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Auf der Reise durch Kärnten sind Alpenstraßen wie die Großglockner-Hochalpenstraße ein Muss.

Unterwegs: Kärnten Gletscher und Seen: Motorradtour durch Kärnten

Vom Gletscher zum See, per Motorrad, juchhe! Ja, wie ein Kind kann man sich in Kärnten noch freuen. Über stolze Dreitausender genauso wie über schön warme Badeseen. Über grandiose Bergstrecken sowieso.

Es soll in Kärnten 1270 Seen geben. Wer die wohl so genau gezählt hat? Und wo um Himmels Willen ist denn dann noch Platz für all die Berge? Fragen über Fragen, die sich vielleicht am schnellsten mit einem kernigen (kärnigen?) Motorrad wie der KTM Super Duke direkt vor Ort klären lassen. Am besten, solange es noch ewiges Eis gibt.

Österreichs Majestät, der große Glockner, hat davon einiges zu bieten. Bevor der motorisierte Pilger zum berühmten Berg startet, genießt er den Sommer, der aus allen Poren der Landschaft quillt. An den Bäumen glänzen die Äpfel, und Schilder weisen den Weg zur Jausenstation. Manchmal auch zum Döner. Die Zeit bleibt eben selbst in Kärnten, einst berüchtigt für piefigen Familienurlaub, nicht stehen. Das Motorrad natürlich auch nicht. Munter brabbelt die Duke ihr forsches Lied. Zuerst auf der kurvigen 87 nach Greifenburg, dann auf der 100 bis Lienz, wo die 107 zum Großglockner abzweigt.

Es ist wie bei der Anfahrt zum Nürburgring: Selbst wenn du schon da warst, bist du nicht immun gegen vorfreudiges Kribbeln. Die Sinne verarbeiten lustvoll all die Eindrücke hier im Nationalpark Hohe Tauern. An der Mautstation Heiligenblut fühlt man sich dann wie am Kassenhäuschen der Nordschleife. 18 Euro kostet das Ticket, eine Tageskarte für die 48 Kilometer lange Großglockner-Hochalpenstraße. Schluckt da etwa jemand? (Die Saisonkarte gibt es für relativ günstige 60 Euro.) Knapp 34 Millionen Euro hat umgerechnet der Bau der kühnen, den Alpenhauptkamm querenden Trasse verschlungen. Ein Mammutprojekt, von 3200 Arbeitern in fünfjähriger Bauzeit mühsam in den Fels gestanzt und 1935 feierlich durch Bundeskanzler Kurt Schuschnigg eröffnet, als "Ausdruck einer neuen Harmonie von Kunst und Natur, der der Technik gelang". Momentan interessiert nur noch, wie denn die 36 grandiosen Kehren der Hochalpenstraße gelingen, ohne die schöne Natur nicht gänzlich aus dem meistens schräg liegenden Horizont zu verlieren. Und soll man erst die Stichstraße zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe befahren und dann die zur Edelweißspitze - oder umgekehrt? Es lebe die Tageskarte.

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Foto: Daams
Faszination Motorrad auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe.
Faszination Motorrad auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe.

Gezählt sind möglicherweise die Tage der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs. Noch neun Kilometer lang ist die eisige Zunge, die vom 3798 Meter hohen Großglockner zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe hinüberleckt und in den letzten 150 Jahren ungefähr die Hälfte an Volumen verloren hat, Tendenz: rapide weiterschmelzend.

Das ist alles andere als lustig: Trinkwasser-Reservoire verkümmern zu kläglichen Resten, die vom Permafrost gestützte Statik ganzer Bergmassive wird unberechenbar. Und blieb einst Regen zunächst als Schnee liegen, rauscht er heute gleich als Sintflut zu Tal. Woran an einem tollen Sommertag unter sattblauem Himmel, das Auge geblendet von gleißenden Schneefeldern, das Herz verzückt von Hunderten von Motorrädern auf dem Passhöhen-Parkplatz, kaum zu denken ist.

