36 Bilder

Motorradreise in Nord-Thailand Dem Winter entkommen

Thailand? Ist das nicht ein tropisches Badeparadies? Ja schon, aber Thailand ist auch ein Traum-Spot für die kleine Winterflucht. Vor allem in den wilden Bergen des hohen Nordens locken fantastische Straßen, der mächtige Mekong, exotische Orte mit buddhistischer Kultur, merkwürdige Märkte und immer lächelnde Menschen.

Anzeige
Foto: Jo Deleker

"Sawasdee Ka“, begrüßt uns der Fahrer des Tuktuks am Flugplatz von Chiang Mai, verstaut uns samt Gepäck im übersichtlichen Innenraum seines kunterbunten Dreirads, lässt den Zweitakter nebst Borddisco aufjaulen und nimmt Kurs auf die Stadt. Der Crashkurs in Sachen Verkehr ist intensiv und verwirrend, zu viel für unsere vom langen Flug benebelten Sinne. Von allen Seiten drängeln Pick-ups, Tuktuks und die omnipräsenten Motorroller in jede noch so kleine Lücke. ­Eine äußerst turbulente Strömung, in der unser Fahrer geschickt mitschwimmt. Bloß nicht abreißen lassen. Im offenen Tuktuk sind wir mittendrin statt nur dabei. Und hier wollen wir Motorrad fahren? Oha.

Nach elf Stunden Tiefschlaf fühlen wir uns stark genug für die Stadt, tasten uns zu Fuß an den quirligen Mix und kommen auch mental so langsam in dieser fremden Welt an. Die vielen Tempel mit ihren großen Gärten sind wahre Oasen, Ruhepole im Lärm der Großstadt. Momente, den eigenen Akku wieder aufzuladen und über die kunstvoll mit Blattgold verzierten Buddha-Statuen zu staunen.

Genug der Stadt, wir wollen raus aufs Land, die Berge und Orte des Nordens sehen. Joe Sauerborn, deutscher Auswanderer und bester Motorradmechaniker von Chiang Mai, vermietet uns zwei Honda XR 250, optisch verlebt, technisch tadellos. Perfekt, um auch den kleinen Wegen im Urwald ihr Profil in den Sand zu gravieren. Ortlieb-Rolle festschnallen, tief durchatmen, an den Linksverkehr denken, konzentrieren und rein ins Gewühl. Hey, wir haben Lima, Neapel und Buenos Aires überlebt, da sollte Chiang Mai eine leichte Übung sein. Ist es auch, denn der Trubel sieht nur von außen chaotisch aus, wir registrieren schnell, dass die friedliche buddhistische Erziehung der Thais selbst im Verkehr wirkt. Keine Aggressivität, kein Hupen, keine Besserwisserei, alles fließt, wenn auch in kaum durchschaubaren Bahnen. Neapel ist schlimmer. Viel schlimmer.

Anzeige
Foto: Deleker

Wir dümpeln aus der Stadt, biegen bald von der Hauptstraße direkt in ein exotisches Paradies. Kaum noch Verkehr, Palmen, Bananen, Sonnenblumen, grüne Felder und hohe Berge, die im Mittagsdunst verschwimmen. Eine weich gezeichnete Landschaft. Die kleinen Hondas schnurren zufrieden, jedenfalls, solange es nicht bergauf geht. Dann wären ein paar PS mehr nicht schlecht, um sich die Roller vom Leib zu halten, die uns regelmäßig versägen. Wie machen die das nur? Thai-Tuning?

Unsere Köpfe schalten in den „Slow-Modus“, wir lauschen den plärrenden Motörchen, die sich tapfer im zweiten Gang hochschrauben. Immer weiter, immer höher, bis zum Mount Everest Thailands, dem fast 2600 Meter hohen Doi Inthanon. Motoren aus und staunen. Über die meterdicken, steinalten Urwaldriesen, die jagenden Nebelfetzen, die weite Sicht über die Berge und die erbärmlichen zehn Grad. Eindeutig zu wenig für unsere Sommerjacken. Nichts wie runter ins Tal nach Mae Chaem, wo wir das Navasoung Resort finden, das ein Finne betreibt.

Bei 25 Grad und einem gekühlten Chang-Bier auf der Terrasse lauschen wir dem Wetterbericht, der vor der winterlichen Kälte warnt, morgen soll es nur 27 Grad werden. Ein Witz? Keineswegs, denn so kalt wird es in Thailand nur selten. Cool, so ein Wintertag in den Tropen. SMS von zu Hause: „Schneeregen, Straßenglätte, voll doof, liebe Grüße.“ Sofort fühlt es sich noch cooler an, mit geöffnetem Visier durch Mae Chaem zu tuckern und die Nebenstraße 1263 zu suchen.

