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Deutschland-Fan trifft auf Laos-Begeisterten – der eine mag Fußball, der andere Fahren.

Mit dem Motorrad unterwegs in Laos Ein Quäntchen Chaos gehört dazu

Fürs Motorradfahren im Eiltempo eignen sich viele Reiseziele auf dieser Erde. Laos nicht. Es macht lahm, aber das ist nicht schlimm.

War es erst die zweite Flasche 40-prozentigen Mineralwassers, die halb geleert auf dem Tisch stand? Später wird und will man sich nicht mehr so genau erinnern, genaue Wortlaute werden verdreht, widerrufen und zurechtgesponnen. Egal, Fakt ist, dass Tourguide Kay zu später Stunde neben dem Pool einer gepflegten nordthailändi­schen Hotelanlage nahe der Grenze zu Laos mit Dane Trophy-Erfinder Jens Föhl sowie anderen Mitreisenden heftig dar­über debattierte, was Reisen und was Rasen ist. Kay waren wohl einige Bläschen Kohlensäure zu Kopf gestiegen, als er aus­rief: „Ey, mal ehrlich, wollt ihr etwa Pussy­rider sein?“

Der Tag zuvor. Auf dem für seine Tausend Kurven berühmten Highway 1148 nördlich der Provinzmetropole Chiang Mai fetzt der nach Thailand ausgewanderte Deutsche auf einer 250er-Supermoto über den Asphalt, als gäbe es kein Morgen. Kay veranstaltet Reisen und ist damit beauftragt, die Teilnehmer der Dane Trophy 2015 durch Laos zu führen. So eine Tour durch das kommunistische Land ist recht exklusiv, denn in Laos sind nur gut zehn Prozent der Straßen asphaltiert, es geht auf über 1500 Meter hoch in die Berge, und es finden sich kaum bis keine Verleiher, die größere Maschinen als klapprige Mopeds bieten. Und thailändische Big Bike-Vermieter tun meist einen Teufel, ihre Maschinen ins etwas marode Nachbarland zu lassen. Wer sein eigenes Motorrad im Gepäck hat, prima, gute Fahrt! Aber an der Grenze wartet jede Menge nerviger Papierkram, und laotische Beamte können manchmal etwas, sagen wir mal anstrengend sein. Kay kennt aber die Tücken, spricht die Landessprache und bekam deshalb die Reiseleitung aufgetragen. Ach ja, ganz vergessen zu erwähnen: Kay bretterte schon als Jugendlicher über Motocross-Strecken in der DDR. Und hat immer noch einen Höllenspaß am Fahren. ­Insbesondere am Schnellfahren. Leider können ihm seine Schäfchen, die er als Guide ja eigentlich behüten sollte, dabei nicht ­immer folgen. Die Dane Trophy (Einzelhei­ten siehe auf Seite 108) will zwar echte ­Herausforderung sein, soll aber nicht nur Dakar-Profis und Isle of Man-Wahnsinnige an­sprechen. Nun, nachdem die Flasche hoch­pro­zenti­gen Sprudelwassers endgültig leer ist, nehmen die Laos-Anwärter mit ins Bett: „Gas geben oder Pussyrider sein?“

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Gashand zückeln und demütig tuckern

Der Morgen danach. Die tropische Sonne brät bereits unerträglich – über 30 Grad. Mundraum trocken, Gesicht zerknittert, Bauch voll mit einem Europa-Amerika-Fernost-Frühstücksmix aus Toast, Müsli, Bratreis, Chili, Tofu. Noch kurz einen weiteren Kaffee in Hallo-wach-Stärke, in der Hand der Zündschlüssel einer Kawasaki Versys. Ächzend die Omme in den Helm quetschen, Klappe auf, am Rest der Klamotten ebenfalls alles auf Volldurchzug stellen. Nur ein Wunsch: bitte, bitte fahren! Denn Stehen bedeutet Schwitzen, und zwar fieses Schwitzen.

Endlich laufen die Motoren. Der Vorsatz, es ­ruhig angehen zu lassen, ist schnell hinfällig, es wird wieder geballert. Aber okay, je schneller, desto kühler – Fahrtwind als probate Klimaanlage. Als allerdings direkt vor der Dane-Gruppe ein australischer Motorradtourist auf hinterhältigem Kies im Kur­ven­inneren ausrutscht und die Maschine in der Leitplanke als Kernschrott endet, zügeln alle die Gashand und tuckern demütig zur laotischen Grenze weiter.

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Schlag­löcher so groß wie Pools

Auf den Straßen in Laos könne man gar nicht schnell fahren, ist jedenfalls der Honda-Fahrer überzeugt, der am Übergang Huai Kon auf seine Einreisepapiere wartet. Der klapperdürre Mann fummelt eine Selbstgedrehte zusammen und grinst beim Anzünden mit braun verfärbten, renovierungsbedürftigen Zähnen. Deutscher Alleinreisender, von Beruf vermutlich Freak. Eingeschalt in ein seltsames Arrangement aus wulstigen Plastikschützern, wirkt er mit seiner wild abstehenden Fusselmähne wie eine schräge Puppenfigur aus der Muppet Show. „ImmernurGasgebendaskönntervergessendagibtsSchlaglöcherMannomann daverschwindenganzeAutosdrindasglaubt
ihrnichtechtHölleMannomann“ – ein Wortschwall ohne Punkt und Komma sprudelt aus dem Freak heraus, und er schildert sich ungefragt als Kenner des Landes, der schon zigmal mit dem Motorrad dort war. Die Nebenstraße durchs Gebirge sei spitze. Aber ohne Asphalt – und oft gesperrt oder nur mit leichter Enduro passierbar. Die Hauptroute sei auch klasse, viele Kurven und so, und in Hongsa müsse man unbedingt bei Monika, der österrei­chischen Wirtin vorbeischauen, die hätte den besten Kaffee weit und breit, und überhaupt, jederzeit auf Elefanten achten und viel trinken, weil heiß draußen. Puh, danke für den Vortrag. Das Ohr blutet, aber dieser krude Mix aus hoch verdichteten Reiseinfos ließ zumindest den stundenlangen Stillstand durch die Einreiseformalitäten fast vergessen. Der Freak hat jetzt seine Papiere und knattert wild winkend auf der 250er-Einzylinder davon.

