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Motorradreise Panamericana Teil 1 Von Alaska nach Kalifornien

Ein MOTORRAD-Volontär erfüllt sich einen Lebenstraum und will von Alaska nach Argentinien - 30.000 Kilometer, sechs Monate, mehr als ein Dutzend Länder. Bis an die mexikanische Grenze ist er schon mal gekommen.

Völlig durchnässt stehe ich am Flughafen auf dem Mitarbeiter-Parkplatz der Spedition FedEx und reiße die Pappe und Folie von der Kiste. Sehnsüchtig habe ich auf diesen Moment gewartet, endlich ist die Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré in der Worldcrosser-Edition bei mir.

In weniger als einer Stunde schraube ich das Transportgestell auseinander, in dem das Motorrad steckt, montiere Scheibe, Spiegel, Lenker und Seitenverkleidungen und setze in einer abenteuerlichen Aktion mithilfe eines Gabelstaplers und eines dünnen Spanngurts das Vorderrad ein. Ich drehe den Zündschlüssel, drücke den Starterknopf: geschafft. Die ersten Umdrehungen des Zweizylinders blasen all die Sorgen und den Ärger der letzten Tage aus meinem Hirn. Vergessen die Zollämter in Stuttgart und Düsseldorf, die das Motorrad mit den vorhandenen Dokumenten nicht abfertigen wollten, vergessen der Ärger über die Leute von FedEx, die das Motorrad tagelang in Frankfurt haben stehen lassen. Jetzt und hier ist das alles egal, die Tour meines Lebens beginnt. Vom nördlichs-ten befahrbaren Punkt Nordamerikas, Deadhorse/Prudhoe Bay in Alaska, möchte ich nach Ushuaia an der Südspitze Argentiniens. Seit Jahren habe ich diese Reise im Kopf, jetzt ist endlich der richtige Zeitpunkt gekommen.

Noch immer regnet es heftig, die Temperaturanzeige im Cockpit meldet elf Grad - und dennoch hat Motorradfahren nie mehr Spaß gemacht als in diesem Moment. Ich verlasse Anchorage -Richtung Norden, will es heute noch bis zum 360 Kilometer entfernten Denali Nationalpark schaffen.

An einer Kreuzung hält ein Auto neben mir, die Scheibe geht runter, und ein Typ mit Karohemd, Schnauzbart und Hut ruft zu mir herüber, dass am 21. und 22. Juni in Dawson City in Kanada das Dust to Dawson-Motorradtreffen stattfindet. Mehr als 250 Motorräder wie meines würden erwartet, außerdem sei es das 20. Jubiläum. Die Ampel springt auf Grün, der Typ verschwindet so plötzlich, wie er gekommen ist.

Die Temperatur fällt stetig, als ich im Nationalpark ankomme, sind es noch acht Grad, aber immerhin regnet es nicht mehr. Am Parkeingang warnt mich die Rangerin: Um Himmels Willen bloß keine Lebensmittel im oder vor dem Zelt lagern, denn die hier
weitverbreiteten Bären haben ausgezeichnete Nasen und immer Hunger. Ich esse meine Pringles, Snickers und die Dose Thunfisch einfach selber auf und falle erschöpft in den Schlafsack.

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Foto: Heerwagen
Bonneville: Der Salzsee im Westen Utahs ist berühmt für Rekordfahrten.
Bonneville: Der Salzsee im Westen Utahs ist berühmt für Rekordfahrten.

Am nächsten Morgen klart der Himmel hin und wieder auf, Wolkenlücken geben den Blick frei auf schneebedeckte Berge. In sanften Bögen windet sich die Straße durch den Nationalpark, rechts und links ragen Nadelbäume hoch hinauf, alles sattgrün. Nur die ersten 28 Kilometer der Stichstraße in den Park sind privat befahrbar, danach geht es nur noch mit Shuttle-Bussen weiter. Die Chance, einen Blick auf den Mount McKinley zu erhaschen, den mit 6194 Metern höchsten Berg Nordamerikas, sind trotz der Wolken-lücken gleich null. Ich drehe um und fahre weiter nach Norden.

Meine Finger sind kalt und steif, es regnet noch immer, die Temperatur steigt kaum über acht Grad. Jetzt ein heißes Bad! Nur 100 Kilometer östlich liegen die Chena Hot Springs: Heiße Quellen speisen einen Felsenpool, und was gibt es Schöneres, als seine verspannten Muskeln in 55 Grad warmem Wasser zu lösen? Ich biege ab und sehe auf dem Weg zu den Quellen zwei Biber und einen Elch in einem der unzähligen Seen. Nach über zwei Stunden im Pool bin ich tiefenentspannt und suche mir einen Campingplatz.