Weiter zur Edelweißspitze, dem zweiten markanten Aussichts- und Rastplatz. Unterwegs eine unverdrossen die Berge stürmende RD 400 sowie eine 990 SM, zum kollegialen Gruße kurz das Vorderrad lupfend - dann in der Edelweißhütte endlich Apfelstrudel. Bei guter Sicht sind von hier oben 33 Dreitausender und 19 Gletscher zu sehen. Nicht nur bei schlechtem Wetter lohnt der Blick ins "Bikers Nest". Dort lässt eine Ausstellung die Zeit der glorreichen Bergrennen wieder aufleben, zeigt u. a. Anita Wachter auf einer 250er-Puch Sport anno 1935.

Sieben enge Kehren, kopfsteingepflastert und seit ihrer Erbauung unverändert, bringen uns von der Edelweißspitze wieder auf die Hauptroute am Fuscher Törl. Motorradland Kärnten. Der Slogan findet sich nicht nur werbewirksam auf Karten und Broschüren, er wird im Fremdenverkehr offenbar wie selbstverständlich gelebt. Charly, Guzzi California III fahrender Wirt des Panoramahotels Hauserhof oberhalb von Hermagor am Pressegger See, bietet sich als Tourguide für einen 300 Kilometer langen Tagesausflug an. Also immer dem Bollern der Guzzi nach durchs enge Liesertal, nach Gmünd und dann auf der Malta-Hochalm-Straße zur Kölnbreinsperre, einem 1900 Meter hoch gelegenen Stausee der Extraklasse.

Bereits die Anfahrt hat es in sich: Von den Flanken steiler Dreitausender gischtet Wasser in die Tiefe, tapfer tunnelt sich die Straße durch dunkelfeuchten Fels, gewinnt in spitzen Kehren tausend Meter Höhe. Auf dem Parkplatz der Kölnbreinsperre zeigt das Thermometer nur noch 12 Grad, die imposante Wasserwanne mit ihrer mächtigen, 200 Meter hohen Staumauer hat sich in Wolken gehüllt.

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Foto: Daams
Kärnten: Traumhafte Kurven nahe klaren Bergseen.
Kärnten: Traumhafte Kurven nahe klaren Bergseen.

Willkommene Gelegenheit zur Pause im Bergrestaurant. Statt Benzin wird Wasser gequatscht. Die technischen Daten der Kraftwerksgruppe Malta sind absolut stammtischtauglich: Ihre Turbinen- und Pumpleistung beträgt etwa 1,4 Millionen Kilowatt - was dem Potenzial von knapp 16 000 Super Dukes entspricht. Zusammen mit dem Strom aus Österreichs anderen Kraftwerken im Gebirge und an Flüssen wird durch Wasser die Hälfte des heimischen Energiebedarfs gedeckt.

Wir decken weiteren Passstraßen-Bedarf mit der Nockalmstraße (7 Euro Maut). Ein Motorradhimmel, 34 Kilometer lang, 52 Kehren. Die Landschaft ganz anders als bisher. Mal kahle Buckel, überzogen von Flechten und Moosen, mal Lärchen und Zirben wie in solcher Menge sonst nirgends in den Ostalpen. "Hier können wir noch zwei Tage bleiben", grinst der Duke-Pilot.

Doch wir werden das Wasser nicht los und widmen uns Kärntens Seen, die durch intensive Sonneneinstrahlung, wenig Wind und folglich geringer Wasserdurchmischung im Sommer Badetemperaturen von durchschnittlich 25 Grad aufweisen. Dazu sorgen Schilfgürtel und Pflanzen für Trinkwasserqualität.

Auf dem Weg zum Südufer des Pressegger Sees schnurrt ein prima erhaltenes BMW R 25/3-Gespann durch die Felder, am schnuckeligen Strandbad Oswald wird auf blau umrandeter Tafel über die Lufttemperaturen informiert: Luft angenehm, Wasser auch angenehm. Understatement wie bei Rolls-Royce. Eine perfekte Sommerfrische, die man besser gar nicht weiter enthusiastisch beschreibt. Über Feistritz an der Gail weiter zum türkisfarbenen Faaker See, der während der European Bike Week Anfang September Schauplatz von überschäumendem Harley-Hype ist.

