Hoffentlich blüht einem bei der sengenden Sonne nicht das selbe Schicksal.

Motorradreise Panamericana Teil 2 Strände, Dschungel, Schotterpisten

Das Abenteuer Panamericana geht weiter. Zu karibischen Stränden in Mexiko, durch den heißen Dschungel Mittelamerikas, auf Schotterpisten über die Anden. Bis zur südlichsten Stadt der Welt – Ushuaia.

Seit Stunden brennt die Sonne vom Himmel, bei über 30 Grad im Schatten bricht in den dunklen, schweren Textilkombis der Schweiß aus allen Poren. War vielleicht doch keine so gute Idee, mit voll bepackten Motorrädern einen etwa 100 Kilometer langen Abschnitt der Originalstrecke der Rallye „Baja 1000“ durch weichen Sand zu fahren. Völlig ausgelaugt schlage ich gemeinsam mit drei Australiern abends die Zelte an einem einsamen Strand auf.

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Dichter Dschungel in Belize

Einige Tage später das Kontrastprogramm: Über mehr als 300 Kilometer reiht sich Kurve an Kurve, eine kleine Straße schlängelt sich durch grüne Wälder von Meereshöhe bis auf 2800 Meter. Den mexikanischen Unabhängigkeitstag feiern wir mit Einheimischen und viel Tequila. Mehr als vier Wochen bleibe ich in Mexiko, liege an den karibischen Stränden der Isla Mujeres, tauche in glasklarem Wasser, schaue mir Maya-Ruinen an und fahre insgesamt mehr als 7000 Kilometer. Wer nicht gerade nachts allein durch dunkle Straßen geht oder fährt, hat in Mexiko wenig zu befürchten.

Gleiches gilt für Belize, das komplett aus dichtem Dschungel zu bestehen scheint. Riesige Farne hängen auf die Straße, die sich durch sattgrüne Landschaften windet. Die hohe Luftfeuchtigkeit macht mir zu schaffen, es ist drückend heiß, kein Luftzug weht unter dem bleiernen Himmel. In allen Dörfern winken mir Kinder in Schuluniformen zu. Später sehe ich wieder Uniformen, diesmal in leuchtendem Orange: Ein Dutzend Gefangene beackert ein Feld, bewaffnete Wärter auf Pferden haben ein wachsames Auge auf sie.

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Honduras, Nicaragua, Costa Rica, Panama

Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama sind kleine Länder, in denen ich jeweils nur wenige Tage bleibe. Ich gebe Gas, will endlich der schwülen Hitze Mittelamerikas entfliehen und lasse das Motorrad per Luftfracht von Panama nach Kolumbien fliegen. Eine befahrbare Landverbindung gibt es nicht, der Transport per Schiff würde kaum weniger kosten.

Ecuador bietet neben Bananen- und Kaffeeplantagen auch atemberaubende Motorradstrecken: Fast 1000 Kilometer schwinge ich auf guten und wenig befahrenen Landstraßen durch das kleine Land und überquere hier den Äquator. Das Klima ist angenehm warm, auch in Peru. An der Küste verläuft die Panamericana hier als langweilige vierspurige Autobahn. Also ab in die Berge!

Ein Beutel Kokablätter auf fast 5000 Metern Höhe

Auf kleinen Schotterpisten schlängele ich mich von Tal zu Tal, brauche manchmal einen ganzen Vormittag für 100 Kilometer. Es geht hoch hinauf in die peruanischen Anden. Auf fast 5000 Metern Höhe verkauft mir eine alte Frau für umgerechnet 50 Cent einen Beutel Kokablätter. Gekaut oder als Tee gekocht, sollen sie Kopfschmerzen verhindern. Auf 4150 Metern Höhe schlage ich das Zelt auf. Die Temperatur fällt rapide, am nächsten Morgen glitzert Eis auf der Yamaha.

Foto: Heerwagen
Der Titicacasee.
Der Titicacasee.

Um nach Bolivien zu gelangen, muss ich über den Titicacasee, den mit 3820 Metern höchstgelegenen See der Welt. Auf dem wackligen Floß steht vor mir ein tonnenschwerer Lkw, einen halben Meter hinter mir plätschert das Wasser, während die Holzbohlen bedenkliche Geräusche von sich geben. Kurz vor La Paz steuere ich eine Tankstelle an und zahle als Ausländer ganz offiziell den drei­fachen Preis dessen, was Einheimische zahlen. Mehr als 85 Oktan gibt’s hier nicht, aber die Yamaha verbrennt alles ohne Probleme.

Ausgangssperre wegen Volkszählung

Merkwürdig, warum ist es draußen so ruhig? Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Straßen der Millionenstadt La Paz wie leergefegt. Wegen einer Volkszählung herrscht im ganzen Land Ausgangssperre. Wenn sie sonst auf die Straße dürfen, fahren die Bolivier vergleichsweise gesittet. Gefühlte 90 Prozent der Fahrzeuge sind Minibusse, die als Gemeinschaftstaxis dienen. Denn Bolivien ist arm, es mangelt an vielem. Wellblechdächer bedecken Lehmhütten, ich sehe kaum Krankenhäuser, nur wenige Schulen. Traurige Gesichter sehe ich dennoch nicht. Kinder treiben lachend mit Stöcken eine alte Fahrradfelge vor sich her, Frauen hocken mit einem Waschbrett am Fluss, Ochsen ziehen Pflüge durch trockene Felder. So muss es in Deutschland vor 100 Jahren gewesen sein, und ich fühle mich mit der modernen Super Ténéré etwas fehl am Platz.

Foto: Heerwagen
Reynaldo baut im Bergwerk Zinn, Zink, Blei und Kupfer ab.
Reynaldo baut im Bergwerk Zinn, Zink, Blei und Kupfer ab.

Für zehn Dollar buche ich eine Tour in ein Bergwerk im berühmten Silberberg bei Potosi. Dichter Staub legt sich innerhalb von Minuten über alles, das Licht der Kopflampen frisst sich durch die Dunkelheit. Mehr als fünf Stunden krieche ich mit anderen Besuchern durch das instabile Stollensystem im Inneren des Cerro Rico. Unter unvorstellbaren Arbeitsbedingungen bauen die Mineros hier oben auf 4000 Metern Höhe Kupfer, Zink, Zinn und Blei ab. Die Arbeiter betäuben sich mit Kokablättern und einem Schnapscocktail aus 96-prozentigem Alkohol, und wir rennen um unser Leben, als ein Minero vor unseren Augen die Lunten einer Handvoll Dynamitstangen anzündet. Bloß raus hier!

Die Abendsonne wirft lange Schatten, während ich auf einer nagelneuen Asphaltstraße zum Salar de Uyuni fahre. Ein einfaches Zimmer in Uyuni kostet fünf Dollar pro Nacht, am Abend fällt wieder mal der Strom aus. Völlig normal hier. Früh am nächsten Morgen fahre ich auf den mit rund 10500 Quadratkilometern größten Salzsee der Welt. Es knirscht unter den Reifen, und das Salz reflektiert das gleißende Licht – ohne Sonnenbrille und Visier geht hier nichts. Ohne Kompass auch nicht, denn so weit das Auge reicht, sehe ich nichts als Weiß. Nach 150 Kilometern Kurs Süd über die topfebene Oberfläche verlasse ich den See und komme auf die schlimmste Waschbrettpiste, die ich bislang befahren habe.

Rallye Dakar von Argentinien nach Chile

Mit Alex, einem Freund aus Deutschland, folge ich der Rallye Dakar von Argentinien nach Chile – 3500 Kilometer in einer Woche bei Temperaturen von über 33 Grad. Cyril Despres und Co. preschen auf einigen Abschnitten nur zwei Meter entfernt vorbei, auf den Überführungsetappen fahren wir auf der Straße inmitten des Rallye-Trosses. Ein tolles Erlebnis!

Mittlerweile hat meine Yamaha über 50.000 Kilometer auf der Uhr, lediglich zwei undichte Gabelsimmerringe und ein gebrochener Alu-Halter vom Kardanprotektor trüben ihre ansonsten perfekte Bilanz.

Seit Stunden stemme ich mich gegen den extremen Wind in Patagonien, immer wieder schieben mich Sturmböen mit mehr als 100 km/h von der Seite auf die Gegenfahrbahn. 200 Kilometer vor dem Ziel steht ein Polizist auf der Straße und verweigert mir die Weiterfahrt, bei dem Sturm sei es zu gefährlich. Nach kurzer Diskussion wehe ich weiter Richtung Süden. Fast auf den Tag genau neun Monate nach meiner Abfahrt in Alaska passiere ich zwei Holztürme mit senkrechtem Ushuaia-Schriftzug darauf. Die Reise endet, wie sie vor neun Monaten begonnen hat: bei acht Grad und Nieselregen. Das Navi zeigt 54 Grad südliche Breite. Hier geht es nicht mehr weiter. Ende Gelände.

Foto: Heerwagen
Abwechslung Fehlanzeige: Kilometerfressen auf der  Routa 40 in Patagonien.
Abwechslung Fehlanzeige: Kilometerfressen auf der Routa 40 in Patagonien.

Infos

Mittel- und Südamerika sind relativ leicht zu bereisen. Mit etwas Vorbereitung und einem zuverlässigen Motorrad steht dem Abenteuer nichts im Wege.

Visa/Dokumente etc.
Deutsche Staatsbürger benötigen für keines der bereisten Länder ein Visum. Eine Einreise als Tourist ist überall problemlos möglich, meist wird eine maximale Aufenthaltsdauer von 90 Tagen gewährt. Das Motorrad muss in jedes Land vorübergehend importiert und bei der Ausreise offiziell wieder ausgeführt werden. Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach, schnell erledigt und meistens günstig oder sogar kostenlos. Ein Carnet de Passage ist für keines der be­reisten Länder erforderlich. Der internationale Führerschein wurde nie verlangt, sollte aber sicherheitshalber mitgeführt werden; Gleiches gilt für den internationalen Fahrzeugschein.

Versicherungen
Eine Auslandskrankenversicherung für mehrmonatige Reisen bieten zum Beispiel STA-Travel und der ADAC. Vergleichen lohnt sich, die Tarife unterscheiden sich zum Teil deutlich. Eine Haftpflichtversicherung für das Motorrad ist in den meisten Ländern vorgeschrieben und kann oft direkt an der Grenze für relativ wenig Geld gekauft werden. Ohne diesen Schutz sollte man nicht fah­ren. Wer etwa in Mexiko an einem Unfall beteiligt ist und keine Versicherung hat, muss ins Gefängnis, bis die Angelegenheit geklärt ist.

Foto: MairDumont/Claudia Werel

Werkstätten/Wartungen/Reifen
Fast alle Werkstätten in Mittelamerika sind spezialisiert auf Roller und Mopeds, sie haben kaum Erfahrung mit modernen Motorrädern. Verschleißteile sind je nach Marke und Modell schwer zu bekommen. Hier kann es sich lohnen, die Teile schon mitzubringen oder sich schicken bzw. mitbringen zu lassen. In Chile und Argentinien gibt es in den Metropolen gute Werkstätten fast aller Marken, allerdings mit saftigen Preisen. Reifen: Je nach benötigter Dimension muss man etwas länger suchen, wird aber garantiert fündig. Ein 140er-Hinterreifen statt eines 150ers interessiert die Polizei in Mittel- und Süd­amerika nicht. Kleine Reifenwerkstätten gibt es überall, diese sind extrem günstig und flicken wirklich alles.

Transport
Um von Panama nach Kolumbien zu gelangen, bieten sich zwei Möglichkeiten. Das Segelschiff „Stahlratte“ fährt einmal im Monat und hat Platz für etwa 20 Passagiere und zehn Motorräder. Preis pro Person inklusive Motorrad: 980 US-Dollar. Weitere Infos unter: www.stahlratte.de

Wer zeitlich weniger flexibel ist, kommt mit Luftfracht gut weg. Girag Air Cargo fliegt das Motorrad von Panama City nach Bogota, die Abwicklung läuft professionell und schnell, das Motorrad wird komplett beladen auf einer Palette verzurrt. Preis: 902 US-Dollar, in bar zu zahlen. Weitere Infos unter www.girag.com, die Mitarbeiter sprechen Englisch.

Zuzüglich zum Frachtflug muss ein Ticket für die Motorradbesatzung gebucht werden. Hier gibt es mehrere Anbieter direkt am Flughafen, die Preise liegen bei rund 450 US-Dollar. Beim Rücktransport von Südamerika nach Deutschland sind die Kosten für Luft- oder Seefracht ab Chile nahezu gleich. Die reinen Transportkosten bei Seefracht sind oft günstiger, mit den anfallenden Abwicklungs-, Zoll- und Hafengebühren (bis zu 300 Euro in Hamburg) kann es sich aber auf bis zu 1800 US-Dollar summieren. Der Rücktransport der Yamaha von Chile nach Deutschland wurde mit Lufthansa Cargo bzw. Ultramar ab Santiago de Chile abgewickelt, für etwa 1900 US-Dollar. Kontakt (englisch): Mauricio Acevedo, macevedo@ultramar.cl

Geld
Hier empfiehlt sich die Kreditkarte (Visa) der Deutschen Kreditbank. Mit ihr kann man weltweit gebührenfrei Geld abheben. Beim Einsatz einer Mastercard vom Sparkassen-Konto wurden pro Abhebevorgang 6 Euro Gebühren fällig. Trotzdem sollten zwei verschiedene Kreditkarten auf der Reise dabei sein.

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