Am nächsten Tag passiere ich Fairbanks und sehe zum ersten Mal die Trans-Alaska-Pipeline neben der Straße. Sie erstreckt sich vom Ölfeld in Prudhoe Bay ganz im Norden bis zum Hafen in Valdez ganz im Süden Alaskas. Ein Fünftel des US-amerikanischen Ölbedarfs wird über diese Pipeline gedeckt; entsprechend häufig sehe ich Security-Fahrzeuge patrouillieren. Tankstellen gibt es jetzt nur noch selten, und ich mache einen Fehler: In der festen Überzeugung, im etwa 100 Kilometer entfernten Ort Livengood gebe es Benzin, lasse ich die Zapfsäulen neben mir links liegen, fahre weiter und wundere mich noch über das Schild „Next service 118 miles“ - knapp 190 Kilometer. Und tatsächlich: kein Benzin in Livengood! Ich schleiche weiter, die Reserveanzeige blinkt seit einer gefühlten Ewigkeit. Endlich der nächste Ort, nach knapp 410 Kilometern gehen etwas mehr als 20 Liter in den Tank der Super Ténéré - die Generalprobe für den nächsten Abschnitt ist bestanden.

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Foto: Heerwagen
Fotogene Skyline: auf dem Weg zum höchsten Punkt in San Francisco, den sogenannten.
Fotogene Skyline: auf dem Weg zum höchsten Punkt in San Francisco, den sogenannten.

Ein von Kugeln durchsiebtes Schild kündigt den berüchtigten Dalton Highway an. Asphalt und Schotterpisten wechseln sich zu Beginn der 666 Kilometer langen Strecke nach Deadhorse ab, doch das soll sich schnell ändern. Für das obligatorische Foto am Polarkreis halte ich kurz, Mückenschwärme treiben mich weiter. Die Tundra beginnt, langsam verschwinden die Bäume - in den langen, dunklen Wintermonaten gibt es kaum Licht für die Fotosynthese, nur flache Büsche und Gräser säumen jetzt noch die Piste.

Hinter der Raststätte in Coldfoot beginnt das große Nichts. Keine Tankstelle, keine Werkstatt, kein Handynetz, kein Campingplatz. 390 Kilometer Schotter mit angeblich rücksichtslosen Truckern und furchtbaren Streckenverhältnissen liegen vor mir - erzählen zumindest andere Motorradfahrer. Sorgen um die Yamaha mache ich mir nicht- die Super Ténéré vermittelt von Anfang an den Eindruck, als wenn ihr nichts und niemand etwas anhaben könnte.

Nach einiger Zeit frage ich mich, wann es schwieriger wird, denn die Schotterpiste ist relativ breit und erstaunlich gut präpariert. Ich lasse es rollen, meine Geschwindigkeit pendelt mittlerweile um die 80 km/h. Entgegenkommende Trucks ziehen gewaltige Staubfahnen hinter sich her, nebeln mich komplett ein, zwischen den Zähnen knirscht es. Von oben bis unten bin ich mit feinem Staub bedeckt. Die meisten Trucks bremsen jedoch sichtbar ab, wenn sie mich kommen sehen. Einige Passagen mit noch losem Schotter bringen mich etwas ins Schlingern, ansonsten gibt es keine großen Herausforderungen, auch dank der Continental TKC 80, die sich ordentlich in den Boden krallen.

Foto: Heerwagen
Los Angeles: Schwarzenegger- Freund und B-Movie- Star Ralf Möller.
Los Angeles: Schwarzenegger- Freund und B-Movie- Star Ralf Möller.

Wartungstrupps bessern ständig die Piste aus, damit der Materialnachschub zum Ölfeld nicht unterbrochen wird - der Dalton Highway ist in wirklich gutem Zustand. Kurz vor Mitternacht steht die Sonne links neben mir flach über dem Horizont, sendet warmes, goldenes Licht, während sich in einiger Entfernung rechts ein Regenbogen aus den dunklen Wolken bildet. Wahnsinn! Gegen zwei Uhr morgens schlage ich mein Zelt etwas abseits der Piste an einem Fluss auf und schlafe trotz Helligkeit schnell ein.

Am nächsten Vormittag erreiche ich Deadhorse und damit den eigentlichen Startpunkt meiner Reise. Das Navigationsgerät zeigt 70 Grad, 12 Minuten nördliche Breite - von nun an geht’s für mich nur noch Richtung Süden. Ich drehe ein paar Runden zwischen all den Tanks, Trucks, Werkstätten und Wohncontainern, alles hat nur eine Farbe: Staubgrau. Zu sehen gibt es nichts, nie galt der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ mehr als auf dem Dalton Highway nach Deadhorse. An einer winzigen Holzhütte tanke ich schlechten, teuren Sprit, vor einem Hotel unterhalte ich mich mit ein paar anderen Motorradfahrern und breche nach rund zwei Stunden wieder auf. Das nächste Ziel ist Dawson City in Kanada. Das Jubiläum des Dust to Dawson-Motorradtreffens im Yukon Territory ist der Hammer: Die schillerndsten Typen auf Motorrädern aller Klassen treffen sich hier zum Feiern. Sie reden Benzin, lernen einander kennen, messen sich in Geschicklichkeitsspielen, die an Fantasie und Spaß kaum zu überbieten sind. So muss es auch im Wilden Westen gewesen sein, hier kann ich erahnen, was zu Zeiten des Goldrauschs los war. Kneipen quellen über, Mädels tanzen, wilde Kerle schlagen über die Stränge, doch die Stimmung bleibt gut und das Treffen für immer in meinem Gedächtnis. Nachdem meine Yamaha ausgiebig bewundert wurde, mache ich mich wieder auf den Weg nach Süden.

