33 Bilder

Motorradreise in den Pyrenäen Vom Mittelmeer zum Atlantik

400 Kilometer Granit, zwei Meere, eine Wüste, leere Straßen. Was sich Andreas Prinz, Stephan Fritsch und Dirk Schäfer für ihre Pyrenäenreise vorgenommen haben, reicht für drei Urlaube. Dabei wollten sie nur einen Film drehen.

Kannst du dich an den Traum von letzter Nacht erinnern? Ich kann es. Kurz nach dem Aufwachen sehe ich noch die grotesken Szenen, die sich aus dem nächtlichen Dunkel ins dämmrige Tageslicht gerettet haben. Da tragen Hunde beim Motorradfahren Helme aus halben Handbällen, ein Immer-noch-’68er bedröhnt mit seiner Motorrad-Disko einen Leuchtturm, und Motorräder fallen wie Dominosteine übereinander. Ein abgedrehter Traum? Nein, diesmal ist alles echt!

Warmer Wind bläst durch unsere Jacken. Die Reiseenduros bügeln die letzten Kilometer zum Startpunkt unserer Reise über würdig gealterten Asphalt glatt. Schon von Weitem ist der weiße Leuchtturm über den schroffen Klippen des Cap de Creus zu sehen. Keine Frage: ein angemessener Auftakt für die Fahrt vom Mittelmeer zum Atlantik. Nur der Leuchtturm, die Klippen, das brandende Meer und wir drei. Aber: Wo kommt dieser wummernde Bass her?

Anzeige

Die Zweieinhalbtausender drängeln sich ins Bild

Der Parkplatz am Leuchtturm ist gefüllt wie eine Sardinendose. Von wegen nur wir! Über dem gesamten Gelände schwimmt der chillige Rhythmus von Reggae. Und der kommt ausgerechnet von einem Bike, einer umgeschraubten Suzuki GS 850 mit Seitenwagen aus Bob Marleys Zeiten. An diesem Konstrukt hat der Bob Marley vom Cap de Creus zwei fette Speaker montiert und bewegt jetzt die Luft rund um den Leuchtturm. „Yeah men!“, grüßt uns Nick über die Musik hinweg und wippt beständig in den Knien. Nach einem kurzen Café con Leche haut Nick „Get up, stand up!“ rein. Wenn das kein Aufbruchssignal ist!

Was hatte ich mir den Mund fusselig geredet: Da ist immer Stau! Da gibt’s nichts zu sehen außer Shoppingmalls! Aber alles vergebens. Andi und Stephan, die noch nie in Andorra waren, wollen unbedingt in das Herz des Hochgebirgskonsums. Mich trös­tet die Strecke dahin. Rasante Kurven bis kurz hinter Latour-de-Carol, und dann wird’s kurz enger, bis der Col de Puymorens erreicht ist. Dahinter drängeln sich die Zweieinhalbtausender ins Bild, allen voran der Pic d’Ascobes. Und jetzt müsste der Verkehr spürbar zunehmen. Doch der Port d’Envalira, mit 2407 Metern der höchste ­asphaltierte Pyrenäenpass, ist wie leer gefegt. Endlich in Andorra la Vella angekommen, herrscht zwar Betriebsamkeit zwischen Supermärkten und Factory-Outlets, aber vom befürchteten Infarkt des Verkehrs sind wir so weit entfernt wie von unserem eigenen. Von jetzt an kann es nur noch besser werden: offroad hinaus aus Andorra!

Anzeige

Col du Tourmalet vor den Augen

Das unter dem sommerlichen Blau des Himmels verwaiste Skigebiet von Pal hat uns gerade auf ein piekfeines Teerband über der Baumgrenze entlassen, als plötzlich links neben uns eine Gruppe Gänse­geier in perfektem Parallelflug auftaucht. Der mutigste unter i­hnen streicht knapp über meinem Helm hinweg. Wahnsinn! Bei fast 2,70 m Spannweite wirkt sogar meine 1190 auf einmal klein. Die übrigen Mitglieder von Familie Geier haben sich an einem Bachbett zum Mittagessen niedergelassen. Auf der Speisekarte steht heute eine am steilen Hang abgestürzte Kuh. Die Tischmanieren sind gewöhnungsbedürftig. Bis zu den Schultern stecken die Vögel Kopf und Hals in den Kuhkorpus, um sie mit einem regelrechten „Plopp“ wieder aus der Öffnung zu zerren.

