfuß steppt durch das Getriebe. Bergab lass ich’s durch eine erhabene Arena aus steilen Wänden und Felsnadeln locker rollen. Durchatmen, bis der Puls gleich wieder steigt.

Er verleitet zum schneidigen Fahren, der Passo Rolle. Die ersten Kehren sind der Zuckerguss auf dem alpinen Straßenkuchen. Aber an den folgenden Kurven hat der Frost genascht. Durchs erste Loch bügle ich noch unangespitzt. Die Transalp müht sich, den Rührer im Fahrwerk vergessen zu machen, aber ich schalte lieber eine Stufe zurück. Richtig! In der nächsten Kurve hat sich der Asphalt zu außenministertauglichen Föhnwellen deformiert. Da ­wären mindestens die Aluboxen an der Transe amtlich über die Wellen ge­schranzt. Gut, dass mein kleiner Umweg gleich zu Ende geht. Ab Bozen bringt mich dann der Highway nach Hause.

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„Bikers welcome“ steht auf der Passhöhe an jedem Café

Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, was es genau war. Ich erinnere mich nur, wie ich in Bozen statt auf die Autobahn zum Mendelpass abgebogen bin. Nur weil mir vom Überall-Geweser noch der Mendelpass im Kopf schwirrte? Oder am Ende auch der Gavia? Ach quatsch! Von solchen Leuten lass ich mich doch nicht beeinflussen. Vor allem nicht, wenn ich nach Hause will, ähm, muss. Und insgeheim muss ich ihm recht geben, dem Überall-Geweser. Die Strecke war wirklich nicht schlecht und ich kannte sie noch nicht. Anders als den Mendelpass. Den kenne ich. Vielleicht ist das ja die Triebfeder?

Die Nachmittagssonne plustert sich noch einmal auf, aber die lotrechten Ostwände des Mendel liegen schon im Schatten. Die Transe quirlt sich von Felsnase zu Felsnase, bis das warm leuchtende Bozen endgültig hinter einer letzten Biegung verschwindet. „Bikers welcome“ steht auf der Passhöhe an jedem Café, an jeder Bleibe. Aber wenn ich den Gavia, diese weiße Linie auf meiner alpinen Straßenkarte, wirklich noch mitnehmen will, muss ich heute noch ein paar Meter machen. Auch wenn gleich schon das schwere Abendblau vom Himmel sackt.

Nirgendwo ist der Himmel näher

Der nächste Morgen. Mir ist kalt. Es muss noch vor sechs sein. Der Himmel hat sich gerade eben erst hellblau verfärbt und die Sonnenstrahlen erreichen noch nicht mal die Gipfel des Adamello-Massivs. Der Lichtkegel der Transe huscht über Wiesen und an nacktem Fels entlang. Tautropfen fliegen mir ins Gesicht, als ich auf der Südrampe des Gaviapasses dem Sonnenaufgang entgegenfahre. Die Rechtskehren am Lenkanschlag verhindern, dass die frühmorgendlich laxe Konzentration nur in Richtung Frühstückskaffee abdriftet. Ebenso der ­Tunnel vor der Passhöhe, ein ausgewiesener Lichtver­nichter. Dann ­treffen mich die ers­ten Sonnenstrahlen. Drüben, auf dem Adamello, gleißt die Sonne schon über die Schneefelder. Nirgendwo ist der Himmel jetzt näher. Mein Glück könnte kaum größer sein. Frühstückspause.

Die Sonntagsdisco auf dem Stilfser Joch lasse ich rechts liegen. Lieber was Neues: Passo d’Eira, Passo di Foscagno! Der Überall-Geweser wird’s schon kennen. Aber für mich ist’s neu. Und das zählt. Nach dem engen und hakeligen Gavia kommen mir die beiden Pässe wie gerufen. Sie gönnen einem die kurzen Seitenblicke auf die Gipfelreihen und ins Kartenfach, ohne dass man Gefahr liefe, gleich von einen Abgrund verschluckt zu werden. Vorbei an einer heißen Mountainbike-Downhill-Strecke gleitet der Foscagno lässig nach Livigno hinunter.

Einige vergleichen Livigno wegen seiner Abgeschiedenheit mit Tibet. Mir erscheint der Vergleich mit Andorra passender. Denn sowohl beim Pyrenäenstaat als auch hier in Livigno hatte Napoleon seine Finger im Spiel, als es um Extrawürste für die Bergbewohner ging. Hochprozentiges und Duftwässerchen kommen seitdem steuerbefreit daher. Und dank des kleinen Korsen pegelt der livignische Spritpreis noch auf dem Niveau von 1999. Volltanken!

Ein Blick auf die Karte: Die nächste Expressstraße nach Hause ist noch meilenweit entfernt. Ofenpass oder Bernina und dann Albula? Was würde der Überall-Geweser empfehlen? Ist doch wurscht, oder? Nur wenig hinter dem Hospiz auf dem Bernina wälzt sich der gewaltige Morteratsch-Gletscher ins Berninatal. Ins Schweizer Postkartenpanorama drängelt sich noch der rot leuchtende Bernina-Express. Zu gemütlich wird’s aber nicht: Der Bahnübergang am Morteratsch ist eine Sprungschanze, die der legendären Ballaugh Bridge auf der Isle of Man in nichts nachsteht. Trotzdem: An den Gavia kommt der Bernina nicht ran. Wenn ich wieder zu Hause bin, konvertiere ich: zu den Zeugen Gavias. Da muss man mal gewesen sein.

Foto: Schäfer
Die Dolomiten sind zweifelsohne ein Motorradparadies ...
Die Dolomiten sind zweifelsohne ein Motorradparadies ...

Weitere Infos

Die Dolomiten sind zweifelsohne ein Motorradparadies. Doch auf dem Weg nach Hause lassen sich wie der Gavia weitere Pässe entdecken, die Biker-Träume erfüllen.

Anreise/Reisezeit: Der Ausgangspunkt der Reise, Pieve di Cadore, ist über den Brenner leicht zu erreichen. In Österreich und der Schweiz ist eine Vignette für die ­Autobahnnutzung erforderlich. Ab Nürnberg sitzt man bis zum Start
in Pieve di Cadore 520 km, ab Frankfurt 740 km im Sattel. In umgekehrter Richtung sind es von Nürnberg bis Lenzerheide 410 km, ab Frankfurt 530 km. Wer die Anreise mit dem Autozug (www.dbautozug.de) bevorzugt, wählt zwischen den
Stationen Bozen, Innsbruck oder Lörrach. Die Route eignet sich vom späten Frühjahr bis in den Herbst. Wie immer im Gebirge muss mit plötzlichen Wetterumschwüngen gerechnet werden. Infos zur Befahrbarkeit der Pässe: www.adac.de, www.oeamtc.at und www.tcs.ch

Die Strecke: Rund 500 Kilometer addiert die Strecke auf den Tageskilometerzähler. Die höheren Pässe überwinden mühelos die 2000er-Marke, der Gavia entfernt sich sogar 2618 m von Normalnull. Er ist sicherlich auch der fahrerisch Anspruchsvollste. Enge Kehren am Lenkanschlag fahren zu können, fördert die Freude am Fahren. Vergleichsweise locker kann man es auf dem Bernina angehen lassen: ­Sauber asphaltierte, übersichtliche Kehren, wunderschöne Alpenlandschaften. Am Bahnübergang beim Morteratsch-Gletscher locker bleiben, wenn man nicht abheben will.
Wer es schafft, früh aufzustehen, wird mit wenig Verkehr und gran­diosen Panoramen belohnt.

Übernachten: Auf etwa der Hälfte der Strecke, zu Füßen des Passo Tonale, wartet mit dem „Hotel Chalet al Foss“ (www.hotelchaletal foss.it) eine äußerst angenehme Herberge. Alberto Pangrazzi, der Chef des üppig geratenen Chalets, weiß um die Wünsche von Motorradfahrern. An einem regnerischen Tag kann man sich in der Sauna wieder aufwärmen. Die Preise fürs Doppelzimmer beginnen bei 74 Euro.

Aktivitäten: Eine Spur ruhiger als mit dem Motorrad, dafür einmalig, ist die Fahrt mit dem Bernina-Express. Die Rhätische Bahn gehört auf der Albula- und Berninalinie zum UNESCO-Welterbe. Mehr Infos unter www.rhb.ch
Deutlich mehr Action und Adrenalin verspricht der Bikepark Mottolino (www.mottolino.com) in Livigno. Mit Bikes sind dort allerdings Mountain- oder Downhillbikes gemeint. Die Preise für die speziell aufbereiteten elf Strecken in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden beginnen bei 20 Euro. Bikes kann man an der Talstation der Kabinenbahn leihen. Sparfüchse werden den Aufenthalt in Livigno zu schätzen wissen. Die Benzinpreise pendeln um einen Euro, und wer Alkohol, Zigaretten oder Parfum als Souvenir mit nach Hause bringen möchte, profitiert von der zollfreien Zone.

Karten: Die „Italien Nord“-Karte von Freytag und Berndt im Maßstab 1:500.000 schließt auch die bereisten Schweizer Regionen mit ein. Für 9,90 Euro erleichtert sie die Orientierung.

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