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Unterwegs in Lesotho.

Motorradreise - Unterwegs in Lesotho (Südafrika) Waynes World

Wir stehen auf einem abgerockten Racetrack im Niemandsland von Südafrika. Die Laune so trüb wie das Wetter. Bis der Pirelli-Mann zu uns sagt: „Come on, boys, let’s have fun. Lasst uns die Grobstöller nehmen. Ich zeige euch meine Hausstrecke.“ Willkommen in Waynes World.

Welkom hat seine besten Zeiten lange hinter sich gelassen. Wenn es die überhaupt einmal gegeben hat. Okay, irgendwann zwischen 1999 und 2004 hat hier auf dem Phakisa Freeway, drei Stunden südlich von Johannesburg, sogar der MotoGP-Zirkus gastiert. Und immerhin hat zuletzt Valentino triumphiert. Inzwischen aber liegt morbider Charme über dem Rundkurs. Dann und wann verirren sich ein paar schnelle Jungs zum Renntraining auf den bröckeligen Asphalt. Oder eine Handvoll Journalisten darf, so wie heute, die neuesten Sportreifen von Pirelli testen. Das macht so lange Spaß, bis ein paar dicke Tropfen aufs Visier klatschen. Der Blick in die endlose Pampa gibt wenig Hoffnung. Über dem Freestate von Südafrika klebt die dicke Suppe zäh wie Honig. Einpacken und gehen. Aber wohin?

Wayne Doran will sein breites Grinsen selbst bei diesen trüben Aussichten nicht abstellen. Der Pirelli-Mann „südlich der Sahara“ hat nämlich noch einen Pfeil im Köcher: „Wollt ihr mal mein wahres Afrika erleben? Ist nicht weit von hier. Auf geht’s!“ Vorbei an riesigen, toxisch hoch belasteten Abraumhalden aus längst aufgegebenen Goldminen verlassen wir Welkom auf schnurgeraden Landstraßen Richtung Südost. Irgendwann wird die endlose Fläche in Grün zunehmend faltiger.

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Morgen geht das Abenteuer erst wirklich los

Gegen Abend gewinnt endlich die Sonne und modelliert zum Tagesfinale die kantigen Felsbrocken wie monströse Monolithen aus der Landschaft des Golden Gate-Nationalparks heraus. Wir staunen nicht schlecht: Danke, Wayne. Doch der winkt nur ab: „Schlaft euch lieber gut aus, morgen geht das Abenteuer erst wirklich los. Wir fahren weiter. Nach Lesotho.“ Irgendwie hat Wayne es geschafft, dass über Nacht ein paar Bigsize-Enduros auf kernigen Grobstöllern vor unserem Hotel in Clarens stehen. Und auch sein Kumpel Dean stößt auf seiner 990er-Adventure zur Truppe: „Der Mann ist Arzt. Für alle Fälle …“

Deans erster Fall muss bereits eine Stunde später verarztet werden. An der Grenze nach Lesotho sucht er vergeblich nach seinem Pass: „In Johannesburg steckte der noch in der Beintasche. Muss rausgefallen sein.“ Die junge Grenzerin lächelt nur über die Ausflüchte und winkt uns anstandslos durch – nachdem sie ein paar Scheine aus Waynes Pass gepflückt hat.

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Foto: Jörg Lohse
Hochstimmung: Wie aus dem Nichts tauchen bei jedem Stopp begeisterte Kids auf.
Hochstimmung: Wie aus dem Nichts tauchen bei jedem Stopp begeisterte Kids auf.

Die Bergwelt um uns herum ist fantastisch. Gewaltige Felswände umfassen das kleine Königreich mittendrin im großen Südafrika. Tagesziel ist der Katse Dam, ein mächtiger Stausee im Landesinnern. Doch bevor wir unseren Bikes die Sporen geben können, tasten wir uns zunächst durch die brechend volle Grenzstadt Butha-Buthe. Menschentrauben vor Garküchen, sprungbereite Marktschreier vor windschiefen Wellblechhütten, wild umherschießende Minivans mit bis zum Anschlag aufgedrehten Bassboostern mahnen zur Vorsicht. An der Tankstelle tanzt ein solcher Taxifahrer in seine rollende Disco. Wayne klärt uns auf: „In Lesotho wird das Wechselgeld häufig in Form von Gras rausgegeben!“

Oha, vielleicht doch gut, dass wir den Arzt im Gepäck haben? Doch Dean sehen wir erst am Abend wieder: „Mein Reifen verliert Luft, ich muss einen Kompressor suchen!“ Und weg ist er. Zum Glück ist wenige Kilometer später auch der Trubel verschwunden. Auf nahezu leeren Straßen genießen wir eine atemberaubende Natur. Immer wieder werden Hochplateaus von tiefen Canyons durchschnitten.

Die Pirellis wimmern, Wayne grinst zufrieden

Kaum haben wir das Etappenziel am Katse Dam mit an Dramatik kaum zu überbietender Himmelslandschaft erreicht, entlädt sich ein gewaltiges Gewitter über dem Stausee. Wir sind begeistert. Und noch mehr angefixt von Waynes Welt. Morgen zum Sani-Pass, betteln wir beim Abendessen. Dean argumentiert dagegen: „Bei diesem Wetterumschwung auf den drittsteilsten Pass der Welt zu fahren, ist doch reinster Wahnsinn.“ Auch Waynes Lächeln friert ein.

Aber nur kurz. Bereits beim Frühstück blitzen wieder seine Zähne: „Okay Boys, wir wagen es!“ Im Zickzack treiben wir die Hochbeiner über Schotterpisten, durch Schlammpfützen und auf Naturpässe Richtung Osten. Und wann wird es nun endlich haarig? Gar nicht mehr! Die letzten 50 Kilometer haben die Chinesen im Gegenzug für Schürfrechte inzwischen perfekt geteert. Die Pirellis wimmern, Wayne grinst zufrieden, und wir sind im siebten Himmel: Ja, das ist auch genau unsere Welt!

Foto: Jörg Lohse
Ex-Grand-Prix-Pilot, Ex-Ducati-Importeur, nun Mr. Pirelli in Südafrika: Wayne Doran.
Ex-Grand-Prix-Pilot, Ex-Ducati-Importeur, nun Mr. Pirelli in Südafrika: Wayne Doran.

Zur Person: Wayne Doran

Er ist der Pirelli-Mann im südlichen Afrika. Von Johannesburg aus kümmert sich Wayne Doran, 52, seit 2010 um den Motorradreifenvertrieb des italienischen Reifenkonzerns auf dem Schwarzen Kontinent „überall südlich der Sahara“. Schrägstes Geschäft?

„Ein paar Superreiche aus Angola. Ordern zwei Container Supercorsa-Rennreifen und zahlen cash!“ Vor seiner Pirelli-Zeit startete Wayne bei diversen südafrikanischen Meisterschaften, 1991 sogar in der 250er-Motorrad-WM.

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