Die gestürzte Kuh habe ich längst wieder vergessen, als wir den Col du Tourmalet vor uns haben. Andis 800er röchelt kraftvoll aus den letzten Kehren unterhalb der Passhöhe. Wir stoppen nur kurz am Radfahrerdenkmal und lassen es dann schön knacken, denn wir haben ein Ziel abseits der durchgehenden Strecke vor Augen. Wir ahnen nicht, dass uns dort ein kuhähnliches Schicksal erwartet. Und Stephan wird an allem schuld sein. „Boah!“ Andis überraschten Freudenschrei habe ich sogar beim Fahren gehört. Gerade sind wir in das Tal von Gavarnie eingebogen, und für einen kurzen Moment können wir einen Blick in den gewaltigen Talkessel erhaschen. Aber zunächst müssen wir den Weg zum Aussichtspunkt finden. Es ist High Noon, Mittagszeit, als wir auf dem von Cafés und Restaurants gesäumten Dorf­platz von Gavarnie einrollen. Hier teilt sich die Straße. Rechts oder links?

Foto: Schäfer
Auf dem Weg dorthin erfolgte bereits der Hauptwaschgang.
Auf dem Weg dorthin erfolgte bereits der Hauptwaschgang.

Wir stehen mitten auf der Kreuzung, diskutieren bei ausgeschaltetem Motor. Die Entscheidung: nach rechts! Stephan startet die Ténéré, kommt einen halben Meter weit, dann stirbt der Einzylinder plötzlich ab. So plötzlich, dass Stephan die Fuhre nicht mehr halten kann und auf meine 1190er fällt. Überfordert vom Ballast zweier Motorräder muss auch ich fallen lassen. ­Andi bekommt den ganzen Segen ab, und jetzt zieren drei übereinanderliegende En­duros Gavarnies einzige Kreuzung. Beifall schallt von den Terrassen der Cafés. Gut, dass uns hier keiner kennt.

Zwei Tage später spült uns kräftiger ­Regen nach Guéthary an den Atlantik. Die sonnenüberfluteten Momente über den mächtigen Abgründen und Wasserfällen von Gavarnie sind Geschichte. Jetzt ist das Wetter für den Langzeittest von Regenkombis gemacht. Immer neue graue Vorhänge prasseln auf uns herab. Wir wettern im Café Madrid ab, bis ein Sonnenstrahl über dem Atlantik das Wolkendach einreißt und tief über dem Horizont einen Streifen aus poliertem Silber freilegt. Darauf haben wir gewartet und starten dorthin, wo es garantiert nicht regnet.

Geradeaus geht es hier nirgends

Die Bardenas Reales ist eine der wenigen Halbwüs­ten Europas. Von der Frische der Atlan­tik­küs­te ist nichts geblieben. Stattdessen sticht uns gleißende Mittagssonne in die Augen. Am Nordrand des Brutofens der Bardenas hat sich Fernando Barrena mit seiner Winzerei Azul y Garanza eingerichtet. Er schwört auf das Klima und seinen Desierto, den Wüstenwein. Wir kosten kurz und sind uns sicher, dass wir die Verköstigung sofort abbrechen müssen, wenn wir nicht gleich über die Bardenas-Pisten torkeln wollen. Fernando verspricht, uns ein paar Flaschen nach Hause zu schicken, und entlässt uns mit einem Routentipp in die Halbwüste.

Die Staubfahnen legen sich so langsam wie Andis Begeisterung. Vor wenigen Monaten war er in Utah und Arizona, und die Bardenas Reales kommt ihm wie das euro­päi­sche Gegenstück dazu vor. Die verschrumpelte Haut der Erde ist hier tiefrot oxidiert, und überall formen der Wind und die seltenen Regenfälle neue Formen aus dem fragilen Boden. Hier ein Bryce Canyon, dort ein Monument Valley. Und das alles nur 100 Kilometer vom Pyrenäen-Hauptkamm entfernt. Absolut fantastisch!

Erste Etappe von Torla nach Nerín muss ausfallen

Auf den Pisten der Bardenas Reales haben wir Staub geleckt, und unser Rückweg zum Mittelmeer soll öfter geschottert sein. Die erste Etappe von Torla nach Nerín muss ausfallen. In den Sommermonaten ist die Strecke nur für Wanderer frei. Macht nichts, denn der Cañyón de Añisclo entschädigt mit fulminanter Szenerie. Und des Off­roaders Labsal kommt noch: Von Salinas nach Castejón de Sos wirbeln die ersten Steinchen durch die Luft. Dann, auf der Rou­te nach Montgarri, polieren wir die En­duro­optik mit zig Wasserdurchfahrten ordentlich auf. Klamme Socken inklusive. Während die trocknen, versetzt uns der Nachthimmel in einen regelrechten Sternenrausch.

„35 Kilometer kurvenreiche Strecke“. Das Schild, als Warnung gedacht, ist uns eine Einladung. Wir feiern die Strecke von Sort nach Adrall gebührend, und eigentlich müssten laufend neue Schilder aufgestellt werden, die zu den nächsten Kilometern mit Kurven einladen. Egal wohin man sich hier wendet, geradeaus geht es nirgends. Kann man da noch einen draufsetzen?

Letzter Stopover in der Villa du Parc

Es ist nicht mehr weit bis zum Mittelmeer, als wir in der Villa du Parc für einen letzten Stopover halten. Mit uns macht sich gerade eine Gruppe Biker auf den Weg, die zwei kleine Hunde mitnehmen. Diese springen an ihre Plätze in den Tankrucksack und ins offene Topcase. Aber darf man als Hun­de­sozius ohne Schutzkleidung unterwegs sein? Herrchen und Frauchen stülpen den beiden Fiffis kurzerhand Skibrillen und halbe Handbälle als Helme über. Wau! Wäre mir im Traum nicht eingefallen.

Apropos Traum: Für ein traumhaftes Finale fahren wir noch mal ans Meer. Einige der weiten Mittelmeerstrände darf man befahren. Das lassen wir uns nicht entgehen. Wir driften durch den feinen Sand, fliegen parallel zur Wasserkante, fahren mit Windsurfern um die Wette. Manchmal denke ich, so eine Reise mit all ihren herrlichen, gars­tigen, grotesken und unwiederbringlichen Szenen müsste man mal in einen schönen Film packen. Stephan, der in Gavarnie das Motorrad-Domino auslöste, hat’s getan. Und im November ist Filmpremiere. Abgedreht, oder?

Foto: Schäfer
Reisedauer: 10 Tage, Gefahrene Strecke: 2270 Kilometer.
Reisedauer: 10 Tage, Gefahrene Strecke: 2270 Kilometer.

Weitere Infos

Die Pyrenäen haben gegenüber den Alpen nur einen Nachteil: Sie sind weiter entfernt. Dafür punkten sie mit Ursprünglichkeit, Wildheit und Verkehrsarmut. Die Straßen, Pässe und Pisten sind ein Traum für Motorradfahrer.

Allgemeines: Die Pyre­näen bilden als 400 km langer Gebirgszug zwischen Atlantik und Mittelmeer die gemeinsame natürliche Grenze zwischen Frankreich und Spanien. Im Gegensatz zur französischen Seite wirkt das spanische Pendant fast karg, bisweilen schroff und hat durchweg höhere Werte auf der Quecksilberskala zu bieten.

Anreise/Reisezeit: Der Startpunkt dieser Reise, das Cap de Creus, ist von Frankfurt a. M. 1200 Kilometer entfernt.
Fürs zügige Vorankommen ist der Express­zuschlag zur Nutzung der französischen Autobahnen fällig. Die ­angenehmsten Reisezeiten sind Frühsommer und Herbst. Besonders in den Niederungen auf spanischer Seite muss in den Sommermonaten mit großer Hitze ­gerechnet werden. Auch sporadischer Regen ist möglich.