Verlasse das Yukon Territory, durchquere British Columbia mit seiner faszinierenden Natur und seiner gastfreundlichen Bevölkerung. Nähere mich der Grenze der Vereinigten Staaten und genieße die zunehmende Wärme. In San Francisco erlebe ich neben anderen Panamerica-Fahrern derart nette Menschen, dass ich gar nicht mehr weg will. In Los Angeles treffe ich Hollywood-Regisseur Paul Verhoeven und Ralf Möller, einen der wenigen Deutschen, die hier Star-Status erringen konnten. Auch hier: Party-Einladungen zuhauf, coole Leute, skurrile Begegnungen und unvergessliche Ausflüge in die grandiosen Nationalparks des amerikanischen Westens.

Imer mehr stelle ich fest, dass es eigentlich die Unterbrechungen sind, die die Reise zum Erlebnis meines Lebens machen. Was nicht heißen soll, dass die Marathon-Trips auf der Yamaha keine genialen Erlebnisse sind. Die Ténéré ist mein Zuhause, mein Bezugspunkt auf dieser Panamericana. Es ist ein Genuss, mit dem spurstabilen Fahrwerk Dreckpisten aufzusuchen, um das Bike aus der Reserve zu locken. Das gelingt hier im Westen der USA kaum, da müssen schon andere Herausforderungen her. Zum Beispiel Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Panama. Wie ich über den Darien Gap nach Kolumbien komme, ist noch nicht klar. Meine Reise bleibt spannend ...

Infos

Es ist der alte Traum: einmal von Alaska nach Feuerland. Bis an die mexikanische Grenze kein Problem, dahinter warten Herausforderungen. Grundlagen-Infos:

 

Transport: Je nach Flug-anbieter oder Spedition gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Motorrad zu transportieren. Am einfachsten ist es, das Motorrad direkt auf eine Palette zu stellen und zu verzurren, ohne irgendwelche Teile ab- oder Räder auszubauen. Da hier Volumen im Flugzeug „verschenkt” wird, ist diese Art des Transports je nach Zielflughafen relativ teuer. Bei einem Transport in einer Kiste gilt in der Regel: je kleiner die Kiste, desto günstiger. Unser Autor organisierte sich von einem Motorradhändler eines jener Metallgestelle, in dem neue Motorräder geliefert werden. Diese Gestelle landen beim Händler normalerweise im Schrottcontainer und kosten daher nicht viel. Die Speditionen verlangen eine geschlossene Kiste, daher verkleidet man die Gestelle entweder mit Sperrholz oder dicker Pappe. 

EPA - letter of exemption: Wer ein Fahrzeug per Luftfracht in die USA importiert - auch temporär für Reisezwecke - muss grundsätzlich von der Environmental Protection Agency, der amerikanischen Umweltschutzbehörde, eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Dieser Letter of Exemption bescheinigt, dass das Fahrzeug nicht den amerikanischen Abgasvorschriften entsprechen muss. Per Mail werden vorab persönliche Kontaktdaten, Grund und Dauer der Einfuhr sowie die technischen Daten des Fahrzeugs übermittelt. Sollte die EPA keine Einwände haben, stellt sie innerhalb von maximal drei Wochen die Genehmigung aus - das alles läuft problemlos per Mail und ist kostenlos. Weitere Informationen und Kontakt: www.epa.gov

Internationaler Fahrzeugschein: Er ist nicht zwingend erforderlich, kann aber besonders in Südamerika die Grenzübertritte erleichtern. Außerdem dient er als Reserve, falls der nationale Fahrzeugschein gestohlen wird oder verloren geht. Für rund 15 Euro bekommt man den internationalen Fahrzeugschein bei der zuständigen Zulassungsstelle.

Speditionen und Preise: Nur wenige Speditionen übernehmen Motorradtransporte nach Alaska. Die Spedition Kroll-International erstellte für den Transport per Luftfracht von Frankfurt nach Anchorage ein Angebot über 1750 Euro. Leisure Cargo, das Frachtunternehmen von Air Berlin, kalkulierte den Transport mit 1250 Euro, Yusen Logistics lag mit 1550 Euro in der Mitte. Je nach Angebot ist die Abholung der Kiste am Heimatort bereits im Preis enthalten. Um alle nötigen Zolldokumente sowie den erforderlichen Luftfrachtbrief und die Gefahrgutdeklaration kümmert sich die Spedition.

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