Komischer Vogel, aber mit den Schlag­löchern hatte er recht: Bei manchen bräuchte man nur Wasser reinfüllen, fertig wäre der Pool. Es dämmert schon, und mit mäßigem Tempo rollt die Gruppe am Mekong entlang und setzt auf einer baufälligen Fähre über, die jeden Prüfingenieur schaudern ließe. Nachtlager in Pak Beng, einem unscheinbaren Dörfchen nahe des Goldenen Dreiecks mit ein paar Gasthäusern. Grelles Neonlicht aus Läden mit farbenfroh zur Schau gestellten Gemischtwaren beleuchtet die staubige Hauptstraße. Verliebte Teenager schlendern an Imbissständen mit frisch gegarten lokalen Spezialitäten vorbei, aus den wenigen Bars und Restaurants dringt leise Musik. Ein lauer Abend, entspannte Atmosphäre, viel Lächeln, zungenverbrennend scharfe Currys, erfrischend kaltes Bier und Limonade. Und ein gutes Bett, um den Knochen vor der nächsten Etappe etwas Ruhe zu gönnen.

Überholen wird zur Mutprobe

Die Versys erweist sich als unkomplizierte Begleiterin und multifunktionales Werk­zeug für laotische Straßen. Die Hauptrouten wirken zu mancher Tageszeit geradezu verwaist, mit Schmackes geht es dann voran, bis sich wiederum Laster und Busse aneinanderreihen, sodass Überholen auf teils zerklüfteten und bedenklich schmalen Bergstrecken zur Mutprobe wird. Sandige Pisten führen hinauf und hinab zu kleinen Ansiedlungen im Hinterland, wo abgeschottete Bergstämme unter einfachsten Bedingungen leben. Auf dem Asphalt viele Fußgänger, die sich mit bunten Schirmen gegen die tropische Sonne schützen. An­dere warten mit schwerem Gepäck, um per Anhalter auf Pritschenwagen mitgenommen zu werden. Klein- und Nutztier am ­Wegesrand, mitunter auch Großtier – sprich Las­tenelefanten – mitten auf der Straße. ­Unzählige Ortsdurchfahrten zwingen zur Langsamkeit. Langweilig wird es aber nie.

In der lebendigen ehemaligen Königsstadt Luang Prabang steht ein Ruhetag an. Bars, Straßencafés, Massagesalons sowie Tempelanlagen, Kulturstätten und Kunsthandwerkmärkte stehen zur Auswahl. Motor-Rikschas karren Touristen aus aller Welt und jeden ­Alters durch die Straßen, Exkursionen zu umliegenden Dörfern am Mekong sind mit Taxibooten oder dem eigenen Motorrad möglich. Nachts nach der Sperrstunde trifft sich das globale Partyvolk in einer Bowlinghalle vor den Toren der Stadt. Skurril. Laute Technomusik wummert, Bier und Schnaps fließen in Strömen. Schrillbunt gekleidete Asia-Ladys in Stöckelschuhen mit etwas zu kurzen Röcken und – oh Boy! – etwas zu dunklen Stimmen sowie ausgepräg­ten Adams­äpfeln und Oberarmmuskeln umwerben Backpacker, die torkelnd zum Wurf ansetzen und der Bowlingkugel beinahe hinterherpurzeln. Verrostete Armeelaster, produziert in kommunistischen Bruderländern, und jede Art fahrtüchtiger Untersatz bringen die Durchgefeierten im Morgengrauen zurück in die Hotels.

Fahrt woanders hin!

Beim Mittagsspaziergang am Flussufer oder zum alles in Goldlicht tünchenden Son­nenuntergang trifft man auf chine­si­sche Reisegruppen, deren Handykamera-Selfiestangen sich ineinander verhaken, verkaterte US-Collegeboys an Straßen­ständen mit vor Fett triefendem Fingerfood und extrem gelassene Einheimische, die im Schatten von Bäumen das wuselige Stadttreiben bei einer Partie Pappfeld-Kronkorken-Schach ausblenden.

Schade, dass die Motorräder gesattelt werden müssen. Es geht weiter nach Vang Vieng und in die Hauptstadt Vientiane. Aber auch wiederum schön, denn der tropisch warme Fahrtwind fühlt sich gut an, die sanft vorbeirauschenden Impressionen von Reisfeldern, Palmenhainen und glitzernden Flussläufen wirken belebend. Beschwingt fließt man eine Kurvenrutsche hinunter, gleitet frisch über gefällige Asphaltdünungen, rollt angeregt von einem Hochglanzpanorama zum nächsten.

Ihr lieben Heizer, Kurvenkratzer, Gasköppe und alle übrigen Schnellfahrer, euch sei geraten: Fahrt woanders hin! In Oschersleben oder der Eifel ist es auch schön, fürs Motorradfahren im Eiltempo eignen sich viele Reiseziele auf dieser Erde. Laos nicht. Es macht lahm, aber das ist nicht schlimm. Will man also Pussyrider sein? Na klar! Sonst verpasst man die Hälfte dieses wunderbar bunten Landes.

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