Die Strecke: 2270 Kilometer auf meist verkehrsarmen Strecken misst die Route. Die asphaltierten Pässe erreichen Höhen von über 2400 Metern. Die oft verwinkelten Routen erfordern sichere Fahrzeugbeherrschung in engen Kehren, schwer einsehbaren Kurven und bei großer Steigung. Bei der Etappenplanung sind wegen der extrem kurvigen Nebenstrecken größere Zeitpuffer zu berücksichtigen. Die Pisten ­dieser Reise sind, mit Ausnahme der Strandfahrt, bei Trockenheit durchaus auch für routinierte Straßenfahrer zu bewältigen.

Aktivitäten: Ein einzigartiges Panorama ermöglicht der Pic du Midi (www.picdumidi.com). Hier sind ausgezeichnete nächtliche Sternenbeobachtungen möglich. Die ungewöhnliche Weinkellerei von Fernando Bar­rena (www.azulygaranza.com) am Rande der Halbwüste Bardenas Reales ist ­einen Besuch wert. Fernando spricht gut Englisch und Französisch.

Karten: Mit der Marco-Polo-Karte „Pyrenäen“ im Maßstab 1 : 300.000 sind alle wichtigen Strecken abgedeckt. Wissbegierige können sich vor Ort problemlos mit noch detailreicheren Karten eindecken.

Literatur: Im Highlights-Verlag ist der speziell für Motorradfahrer geschriebene Reise­führer „Lust auf Pyrenäen“ von MOTORRAD-Autor Dirk Schäfer ­erschienen (11,90 Euro). Das Pyrenäen-Handbuch von Michael Schuh ist erstklassig recherchiert und beinhaltet jede Menge brauchbare Insidertipps. Erschienen im Reise Know-How Verlag.

Filmpremiere und DVD: Am 23.11.2014 findet die Filmpremiere zu dieser Reise im Astra-Kino in Essen statt. Mehr dazu und zur DVD unter www.abenteuer-pyrenaeen.de

Foto: Jo Deleker
Fantastische rotgelbe Felstürme: senkrecht, riesig, bizarr.
Fantastische rotgelbe Felstürme: senkrecht, riesig, bizarr.

MOTORRAD action team

Grenzgebirge Pyrenäen

Sie reichen vom Atlantik bis zum Mittelmeer. Und sie trennen den spanischen vom französischen Kulturraum. Gleichzeitig jedoch vereinen sie Motorradfahrer aller Herren Länder, die sich darüber einig sind, dass dieses Gebirge fahrerisch zum Besten gehört, was diese Welt für Motorradfahrer zu bieten hat. Wer die Pyrenäen mit dem action team erkundet, erfährt dabei nicht nur feinstes Kurvenvergnügen, sondern auch das Beste aus zwei Kulturen. Südlich der Grenze verspeist man hausgemachte Tortillas, nördlich den leckeren Fromage du Chèvre. Dazu trinkt man Rioja, Navarra oder Bordeaux. Es kommt darauf an, auf welcher Seite man gerade weilt. Quasi als Vorspeise genießen Zweiradler einen Kurventango vom Allerfeinsten.

Termine:
Pyrenäen    25.06.–04.07.2015    1590 Euro

Foto: Claude Schons
Sensationelle Ausblicke in wilde, zerklüftete Schluchten.
Sensationelle Ausblicke in wilde, zerklüftete Schluchten.

Frankreichs wilder Süden

Abrupt steigen die dicht bewaldeten, geheimnisvollen Cevennen aus der Ebene auf. Ihre zerklüftete Landschaftsstruktur macht die abgelegene Region zu einem idealen Motorradrevier, sodass das action team 2015 gleich zwei Rei­setermine anbietet. Mit einer Mischung aus kargen, windgepeitschten Hochplateaus und mitunter tiefen Schluchten bieten sie allen, die vor Touristenmassen und Hitze flüchten wollen, ein seit Jahrhunderten nur dünn besiedeltes Refugium. Hier lässt sich das ursprüngliche Frankreich noch ungefiltert erfahren.

Termine:
Ardèche – Cevennen    20.06.–27.06.2015    1350 Euro
Ardèche – Cevennen    05.09.–12.09.2015    1350 Euro

 

MOTORRAD action team, 70162 Stuttgart, Telefon 0711/182-1977, Fax -2017, E-Mail: info@actionteam.de, Internet: www.actionteam.de

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel