Motorradreise Vorarlberg Unterwegs in Montafon

Ein Trip in den Westen Österreichs lohnt, keine Frage. Das kleine, aber fahrerisch ungeheuer feine Montafon ist das richtige Ziel für ein paar Tage Auszeit. Fahrspaß und Bergpanoramen garantieren perfekte Regeneration.

Foto: Luthardt

Das ganze Dorf war am Schmuggel beteiligt“, erklärt uns Kellner Georg, „Weine aus dem Veltlin waren hoch im Kurs. Für alles, womit sich etwas Geld verdienen ließ, setzte man oft sein Leben aufs Spiel. Die Not in dieser Gegend war früher groß. Später wurde es noch ernster. Da betrieben wir auch Menschenschmuggel. Im Zweiten Weltkrieg dienten die Saumpfade über die Berge nach Graubünden als Schleuse, um Juden in die neutrale Schweiz zu bringen.“ Heute geht es im Montafon, das vor dem Bau der Verbindung ins Paznauntal eine der hintersten Ecken Österreichs war, weniger aufregend zu. Jetzt treibt höchstens die Bergwelt den Puls nach oben - neben der in langer Isolation bewahrten Eigenständigkeit von Kultur und Traditionen ein guter Grund für einen Besuch, zumal feinste Motorradstrecken das Ganze erschließen.

Das zwischen Dreitausendern eingekeilte Paznauntal bringt uns stetig nach oben bis nach Galtür, ein einst tödliches Idyll. 38 Menschen verloren im Februar 1999 unter den Schneemassen einer Lawine ihr Leben. Heute zeugen riesige, wie eine Festung zur Verteidigung gegen die Natur wirkende Steinwälle von der Angst vor einer Wiederholung.

Kurz hinter dem Ort wartet eine andere Barriere. Wenn wir schon eine Maut für die Benutzung der Silvretta-Hochalpenstraße bezahlen sollen (die Privatstraße wurde einst zur Errichtung von Wasserkraftanlagen gebaut), dann lassen wir uns auch entsprechend Zeit. Die Landschaft hier oben hat es verdient. Kurz hinter der Mautschranke laden ein See und üppige Almwiesen zur Rast. Nur in Ruhe lässt sich die Atmosphäre des alpinen Hochtales aufsaugen. Anschließend wartet die Bielerhöhe. Mit ihren charmefreien Restaurants und sogar einem Ausflugsschiff 2032 Meter über dem Meeresspiegel ist die Passhöhe auf Touristenrummel eingestellt. Ein kurzer Schotterweg führt uns abseits, sodass wir ungestört den Blick über den türkisen Silvretta-Stausee mit der Gletscherwelt des Piz Buin genießen können.

Wenig später bringen uns die 30 Kehren der steilen Silvretta-Westrampe in das Tal von Gargellen hinab, wo wir die besagten Schmugglerstorys hören. Das mit dem Schmuggel ist heute vorbei, dafür sind die Wegelagerer am Werk. Kleine graue Fotoapparate, wie Stromkästen am Boden getarnt, würden bei zu forscher Fahrweise einen nachträglichen Briefzoll einfordern. Bei genauem Hinsehen finden wir einen davon in fast jeder Ortschaft des Tals. In Schruns, dem Hauptort des Montafon, biegen wir ins Silbertal ab. Der heimelige, dem Bergbau geschuldete Name lockt nicht umsonst. Über herrlich verkehrsarme Serpentinen schwingen wir den Hang hinauf und landen unvermittelt in einer Ortschaft mit der vielleicht spektakulärsten Aussicht der Alpen: Bartholomäberg. Hier müssen wir bleiben!

Der nächste Tag weiß noch nicht so recht, was er will. Über „unserem“ Berg leuchtet blauer Himmel. Doch über dem Rätikongebirge auf der anderen Seite des Tals hocken dunkle Wolken. Wir starten gen Westen, wo der Horizont am hellsten ist. Nach Bludenz wird es international. Über die Stadt Thüringen geht es ins Dorf Thüringerberg und von dort weiter nach Übersaxen. Doch nicht nur die Ortsnamen bleiben im Gedächtnis. Die abgelegene, verkehrsarme, immer oben am Hang verlaufende Strecke ist ein echter Geheimtipp. Oft bietet sie grandiose Aussichten auf das Rheintal. Bei Rankweil führt sie uns dann auch in das Tal hinunter. Bevor wir Gefahr laufen, die angenehme Wärme hier unten zu genießen, geht es gleich wieder hinauf. Das Furkajoch steht auf dem Plan. Eine schmale Straße führt durch das enge Laternsertal. Dann steigt die Strecke in engen Kehren durch dunklen Wald einen steilen Hang hinauf, um uns oberhalb der Baumgrenze auszuspucken. Vegetation, vorbeirauschende Nebelschwaden und die Temperatur erinnern weniger an Sommer denn an Schottland. Mit klammen Fingern lassen wir uns auf die andere Seite treiben und flüchten gleich in die erste Wirtschaft im anschließenden Hochtal. Die „Jägerstube“ entpuppt sich als Glücksgriff. Eine halbe Stunde später (wieder sehr schottisch) strahlt die Sonne, was uns ermuntert, gleich noch den Hochtannbergpass anzugehen. Die Straße ist aufs Feinste ausgebaut, aber deswegen nicht hässlich. Und mit ihren grünen Hängen im Gegenlicht der Nachmittagssonne ist die Passhöhe ein optischer Genuss. Zeit für eine weitere Rast.

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Foto: Luthardt

Der warm gewordene Tag hat noch etwas Platz, und so gönnen wir uns den Abstecher ins Brandnertal. Die ersten vier Kilometer zwischen Bürs und Bürserberg wären woanders zur Bergrennstrecke umfunktioniert worden. Hier dürfen wir unbeschränkt die Schräglagen auskosten. In perfekten Kurven geht es hinauf in die Sackgasse, weshalb das Tal mit wenig Verkehr gesegnet ist. In Brand atmen wir durch. Die Häuser des Städtchens sind noch traditionell mit winzigen Holzschindeln verkleidet, ein Kunstwerk, dem man die Geduld des Handwerkers förmlich ansieht. Hinter dem Ort verengt sich die Straße und bringt uns in einen weiten, grünen Talkessel. Wasserfälle rauschen hier die Hänge hinab. Irgendwann ist Schluss: Auf drei Seiten sind wir von senkrechten Felswänden umgeben. Doch wir werden längst von einer anderen Attraktion angezogen: der „Schattenlaganthütte“. Hier locken Bergpanorama, eine nette Kellnerin und ein Weißbier. Das muss jetzt einfach sein. Es ist später Nachmittag, die Bergwelt um uns herum erstrahlt im feinsten Sonnenschein, kurzum: Es ist einer dieser Momente, in denen alles stimmt, die man für immer festhalten möchte.

Auf der anderen Seite des Rätikongebirges wartet anderntags ein Ort, wo die Schmuggler der Moderne ihr Unwesen treiben. Während wir auf der viel befahrenen Hauptstraße die zahlreichen, in dem Alpenidyll nicht erwarteten Rotlichtetablissements von Liechtenstein passieren, stellen wir uns vor, wie Politiker und Konzernchefs mit Geldkoffern anreisen, um die Scheine in den steuerfreien Banken des Minilandes zu deponieren.

Kein Wunder, dass die größten Geldströme von Norden gen Liechtenstein fließen - von der Südseite müssten sie eine Schweizer Festung mit dem schönen Namen St. Luzisteig durchqueren, die auch heute noch als Kaserne dient. Das Ganze sieht so martialisch aus, dass Missetäter es sich wohl zweimal überlegen hier durchzukommen. Wenig später halten wir im Städtchen Maienfeld. Absolut heile Welt. Pflasterstraßen, ein Café, enge Gassen. Plötzlich donnern zwei Panzer der nahen Kaserne durch dieses Postkartenidyll, eine Szene, wie sie paradoxer nicht sein kann.

Über den panzerfreien Berninapass begeben wir uns ins steuerfreie Livigno, alles nur des hier faszinierenden Hochgebirges wegen. Die kahle Felslandschaft des Bernina ist noch mit reichlich Schnee bedeckt. Die Seen sind noch zugefroren. Ein paar Kehren weiter unten zweigt der Weg zur Forcola di Livigno ab. Nachdem wir die Schweizer Grenzstation hinter uns haben, fahren wir bis zur Passhöhe durch Niemandsland. Oben, auf 2315 Metern, gewähren uns die italienischen Grenzbeamten Eintritt in die Zona Franca. Dank Napoleon kann man sich hier mit billigem Alkohol und Benzin eindecken. Dem Korsen erschien der Ort strategisch bedeutsam, er wollte einen Anreiz zum Besiedeln geben und erklärte das Hochtal zur zollfreien Zone. Einmal erhaltene Privilegien lassen sich offenbar schlecht abschaffen. So wären wir vielleicht angesichts der Preise im letzten Moment noch selbst zu Schmugglern geworden, hätte der begrenzte Laderaum der Motorräder nicht der Habgier Einhalt geboten. Zudem warten mit der wilden Abfahrt nach Bormio und dem Passo di Gavia Sinnesfreuden, welche die des schnöden Konsums doch bei Weitem übersteigen.

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Foto: Werel

Reiseinfos

Allgemeines:
Das Montafon ist ein 40 Kilometer langes Tal im Westen Österreichs im Bundesland Vorarlberg. Es wird von drei Gebirgen - der Verwallgruppe, der Silvretta und dem Rätikon - umschlossen und kann deshalb mit entsprechend vielen Motorradstrecken in seiner Region aufwarten. Einst wurde es von den Rätoromanen besiedelt, wovon heute noch viele Ortsnamen zeugen. Durch die geographisch bedingte Abgeschiedenheit des Tals ist eine eigenständige Kultur erhalten geblieben, was sich in Architektur (Montafonerhaus), Speisen (Sura Kees) und einem besonderen Dialekt widerspiegelt.

Routenplanung:
Wenn Anfang Juni die Silvretta-Hochalpenstraße geöffnet wird, beginnt die beste Reisezeit für das Montafon. Sie reicht je nach Wetterlage bis Ende September. Die wohl spannendste Anfahrt aus Deutschland führt von Garmisch-Partenkirchen über den Fernpass, das Hahntennjoch und den Flexenpass. Vom Bodensee durchs Rheintal über Bludenz gelangt man auf dem schnellsten Weg hierher.

Motorrad fahren:
Im Montafon lassen sich verschiedene Tagestouren verwirklichen. Besonders abwechslungsreich: verkehrsarm über Thüringen, Rankweil, Furkajoch (1761 m), Faschinajoch (1486 m) mit Abstechern ins Große Walsertal und ins abgelegene Brandnertal bis hinauf zur "Schattenlaganthütte" (1483 m). Die große Pässerunde: über Faschinajoch, Hochtannbergpass (1676 m), Hahntennjoch (1894 m), Pillerhöhe bei Imst und die Silvretta-Hochalpenstraße (2036 m). Im Paznauntal in Ischgl wird mit dem High-Bike Motorrad-Testcenter ein besonderer Service angeboten. Für 60 bis 80 Euro pro Tag kann man hier die neuesten Maschinen der Marken BMW, Ducati, KTM und Triumph ausprobieren (www.highbike-paznaun.com).

Unterkunft:
Das Montafon ist touristisch sehr gut erschlossen, so dass sich Unterkünfte in allen Preislagen finden lassen. Der am schönsten gelegene Ort des Tals ist das nur über Serpentinen zu erreichende Bartholomäberg. Auf einem nach Süden weisenden Hang gelegen, bietet es sehr viele Sonnenstunden mit herrlichen Aussichten auf Silvretta und Rätikon. Ein spezieller Tipp für alle, die sich und/oder die Partnerin besonders verwöhnen möchten, ist das seinem Namen alle Ehre machende Hotel "Fernblick" (www.ferienhotel.at). Der Eigentümer fährt selbst Motorrad. Am meisten begeistert hat uns seine aus uraltem Holz liebevoll errichtete Außensauna mit Blick über die Bergwelt des Silbertals.

Wer es abgeschieden und hoch gelegen mag, der übernachtet am besten in Gargellen (1423 m). Im Hochtal zwischen den knapp 3000 Meter hohen Bergen von Silvretta und Rätikon sind klare Bergluft, Ruhe und unmittelbare Nähe zu unberührter Bergwelt garantiert.Besondere Gaststätten: "Fischerstöbli" in Bartholomäberg, ein uriges Holzhaus mit Forellenteich und frischen Spezialitäten daraus; "Schattenlaganthütte", freundliches Haus am Ende des Brandnertales mit einfachen lokalen Gerichten.

Literatur/Karten:
Offizielle Webseite, auch zur Unterkunftbuchung: www.montafon.at; Silvretta-Hochalpenstraße: www.silvretta-bielerhoehe.at Karten: reißfeste, abwaschbare Motorrad-Generalkarte Österreich Nr. 5 im Maßstab 1:200000; ISBN 3-82-72153-6; 5,90 Euro sowie für den westlichen Teil der Route: Marco Polo Schweiz, östlicher Teil im Maßstab 1:200000; ISBN 3-829-74018-2; 8,50 Euro.

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