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Motorradreise in Malaysia Borneo Big Bikers

Sarawak ist ein malaysischer Bundesstaat und liegt auf Borneo, der drittgrößten Insel der Erde. Ein Tropen-Paradies mitten in Asien mit vielfältiger Natur und viel alter Kultur wie die der Kopfjäger-Stämme. Unterwegs auf zwei Rädern trifft man heutzutage dort auch andere Stammesbrüder an: die Borneo Big Bikers.

Warme Luft streichelt die Wangen, der Luftzug massiert Brust und Schultern. Fahrtwind. Unglaublich entspannend. Anhalten hieße schwitzen. Und zwar wie Sau. Temperatur: fast 40 Grad. Luftfeuchtigkeit: 98 Prozent. Ein Hundstag auf Borneo nahe des Äquators, mitten in den Tropen. Im Moment liebe ich sogar dieses winzige, beinahe schon lächerliche Moped. Weil es 100 Sachen und dadurch diesen wunderbaren Fahrtwind macht. Links und rechts fliegt dichte grüne Vegetation vorbei, Blätter, größer als Saunahandtücher, Blüten in allen Farben, betörende Gerüche – Ananas, Jasmin, Limone.

Der Motor surrt mit jugendlich hoher Stimme, das Fahrwerk poltert über kleinere Asphalt-Aufwerfungen und lose Holzbrückenbretter. Rustikale Fahrdynamik, aber egal, noch 20 Kilometer bis zum Strand. Das 130-Kubik-Moped ist definitiv keine Tourenmaschine, doch es ist bequem und liebenswürdig – und wir sind im Glück.

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Miete für eine Modenas-130er: 8 Euro pro Tag

Sarawak auf Malaysisch-Borneo, ein Gebiet, etwa ein Drittel so groß wie die Bundesrepublik. Es soll ein reiner Männerurlaub werden, nur mein Junior und ich. In der Provinzhauptstadt Kuching wollten wir ein Big Bike mieten, also ab 600 Kubik aufwärts. Angeblich in Malaysia kein Problem – auf Borneo anscheinend aber sehr wohl. Die drittgrößte Insel der Erde wird geteilt von Malaysia, Brunei und Indonesien. Auch die Indonesier mögen Big Bikes. Nur bezahlen wollen manche von ihnen dafür nicht. Der Motorradvermieter erklärte uns: „Ein Freund von mir hatte sich letzten Monat eine Hayabusa gegönnt. Tolles Motorrad, macht Spaß. Aber der Spaß währte kaum eine Woche. Die Diebe sind schnell, bis zur Grenze nach Kalimantan brauchen sie kaum eine Stunde. Und dann goodbye!“ Big Bikes haben deswegen nur die aller­wenigsten Motorradvermieter im Angebot. Brot-und-Butter-Mopeds oder Motorroller aus landeseigener Produktion könne man hingegen beinahe unabgeschlossen überall stehen lassen. Also gut, her damit, die Miete für eine Modenas-130er aus malaysischer Fertigung beträgt gerade mal acht Euro pro Tag, eine Tankfüllung im Mineralölland Malaysia kostet unter drei Euro. Ein günstiger Spaß also.

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Erstklassige Tourentipps der Borneo Big Biker

Der Damai Beach liegt eine Dreiviertelstunde nördlich von Kuching. Optimal für einen Nachmittag am Strand unter Palmen. Als sich die Sonne stimmungsvoll senkt, schnappen wir uns die Helme und gehen zum Parkplatz. Dort: Rund ein Dutzend gro­ße Motorräder stehen neben unserer kleinen Leihgurke geparkt. Harleys, Kawasaki-Supersportler, eine Ducati. Daneben Fahrer in Rennleder und Fransenlook. Ein bunter Haufen, alles Malaysier. Sie stellen sich als ­eine über Internet-Netzwerke organisierte Gruppe vor: die Borneo Big Bikers. Und überschütten mich nach meinem Outing als deutscher Motorradfahrer mit Visitenkarten und Reisetipps für die kommenden Tage. Am nächsten Vormittag steuern wir ­einen der Tipps an: das Semenggoh Wildlife Centre. Eine Stunde südlich von Kuching liegt ein Gebiet, in dem die wenigen verbliebenen, aber auf Borneo beheimateten Orang Utans in freier Wildbahn leben. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Dorthin führen zunächst etwas dröge Landstraßen, aber dann folgen ein paar nette Kur­ven. Wir stellen das Moped ab, und nach ein paar Hundert Metern zu Fuß entdecken wir tatsächlich die Menschenaffen. Grandios!