Dann der Wörthersee, größter See Kärntens, der gerne auch mal auf schick und luxuriös macht. Das interessiert heute jedoch weniger, und so verlassen wir bereits in Maria Wörth die "Österreichische Riviera", biegen ab zum Pyramidenkogel und tauchen auf in die hügelige Welt der Karawanken. Hier an der Drau ist das Siedlungsgebiet der Kärntner Slowenen, die Schilder werden zweisprachig, zum Beispiel: Kindergarten/Otroski vrtec.

Foto: Daams
Nicht nur bei Sonne idyllisch: Das Ostufer des Weißensees.
Nicht nur bei Sonne idyllisch: Das Ostufer des Weißensees.

Es schmilzt zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört. Bei jedem noch so kurzen Stopp kleben die Stiefel am Asphalt. Doch wir jammern nicht und transpirieren lieber durch Klagenfurt, um danach ein idyllisches Badeplätzchen zu finden. Es wird der Tigringer See - ziemlich klein, doch mit glasklarem Wasser genau richtig für verschwitzte Asphaltcowboys. Dass morgens die Badebuxen gar nicht hätten eingepackt werden müssen, schnallen wir Blindfische erst, als ein Adam-und-Eva-Pärchen brüllt: "Keine Fotos, das ist hier FKK!"

Der nächste See, die nächste Überraschung. Auf der Karte verführerisch und nicht zu übersehen eingezeichnet, schlängelt sich am Nordufer des Ossiacher Sees die Gerlitzen-Alpenstraße bergan. Zwölf Kilometer mit Fuchs und Hase durch immer dunkler werdenden Wald. Plötzlich eine automatische Schranke wie im Parkhaus: sieben Euro. Dafür gibt es in 1800 Metern noble Abgeschiedenheit und erhabene Blicke auf den See sowie das inzwischen tiefschwarze Kärnten. Hier ließen sich die Niederungen des Alltags vergessen - wäre da nicht noch die Rückfahrt zum wartenden Wirt am Pressegger See.

Über Nacht geht dann die Welt unter. Taghell zucken Blitze am Himmel, unglaubliche Mengen Regen lassen Berghänge abrutschen und verwandeln liebliche Bäche in reißende Gewässer. 900 Feuerwehrleute absolvieren 200 Einsätze allein in Oberkärnten. Servus Charly und Ahoi. Begleitet von Tief Friederike machen wir uns vom triefenden Acker. Wir kommen durch Seeboden. Hier informierte voriges Jahr die Sonderausstellung "H2Over?" über die kostbare Ressource Wasser als globales Phänomen. Bevor die Reifen wieder Fontänen auf unserem blauen Planeten hinterlassen, als Resümee nicht nur die Frage "Warum zieht es den Menschen zum Wasser?", sondern auch "Warum zieht es das Wasser zum Menschen?"

Zeichnung: Archiv

Infos

Ob in den vielen warmen Badeseen mit Trinkwasserqualität oder auf den flüssigen Verbindungsetappen über kurvige Alpenstraßen - in Kärnten bleibt kein Auge trocken.

Anreise:
Am schnellsten geht es von München über die A8 nach Salzburg und von dort dann auf der mautpflichtigen A10 weiter Richtung Villach; je nach Reiseziel und Route sind dabei meist noch Tauern- und Katschbergtunnel (ebenfalls mautpflichtig) zu passieren. Für Nordlichter bietet sich als Alternative der Autoreisezug (www.autozug.de) nach Villach an.

Reiszeit:
Der Süden mit seinen milderen Temperaturen macht eine Tour durch Kärnten bereits ab Ende April bis weit in den Oktober hinein vergnüglich. Manche Pässe sind im Frühling oder Herbst allerdings noch oder schon gesperrt. Geradezu unglaublich erscheinen im Sommer die Badetemperaturen vieler Seen; in geschützten Lagen erreichen sie bis zu 28 Grad.

Unterkunft:
Als klassisches Urlaubsland bietet Kärnten Unterkünfte jeder Art. Egal, ob man es einfach oder komfortabel mag, das müde Haupt lieber in der Nähe eines Berggipfels oder Badestrandes bettet - für alle Geschmäcker finden sich passende Quartiere. Viele davon haben sich zudem besonders auf Motorrad fahrende Gäste eingestellt. Der Autor war in folgenden Motorradland-Kärnten-Betrieben gut untergebracht: Kraners Alpenhof, Familie Mösslacher, Oberdorf 13, A-9762 Weissensee, Telefon 0043-47132062, Fax 0043-471320622, www.hotel-am-weissensee.at, DZ 62-80 Euro. Panoramahotel Hauserhof, Familie Wassertheurer, A-9620 Hermagor Kreuth 1, Telefon 0043-42822286, Fax 0043-4282228640, www.panoramahotel.at, DZ 90-104 Euro.

Motorrad fahren:
Die Gegend zwischen Österreichs höchstem Berg, dem Großglockner, und den weiter südlich gelegenen Karawanken ist naturgemäß zum Motorradfahren wie geschaffen. Doch einige der attraktivsten Strecken sind mautpflichtig. Sparfüchse können sich immerhin mit dem Tour-4-Ticket trösten. Es verbilligt die Maut für vier der spektakulärsten Panoramastraßen - Großglockner-Hochalpenstraße, Nockalmstraße, Gerlos-Alpenstraße sowie Villacher Alpenstraße - auf 27 Euro (bei Einzellösung wären 36 Euro fällig). Noch günstiger wird die Kosten-Kilometer-Kalkulation beim Kauf von 30-Tages-Karten, die dann auf obigen Straßen für 75 Euro einen Monat lang Panoramaspaß bieten. Nur zum Vergleich: Am Nürburgring gibt’s für den gleichen Preis vier Runden Nordschleife.

Sehenswert:
Wer mal was anderes als Seen sehen möchte, vielleicht bei Regen, besucht schnell ein Museum. Genau das Richtige sein kann da das Porsche Automuseum Helmut Pfeifhofer, Riesertratte 4a, A-9853 Gmünd, Telefon 0043-47322471, info@auto-museum.at, www.auto-museum.at. Nicht nur in diesem Museum, sondern zusätzlich in über hundert anderen Ausflugszielen freien Eintritt gewährt die Kärnten Card; für zwei Wochen kostet sie 36 Euro. Mit dem Sesam-öffne-dich-Kärtchen kann man übrigens auch beliebig oft Nockalm-straße, Gerlos-Alpenstraße sowie Villacher Alpenstraße befahren. Interessengemeinschaft Kärnten Card Betriebe, Kohldorfer Straße 98, A-9020 Klagenfuhrt, Telefon 0043-463908888, office@kaerntencard.at, www.kaerntencard.at.

Literatur:
Das Reise-Taschenbuch "Kärnten" von DuMont bietet für 12 Euro alle notwendigen Informationen sowie Hintergründiges zu Kultur und Geschichte.

Karten:
Übersichtlich und detailliert ist von Falk die Straßenkarte "Kärnten" im Maßstab 1:150000 für 6,50 Euro.

Adressen:

Erste Adresse für alle Fragen zur Region ist die Kärnten-Information, Casinoplatz 1, A-9220 Velden, Telefon 0043-427452100, www.kaernten.at. Hier erhält man auch die kostenlose Broschüre "Motorradhimmel Großglockner mit Traumstraßen in Kärnten". Weiteres findet sich auf www.motorrad.kaernten.at. Über das Wasser, nicht nur Kärntens wertvollstes Element, informiert www.wasserreich.at.

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