Foto: Deleker

Nicht immer sind die Wegweiser zu verstehen, je mehr neben der Straße, desto öfter „hieroglyphen“ die Schilder ausschließlich in Thai. Da hilft nur die eigene Nase als Pfadfinder weiter. Die 1263 ist genau der Stoff, aus dem die Träume des wintermüden Bikers sind. Eine einzige Achterbahn, durch Felder und Wälder, ab und an ein kleines Dorf mit Holzhäusern auf Stelzen und winkenden Kindern, die über unsere fetten Brummer staunen. Alles, was größer ist als ein Roller, gilt hierzulande als Big Bike.

Viel zu schnell trudeln wir in Mae Hong Son ein. Die kleine Stadt unweit der burmesischen Grenze ist Liebe auf den ersten Blick. Ganz anders als Chiang Mai, ruhig, entspannt, friedlich und übersichtlich, mit einem großen Teich und dem wunderschönen Tempel Wat Jong Kham direkt am Ufer. Weiße Pagoden mit goldverzierten Türmen, melodischer Singsang der Mönche fließt aus dem Tempel. Exotischer geht’s kaum. Abends rollen fliegende Händler ihre Stände auf die Promenade, bieten kitschige Andenken, Musik-CDs und Popcorn an. Auf mobilen Grills rösten Hühnerfüße, Heuschrecken und knusprige Maden.

Zuschauen, die friedliche Atmosphäre genießen und den angestrahlten Tempel bewundern. Mae Hong Son entspannt. Und ist zugleich der perfekte Ausgangspunkt für spannende Ausflüge in die Berge. Die berühmte Mae Hong Son Loop, die Straße der 1864 Kurven, mäandert von hier nach Osten, kennt weder Geraden noch Ebenen. Eine Offenbarung in Sachen Fahrspaß. Doof nur, dass heute der 5. Dezember ist, König Bhumibols Geburtstag, der höchste Feiertag im Land. Seit 1946 regiert der greise König, das ist Weltrekord. Die Thais nutzen den Feiertag, um sich mit jeder der 1864 Kurven anzulegen. Da weichen wir lieber aus, stauben über rot-gelbe Pisten durch dichte Wälder.

Es ist fast dunkel, als wir in Pai ankommen, dem legendären Aussteigerparadies. Das allerdings war gestern, heute macht Pai aus genau diesem Mythos Geld. Unzählige Touristen suchen die verwegene Atmosphäre der verruchten Hippie-Hochburg, die längst vom Kommerz erstickt wurde. Die meisten Alt-Hippies haben sich etabliert, besitzen Cafés, Massagesalons oder Bioläden. Sogar das öffentliche Kiffen ist inzwischen verboten, was soll da noch spannend sein? Nichts wie weg hier.

Foto: Deleker

An den nächsten Tagen meiden wir die großen Straßen, hangeln uns über kleine Wege in die raue Bergwelt. Und die hat es in sich, erinnert nicht einen Moment an ein tropisches Paradies. Nebel und tiefe Wolken flitzen über 2000-Meter-Berge, die die Grenze zu Burma bilden. Ab und an ein malerisches Dorf, oft von chinesischen Flüchtlingen bewohnt, ansonsten nur Berge und Wald. Ab und an stoppen uns Militärkontrollen. Die jungen Soldaten sind an unseren Big Bikes interessiert: „Wie schnell?“ „Na, so 80 laufen sie locker.“ Enttäuschte Blicke, beiderseitiges Kichern, gute Fahrt.

Bei Chiang Saen erreichen wir den Mekong, mit 4500 Kilometern der zehntlängste Fluss der Erde. Breit und ruhig strömt er dahin, am anderen Ufer ist Laos. Fischer treiben in langen und schmalen Holzbooten, den Longtails, auf dem Fluss, hoffen auf fette Beute. Unser Besuch am legendären Goldenen Dreieck fällt kurz aus. Die sagenhaften Geschichten des Opiums, das hier tonnenweise produziert wurde und in Burma noch immer wird, locken Tausende von Touristen an. Was für ein Nepp. Lieber lassen wir die Hondas auf der aussichtsreichen kleinen Straße laufen, die sich direkt ans Mekong-Ufer schmiegt. Noch fließt der große Fluss frei, aber größenwahnsinnige Staudammprojekte in Laos bedrohen das ökologische Gleichgewicht und die Lebensgrundlage der Fischer am großen Fluss.

Südlich von Chiang Khong verlassen wir den Mekong, legen uns wieder mit den Bergen an. Die 1093 ist eine der spannendsten Straßen des Landes. Kurven bis zum Ab­winken, grüne Berge bis zum Horizont, und ihr berühmtester ist der Phu Chi Fah, zwar nur 1653 Meter hoch, aber für die Thais ein absolutes Must. Als ich bei Sonnenaufgang den Gipfelgrat hochkeuche, bin ich nicht allein. Mindestens 200 Thais warten darauf, dass sich die rote Kugel aus dem Nebelmeer über Laos erhebt. Schnelle Wolkenfetzen jagen über den Gipfel, erlauben nur kurze Blicke ins Nachbarland, das sich unter dem weißen Wattemeer versteckt. Trotz des Trubels ist dies einer der eindringlichsten Momente der Tour, die Atmosphäre magisch, die Aussicht Extraklasse. Und schon nistet sich ein neuer Reisevirus in mein Hirn, mit kleinen Enduros durch Laos kreuzen.

