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Motorradreise-Reportage Ligurien/Apennin Am Allerwertesten der Riviera

Ligurien, das unbekannte Outback der Riviera. Seit Jahrzehnten von Touristen geschmäht zugunsten des Strandurlaubs an der Küste. Dabei bietet die Region mehr als Meer: das bergige Hinterland des ligurischen Apennin mit tollen Kurven und wenig Verkehr.

Der Versuchung, die Küstenstraße zu befahren, kann wohl keiner widerstehen. Sieht betörend kurvig aus, auf der Kümmerly & Frey-Karte älteren Jahrgangs. Doch was den kehrenhungrigen Motorradfahrer deutscher Herkunft hier in erster Linie erwartet, ist: Verkehr, Verkehr und noch mal Verkehr. Also nichts wie hinauf in die Berge. Die ersten zehn Kilometer im Hinterland der Riviera sind immer noch von Hektik geprägt, doch je weiter man sich vom Mittelmeer entfernt, desto ruhiger wird es. Kurz vor Sassello – und dem Erreichen der Grenze zum Piemont – geht ein kleines Sträßchen links ab Richtung Giusvalla. Welch ein vergessener Ort. Eine Platanenallee, Ende Oktober immer noch in grüner Pracht, säumt die einzige Straße des Ortes und führt vorbei an der Kirche, am Rathaus und an der örtlichen Schlachterei (hier „macelleria“ genannt). Ein paar unscheinbare Wohnhäuser bilden das Ende des Ortes – noch bevor er eigentlich begonnen hat. Finito. Das ist alles. Aber genau dies ist eben der wahre Schatz des ligurischen Hinterlandes: die ungestörte Ruhe abseits der pulsierenden Touristenströme entlang der prominenten und aufgeblasenen Riviera.

Traumhaft leuchten die Hügel des allgegenwärtigen Apennin in der tief stehenden Sonne eines warmen Herbsttages. Je nach Meereshöhe mischen sich allerdings zunehmend gelbe, orange und rote Töne darunter. Gerade am Passo Bernardo – immerhin 1315 Meter hoch und eine der herrlichsten Strecken in ganz Westligurien – kann man die fantastischen Höhenzüge dieses Italien komplett vereinnahmenden Mittelgebirges verfolgen. So eng schmiegt sich Ligurien an seine Küste, dass längere Kurvenstrecken über unscheinbare Pässe immer wieder im benachbarten Piemont enden. Was an sich ja nichts Schlimmes ist, denn dort muss wohl die Lebenslust erfunden worden sein. Während Ligurien ja immer wieder recht rustikal wirkt, ist das Piemont eher die feine, delikate Region. Das gilt übrigens auch für den Wein und das Essen. Doch hier, sozusagen am Allerwertesten der Riviera, ist das alles egal. Hier leben die Bergmenschen. Sie tragen Camouflage-Klamotten mit tausend Taschen und dazu grob profilierte Wanderstiefel. Haben dicke Pullis, faltige Gesichter und sind gesegnet mit wunderbar sonnigen Gemütern.

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"Er muss die Bestien füttern"

Sylvio ist genau so einer. Er ist gerade dabei, Kleinholz zu machen. So wie es sein Namensvetter im größeren, politischen Stile mit Italien im Ganzen tat. Doch hier wird sich lediglich vorbereitet auf den kalten Winter mit bis zu einem Meter Schnee. Was im ligurischen Apennin keine Seltenheit ist. Da kann man nicht genug vorsorgen. Das Witzchen mit seinem Namensvetter nimmt der Kleinbauer eher gelassen, denn er ist bereits pensioniert und macht das Holz zum Zeitvertreib. Da er ein Wäldchen sein Eigen nennt, kann er die Wärme für die kalten Winter selber ernten.

Kurz vor der Küste fliegt ein Agriturismo vorbei. Diese Bauernhöfe haben sich in den letzten Jahren vermehrt dem Tourismus geöffnet, allerdings sind die meisten Unterkünfte recht einfach gehalten. Dennoch sind sie immer eine Übernachtungsmöglichkeit zu günstigen Preisen inklusive leckerer Hausmannskost am Abend. Der Besitzer Leonardo zeigt mir ein Zimmer und hat es plötzlich eilig. „Devo alimentare le bestie“, sagt er. Er muss die Bestien füttern? Was für Bestien hat er denn auf seinem Hof? Kaninchen, antwortet er. Ach so. „Sind die gefährlich?“, frage ich mit leichter Ironie. „Wie meinst du das denn?“ Kopfschüttelnd lässt er mich stehen und verabschiedet sich zur Fütterung. „Bestie“ kann auch für das Tier im Allgemeinen benutzt werden, lerne ich später. Gut zu wissen, falls man es mal wieder mit Bestien zu tun hat.

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Triora - legendäre Stadt der Hexen

Der Weg nach Triora lockt schon auf dem Kartenblatt mit wunderschönen Spaghetti-Straßen weit hinein in die Berge. Dieses weit abgelegene Bergstädtchen soll zum Abschluss des Tages noch erobert werden. Vor dem Ort wimmelt es nur so von kleinen Teufelchen mit leuchtenden Hörnern und winzigen Hexen mit meter­hohen spitzen Hüten. An den Händen ihrer oft in Zivil gekleideten Eltern freuen sich die Kleinen auf das alljährliche Kinder-Halloween-Fest in der legendären Stadt der Hexen: Triora. Hier ist der Grusel allgegenwärtig. Diabolisch grinsende Kürbisköpfe, angsteinflößende Gespenster, klappernde Skelette, unheimliche Fledermäuse und eklige Spinnweben, mit fetten Spinnen bestückt, schmücken das Städtchen an jeder Ecke, vor jedem Fenster und in jedem Haus. Im Hotel ergattern wir das letzte Zimmer und gelangen durch eine Kulisse à la „Adams Family“ zu unserem, Gott sei Dank, dekorationsfreien Zimmer.

Triora ist einzigartig. Das zeigt sich auch am nächsten Tag, als sich die beiden einzigen im Ort zugelassenen Fahrzeuge, die Dreirad-Ape der Müllabfuhr und die des Straßenbauwesens, in der Unterführung unter dem Rathaus entgegenkommen und es einfach nicht aneinander vorbeischaffen. Es ist wie verhext. Mit den typisch italienischen großen Gesten löst sich der Mini-Stau dann doch wieder auf. Verkehrschaos mit der kleinstmöglichen Teilnehmermasse. Ist das nicht drollig? Auch eine echte Alte schaut amüsiert aus dem Fenster. Zahnlos lächelt sie uns freundlich an und beginnt eine Unterhaltung. Dass ja nun der Spuk endlich vorbei sei und man jetzt wieder seine Ruhe hätte. Schön sei dieses Fest ja, aber dieser Trubel. Das wäre nichts mehr für sie. Wenn man das Mütterchen so anschaut, könnte man die Geschichten mit den Hexen von Triora beinahe glauben. Es soll ja auch nette geben.

Kurvenreiche Straßen mit griffigem Asphalt

Hinunter an die Küste gibt sich die Landschaft wie ausgewechselt. Schroffer, weißer Karst steigt aus der braunen Erde empor in den hellblauen Himmel. Daneben schimmern silberne Olivenhaine und verwitterte Steineichen. Zwischendurch schlängelt sich ein kurvenreiches Sträßchen mit griffigem Asphalt hoch nach Castelvecchio di Rocca Barbena. Da weiß man gar nicht, ob man fahren oder schauen soll. Schwungvoll stürmt die Suzuki gleich darauf an die sonnenbeschienene Küste: fabelhafter Ausklang einer fantastischen Herbsttour. Derart verzaubert von Hexen und Liguren verfluchen wir schon jetzt den verflixten bevorstehenden Abschied!

Foto: Isabel da Costa Lengwenus
Ligurien ist Italiens drittkleinste Region und verläuft über 300 Kilometer entlang der Riviera. Es wird im Norden begrenzt von den Höhenzügen des Apennin. Die Hauptstadt ist Genua.
Ligurien ist Italiens drittkleinste Region und verläuft über 300 Kilometer entlang der Riviera. Es wird im Norden begrenzt von den Höhenzügen des Apennin. Die Hauptstadt ist Genua.

Info

Ligurien ist Italiens drittkleinste Region und verläuft über 300 Kilometer entlang der Riviera. Es wird im Norden begrenzt von den Höhenzügen des Apennin. Die Hauptstadt ist Genua.

Reisezeit: Am besten lassen sich Ligurien sowie die angrenzen­den Regionen im Mai und Juni, dann wieder im September und Oktober erfahren. Selbst Anfang November kann man hier noch Wetterglück haben, wie die Fotos in dieser
Geschichte eindrücklich zeigen.

Übernachten: Grundsätzlich ist Ligurien bestens auf den Tourismus eingestellt. Überall gibt es Hotels und Pensionen, die günstigen Agriturismo-Herbergen (Ferien auf dem Bauernhof) findet man allerdings nur im Hinterland. An der Küste gibt es eben keine Landwirtschaft. Ganz neu ist das Konzept der „Albergo Diffuso“. Diese „verbreiteten Herbergen“ verteilen sich auf mehrere ursprüngliche Häuser in einer gewachsenen Altstadt. Da wohnt man stilecht mitten im italienischen Leben. In Apricale bietet sich die dortige Variante der Albergo Diffuso an. Zu beachten ist aber, dass man das letzte Stück in das UNESCO-geschützte Dorfzentrum zu Fuß bewältigen muss. Das Motorrad muss leider unten bleiben. www.muntaecara.it.

Karten: Marco Polo bietet mit Italien, Blatt 5, Ligurien mit übersichtlichem Kartenblatt im Maßstab 1:200000. In Italien gibt es schöne Karten vom TCI (genannt Touring Editore, auch 1:200000 ) an vielen Kiosken und Tankstellen. Bei www.motobikeinitaly.com findet man eine Auswahl an Routenvorschlägen, die vom Autor selbst ausgearbeitet wurden und die auf Strecken mit großem Spaßpotenzial hinweisen.

Reiseveranstalter: Das MOTORRAD action team bietet zweimal ligurischen Kurvenswing: Die On-off-Tour durch Ligurien und Piemont verführt von Asphalt auf Schotter und folgt der ligurischen Grenzkammstraße. Die schlicht „Apennin“ genannte Tour bewegt sich östlich von Genua auf fantastischem Asphalt mit tollen Kurven. Ab 1050 Euro pro Person. Infos unter www.actionteam.de

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