Überhaupt, die Tourentipps der Borneo Big Biker erweisen sich in den Folgetagen als erstklassig. Stef und Vivian aus Rotterdam, unsere Hotelnachbarn, begleiten uns. Diesmal leihe ich eine Yamaha mit Halb­automatik aus, die besser läuft. Wir finden gute Strecken, besuchen auf zwei Rädern die Nationalparks Gunung Gading, Kubah und Bako mit ihrer enormen Vielfalt an Flora und Fauna. Unter anderem finden sich dort Rafflesien mit den größten Blüten der Welt, außerdem Orchideen, Lianen, fleischfressende Pflanzen, zig verschiedene Palmenarten sowie Nasenaffen, Warane oder Flughunde. Aber auch Schlangen, Riesenspinnen und allerlei horrorfilmartiges Krabbelgetier am Boden – gut, dass wir feste Motorradschuhe anhaben.

Abseits von in Reiseführern verzeichneten Touristenhighlights ruft in abgelegenen Dörfern der Muezzin zum Gebet. Abgelenkt von diesen Impressionen, laufen wir wohl schon länger auf Reserve, denn plötzlich stirbt der Motor ab. Keine Tankstelle weit und breit. Schulkinder kommen des Weges und kichern verschämt. Wir schildern unser Problem pantomimisch, sie lachen. Aber geleiten uns schiebend zu einem kleinen Kiosk. Dort gibt es ein paar Liter Benzin in ausgedienten Wasserflaschen, die Rettung!

Herzlichkeit, die unter die Haut geht

Und dann ist es wieder dieser Fahrtwind, dieser duftende Jetstream, der uns mit der ganzen Exotik der wunderbaren Landschaft verzaubert. Wir passieren Reisebusse mit darin zusammengezwängten Touristen, die uns neidvoll nachschauen. Die Straßen sind meist gut, und bis auf ein paar junge Automobil-Jungspunde mit Fast-and-furious-Attitüde fährt man auf ­Malaysisch-Borneo sehr rücksichtsvoll. Ich fühle mich sicher, trotz des ungewohnten Linksverkehrs.

Nach 250 Kilometern Tagesetappe erreichen wir wieder die Peripherie von Kuching, verlieren uns aber in einem Industriegebiet. Ein Mann mit zwei Kindern auf dem Moped überholt uns und gibt Zeichen, ihm zu folgen. Der gute Mann begleitet uns fast zehn Kilometer bis zum Hotel, kurz vor Ankunft winkt er lächelnd zum Abschied. Ein fremdes Land – aber eine Herzlichkeit, die unter die Haut geht.

Nach erfrischender Dusche streifen wir durch China Town in Kuching. An einem chinesischen Tempel parkt eine nagelneue KTM Adventure 1190, wir bleiben davor stehen. Kurz darauf kommt ein Mann auf uns zu. Auf seinem T-Shirt steht: Borneo International Big Bike Festival. Wir kommen schnell ins Gespräch, und auf unsere Frage, wo man gut essen gehen kann, führt er uns zu einem kleinen Restaurant, empfiehlt eine Laksa Lemak. Das ist eine in einer großen Schüssel servierte landestypische Suppe aus Kokosmilch, Garnelen, Fisch, Huhn, Nudeln, geschnittenen Pfannkuchen, Zitronengras, Limetten, unzähligen Gewürzen und so vielen Chilischoten, dass es einem aus den Ohren herausdampft – kurzum: die totale Geschmacksexplosion.

Neue, identitätsstiftende Biker-Kultur

Hassan, gebürtiger Bornese, erzählt von jährlichen Bike-Festival in Städten wie Sibu und Kuching, zu denen ein paar Tausend Motorradfahrer und andere neugierige Besucher aus ganz Borneo und sogar dem Ausland pilgern. Ein internationales Volksfest. Aber nicht nur diese vergleichsweise neue, identitätsstiftende Biker-Kultur sei vielen wichtig, auch die traditionelle Stammeskultur habe nach wie vor hohen Stellenwert. Im malaysischen Teil von Borneo sind das hauptsächlich die Stämme der Iban und Bidayuh, deren Angehörige heutzutage noch rund ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Von den Nachfahren der berüchtigten Kopfjäger, bei denen noch bis in die 1960er-Jahre die abgetrennten Häupter der Feinde im Kochtopf landeten, um anschließend als Trophäen dekorativ an der Decke der guten Bambusstube zu baumeln, leben im 21. Jahrhundert nur noch die wenigsten in der Wildnis in traditionellen Longhouse-Kampungs (-Dörfern). Das sind bis zu über 100 Meter lange „Reihenhütten“, in denen ganze Dorfgemeinschaften unter einem Dach wohnen. Big ­Biker Hassan erzählt, die könne man zwar als Tourist besuchen, aber häufig seien es nur teure Folkloreshows, zudem oft schon ­ausgebucht. Auf einen Zettel kritzelt er die Adresse von einem Bidayuh-Mann, der wohl immer für einen Tipp gut sei.

"Ab hier kommt kein Motorrad der Welt weiter"

Nächster Tag. Goffrey, der uns vermittelte Bidayuh, ist Gold wert. Der herzliche Typ mit schallendem Lachen hat uns einen Besuch im Kampung seiner Verwandten gegen Selbstkosten organisiert. Wir fahren in Richtung indonesische Grenze in ein Hochlandgebiet, lassen Dörfer und letzte Zivilisationsposten hinter uns. An einem Staudamm parken wir. „Ab hier“, sagt Goff­rey, „kommt kein Motorrad der Welt weiter.“ Ein junger Mann mit abgetragenem Fußballshirt und einem Schlagmesser am Gürtel tritt aus dem Dschungel. „Das ist Martin. Er wird euch zu den Semban, einem Bida­yuh-Stamm führen“, erklärt Goffrey und verabschiedet sich.

Nach einigen Stunden auf einem handtuchbreiten Dschungelpfad, einigen abenteuerlichen Bambusbrücken, leitersteilen Aufstiegen über verschlungenes Wurzelwerk ist auch uns klar: Nicht mal ein Trialweltmeister käme hier auf zwei Rädern durch. Wir bleiben zwei Tage lang als Gäste im Semban-Kampung. Die Leute lassen uns teilhaben an ihrem abgeschiedenen Leben, wir essen wilde Mandarinen, in Bananenblätter eingewickelte Ananassprossen mit Reis, lassen uns den Pfefferanbau zeigen, und Martin führt uns zu einem erfrischenden Wasserfall mit natürlichem Badebecken.

Tropische Hitze, menschliche Wärme: Das ist Borneo Biking

Geschlafen wird auf blankem Bambusboden. „Ein insgesamt beschwerliches, aber sehr glückliches, einfaches Leben“, berichtet Dorfoberhaupt Swen. Die Dorfgemeinschaft jage schon seit ihrer Christianisierung vor gut 200 Jahren keine Köpfe mehr, versichert er, und statt unter einem Dach wohne man wegen der hohen Brandgefahr seit 1986 in einzelnen Hütten. Schwerverletzte oder Kranke würden auf ein paar Schultern verteilt ins Tal getragen. Manchmal müsse man auch auf halbem Weg wieder umdrehen – „das Begräbnis findet dann im Kampung statt, auf heiligem Boden“, sagt Swen mit traurigen Augen.

2014 soll das Gebiet zu einem Naturschutzgebiet umgewandelt werden, der Semban-Stamm wird dann umgesiedelt in eine erschlossene Neubausiedlung. Die ­Jugendlichen im Kampung freuen sich auf Handyempfang, Fernsehen und Busanschluss – mit den Alten wird die historische Stammeskultur des autarken Überlebens in der Wildnis dann aber wohl aussterben.

Tief beeindruckt von der Zeit mit den Semban im Dschungel von Borneo machen wir uns auf den Rückweg. Dankbar für diesen von den Borneo Big Bikern vermittelten Exklusiv-Ausflug, haben wir nach einem ­langen Marsch komplett überhitzt nur noch einen Wunsch: Fahrtwind! Wir starten die Motoren und cruisen bis zum westli­chen Insel­ende bei Sematan. Ein mehrere ­Kilo­meter langer, einsamer Strand empfängt uns.

Wir liegen am Wasser, relaxen und be­ob­achten blinzelnd, wie sich langsam dicke Wolken auftürmen. Besser wieder aufsatteln und zurück auf die Straße. Und dann kommt der Regen. Eine Dusche, es schüttet, es gießt. Wir lachen, dicke Tropfen prasseln aufs Helmvisier, mit durchnässten Klamotten fahren wir Kuching entgegen, der frische Fahrtwind erzeugt eine Gänsehaut. Tropische Hitze, menschliche Wärme: Das ist Borneo Biking.

Foto: Dentges
Reisedauer: 7 Tage; Gefahrene Strecke: 1100 Kilometer.
Reisedauer: 7 Tage; Gefahrene Strecke: 1100 Kilometer.

Infos

Stressfreier Traumurlaub: Um in ­Sarawak/Borneo eine Woche Motorrad ­fah­ren zu können, sollte man gut eine Zusatzwoche für An- und Abreise sowie Exkursionen ohne Motorrad einplanen.

Anreise: Flüge nach Kuala ­Lum­pur oder Singapur kosten ab 600 ­Euro und dauern zwischen zwölf und 15 Stunden. Nach ein oder zwei Übernachtungen mit lohnendem Städte-Sightseeing fliegt man von dort z. B. mit Air Asia nach Kuching auf Borneo (ab 60 Euro fürs Retour­ticket, ca. zwei Stunden Flugzeit).

Reisezeit: Es herrscht das ganze Jahr über tropisches Wetter mit Temperaturen über 30 Grad. Üblicherweise kann es am späten Nachmittag zu starkem Gewitterregen kommen. Der geringste Niederschlag fällt von Juni bis September. Von November bis Januar kann unter Umständen der Nordost-Monsun für Wettereintrübungen sorgen.

Motorrad mieten: In ­Sarawak leihweise an Motorräder über 600 cm³ heranzukommen ist schwierig. Auf dem malaysischen Festland starten Tagesmieten etwa für eine Kawasaki ER-6 oder Yamaha XT 660 ab 80 Euro, auf Borneo ­dürfte der Spaß teurer sein. Laut den Borneo Big Bikers gibt es in Kuching einen KTM-Händler, der eventuell auch Motorräder ver­mietet. Organisierte Touren mit grö­ßeren Motorrädern bietet Enrich Adventure (www.enrichadventure.com) in Kuching an. Ansonsten finden sich in der Provinzhauptstadt zahlreiche kleine Vermieter und ­Hotels, die Roller und Mopeds inklusive Helm für unter zehn Euro pro Tag vermieten. Da der Zustand der Maschinen jedoch sehr unterschiedlich ist, lohnt ein Vergleich.

Verkehr: auf der Insel – abgesehen von der 500.000-Einwohner-Stadt Kuching zu Stoßzeiten – völlig unproblematisch. An den Linksverkehr gewöhnt man sich schnell, und der Straßenzustand ist meist gut. Auf abgelegenen Landstraßen lauern allerdings teilweise fiese Schlag­löcher. Zufahrten zu Stränden sind oft nicht asphaltiert. In jedem ­größeren Ort findet sich min­destens eine Tankstelle.

Übernachten und essen: in Malaysia sehr günstig. ­Einfache Doppelzimmer im Back­packer Guesthouse mit Klimaanlage und Bad starten in Kuchings zentral gelegener China Town ab zehn Euro pro Nacht. In gehobenen Mittelklassehotels europäischen Standards werden selten mehr als 50 Euro verlangt. Malaysische und chinesische Gerichte werden in unzählig vielen Straßenrestaurants in hervorragen­der Qualität für kleines Geld angeboten. Suppen ab einem Euro, komplette Menüs für unter zehn Euro. Softdrinks, Kaffee und Tee ab 25 Cent, Bier ab 1,50 Euro.

Gesundheit: Hepatitis- und Tetanus-Impfungen sind wichtig. Der Gefahr einer Infektion durch Malaria oder Denguefieber wirkt man am besten durch extrem ­peniblen Moskitoschutz entgegen.

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