Foto: Deleker

Noch zwei Tage bis Chiang Mai, zwei Tage Kurven swingen, die Hondas bergauf zur Höchstleistung anstacheln – längst überholt uns kein Roller mehr – und sich fast kindisch über 28 Grad im Dezember freuen. Und dann wieder die Stadt. Hektik, Lärm und rasend schnell wechselnde Gerüche, oft interessant, sehr eindringlich, mal fies, mal lecker, selten definierbar, die komplette Bandbreite von modrigem Fisch über verbranntes Öl bis zu Lavendelblüten. Schade, dass man Gerüche auf keiner Speicherkarte fixieren kann, das gelingt nur im Kopf. Und der hat immer noch ein wenig Platz, trotz der unendlich vielen Eindrücke, die uns Thailand geschenkt hat.

Foto: Deleker

Reise-Infos

Der Norden Thailands eignet sich perfekt für die kleine Winterflucht. Subtropisches Klima, eine sehr abwechslungsreiche Landschaft, immer lächelnde Menschen, eine gute Infrastruktur und gute Mietmotorräder machen die Reise zur einfachen Übung.

Hauptstadt: Bangkok
Fläche: 513 115 km2
Religion: zu 95 % Buddhismus
Währung: Bath
Einwohnerzahl: 69 Millionen

Anreise: Die mit etwa 14 Stunden schnellsten Flüge bietet Thai Airways von Frankfurt über Bangkok nach Chiang Mai an. Tickets gibt es ab 800 Euro. Etwas günstiger, aber durch Zwischenstopps deutlich länger, sind Flüge mit arabischen Airlines.

Reisezeit: Thailands Norden hat drei Jahreszeiten, den recht trockenen Winter von November bis Februar mit Tageshöchsttemperaturen von etwa 30 Grad, die heiße Jahreszeit von März bis Mai mit hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen über 35 Grad sowie die Regenzeit von Juni bis Oktober, in der die Temperatur auch deutlich über 30 Grad steigen kann.

Einreise und Verkehr: Der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein. Das Touristenvisum gilt 30 Tage und wird bei der Einreise ausgestellt. Thais fahren zügig, aber selten aggressiv, dafür immer auf der „falschen“ Seite (Linksverkehr). In der Stadt ist der Verkehr chaotisch, wer zaudert, verliert. Über Land geht es dank der dünnen Verkehrsdichte eher ruhig zu. Wer auf Italiens Straßen zurechtkommt, wird in Thailand keine Probleme haben.

Foto: Werel/MairDumont

Geld: Landeswährung ist der Bath. Einem Euro entsprechen 40 Bath. Die Geldbeschaffung erfolgt am einfachsten über Kreditkarte an Bankautomaten. Thailand ist ein günstiges Reiseland. Für einen Euro kann man sich an Garküchen am Straßenrand satt essen. In Restaurants kostet ein Abendessen ab zwei Euro. Akzeptable Hotelzimmer gibt es schon für weniger als zehn Euro.

Motorräder: Joe Sauerborn (Kontakt: joes.bike.team@gmail.com) bietet Honda XR 250 an sowie Kawasaki ER-6n. Die Hondas kosten 25 Euro pro Tag, die Kawas 30 Euro. Mietroller gibt es an fast jeder Straßenecke für ein paar Bath.

Gesundheit: Mit der für tropische Länder üblichen Vorsicht kommt man in Thailand prima klar: kein Leitungswasser trinken, keinen Salat, kein Eis, kein ungeschältes Obst essen („Cook it, peel it, or forget it“). Trotzdem ist die Rache von Montezuma manchmal unvermeidbar, schon allein der ungewohnten Küche wegen. Impfungen sind nicht vorgeschrieben. Im Winter gibt es im Bergland des Nordens kein Malariarisiko.

Infos:
Am besten funktioniert die Infosuche übers Internet:
www.thailandtourismus.de
www.thaizeit.de
www.thailand-ticket.de
www.thailandsun.com

Sehr gute Infos zum Motorradfahren im Norden des Landes gibt es unter:
www.gt-rider.com
www.rideasia.net

Als guter Begleiter vor Ort eignen sich folgende Reiseführer: Reise Know-How für 24,90 Euro, Stefan Loose für 27 Euro sowie der englischsprachige Lonely Planet für 27 Euro.
Die besten Landkarten gibt es vor Ort in Chiang Mai, von GT-Rider die Blätter „Golden Triangle“ und „Mae Hong Son Loop“. Brauchbar sind ferner die Nordthailand-Karte von Berndtson sowie die Blätter „Chiang Mai“ von Globetrotter Travel Map und von Periplus Travel Maps.

MOTORRAD action team: Für die geführte Tour auf Kawasaki ER-6n auf der fast identischen Reiseroute sind noch Plätze frei. Termin: ab 25.2.2013, www.actionteam.de

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote